Gerhard Marschütz (Wien), der sich seit langem theologisch mit Genderfragen beschäftigt, kritisiert die Stellungnahme von Bischof Oster am Dokument der Schulkommission der Deutschen Bischöfe und zeigt Fehlinterpretationen auf.
Auch einige Wochen nach der Veröffentlichung kann ich es kaum fassen. Es schien mir nämlich unmöglich, dass ein katholisches Dokument sich positiv zum Thema Gender äußern könnte – obwohl dieser Begriff nicht explizit, aber durchgängig als Subtext Thema ist. Gemeint ist das von der Schulkommission der Deutschen Bischöfe (SDB) herausgegebene Schreiben Geschaffen, erlöst und geliebt, das die Anerkenntnis der Vielfalt sexueller und geschlechtlicher Identitäten in Schulen umfassend befürwortet.[1] Nochmals: Dieser Text erscheint unmöglich, da das Thema Gender im lehramtlich-katholischen Kontext als strikt abzulehnende Ideologie gilt. Als Autor eines thematisch einschlägigen Buches hierzu[2] ist mir daher bewusst, wo der SDB-Text für etliche einzuordnen ist: an der Grenze des Katholischen, oft auch jenseits dieser Grenze.
Zusammenfassung der Kritik von Bischof Oster
Erwartbar war darum eine baldige Fundamentalkritik, die prominent der Passauer Bischof Stefan Oster liefern sollte.[3] Obzwar Oster die dem SDB-Text zugrunde liegende Sorge um queere Menschen würdigt, weist er ihn „von seinen inhaltlichen Voraussetzungen und seinem theologischen, philosophischen, pädagogischen und entwicklungspsychologischen Gehalt“ entschieden zurück. Auch ihm erscheint dieser Text – aber andersherum wie eingangs erwähnt – unmöglich. Konkret verweist er diesbezüglich auf das „Ringen um die Anthropologie“, weil der SDB-Text „auf dem besten Weg zu einem entsakramentalisierten Verständnis des Menschen“ sei und damit „das katholische Verständnis des Menschen als einem sakramentalen Wesen“ verlasse.
Hiermit eröffnet Oster argumentativ eine Entweder-oder-Logik. Sie lässt an eine Aussage von Papst Benedikt XVI. denken, wonach die Gendertheorie eine „anthropologische Revolution“ sei, der zufolge sich der Mensch frei von biologischen Vorgaben beliebig entwerfen könne und so zugleich als Schöpfungswirklichkeit verleugne. Sakramentalität wäre somit ausgeschlossen – freilich nur im Blick auf eine Karikatur von Gendertheorie, die der SDB-Text als mögliche Vorlage für Kritik nicht bietet, da er, wie in den Gender Studies üblich, queere Existenz als „Zusammenwirken biologischer und psychosozialer Prozesse“ begreift.
Oster kritisiert, dass der SDB-Text zwar den Primat der Liebe Gottes betont, dieser aber „von dem abgelöst [wird], was als Wahrheit und Lehre über den Menschen tradiert ist“. Mit „diesem Kniff“ werde dieser Primat „unterschiedslos über alles an ,Vielfalt‘ ausgegossen“, somit ein „Menschenbild der Vielfalt“ vorausgesetzt, das jede sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität als „schon gottgewollt“ erachtet.
Tradierte Wahrheit und Lehre sei aber, dass dem christlichen Menschenbild eine neue Identität in Christus entspricht, die „das Verhältnis zum eigenen Leib, zum eigenen Fühlen, zum eigenen Wollen und Denken neu macht, neu zueinander integriert, also zu dem, was ein Mensch vor Gott ist und sein kann, nämlich heiler und heiliger“. Entlang dieser Aussage ist auf den ersten Blick kaum zu sehen, worin die gravierende Differenz zum SDB-Text liegen sollte, wenn es dort auf Seite 11 heißt: „Jede menschliche Identität erlangt ihre Validität und Heiligung allein in Christus.“
Erst das Zweite Vatikanische Konzil hat die Lehre von der Unterordnung der Frau unter den Mann nicht mehr fortgeführt.
Diese Differenz gründet wohl darin, dass Oster nur grundsätzliche christlich-anthropologische Erwägungen zum Thema einbringt, welche der SDB-Text nur knapp darlegt, da es diesem vor allem um spezifisch geschlechteranthropologische Überlegungen geht. Der Kniff von Oster würde demnach darin bestehen, solche Überlegungen auszulassen. Vielleicht deshalb, weil grundsätzliche Aussagen eher als das Ewig-Währende erscheinen (und derart auch stark gegenüber geschichtlichem Wandel geltend gemacht werden können) als spezifisch geschlechteranthropologische, die bei aller Kontinuität stärker dem Wandel ausgesetzt sind.
Wer würde z.B. heute noch mit Paulus behaupten wollen, dass die Frau nicht im vollen Sinne Abbild Gottes wie der Mann (vgl. 1 Kor 11,7f.) ist, oder dass sie, mit Thomas von Aquin gesagt, ein „missglückter Mann“ sei? Wer würde die Frau entlang einiger Bibelstellen weiterhin als dem Mann wesentlich untergeordnet bestimmen wollen? Erst das Zweite Vatikanische Konzil hat diese Lehre von der Unterordnung, die zuvor von Papst Pius XII. noch als unaufhebbar verteidigt worden ist, nicht mehr fortgeführt – nicht zuletzt unter methodischer Einbeziehung „der menschlichen Erfahrung“ (GS 46), die dem „Licht des Evangeliums“ (ebd.) zur Seite gestellt wurde.
Sie kennzeichnet eine Kontinuität im Wandel.
Speziell eine christliche Geschlechteranthropologie bezeugt, dass sie nicht statisch in Form ungeschichtlicher Wesensaussagen zu verstehen ist, sondern als „offener Sinngehalt“ (Dietmar Mieth), der sich im Verlauf geschichtlicher Einsicht des Menschen in die Offenbarung Gottes immer wieder neu erschließt. Sie kennzeichnet eine Kontinuität im Wandel. Der SDB-Text sucht daher den hiesigen gesellschaftlichen Wandel im Blick auf queere Personen aufzugreifen und theologisch zu erschließen. Das heißt: Wenn der Primat der Liebe Gottes allen Menschen gleichermaßen gilt und so auch deren unbedingte Anerkennung und Würdigung impliziert, dann kann davon „die Diversität der sexuellen Identitäten nicht ausgenommen werden“.
Oster bekämpft diese Logik des Primats vehement – zum Teil aber auch mit Argumenten, denen die nötige Einbindung humanwissenschaftlicher Erkenntnisse fehlt. Solche Erkenntnisse haben für Oster „qua Methode keinen Zugang zum genuin christlichen Menschenbild“. Irrelevant sind sie deswegen nicht, mehr noch: sie sind auch ein hermeneutischer Ort der Erkenntnis Gottes. Immerhin meint Thomas von Aquin in der Summa contra gentiles (II, 3), dass man von Gott nur richtig denken kann, wenn man von seiner Schöpfung richtig denkt.
Das besagt im Blick auf trans Personen als Teil dieser Schöpfung, dass diese sich nicht, wie Oster meint, eine „Angleichung ihrer leiblichen Geschlechtsmerkmale an das neue Geschlecht“ wünschen, sondern an ihr (tief in der Person verwurzeltes) Geschlecht. Somit ist Geschlechtsidentität nicht einfach das, „wozu ich mich selbst bestimme“. Sie entsteht nicht jenseits biologischer Dispositionen und ist daher gemäß dem SDB-Text weder „beliebig formbar noch wählbar“.
Es wird außer Acht gelassen, dass trans Personen nicht den Körper als solchen ablehnen, sondern den geschlechtlich bestimmten Körper.
Ferner scheint Gott, so Oster, trans Menschen ihren Leib „fehlerhaft wie verfügbares Leibmaterial hinzugefügt“ zu haben. Damit würde die anthropologische Wahrheit der Einheit von Leib und Seele bestritten und der „Pfad der Gnosis, dem die Kirche seit zweitausend Jahren widerspricht“, beschritten sein. Da wird starkes Geschütz aufgefahren und zugleich außer Acht gelassen, dass trans Personen nicht den Körper als solchen ablehnen, sondern den geschlechtlich bestimmten Körper, der in Inkongruenz zum konträren Geschlechtsempfinden steht. Wenn der SDB-Text festhält, dass die „Ursachen dieser Inkongruenz bislang kaum geklärt“ sind, dann erübrigt sich auch jede theologische Spekulation über möglicherweise fehlerhaftes Leibmaterial.
Schließlich kritisiert Oster den „affirmativen Grundton im Blick auf Trans-Jugendliche“ und verbindet damit, dass diese in ihrer Entwicklung sich alsbald mit Hormontherapien und geschlechtsangleichenden Operationen vorfinden, die in einigen Ländern längst „wieder massiv eingeschränkt oder verboten worden sind“, weshalb hier der SDB-Text gemäß Oster nicht „auf der Höhe der Zeit“, also „bereits deutlich veraltet“ sei.
Deutlich veraltet? Eigentlich ist es unmöglich so zu argumentieren, wenn man das relativ neue Buch der Medizinerin Dagmar Pauli zum Thema Trans gelesen hat. So bezieht sich der heute bevorzugte affirmative Ansatz „auf die Identität und nicht auf medizinische Behandlungen“, d.h., er meint nicht, dass „jungen Menschen kritiklos und ohne Reflexion zu medizinischen Behandlungen“ verholfen werden würde, er besagt nur: „Trans Kinder und Jugendliche sollen uns nicht beweisen müssen, dass sie trans sind.“[4] Unbestritten bedürfen diese therapeutischer Begleitung, die eine sorgfältige Abklärung und Information als Entscheidungsgrundlage hinsichtlich geschlechtsangleichender Maßnahmen ermöglicht. Jenseits solcher Sorgfältigkeit ist der Missbrauch nicht weit. Einer alten Regel zufolge hebt aber der Missbrauch den rechten Gebrauch nicht auf (Abusus non tollit usum).
Wird ein genuin christliches Menschenbild rechtens gebraucht, wenn es gegen die gleiche Würde aller Menschen profiliert wird? Traditionell ist die katholische Würdevorstellung nur auf die Zweigeschlechtlichkeit ausgerichtet. Die hierin gründende Identität impliziert für Oster zugleich „prinzipielle Grenzen, die nicht einfach graduell verschiebbar sind“. Solche Grenzen implizieren aber die Ausgrenzung queerer Menschen. Müsste es nicht unmöglich sein, theologisch so zu denken? Andernfalls wäre es unmöglich zu verhindern, dass queere Menschen dieses Menschenbild nur als würdeverletzend erfahren können. Diesen Skandal bemüht sich der SDB-Text zu beseitigen. Er weist zugleich auf strittige Grenzen des Katholischen hin.
[1] https://www.dbk-shop.de/media/files_public/166bf6581adb9d49f8f6460292162a6f/DBK_1258.pdf
[2] Vgl. Gerhard Marschütz, Gender-Ideologie!? Eine katholische Kritik, Würzburg 2023.
[3] Vgl. https://stefan-oster.de/geschaffen-erloest-geliebt-kommentar/
[4] Dagmar Pauli, Die anderen Geschlechter, München 22024, S. 125.
Beitragsbild: Coverbild Echter-Verlag
Rezension des Buchs von Marschütz durch Kerstin Schlögl-Fierl:


