Seit Jahrhunderten ringt die katholische Kirche mit der Öffentlichkeit – und mit der Vorstellung, dass es jenseits ihrer Mauern Wahrheit geben könnte. Steht die katholische Kirche mit Leo XIV. vor einer Zeitenwende im Verhältnis zur modernen Welt? Ein Beitrag von Benedikt Heider
Das Verhältnis der Kirche zu Öffentlichkeit und freier Presse ist angespannt. Ursache ist der Konflikt zwischen religiösem Wahrheitsanspruch und modernen Vorstellungen von (Presse-)Freiheit. Wie positioniert sich Papst Leo XIV.?
Von Beginn an musste Kirche ihre Botschaft kommunizieren. Der Kommunikationswissenschaftler Michael Schmolke formulierte: „‚Extra ecclesiam nulla salus‘ hätte genau so gut heißen können ‚extra ecclesiam nulla communicatio‘.“ So bestimmte Kirche lange, was veröffentlicht werden durfte. 1487 legte Innozenz VIII. mit „Contra impressores librorum reprobatorum“ einen Grundstein für die kirchliche Kommunikationskontrolle.
Pressefreiheit? Nein danke!
Mit der Reformation verlor die Kirche ihr Medien-Monopol endgültig. Der Buchdruck ermöglichte grenzenlose Informationsflüsse. Kirche reagierte darauf mit Zensur. Im 19. Jahrhundert spitzten Aufklärung und Revolution die Lage zu. In Mirari vos (1832) wettert Gregor XVI. (1830–1846) dann gegen Meinungs- und Pressefreiheit, die er als höchst verderblich, niemals genug zu verurteilend und verabscheuenswert ansah. Für ihn durfte Freiheit nur in kirchlich gesetzten Grenzen existieren.
Pius IX. (1846–1878) sah den Verlust des Kirchenstaates auch als Folge freier Presse. In Quanta cura (1864) und dem Syllabus Errorum verurteilt er Pressefreiheit scharf. Auch Leo XIII. (1878–1903) äußerte sich skeptisch. In Libertas praestantissimum (1888) erklärt er, es könne keine Pressefreiheit geben, die von der autoritativ diktierten Wahrheit abweiche. Gleichzeitig entdeckte er Medien für die kirchliche Mission, jedoch nur in strikter Unterordnung. In Longinqua (1895) wird Leo noch deutlicher: Journalist:innen sollten es nicht wagen, bischöfliche Entscheide oder gar Bischöfe zu kritisieren. Gefordert werden stattdessen Achtung und Unterwürfigkeit. Leo XIII. unterschied dabei zwischen „guter“ (katholischer) und „schlechter“ (nicht-katholischer) Presse. „Die Freiheit der katholischen Presse ist die Freiheit, katholisch sein zu dürfen“, konstatiert Giselbert Deussen im Jahre 1973 in seiner noch heute aktuellen und lesenswerten Ethik der Massenkommunikation.
Gute Presse vs. Schlechte Presse
Auch Pius X. (1903–1914) steht publizistischer Freiheit skeptisch gegenüber und schärft strenge Kontrolle von Druckerzeugnissen ein. Nur die kirchlich anvertraute Wahrheit dürfe uneingeschränkt verbreitet werden. Benedikt XV. (1914–1922) hielt an der Kategorisierung „guter“ und „schlechter“ Presse fest. Pius XI. (1922–1939) verschärft dann erneut die Gangart. Er erklärt: Journalist:innen sollten in Ergebenheit und Folgsamkeit alles publizieren was die Kirche wünsche. Mit Pius XII. (1939–1958) begann langsam ein Umdenken. Er betont den Wert freier Meinungsäußerung. Zugleich warnt er aber vor der Gefahr, die Freiheit des Menschen könne die Wahrheit aushöhlen. Freiheit gebe es daher nur recht qualifiziert und an kirchlicher Lehre orientiert.
Alles gut mit dem Konzil?
Mit dem II. Vatikanum verbinden viele Katholik:innen eine Öffnung der Kirche zur Welt. Doch das Lehramt zeigte sich weiterhin skeptisch gegenüber moderner Öffentlichkeit und Presse. Der Vatikan versuchte nach der Konzilsankündigung und während der ersten Sessio die Kirchenversammlung als eine interne Angelegenheit zu behandeln. Sprech- und Kommunikationsverbote waren die Folge. Während Journalist:innen nach dem Pontifikatswechsel Freiräume bekamen, sorgten Kurie und einige Prälaten dafür, dass ab der dritten Sessio wieder eine strengere Geheimhaltung galt. Zum Ende des Konzils verstärkten sich die Spannungen zwischen Medien und Hierarchie – am Ende waren gegenseitige Angriffe und Kritik an der Tagesordnung. Die Haltung von Johannes XXIII. und Paul VI. zur freien Presse und die Pressepolitik des Vatikans changierten während des Konzils – und danach – zwischen Restriktion und vorsichtigen Öffnungsversuchen. Johannes Paul II. nahm katholische Journalist:innen klassisch in die Pflicht, der kirchlichen Mission zu dienen. In Medien sah er vor allem „wunderbare und zeitgemäße Werkzeuge für die Verbreitung des Evangeliums“.
Fünfzig Jahre nach dem Konzil erklärt Benedikt XVI.: „Es gab das Konzil der Väter – das wahre Konzil, aber es gab auch das Konzil der Medien. […] Das Konzil, das mit unmittelbarer Wirkung beim Volk angekommen ist, war also das der Medien, nicht das der Väter.“ Während sich „das wahre Konzil“ im Glauben vollzogen habe, sei das „Konzil der Journalisten“ natürlich (!), so Ratzinger, außerhalb des Glaubens verlaufen. Die Bilanz des Zeitzeugens auf dem Stuhle Petri: „Wir wissen, daß dieses Konzil der Medien allen zugänglich war. Es war also das vorherrschende, das sich stärker ausgewirkt und viel Unheil, viele Probleme, wirklich viel Elend herbeigeführt hat: geschlossene Seminare, geschlossene Klöster, banalisierte Liturgie… und das wahre Konzil hatte Schwierigkeiten, umgesetzt, verwirklicht zu werden.“
Communio hierarchica = communicatio hierarchica
Der hierarchischen Kirchenstruktur entspricht eine hierarchisch gesteuerte Kommunikation. Sie bevorzugt die Weitergabe ewiger Wahrheiten und geht nur selten auf gesellschaftliche Kommunikationserwartungen ein. Das Interviewverbot bei der vergangenen Weltsynode unter Papst Franziskus zeugt davon.
Diese Haltung steht in Gegensatz zu journalistischen Prinzipien wie Transparenz, kritischer Prüfung von Autoritäten und aktueller Berichterstattung. Wie groß diese Spannung noch heute ist, zeigt die Auseinandersetzung zwischen der Kölner Bistumsleitung und Joachim Frank vom Kölner Stadtanzeiger.
Der Widerspruch zwischen der Forderung nach Demokratie in der kirchlichen Sozialverkündigung und dem institutionellen Agieren ist auffällig. Es stellt sich die Frage, wie eine Institution mit dieser Haltung in einer Welt freier Rede mit der Pflicht zum besseren Argument bestehen kann.
Bewältigungsstrategien
Kirchenvertreter haben drei Strategien entwickelt mit dieser Spannung umzugehen:
- Mauer des Schweigens: Freie Presse wird als Bedrohung gesehen. Geheimhaltung ist die Folge. Kritik wird mit Moralisierung beantwortet. Für Vertreter dieser Strömung ist jede öffentliche Diskussion kirchlicher Angelegenheiten regelrechter Verrat. Beispiele sind leitende Akteure des II. Vatikanums, die Pressepolitik der Weltsynode und der kirchliche Umgang mit (sexualisierter) Gewalt.
- Zwei-Welten-Logik: Diese Gruppe erkennt Öffentlichkeit an, will aber Diskussionen in kirchlich gesetzten Grenzen halten. Presse wird geschätzt, doch bleibt die Erwartung, dass Journalist:innen zwischen Kirche und Welt unterscheiden. Das omnipräsente Narrativ, kirchliche (Entscheidungs-)Prozesse seien nicht mit weltlichen Verfahren vergleichbar, zeugt von dieser Haltung. Auch dies ließ sich bei der Weltsynode beobachten.
- Dialog statt Monolog: Vertreter dieser Haltung plädieren für eine Öffnung, die diesen Namen verdient. Sie sehen Journalismus als legitimen Akteur gesellschaftlicher Kommunikation. Öffentlichkeit gilt ihnen als Chance für Partizipation und Transparenz.
Communicatio statt Censura: Neuer Papst – neue Töne?
Papst Leo XIV. hat in seiner Rolle als Kardinal mehrfach zu Fragen des Journalismus Stellung genommen. Als international aktiver Kirchenmann, der vor seiner Wahl zum Papst selbst auf Social-Media aktiv war und nachweislich Online-Medien las, weiß er, welche Rolle Medien heute spielen. In Interviews lobte er Möglichkeiten, die soziale Medien für die kirchliche Mission bieten und fordert zugleich umfassende Medienbildung, um Gutes von Schlechtem zu unterscheiden.
Bei einer seiner ersten Audienzen betonte Leo schließlich den Wert der Pressefreiheit, verwies aber darauf, in der Berichterstattung das Proprium der Kirche zu bedenken.
Doch es blieb nicht dabei: Bemerkenswert ist ein Grußwort anlässlich eines Theaterstücks über die peruanische Journalistin Paola Ugaz und ihre Arbeit zur mittlerweile aufgelösten Gruppe Sodalicio de Vida Christiana. Darin schreibt Leo: „Die Wahrheit gehört niemandem, aber es ist die Verantwortung aller, sie zu suchen, zu bewahren und ihr zu dienen.“ Und weiter: „Die Pressefreiheit ist ein unverzichtbares Gemeingut.“ Journalist:innen, die ihren Beruf mit Gewissenhaftigkeit ausüben, dürften ihre Stimme nicht aus eigennützigen Interessen oder aus Angst vor der Wahrheit verstummen lassen, so Leo.
Sollte Leo meinen, was er schreibt, könnte dies eine Abkehr von bisherigen kirchlichen Narrativen markieren. Was das aber für das Agieren einer Institution heißt, die sich als göttlich gestiftete Hüterin ewiger Gewissheiten geriert, bleibt abzuwarten.
Benedikt Heider, Jahrgang 1995, ist Theologe und Journalist. Seine Abschlussarbeit schrieb er bei Gisela Muschiol in Bonn und Rom zur kirchlichen Medienpolitik während des II. Vatikanischen Konzils. Anschließend absolvierte er eine journalistische Ausbildung am Institut für publizistische Ausbildung (ifp) in München. Seit 2024 ist er Redakteur bei der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Bonn.
Beitragsbild: Gemini-KI, Benedikt Heider


