Vor 60 Jahren wurde die fast 900 Jahre währende wechselseitige Exkommunikation von Katholizismus und Orthodoxie aufgehoben. Marina Kiroudi würdigt diesen wichtigen ökumenischen Schritt.
Es geschah vor genau 60 Jahren
Am 6. Dezember 1965, dem vorletzten Tag des II. Vatikanischen Konzils, wurde in Rom überraschend bekanntgegeben, dass am nächsten Morgen die Exkommunikation zwischen den Kirchen Roms und Konstantinopels von 1054 annulliert werde.
Am darauffolgenden Tag wurde eine Erklärung gleichzeitig in Istanbul und Rom feierlich verlesen, die eine gemeinsame Kommission beider Kirchen in aller Stille ausgearbeitet hatte. Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras gaben darin ihrem Bedauern über „die verletzenden Worte, die unbegründeten Vorwürfe und das verdammungswürdige Vorgehen“ zum Ausdruck, die „auf beiden Seiten die traurigen Ereignisse jener Epoche geprägt und begleitet haben“[1]. Die Verhängung des Bannes solle „aus dem Gedächtnis und Leben“[2] der Kirche gelöscht werden. In Istanbul hörte der Patriarch die Verlesung des Dokuments stehend an und umarmte anschließend den Abgeordneten des Vatikans Kardinal Lawrence Shehan. In Rom umarmte der Papst den Vertreter des Ökumenischen Patriarchats, Metropolit Meliton von Chalcedon, und tauschte mit ihm den Friedenskuss. Die Konzilsväter und die auf dem Petersplatz zur Abschlussfeier des Konzils zusammengeströmte Menge klatschten Beifall. Bevor Metropolit Meliton Rom wieder verließ, legte er einen Blumenstrauß auf das Grab von Papst Leo IX. nieder, der seinerzeit die Bannbulle unterschrieben hatte.
Wie kam dieser Schritt damals bei den beteiligten Kirchen an?
Innerhalb der Orthodoxie schwankte man zwischen verhaltener Zustimmung und scharfem Protest.[3] Aus Athen kam eine offizielle Verlautbarung, die Kirche Griechenlands bestreite Patriarch Athenagoras das Recht, im Namen der gesamten Orthodoxie zu sprechen. Seine Stellung sei nicht die eines orthodoxen Papstes. Nur ein Konzil aller orthodoxen autokephaler Kirchen könne eine Erklärung wie die vom 7. Dezember beschließen. Ähnlich äußerte sich das kirchliche Außenamt des Moskauer Patriarchats durch eine Erklärung von Metropolit Nikodim von Leningrad gegenüber der Nachrichtenagentur TASS. Vertreter orthodoxer Ortskirchen im Nahen Osten begrüßten das Ereignis.
Innerhalb der Orthodoxie schwankte man zwischen verhaltener Zustimmung und scharfem Protest.
Innerhalb der römisch-katholischen Kirche bewertet Johannes Oeldemann, profunder Kenner der Orthodoxie im deutschsprachigen Raum, die Aufhebung der Bannsprüche grundsätzlich als verheißungsvoll: „Diese feierliche Erklärung bedeutete zwar noch nicht die Wiederherstellung der Kirchengemeinschaft zwischen Orthodoxer und Römisch-Katholischer Kirche, aber ein wichtiges Symbol der Trennung war damit aus der Leid erfüllten Erinnerung beider Kirchen ausgelöscht.“[4]
Das Ereignis im welt- und kirchenpolitischen Kontext verorten
Die Bedeutsamkeit dieses ökumenischen Ereignisses ist auch im Kontext der welt- und kirchenpolitischen Situation einzuordnen. Im von der Sowjetunion dominierten Teil Osteuropas herrschte das sogenannte Tauwetter, was sowohl zu einer Stärkung der dortigen orthodoxen Landes- bzw. Ortskirchen als auch zum innerorthodoxen Zusammenwachsen weltweit beitrug. So wurde der präkonziliare Prozess der Orthodoxen Kirche – unterbrochen durch den Zweiten Weltkrieg und die Spaltung Europas – durch die Rhodos-Konferenzen wieder aufgenommen. Sie gehören zu den grundlegenden Schritten auf dem Weg zum Heiligen und Großen Konzil von Kreta im Jahr 2016.
Sowohl im kirchlichen als auch im gesellschaftlichen Raum lässt sich eine Öffnung für die Beziehungen zwischen Ost und West verzeichnen, deren nachhaltige Wirkung auch in Deutschland vernehmbar ist. Beim 50-jährigen Jubiläum des ökumenischen Ereignisses 2015 in München akzentuiert Metropolit Augoustinos von Deutschland, der Vorsitzende der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland (OBKD): „Es mag eine reine Koinzidenz sein, aber die Geschichte unserer Griechisch-Orthodoxen Metropolie in Deutschland beginnt genau in jener Zeit vor fünf Jahrzehnten, als sich Rom und Konstantinopel wieder annäherten. Das Tilgen all jener unglückseligen Ereignisse der Vergangenheit aus dem Gedächtnis unserer Kirchen und unserer Gläubigen galt damals – zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges – übrigens ja auch für die Beziehungen unserer Völker. Heute wissen wir: es war ein gelungener Neuanfang, geschichtlich gesprochen und kirchengeschichtlich ebenso.“[5]
Lange bevor das Schlagwort „Healing of Memories“ in der Ökumene Einzug hielt, ist die gegenseitige Aufhebung der Bannsprüche vom 7. Dezember 1965 ein erstes Beispiel für eine wegweisende „Vergangenheitsbewältigung“ in der Ökumene. Möglicherweise kann es als Matrix für weitere Versöhnungsprozesse in Kirche und Gesellschaft dienen.
Am Anfang des Weges steht Jerusalem
Aus orthodoxer Sicht ist meines Erachtens ein anderes Datum fast bedeutsamer, das am Anfang des Weges zur Aufhebung der Bannsprüche vom 7. Dezember 1965 steht. Es handelt sich um die Begegnung zwischen Patriarch Athenagoras und Papst Paul VI. im Januar 1964 in Jerusalem, welche das erste Zusammentreffen der Bischöfe von Rom und Konstantinopel seit vielen Jahrhunderten war.[6]
Die beiden Kirchenführer kamen zweimal zusammen: Patriarch Athenagoras suchte Papst Paul VI. am Sitz des Apostolischen Delegaten am Fuß des Ölbergs am 5. Januar auf. Die beiden Hierarchen saßen auf gleich hohen Stühlen, während der päpstliche Thron unbesetzt blieb. Am nächsten Tag erwiderte Papst Paul VI. den Besuch in der Sommerresidenz des Jerusalemer orthodoxen Patriarchen Benediktos auf dem Ölberg. Vom ersten Augenblick an herrschte eine freundliche und bewegte Atmosphäre. Man war sich der „wahrhaft historischen Stunde“[7] bewusst – so der Papst –, in der nach fast tausendjähriger Feindschaft und oft unversöhnlichem Groll die Fäden neu geknüpft wurden.
Vom ersten Augenblick an herrschte eine freundliche und bewegte Atmosphäre.
Dies war auch an den gegenseitigen Geschenken erkennbar, die an die Verbindung der Kirchen im ersten Jahrtausend erinnern. Athenagoras legte dem Papst ein Enkolpion um, das Brustmedaillon der orthodoxen Bischöfe; diese Zeichenhandlung zeugte vom Umgang mit einem Bruder im Bischofsamt. Paul schenkte dem Patriarchen einen Messkelch; auf diese Weise hob er die Eucharistiegemeinschaft der ungeteilten Kirche hervor. Gemäß des Schlusskommuniqués darf man „in dieser Begegnung nichts anderes sehen als eine brüderliche Geste, inspiriert von der Liebe Christi, der Seinen Jüngern als höchstes Gebot hinterließ, einander zu lieben, einander sieben mal siebenundsiebzigmal ihre Verfehlungen zu vergeben und eins zu sein.“[8] Der evangelische Beobachter Bernhard Ohse merkt an, dass diese selbstkritischen Worte nicht nur für orthodoxe, sondern auch für katholische Ohren bestimmt waren.[9]
Nach Archimandrit André Scrima, einem Wegbereiter der Begegnung von Jerusalem, sah die „orthodoxe Tradition […] Jerusalem stets als den wahren Ort der Versöhnung zwischen Ost und West durch das Kreuz und die Auferstehung des Herrn.“ [10] Papst Paul VI. bestätigte diesen Gedanken in seiner Ansprache bei der zweiten Begegnung mit dem Ökumenischen Patriarchen. Er betrachtete es als „gutes Vorzeichen“, dass sich die Begegnung auf dem „Boden verwirklicht, wo Christus Seine Kirche begründete und Sein Blut für sie vergoss“ [11]. Nun gehe es darum, die Uneinigkeit zu überwinden, die Schranken niederzureißen und den Weg einzuschlagen, der zur Versöhnung führt.
Gemeinsam las man in Jerusalem auf Lateinisch und Griechisch das 17. Kapitel des Johannesevangeliums mit dem hohepriesterlichen Gebet Jesu für die Einheit aller, gemeinsam sprach man das Vaterunser und – wie Augenzeugen berichten – aus einer spontanen Eingebung heraus erteilten Papst und Patriarch ebenfalls gemeinsam den Segen. André Scrima erinnerte diese Geste an den orthodoxen Festhymnus zur Himmelfahrt Christi, in dem es über die Jünger auf dem Ölberg heißt: „Durch Deinen Segen wurden sie dessen gewiss, dass Du der Sohn Gottes bist, der Erlöser der Welt.“ [12] Jerusalem wurde als ein Ort und ein Moment der Christuserkenntnis wahrgenommen.
Vielleicht wirkt deswegen diese Begegnung von Jerusalem eindrücklicher auf mich als das, was einige Monate später in Rom und Konstantinopel passierte. Auch in der Ökumene gibt es eine formale und eine inhaltliche Ebene. In Rom und Konstantinopel wurde bei der Bannaufhebung der Buchstabe des geschriebenen Gesetzes korrigiert, indem der formale Status des Anathems aufgehoben wurde. Was zuvor in Jerusalem geschehen war, war allerdings jenseits aller protokollarischen Zwänge eine ökumenische Sternstunde, ein Christus-Moment.
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Beitragsbild: pixabay.com
[1] Gemeinsame Erklärung von Papst Paul VI. und dem Ökumenischen Patriarchen Athenagoras vom 7. Dezember 1965, in: Tomos Agapis, (Pro Oriente, Bd. 3), Innsbruck: Tyrolia 1978, S. 86–88, hier S. 87.
[2] Ebd.
[3] Zu den nachfolgenden Reaktionen s. Bernhard Ohse, Der Patriarch, Göttingen/Regensburg 1968, S. 186.
[4] Johannes Oeldemann, Orthodoxe Kirchen im ökumenischen Dialog. Positionen, Probleme, Perspektiven, Paderborn: Bonifatius 2004, S. 92.
[5] Archiv der Griechisch-Orthodoxen Metropolie von Deutschland.
[6] Eine detaillierte Beschreibung der Jerusalemer Begegnung findet sich bei Ludwig Kaufmann SJ (Hg.), Rencontre en Terre Sainte, Luzern/Frankfurt a.M. 1964.
[7] Ohse, S. 181
[8] Gemeinsames Kommuniqué anlässlich der Begegnung zwischen Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras I. in Jerusalem, ausgefertigt am 6. Januar 1964, zitiert nach Ohse, S. 229.
[9] Ohse, S.181.
[10] André Scrima, Epiphanie, Orient et Occident, Richesse partagée et unité vivante, in: Ludwig Kaufmann SJ (Hg.), Rencontre en Terre Sainte, Luzern/Frankfurt a.M. 1964, S. 129–134, hier S. 131.
[11] Zitiert nach Ohse, S. 228
[12] Scrima, S. 131–132.


