Welche Bedeutung haben Bäume und Pflanzen in der Welt und für die Religion? Simon Wiesgickl beschäftigt sich intensiv mit einem neuen Mensch-Natur-Verhältnis und lässt sich dafür auch in Indien inspirieren.
Als Kind bin ich gerne auf Bäume geklettert. Als Student und junger Erwachsener habe ich für Bäume und ihren Erhalt demonstriert. In den letzten Jahren ist ein wissenschaftliches Interesse hinzugekommen. Im Rahmen einer religionswissenschaftlichen Habilitation beschäftige ich mich mit den Beziehungen von Bäumen und Menschen. Dazu war ich in vielen Ausstellungen und Museen und habe eine Unzahl an Büchern und wissenschaftlichen Artikeln gelesen. Vor allem aber habe ich eine Reise nach Sikkim, Nordostindien durchgeführt und habe mich dort von indischen Soziolog:innen und Anthropolog:innen auf die Spur des Verhältnisses von heiligen Bäumen und indigenen Gemeinschaften begeben. Ich habe viel über eine indigene, aber auch die westliche Vorstellung von Bäumen gelernt. Als eine wissenschaftliche Kernfrage hat sich herauskristallisiert, inwieweit Bäume Akteur:innen innerhalb der Geschichte sind und wie eine Religion der Bäume aussehen könnte.
Warum Sikkim (Indien)?
Sikkim ist einer der kleinsten Bundesstaaten Indiens. Und dennoch können zahlreiche Besonderheiten im Zusammenhang mit Sikkim genannt werden: In Sikkim sind viele der ethnischen Minderheiten mit ihrer eigenen Sprache offiziell anerkannt und werden im Rahmen der positiven Diskriminierung (affirmative action) besonders gefördert. Der soziale Zusammenhalt und die hohe Lebensqualität in Sikkim lassen sich auch an der geringsten Kriminalitätsrate und dem Ruf als sicherster und sauberster Staat Indiens festmachen. Auch geographisch sticht Sikkim heraus, denn es umfasst fünf klimatische Zonen und erstreckt sich trotz der beschränkten Größe von nur 114 Kilometern von 300 Metern an der niedrigsten Stelle bis hinauf auf 8598 Metern. Dies unterstreicht die besondere Bedeutung seiner Ökosysteme.
Der langjährige Ministerpräsident (1994-2019) Pawan Chamling ist für seine konsequente ökologische Politik bekannt. Dies drückt sich in dem Leitspruch Ko Dhan, Hariyo Ban („Sikkims Reichtum sind seine grünen Wälder“) und vielfältigen Maßnahmen aus. So wurden in einem ersten Programm ab Mitte der 1990er Jahre kostenlose Setzlinge verteilt und 1998 das Verbot des Viehweidens in geschützten Gebieten bekanntgegeben. Außerdem kam es zum weltweit wahrgenommenen Verbot von Plastiktüten und der Ausweisung von heiligen Orten und religiösen Naturdenkmälern.
Wälder schützen, Plastiktüten verbieten
Einen besonderen Fokus der Aktivitäten bildeten jedoch stets die Bäume. Dies zeigt sich an verschiedenen Programmen zur Aufforstung und der Schaffung von sozialen Praktiken des Baum-Pflanzens. Im Jahr 2016 wurde zudem eine Liste mit 21 Bäumen veröffentlicht, die zum kulturellen Erbe Sikkims gezählt werden. Eine weitere Initiative ist das sogenannte Smriti Van Programm. Hinter diesem Namen verbirgt sich die Praxis, für einen Verstorbenen einen Baum zu pflanzen und damit gleichermaßen die Welt der Lebenden, der Verstorbenen, als auch der lokalen Schutzgeister zu würdigen. Die enge Verbindung zwischen Menschen und der nicht-menschlichen Gemeinschaft kommt in dieser Initiative beispielhaft zum Ausdruck. Doch wie lassen sich diese Praktiken und die religiöse Prägung, die darin zum Ausdruck kommt, religionswissenschaftlich beschreiben?
Haben Bäume eine Seele?
Innerhalb der religionswissenschaftlichen Theoriebildung ist der Begriff des Animismus, der im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts einflussreich war, verschwunden. Seine kolonialen Vorannahmen und die Abgrenzung, die mit der Bezeichnung einhergingen, erscheinen nicht mehr zeitgemäß. Doch sind die Phänomene einer intensiven Beziehung und religiöser Praktiken, die Bäume und Menschen umfassen, dadurch nicht verschwunden. Im Gegenteil. Seit einigen Jahrzehnten gibt es ein zunehmendes Interesse an Pflanzen. Bäume sind die Helden von Sachbüchern, Ausstellungen oder Kinofilmen.
Bäume als Helden in Buch und Kino
Auch innerhalb der Religionswissenschaft ist der Animismus nun als zeitgemäßere Forschungsrichtung des sogenannten New Animism wieder heimisch geworden. Dabei untersuchen Wissenschaftler:innen Weltsichten, die davon ausgehen, dass die ganze Erde belebt ist, und menschliche Personen nur einen Teil dieses großen Beziehungsgeflechts ausmachen. Der weitaus größere Teil besteht aus Bergen, Flüssen, Wäldern, Bäumen, Geistern und vielen mehr. Eine Perspektive, die uns gar nicht so fremd ist. In Literatur, Kunst und Kultur finden sich zahlreiche Beispiele, die Bäumen eine Stimme verleihen, Tiere als Gefährt:innen darstellen und den Menschen als Teil einer verflochtenen Gemeinschaft sehen. Was also können wir von Bäumen lernen?
Bäume als Lehrmeister
Die Schriftstellerin und Theologin Dorothee Sölle formulierte die religiöse und ethische Pointe im Blick auf Bäume als Lehrmeister bereits in den 1970er Jahren:
„Vom baum lernen
der jeden tag neu
sommers und winters
nichts erklärt
niemanden überzeugt
nichts herstellt
Einmal werden die bäume lehrer sein
das wasser wird trinkbar
und das lob so leise
wie der wind an einem septembermorgen“[1]
Diese Hoffnung hat auch in unserer Zeit nichts von ihrer Macht eingebüßt. Im Gegenteil. Gerade die heutigen chaotischen und unsicheren Zeiten wecken bei vielen Menschen die Sehnsucht danach, im Sturm der wechselnden Ereignisse feste Wurzeln zu entwickeln und Bedrohungen standhalten zu können. Nicht umsonst ist das Motiv des windgebeugten Baums, der standhaft dem Weltenlauf trotzt, ein besonders beliebtes. Wenn wir der Macht des Dunklen und der Gewalten entgegentreten wollen, dann können Bäume uns darin Lehrer:innen sein, wie wir mit anderen verbunden und dennoch frei und solidarisch leben können. Wenn Bäume eine Seele und einen Charakter haben, dann stellen wir sie uns als resilient und weise vor.
Mit Bäumen denken: Auf der Suche nach einer neuen Mensch-Natur Beziehung
Der indische Subkontinent eignet sich als Vorbild für die vielfältigen Vorstellungen von Bäumen und anderen Elementen der Landschaft als Teil der Geschichte. Dabei beschränkt sich diese Konzeption nicht nur auf die sogenannten indigenen Gemeinschaften, die häufig lange in und mit den Wäldern gelebt haben, sondern begegnet einem auch in den religiösen Traditionen des Hinduismus. Die religiöse Landschaft Indiens ist unvorstellbar ohne die reichhaltigen und komplexen Beziehungen zu Bäumen und anderen nicht-menschlichen Elementen. Es gibt tausende von heiligen Bäumen, die geschmückt und angebetet werden. Manche fungieren als Beschützer einer Siedlung oder werden als Wunschbäume verehrt. Wiederum andere dienen als Heimstatt von devas (Göttern), yakshas (Naturgeistern) und rakshasas (Dämonen) oder sind wichtige Akteure in religiösen Ritualen.
Das Christentum hat animistische Praktiken lange bekämft
Christliche Theologie hat sich häufig von diesen Vorstellungen abgewandt. Viele Missionar:innen innerhalb der Geschichte des indischen Christentums haben gefordert, dass eine Hinwendung zum Christentum auch mit einer Abkehr von solchen als „animistisch“ gekennzeichneten Praktiken einhergeht. In den letzten Jahrzehnten hat jedoch ein Umdenken eingesetzt und viele Christ:innen besinnen sich stolz auf ihre indigene Kultur und Identität. Auch innerhalb der Anthropologie und der Kulturwissenschaften hat es einen Wandel gegeben. Praktiken, die Elementen der Natur einen Personenstatus einräumen und ihnen intrinsischen Wert zusprechen, werden nicht länger als erklärungsbedürftig und mit einem sogenannten rationalen Weltbild unvereinbar angesehen.
Weil wir wissen, wie wichtig Bäume für uns sind
Menschen können eine intensive Beziehung zu einem Baum haben, diesen als eine gleichwertige Person akzeptieren und gleichzeitig mit ihrem Handy ein Bild davon posten. Erklärungsbedürftig wird in der wissenschaftlichen Reflexion dann eher das westliche Verständnis: Wie kann es sein, dass wir auf der einen Seite genau wissen, wie wichtig Bäume für uns sind, vielleicht sogar in angestrengten Minuten in den Wald gehen, um runterzukommen und gleichzeitig mit einem Schulterzucken politische Entscheidungen zulassen, die uralte Bäume zerstören. Könnte es sein, dass im Angesicht der Klimakatastrophe neue Beziehungsmuster notwendig werden?
[1] Sölle, Dorothee, Fliegen lernen. Gedichte, Berlin 1979, 4.
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Bild: Simon Wiesgickl


