Das internationale Forschungsprojekt „Die Bibel und die Frauen“ ist nach 20 Jahren abgeschlossen. Irmtraud Fischer, Initiatorin des Projekts und eine der Herausgeberinnen, stellt es vor.
Die Bibel handle von Patriarchen, Richtern, Königen, Priestern, Jüngern und Aposteln, Propheten, Weisheitslehrern und Evangelisten. Zudem hätten ausschließlich männliche Autoren die biblischen Texte verfasst. Diese Botschaft wurde bis vor wenigen Jahrzehnten vermittelt und wird noch immer durch liturgische Leseordnungen verstärkt. Wer an Bibelauslegung interessiert ist, bekam zudem den Eindruck, dass sowohl auf wissenschaftlichem als auch auf pastoralem Feld sich ausschließlich Männer mit der Bibel beschäftigt hätten. Schrift und Tradition seien also ausschließlich durch männlichen Geist entstanden und geprägt.
Wirklich nur Männer?
Aber haben Frauen denn wirklich nie die Bibel – ohne Anleitung von männlichen Geistlichen – gelesen? Sind ihre Auslegungen nirgends dokumentiert? Und lesen (manche) Frauen die Bibel tatsächlich anders als Männer? Das waren einige der Ausgangsfragen, die zum internationalen Großforschungsprojekt „Die Bibel und die Frauen“ (www.bibleandwomen.org) führten.
Das an der Universität Graz verankerte wissenschaftliche Projekt, das 2025 mit dem Erscheinen des 21. Bandes nach 20 Jahren Arbeit von 304 Forschenden aus 30 Ländern aus allen fünf Kontinenten erfolgreich beendet werden konnte, hat sich dieser Problematik auf mehreren Ebenen gestellt. Das Ergebnis kann kurz zusammengefasst so formuliert werden: Zu allen Zeiten und haben Frauen die Bibel gelesen und sie teilweise auch wesentlich anders ausgelegt als Männer. Vor allem haben sie in allen Epochen frauenfeindlichen Auslegungen widersprochen und die Bibel für sich auch als befreiend verstanden, ohne jedoch den Missbrauch biblischer Texte zur Frauenunterdrückung zu vertuschen.
Warum braucht es die Reihe? Gesellschaftliche und theologische Gründe
In den Bibelwissenschaften hat sich inzwischen die ausschließlich androzentrische Sichtweise verändert. Nur noch jene, die ideologischen Vorgaben den Vorzug von den Wissenschaften geben, leugnen bis heute die Bedeutung der Frauen sowohl in der Gesellschaft Alt-Israels als auch im Frühchristentum. Frauen waren im höchsten der Ämter, in der Prophetie vertreten, sie waren zudem Richterinnen und nahmen zumindest am Zweiten Tempel kultische Aufgaben wahr. Im Frühchristentum gab es Apostelinnen und Frauen leiteten Hauskirchen – allein aus den Grußlisten des Römerbriefs lässt sich das schon belegen. „Aber die Tradition!“ lautet der Einwand, wenn es um eine Neustrukturierung des Geschlechterverhältnisses in der Katholischen Kirche geht. Die erlaube es nach offizieller Lehre bis heute nicht, dass Frauen in der Kirche mehr Bedeutung bekommen und nicht nur die gleiche Würde wie Männer, sondern auch die gleichen Rechte haben könnten.
Aber gibt es diese vielbeschworene Tradition mit einheitlichem Befund in der Frauenfrage tatsächlich? Das war die Forschungsfrage, als zwei Präsidentinnen der Europäischen Gesellschaft für Theologische Forschung von Frauen (ESWTR), Adriana Valerio und ich, beschlossen, ein Projekt zu initiieren, an dem möglichst viele Mitglieder partizipieren könnten. Unser Anliegen war, den Norden mit dem Süden Europas und auch mit dem Osten besser zu vernetzen, die Publikationen des romanischen Sprachraums im Norden – und umgekehrt – besser zugänglich zu machen.
Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zur Bibelrezeption
Wir entschlossen uns, ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zur Bibelrezeption ins Leben zu rufen und holten Mercedes Navarro Puerto, eine am Bibelinstitut ausgebildete Frau im geistlichen Stand, die damals in Salamanca lehrte, dazu. Bald war uns klar, dass es mehrsprachig sein sollte, denn Online-Übersetzungshilfen gab es im Jahr 2006 noch nicht. Damit erhofften wir uns, in den einzelnen Ländern der Sprachgruppen besser präsent zu sein und auch jenen Personen, die im pastoralen Dienst oder im Unterrichtsfach Religion arbeiteten, eine Unterstützung anzubieten. Englisch konnte natürlich auch nicht fehlen, die anglikanische Historikerin Charlotte Methuen betreut hier den Abschluss der Reihe.
Beim Entwurf des Projekts mussten vor allem Entscheidungen über die in wissenschaftlichen Kreisen nicht unumstrittene Akzeptanz des Kanons, also der Auswahl, welche Schriften zur Bibel gehören, und über die Bedeutung des Begriffs „Bibel“ getroffen werden.
Entscheidungen zum Kanon
- Die Hebräische Bibel ist zuerst und vor allem die Bibel des Judentums. Diese ist als Altes Testament auch Teil der christlichen Bibel, allerdings haben manche Konfessionen, wie etwa die katholische, diesbezüglich einen größeren Umfang, da sie die griechische Version der jüdischen Bibel des Hellenismus als Grundlage für ihren Kanon nehmen.
- Wir entschieden uns für die Hebräische Bibel als Basis und übernahmen die Dreiteilung ihres Kanons für die Bände: Tora, Prophetie, Schriften.
- Die sogenannten deuterokanonischen Schriften werden zusammen mit zeitgleich entstandenen als Frühjüdische Schriften erforscht.
- Das Neue Testament wird einerseits als spezifische Rezeption der Hebräischen Bibel verstanden, andererseits ist es zentraler Teil der Christlichen Bibel.
- Jene Schriften, die zeitgleich zum NT entstanden, aber nicht kanonisch geworden sind, werden im Band der Christlichen Apokryphen bearbeitet.
Diese Weichenstellungen führten zur Konsequenz, dass die Rezeptionsgeschichte der Bibel sowohl im Judentum als auch im variantenreichen Christentum verfolgt werden müssen. Ein Band widmet sich dem rabbinischen Schrifttum, ein anderer dem jüdischen Mittelalter, das anders abgegrenzt wird als das christliche. Die Hauptherausgeberinnen sind davon überzeugt, dass auch für christliche Lesende diese doch recht diversen Auslegungen spannend und aufschlussreich sind.
Patristik
Der Patristik sind zwei Bände gewidmet: Einer erforscht Geschlechterkonzeptionen, die bis heute in vielen christlichen Kirchen für Frauen und LGBTIQ-Personen diskriminierend nachwirken, und einer geht den biblischen Frauen in der Lektüre der Kirchenväter nach, aus deren Schriften wohl auch einiges über Frauen, die die Bibel auslegten, zu erfahren ist, deren Schriften jedoch nicht überliefert wurden.
Mittelalter
Das Mittelalter wird in drei Bänden erschlossen: Das Frühmittelalter widmet sich insbesondere der Byzantinistik, die die Ikonographie biblischer Figuren im Mittelalter bestimmt. Im Hochmittelalter lesen berühmte Frauen in Klöstern die Bibel in ihrem Kontext und predigen teils auch öffentlich. Nicht wenige davon wurden unter Häresieverdacht gestellt und damit mundtot gemacht. Der dritte Band, der die Bibelauslegung der Querelles des femmes erforscht zeigt auf, dass bereits Jahrhunderte vor der Frauenbewegung androzentrischen und misogynen Exegesen massiv widersprochen wurde.
Reformierte Bibelauslegungen, 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart
Die drei Bände der Reformen und Revolutionen gehen den reformierten Bibelauslegungen in nördlichen und den katholischen Reformen in südlichen Ländern Europas sowie der Aufklärung und dem Pietismus nach. Das in Frauenfragen entscheidende lange 19. Jahrhundert wird in zwei Bänden erforscht: der säkularen und der religiösen Frauenbewegung. Die beiden letzten Bände zeichnen die Errungenschaften der feministischen Exegese sowie neueste Tendenzen nach. Die Inhaltsverzeichnisse aller Bände sind online abzurufen unter www.bibleandwomen.org.
Die vier Hauptherausgeberinnen, die je ihre eigene Publikationssprache betreuten, wählten für jeden Band eingearbeitete Editor*innen aus möglichst unterschiedlichen Sprachen und Kontexten aus, die die wichtigsten Themen interessanten Autor*innen anvertrauten, die ihre Thesen in Forschungskolloquien zur Diskussion stellten. Diese dienten sowohl der Qualitätssicherung als auch dem internationalen Networking in theologischen Geschlechterfragen.
In vier Sprachen
Der Untertitel „Enzyklopädie“ soll die Vollständigkeit der Rezeptionsgeschichte von der Entstehung der Texte bis ins 21. Jahrhundert anzeigen. Den Editor*innen war immer klar, dass diese Reihe einerseits forschungsresümierend, aber auch forschungseröffnend sein wird. Vieles ist bereits erforscht worden, vor allem die Bibelwissenschaften haben in den zwanzig Jahren der Entstehung viel geleistet. In der Rezeptionsgeschichte stehen wir erst am Anfang. So viele Archive vor allem von Nonnenklöstern sind noch unerforscht, so viel bereits bekanntes Material noch nicht mit der Frauen- und Geschlechterfrage gesichtet. Es gibt also auch nach Abschluss dieses Mammutprojekts noch viel zu tun!
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Irmtraud Fischer, Univ. Prof. Dr. theol. Dr. phil. h.c., wurde 2022 als Professorin für alttestamentliche Bibelwissenschaft pensioniert und arbeitet seitdem am Institut für Antike für das internationale Graduiertenkolleg „Resonante Weltbeziehungen“.
Ein Gespräch mit ihr im Rahmen des podcast dieseseineleben.de finden Sie hier.


