Der Friedensforscher Maximilian Lakitsch argumentiert in diesem Beitrag, dass es für nachhaltige Friedensmissionen notwendig ist, sich ganz auf die Realitäten vor Ort – die menschlichen wie die nicht-menschlichen – einzulassen.
Die russische Armee überfällt die Ukraine, die Hamas verübt ein Massaker in Israel, die israelische Regierung zerstört Gaza, beschießt Iran, den Libanon, Qatar, die USA überfallen Venezuela und kidnappen dessen Staatsoberhaupt und drohen dem iranischen Regime mit militärischer Intervention – Fragen der Ethik und der Gerechtigkeit außen vor gelassen: Machtpolitik und robuste, militärische Handlungen dominieren die internationale Politik. So erscheint die Thematik des Friedens gegenwärtig obsolet, absurd oder gar naiv. Nichtsdestotrotz finden weiterhin die internationalen Friedensmissionen der Vereinten Nationen und anderer Organisationen wie der OSZE oder der Afrikanischen Union statt, nach wie vor mit zweifelhafter Wirksamkeit. So wurde etwa die jahrelange UN-Mission in Mali (MINUSMA) erst 2023 von der malischen Regierung aufgrund fraglicher Relevanz aufgekündigt; MONUSCO in der Demokratischen Republik Kongo könnte ein ähnliches Schicksal drohen.
Hieraus ergibt sich eine ganz grundlegende Legitimationsproblematik für Frieden als Faktor in der internationalen Politik: Wenn Frieden selbst in Zeiten, in denen dieser international gewünscht ist, nicht realisierbar ist, warum diesen dann nicht mit Macht- und Herrschaftspolitik ersetzen, um den politischen Alltag unverblümt mit robuster Hand zu gestalten? Die Forderung nach Frieden hängt also zuallererst an dessen Bedingungen der Möglichkeit. Während Machtpolitik und Gewalt wie das Andere von Frieden erscheinen mögen, so sind diese Pole bei einer näheren konzeptuellen Ergründung im Innersten miteinander verwoben; an einer Schnittstelle, an der christliches und modernes Denken die intellektuellen Fundamente Europas und der internationalen Staatengemeinschaft grundgelegt haben. Will man die Möglichkeiten realistischer Friedensförderung erörtern, so muss man sich diesen konzeptuellen Grundproblemen stellen.
Die inhärente Gewalt des Friedens im Geiste des Hl. Augustinus
Die in den Vereinten Nationen dominante Konzeption von Frieden ist tief in der europäischen intellektuellen Tradition verwurzelt. Eine ihrer frühen konstituierenden Formulierungen findet sich in De Civitate Dei des Hl. Augustinus. Darin beschreibt dieser Frieden und Gewalt als zwei Gegensätze. Frieden ist das Ergebnis einer gerechten und harmonischen Ordnung. Ihr Gegenteil ist ein Zustand der Unordnung, der dadurch gekennzeichnet ist, dass Menschen versuchen, andere zu beherrschen, und damit verbundene Gewalttaten begehen: Frieden ist das Gegenteil von Gewalt, was beide Elemente ex negativo aneinander bindet. Während der Zustand der Gewalt die zerbrochene Ordnung der irdischen Schöpfung repräsentiert, wird Frieden als eine Art weltliche Manifestation des Paradieses beschrieben.
Auf dieser Grundlage wird die Schaffung von Frieden durch die Beseitigung von Gewalt gleichgesetzt mit einem Werk der Erlösung – und damit werden jegliche Mittel zur Durchsetzung des Zwecks gerechtfertigt. Dieses Narrativ stellt die Schaffung starker zentraler Herrschaftssysteme durch die absolutistischen Reichen Europas in den Kontext einer säkularen Heilsgeschichte des Friedens. Der Leviathan von Thomas Hobbes ist mehr oder weniger eine schnörkellose Artikulation dieser Idee, rohe Gewalt zu konzentrieren, um physische Gewalt zu vermeiden und damit Frieden zu erhalten. Damit lieferte Hobbes die theoretischen Grundlagen der Verschränkung des Ideals individueller Freiheit mit dem Gedanken starker politischer Autoritäten über den Umweg des Elements der Legitimität, wie von Jean-Jacques Rousseau und John Locke weitergedacht. Dementsprechend sind legitime Autoritäten starke Autoritäten, die über die Mittel verfügen, gewaltsam gegen Gewalt auf einem großen Gebiet vorzugehen. Im Wesentlichen bedeutet die Wahrung des Friedens in der europäischen christlichen intellektuellen Tradition die Verhinderung von Gewalt durch die institutionelle Konzentration von Macht (und Gewalt), bis hin zu liberalen Regierungsinstitutionen.
Frieden um jeden Preis
Ontologisch drückt sich dieser Gewaltzusammenhang im Substanzendualismus von Descartes aus, dessen von seinen empirischen Fesseln befreites Subjekt Wirklichkeit als solche zu denken beansprucht (– und somit Universalismus epistemologisch grundlegt). Damit unterwirft das vermeintlich unabhängige Subjekt jedoch die menschliche und nicht-menschliche Welt gemäß seinen positional geprägten (eurozentrischen, kapitalistischen, männlichen etc.) Vorstellungen und ordnet sowohl Mensch und Natur einem willkürlich definierten Zweck unter – Aufklärung und Moderne sind in ihrem Innersten mit Kolonialismus und der Unterwerfung wie Ausbeutung nicht-menschlicher Lebensrealitäten verbunden. Das macht das Kantische sapere aude zum Kampfaufruf der epistemischen und physischen Neuordnung und Unterwerfung der Welt.
den tatsächlich gelebten Realitäten der ursprünglichen Bewohner*innen dieser Orte Aufmerksamkeit geben
Entsprechend hallt auch das Augustinische compelle intrare in den kolonialen und imperialistischen Abenteuern europäischer Mächte nach, die ihre herrschaftlichen Ambitionen unter dem zynischen Deckmantel einer mission civilisatrice verbergen. In dieser Tradition ist auch das Konzept des liberalen Friedens verortet, das die internationale Friedenspraxis seit dem Ende des Kalten Krieges dominiert. Jenes sieht den Aufbau starker staatlicher Institutionen im Geiste politischer und wirtschaftlicher Freiheiten zum Zwecke der Friedensschaffung vor. Diese Interventionen sollen lokale (vermeintlich toxische) Lebensrealitäten mit einer neuen Friedensrealität überschreiben, deren virtuelle Realität jedoch wenig mit den tatsächlich gelebten Realitäten der ursprünglichen Bewohner*innen dieser Orte gemein hat. Das Schicksal dieser neu geschaffenen virtuellen, liberalen Staaten liegt oftmals in der Bedeutungslosigkeit, wenn nicht kriminelle Netzwerke sich diese aneignen und entlang ihrer eigenen Zwecke reartikulieren. So blieben die meisten der internationalen Friedensmissionen nach dem Ende des Kalten Krieges, als man dachte, gemeinsam könne man Weltfrieden bewirken, von zweifelhaftem Erfolg: von Kambodscha und Salvador 1989 über Ruanda, Somalia, Bosnien, Kosovo, Osttimor, Sierra Leone, Irak, Afghanistan oder schließlich Mali oder die Demokratische Republik Kongo.
Frieden entlang der gelebten Alltagsrealitäten
Ein Frieden, der von tatsächlicher Relevanz sein will, muss die herrschaftlichen Ansprüche des modernen Subjekts hinter sich lassen und von den bei Augustinus grundgelegten säkularen Erlösungsfantasien ablassen. Nur so ist vermeidbar, dass Menschen in (Nach-)Kriegsgebieten im Namen des internationalen Friedens und der Sicherheit einer utopischen Weltvorstellung unterworfen werden. Diese Position hallt auch im positiven Friedensbegriff von Johan Galtung als einem Ort jenseits jeglicher geistiger und körperlicher Einschränkungen nach.
Arten des Wissens, Kosmologien, Bedürfnisse und Formen der Kohabitation mit den mehr-als-menschlichen Gefährten ernstnehmen
Stattdessen müssen sich Friedensmaßnahmen auf die tatsächlichen gelebten Realitäten derjenigen Menschen einlassen, welche die Orte bewohnen, in denen Friedensinterventionen stattfinden; müssen deren Arten des Wissens, Kosmologien, Bedürfnisse und Formen der Kohabitation mit ihren mehr-als-menschlichen Gefährten ernstnehmen. Entsprechende Formen der Gemeinschaft mit Erdboden, Bäumen, Flüssen, Seen, Bergen oder Gletschern sind oftmals auch religiös konnotiert und drücken die Anerkennung einer Gemeinschaft auf Augenhöhe spirituell oder sakral aus. Schließlich entlarven diese mehr-als-menschlichen integralen Formen des Zusammenlebens eine Natur-Kultur-Dichotomie als modernistische Engführung. So sind Friedensakteur*innen angehalten, Wege zu lokalen Akteur*innen und ihren Formen des Wissens zu finden und diese in aller Bescheidenheit zu verstehen. Der Weg zum Frieden führt also immer über das Sprechen und Hören von menschlichen-nicht-menschlichen Subalternen, um Gayatri Spivak zu paraphrasieren.
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Maximilian Lakitsch ist Senior Scientist am Fachbereich Global Governance des Instituts für Rechtswissenschaftliche Grundlagen an der Universität Graz. Er forscht und lehrt im Bereich Friedensforschung und Internationale Beziehungen. Sein Schwerpunkt liegt auf kritischen und dekolonialen Perspektiven zu internationalen Friedensinterventionen sowie dem Mitdenken von Umwelt- und Klimaaspekten in der Friedenspraxis. Sein Regionalschwerpunkt ist der östliche Mittelmeerraum, im Besonderen Syrien, Libanon und Israel-Palästina.

