In einer Serie von Votivbildern entdeckt Gary Slater eine Aussage über Politik, Souveränität und Kirche.
Die Wallfahrtskirche St. Anton thront an einem Alpenhang über dem Loisachtal in Oberbayern. Erbaut zur Zeit des Spanischen Erbfolgekrieges 1704, ist sie von jeher ein Symbol für die Dankbarkeit der Talbewohner gegenüber dem heiligen Antonius von Padua für den Frieden nach gewaltsamen Auseinandersetzungen. Die Kirche ist heute vor allem für einige Fresken des Malers Johann Ev. Holzer bekannt.
Mich hat aber vor allem eine Reihe von Votivbildern fasziniert. Sie zeigen das Loisachtal zu drei entscheidenden Zeitpunkten seiner Geschichte: 1703, 1801 und 1945.[1]



Darstellungen moderner Souveränität
Doch ich sehe zwischen den Gemälden noch eine weitere Gemeinsamkeit, die allerdings auf den ersten Blick weniger offensichtlich ist als jene in Stil und Inhalt: Wenn ich alle drei Gemälde als Serie betrachte, empfinde ich sie als einen tiefgründigen Ausdruck moderner Souveränität. Souveränität ist die Grundlage politischer Autorität. Ob man sie nun einem Territorium, einem Volk, dem Staat oder Gott zuschreibt – Souveränität ist das, wodurch Macht legitimiert wird. Sie ist unerlässlich für die Wirksamkeit von Gesetzen, existiert aber an sich außerhalb des Gesetzes. Daher ist der Begriff oft mit grundlegenden Fragen nach Grenzen und Abgrenzungen verbunden, etwa Grenzen der Zugehörigkeit und Grenzen des Territoriums.
Heute wird der Souveränitätsbegriff herangezogen, um Widerstand gegen alles Mögliche und die Abwehr von äußeren Einflüssen zu rechtfertigen – von militärischen Invasionen über Migration bis hin zu internationalen Umweltauflagen. Das neuzeitlich-moderne Verständnis von Souveränität ist das Ergebnis spezifischer historischer Bedingungen, deren Erbe sich in einer Reihe von Normen manifestiert. Diese Normen entstanden im 16. und 17. Jahrhundert während der nachreformatorischen Religionskriege und verbinden sich besonders markant mit dem Westfälischen Frieden, der den Dreißigjährigen Krieg beendete. Sie prägten die politische Vorstellungswelt bis ins späte 20. Jahrhundert und bestehen trotz grenzüberschreitender globaler und planetarischer Systeme bis heute fort. Zu diesen Normen gehört die Annahme, dass Souveränität in einheitlichen, abgegrenzten und sich gegenseitig ausschließenden Territorien verankert sein muss, die von Staaten verwaltet werden. Diese Annahmen beziehen sich zwar auf eine Ordnung , die in der Realität nie ausnahmslos existiert hat. Aber sie haben durch ihren Einfluss auf grundlegende Fragen – von Raum, Politik, Territorium, Mobilität und Zugehörigkeit – die Welt, die wir geerbt haben, geprägt.
unbeabsichtigter Ausdruck moderner Souveränität
Zugegeben: Angesichts einer Gemäldeserie, die so offensichtlich durch die Jahrhunderte bestehende Dankbarkeit gegenüber dem heiligen Antonius für den Frieden zum Ausdruck bringt, könnte man meinen, ich projizierte etwas in diese Bilder hinein, was nicht wirklich vorhanden ist, wenn ich behaupte, sie seien auch ein Ausdruck moderner Souveränität. Tatsächlich glaube ich nicht, dass die Künstler Souveränität darstellen wollten. Im Kontext der Votivgaben ist die beabsichtigte Wirkung, die Kirche als gesegneten Zufluchtsort vor einer gefährlichen und sich wandelnden Welt darzustellen. Dass diese Gemälde auch Annahmen über Souveränität ausdrücken, macht sie gerade deshalb so interessant – nicht nur als ästhetisches oder historisches Objekt, sondern auch als Gegenstand einer christlich-sozialethischen Fragestellung für die Gegenwart. Als unbeabsichtigter Ausdruck westfälischer Souveränität erfasst diese Serie Annahmen darüber, was Politik ist, wo sie stattfindet und wer daran teilhaben darf.
Wie wird Souveränität „sichtbar“? In jedem Gemälde der Partenkirchen-Serie manifestiert sich der visuelle Ausdruck von Souveränität auf zweierlei Weise: durch die Bildkomposition und durch den Kontrast. Die Bildkomposition platziert die Kirche (sowohl das Gebäude selbst als auch die Figur des heiligen Antonius) oben und im Zentrum, während die Armeen, die Stifter und die Gläubigen unten und seitlich angeordnet sind. Es entsteht der Eindruck, dass die Kirche ein Zufluchtsort vor dem Wüten der modernen Politik und ihren Verwüstungen ist. Der Kontrast wiederum besteht zwischen Stillstand und Bewegung. Indem die Armeen als dynamisch und die Kirche sowie die umgebende Landschaft als statisch dargestellt werden, offenbaren die drei Gemälde Annahmen über die Unterscheidung zwischen denjenigen, die Akteure der Politik sind, und denjenigen, die ihr als Objekte unterliegen.
Kirche – an den Grenzen der Politik
Die Stellung der Kirche im Verhältnis zu den politischen Akteuren (in Gestalt der Armeen) spiegelt die normative Haltung der modernen Souveränität gegenüber dem Glauben wider, die von Idealisierung und Ausgrenzung gleichermaßen geprägt war. Die Kirche stand jedoch nicht wirklich außerhalb der Politik, sondern wurde vielmehr innerhalb der modernen Souveränität an deren Grenzen verdrängt – zugleich innerhalb und außerhalb. Insofern zeichnet sich die Partenkirchen-Reihe durch die ironische Besonderheit aus, Ausdruck von Souveränität aus einer bestimmten Perspektive – eben jener der Kirche – zu sein, die von den Normen der Souveränität konstitutiv ausgeschlossen wurde. Genauer gesagt handelt es sich nicht so sehr um die Perspektive der Kirche (im Sinne der Lehre oder der kirchlichen Autorität) selbst, sondern vielmehr um die von gläubigen Menschen, die der Kirche in ihrem Verständnis von Welt und Politik einen bestimmten Platz zuweisen.
Frömmigkeit als grenzüberschreitende Tugend
Diese Behauptung hebt zum einen die Frömmigkeit als grenzüberschreitende Tugend hervor – nicht nur im Sinne territorialer Grenzen, sondern der Grenzen des Politischen selbst. Aus meiner Sicht impliziert folgt aus solcher Frömmigkeit zugleich die Bereitschaft, sich ernsthaft mit den Problemen der Gegenwart auseinanderzusetzen, ohne sich jedoch jemals vollständig von der Politik vereinnahmen zu lassen. Zum anderen wird deutlich, dass diese Gemälde mehr als nur eine historische Resonanz haben. Denn die in diesen Gemälden zum Ausdruck kommenden Souveränitätsvorstellungen besitzen trotz der grenzüberschreitenden Systeme der Globalisierung weiterhin Gültigkeit. Und da grenzüberschreitende Kriege und Geopolitik weiterhin präsent sind, kann eine zeitgenössische Resonanz die Kirche als einen Akteur aufrufen, der Ressourcen des Pazifismus ins Spiel bringt und im Spiel hält, gerade dann, wenn die politische Lage diese Option als als illusorisch zu verwerfen scheint.
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Slater, Gary, geboren 1983, DPhil, MTh, studierte philosophische Theologie an der Universität Oxford. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Christliche Sozialwissenschaften der Universität Münster und Herausgeber des American Journal of Theology and Philosophy. Er leitet ein DFG-Projekt mit dem Titel Borders: Religious, Political, and Planetary.
[1] Vgl. zu den Gemälden die verfügbaren Daten im Bildarchiv der Bayerischen Staatsbibliothek unter Partenkirchen, Wallfahrtskirche St.Anton | bavarikon.


