Christian Geyer spannt mit dem Prinzip der Natalität von Hannah Arendt den Bogen von Weihnachten in das neue Jahr und setzt mit dem Durchhalten des Kindes einen Gegenakzent zu den vermeintlichen Heroen der Gegenwart.
Hannah Arendts Begriff der Natalität beschreibt die Fähigkeit des Menschen, etwas Neues zu beginnen. Nicht der Tod, sondern die Geburt sei, so Arendt, die eigentlich politische und existentielle Grundkategorie. Mit jedem neugeborenen Menschen tritt etwas Unvorhersehbares in die Welt. Natalität widerspricht der Annahme, Geschichte sei ein geschlossener Kreislauf. Sie setzt dem Eindruck des Immergleichen die Möglichkeit entgegen, dass etwas geschieht, das nicht restlos aus dem Vorhergehenden erklärbar ist.
Doch diese Hoffnung hat ein wackeliges Fundament. Die Erfahrung lehrt, dass sich vieles wiederholt: der Alltag sowieso, aber auch meine Ängste, die Erfahrungen von Macht und Gewalt, mein unruhiges Suchen. Es gibt gute Gründe, dem Versprechen des Neuen zu misstrauen. Ein Satz aus dem Alten Testament bringt diese Skepsis auf den Punkt: „Es gibt nichts Neues unter der Sonne“ (Koh 1,9). In ihm verdichtet sich die nüchterne und ernüchternde Einsicht, dass menschliches Denken und Handeln selten aus dem Kreis des Gewohnten ausbricht. Vielleicht hat die Sonne schon alles gesehen. Vielleicht ist alles Wiederholung. Geschieht nicht gerade im Gewohnten, was keiner erwartet?
Geburt als extrem gefährdeter Anfang
Vor diesem Hintergrund gewinnt die weihnachtliche Erzählung ihre eigentümliche Pointe. Mit der Geburt des Kindes im Stall wird kein triumphaler Neubeginn behauptet, sondern ein extrem gefährdeter Anfang erzählt. Gott beginnt mitten in der Geschichte neu. Geburt und Verletzlichkeit werden geteilt. Das Neue ereignet sich in der Welt, die die Wiederholung mehr liebt als die Veränderung. Damit radikalisiert das Geschehen in der Krippe den Natalitätsgedanken von Hannah Arendt, ohne ihn zu idealisieren. Das Neue tritt nicht gegen die Erfahrung der Wiederholung an. Es setzt ihr etwas entgegen, das unscheinbar daherkommt. Literarisch betrachtet ist die Weihnachtsgeschichte eine Gegenerzählung zu allen Helden-Epen. Der Anfang geschieht im Modus des Noch-nicht und kann leicht übersehen oder vereinnahmt werden.
Ein Blick in die klassischen Heldengeschichten zeigt, dass das Durchhalten immer Standhaftigkeit, Stärke und Selbstüberwindung meint. Der Held hält stand, indem er sich zusammenreißt, Widerstände überwindet, nicht nachgibt. Dieses Ideal prägt politische Narrative ebenso wie persönliche Lebensgeschichten. Doch es hat einen Preis. Ein solches Durchhalten kostet Kraft, oft auch Lebendigkeit. Wenn ich nicht aufpasse, kann es mich verhärten, abstumpfen und einsam machen. Nicht selten wird Durchhalten zu einer moralischen Pflicht erklärt, die wenig Raum für Freiheit lässt.
Die Krippe stellt diesem heroischen Konzept eine andere Form des Durchhaltens entgegen. Das Kind hält nicht durch, weil es stark ist, sondern indem es zunächst ein gewöhnliches Leben lebt. Das Durchhalten des Mannes auf Golgatha ist eine Zumutung: Wer riskiert das eigene Leben für die Liebe? Der Neuanfang Gottes setzt weder am Weihnachts- noch am Ostermorgen auf die Ausdauer eines Helden, vielmehr auf Beziehung.
Will ich dieses radikale Eingreifen Gottes?
Feiern wir nicht insgeheim noch viel zu oft die bloße Standhaftigkeit des Einzelnen, als ließe sich Erlösung mit Zähnezusammenbeißen erreichen? Zähne, die man zusammenbeißt, können nicht vor Angst und Schrecken klappern. Wo aber das Zähneklappern aufhört, bricht die Verbindung zu denen ab, die wie die Hirten auf dem Felde nahe der Krippe den Engelchor hörten, der für sie sang: „Fürchte dich nicht.“
Ich muss gestehen: Mich ergreift die Furcht der Hirten zu Weihnachten nicht und auch die Vorstellung vom Weltende löst keinen Schrecken bei mir aus. Wenn in der Offenbarung des Johannes „Gott sagt: Siehe, ich mache alles neu.“, dann klingt diese Stimme und dieser Satz so vertraut, dass mir die sieben Posaunen, der Kampf des Erzengels Michael mit dem Drachen und die sieben Plagen eher wie ein Science-Fiction-Film vorkommen. So sehr mich auch die Darstellung des Jüngsten Gerichts in der Sixtinischen Kapelle künstlerisch beeindruckt hat, so wenig kann ich Michelangelos existentielle Angst teilen. Ich lasse mich stattdessen gerne von der Hoffnung trösten, dass der „neue Himmel und die neue Erde“ ohne Leid und Gewalt, ohne Schmerz und Tod sein werden. Aber will ich dieses radikale und finale Eingreifen Gottes überhaupt er-hoffen? Was wäre mein Leben ohne die schmerzhaften Erfahrungen? Eine rhetorische Frage. Es wäre nicht mein Leben. Wenn es also nach mir ginge, kann das Reich Gottes noch auf sich warten lassen.
Miteinander im Unfertigen ausharren
Die weihnachtliche Perspektive verändert die Lesart des Satzes aus der Offenbarung. Das Neue erscheint im Licht der Krippe weniger als eine Korrektur am Ende der Zeiten. Dieser Satz transportiert vielmehr eine Zusage an jene, die miteinander im Unfertigen ausharren, und er stellt die infrage, die sich in ihrem Alltag stabil eingerichtet haben. Zwischen Geburt und Vollendung ist Zeit. Zeit, das eigene Leben zu leben. Zeit für das Alltägliche und das Neue. Für das Erdulden und den Anfang. Und wenn es am Ende so scheint, als hätte der Tod das letzte Wort, geschieht hoffentlich ein Neubeginn, der alle Gewohnheit durchbricht.
In ihrem Buch Vita activa deutet Hannah Arendt die Natalität „als würde in jedem Menschen noch einmal der Schöpfungsakt Gottes wiederholt und bestätigt.“ Wenn jede Geburt eines Menschen den Schöpfergott auf den Plan ruft, dann müsste die Mortalität des Menschen so gelesen werden, dass mit jedem Lebensende die Welt vollendet wird. Dann wäre es so, als würde mit jedem Ableben eines Menschen der kosmische Vollendungsakt Gottes wiederholt und bestätigt. Das schlechthin Neue wäre dann immer schon da, stünde aber für die Lebenden noch aus. Der Tod ist zwar unausweichlich, aber wenn es so käme, wäre es nur mein Finale und hoffentlich nicht zugleich das meiner Kinder.
Das wirklich Neue zulassen
Alles neu? Unter einer Sonne, die schon alles gesehen hat, kann zwar aus mir heraus nichts spektakulär und radikal Neues entstehen, aber ich kann eine Lebensweise einüben, die die Langeweile des Alltags aushält, ohne sich mit ihr abzufinden, und die Veränderung wagt, ohne dass ich mich selbst überfordere. Die weihnachtliche Natalität erinnert daran, dass ich das wirklich Neue zulassen muss. Vielleicht beginnt dann ein anderes Durchhalten. Eines, das meinen Wurzeln Auftrieb gibt und meinen Flügeln Bodenhaftung. Was passiert eigentlich, wenn es nicht so kommt? Dann würde wohl alles beim Alten bleiben.
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