Vor 100 Jahren beginnt Olivier Messiaen (1908-1992) mit dem Material für „Le Banquet céleste“. Norbert Hoppermann geht am Fronleichnamsfest dem besonderen Zugang zum Geheimnis der Eucharistie in Werk und Biografie des Komponisten nach.
Beginn eines Stücks
Ein Streicherteppich. Akkordflächen. Immer wieder. Dann eine Skala. Der Komponist wünscht sie „staccato bref, à la goutte d’eau“ – „kurz getupft, wie das Tropfen von Wasser“. So beginnt „Le Banquet céleste“, das erste gedruckte Orgelwerk Olivier Messiaens.
1926 ist Olivier 18 Jahre alt und studiert seit sieben Jahren am Conservatoire de Paris. Für die Kompositionsklasse bei Paul Dukas hat er sich ein Orchesterstück vorgenommen. „Le Banquet eucharistique“ soll es heißen. Doch es gelingt nicht: „Es war ein sehr langes Werk, weder sehr gut instrumentiert noch sehr gut aufgebaut.“[1] – „Ich habe [es] dann schwülstig gefunden, also nicht gut.“[2] Stattdessen greift er einige Motive heraus und entwickelt daraus eine Orgelfassung, die 1928 gedruckt wird. Es ist die Zeit, in der Marcel Dupré (1886-1971) Leiter der Orgelklasse am Conservatoire de Paris wird.
Durchkomposition
eines Gedankens
„Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm“ (Joh 6,56) – Messiaens Partituren sind voller Schriftzitate, verbalisierter Klangvorstellungen und Auszüge poetischer Frömmigkeitsliteratur. Sie präzisieren, was das konventionelle musikalische Vokabular nicht hergibt. Manches in seinen Werken soll eben nicht nur „leise“ oder „geheimnisvoll“ klingen, sondern im „timbre de clavecin mêlé du gong“[3] oder „mit großem Mitleid und großer Liebe“[4]. Diese Art der Durchkomposition eines Gedankens gelingt ihm in besonderer Weise, wenn es um die Betrachtung der Eucharistie geht – nicht in den Momenten aktiven liturgischen Dialogs, sondern im Moment der stillen Kommunion und der Anbetung. Seine Musik ist wie das Kirchengebäude ein Resonanzraum, in dem das Heilige schwingt oder gebrochen wird wie das Sonnenlicht in den Fenstern der Sainte-Chapelle. Das kreisende, unmerklich seine Form und Dauer variierende Motiv der Streicher im Hintergrund bildet die Grundlage. Ewigkeit erscheint hier alles andere als statisch, sie atmet und kennt Wechsel zwischen Dichte und Entspannung. So ist sie unendlich, aber nicht gleichförmig. Die Skala des Wassers verhält sich zu ihr, geht aber nicht in ihr auf. Wie auf einer Fensterscheibe bleiben die Tropfen sichtbar, während das Licht hindurchscheint. Betrachtung ist Eintauchen in tiefere Schichten.
Wurzeln
Der lange Traum der Natur schläft unbeständig in meiner Stille.
Das Wiegen und das harmonische Flüstern der unermesslichen Welt.
Welt der unwägbaren Luft, du, die blass und blau ist
Mit den tief eingeschnittenen Hügelketten
Wo die Farne, die Vögel, der Mensch, die Gewässer
zwischen ihnen schlafen.[5]
Poesie ist Messiaen in die Wiege gelegt. Seine Mutter, Cécile Sauvage, veröffentlicht im Alter von 20 Jahren ihr erstes Gedicht „Les trois muses“ („Die drei Musen“) und verliebt sich nebenbei in Pierre Messiaen, den Herausgeber – 1908 wird Olivier geboren. Die Shakespeare-Übersetzungen seines Vaters und die Gedichte seiner Mutter prägen den Jungen tief. Die Verbindung zwischen Mutter und Sohn ist symbiotisch. Schon während der Schwangerschaft schreibt sie dem Ungeborenen im Gedicht: „L’âme en bourgeon“:
„Er wurde geboren, ich verlor meinen jungen Viel-Geliebten.
Ich hielt ihn so fest in meiner Seele eingeschlossen,
er wohnte in meinem Schoß, er trank meine Zärtlichkeiten,
ich ließ ihn spielen und an meinen Zöpfen ziehen.
Mit wem werde ich jetzt in meinem Herzen sprechen?“[6]
Mutter und Sohn sind beieinander, als Vater und Großvater im Ersten Weltkrieg kämpfen. Über eine Zwischenstation im Departement Puy-de-Dôme finden die verbliebenen Familienmitglieder in den Voralpen ein Zuhause auf Zeit. Als ein „Klima von Poesie und Märchen“[7] bezeichnet Messiaen seine Kindertage in Grenoble.
Der Krieg findet ein Ende, der Vater kehrt zurück und 1919 zieht die Familie gemeinsam nach Paris. Olivier wird Schüler am Conservatoire. Die Musik, aber auch Museen, Theater und Kathedralen werden zu Kraftorten, an denen sein „goût pour le merveilleux“ (der „Geschmack am Wunderbaren“), der jeglicher religiöser Musikalität innewohnt, weiterwachsen kann.[8]
Geistliche Nahrung
Während Besucher:innen von Orgelkonzerten die Musik Messiaens noch immer unter „modern“ subsumieren, ist die Wahl seiner Inspirationsquellen alles andere als avantgardistisch: Thomas von Kempen, Thomas von Aquin und Dom Columba Marmion sind mit zahlreichen Zitaten innerhalb der gedruckten Partituren vertreten[9], sein Interesse an theologischer Literatur allgemein galt Personen wie Ernest Hello, Romano Guardini, Thomas Merton, Teilhard de Chardin, Henri Lubac und Hans Urs von Balthasar.[10] Im Fall von Marmion ist bekannt, dass Messiaens Beichtvater ihn mit den dessen Schriften in Kontakt brachte. Die Abwesenheit von Frauen in der Autorenliste fällt uns Heutigen ins Auge – es wäre spannend zu wissen, ob im Bücherregal in der Rue Marcadet gegenwärtig auch Bände von Raïssa Maritain, Gertrud von le Fort oder Elisabeth Langgässer stünden.
Persönliche Frömmigkeit
im Privaten
Sie alle stehen im gewissen Sinne in einem Verhältnis zur Bewegung des Renouveau catholique, der in der Folge der Trennung von Staat und Kirche nach religiöser Erneuerung strebt, allerdings zuweilen – man denke an Bernanos‘ „Tagebuch eines Landpfarrers“ – in eine reine Binnenwelt abzurutschen droht. Für Messiaen und die meisten Pariser Titularorganist:innen scheint mir dies nicht zuzutreffen. Persönliche Frömmigkeit fließt zwar in die Arbeit ein, bleibt aber eher privat. Als Konzertierende, Lehrende und Komponierende entwickeln sie sich ohnehin eher außerhalb der Kirchen. Im frühen 20. Jahrhundert ist vieles interessant: Die Erweiterung der Tonalität, multiethnische Rhythmen und Skalen, Naturklänge. Es kommt zu einer enormen Verbreiterung der Ausdrucksmöglichkeiten über die Grenzen verschiedener soziokultureller Milieus hinaus. Auf vielfache Weise lässt Messiaen sich inspirieren und nimmt dies in seine religiöse Entwicklung mit hinein. Ihn interessiert das Mysterium, die Herrlichkeit, und die im Musizierenden und Hörenden aufsteigenden Bilder und Gefühle. Dabei erinnert mich die Darstellung des Verborgenen und gleichzeitig die Verhüllung des Offensichtlichen an die spektakuläre Verhüllung des Reichstages 1995 in Berlin durch Christo und Jeanne-Claude – ein Spannungsfeld zwischen persönlicher Frömmigkeit, intellektueller Weltschau und dem Streben nach Transformation.
Interessanterweise sind sich die Stilmittel der Verhüllung und Messiaens Kompositionsstruktur im „Banquet céleste“ nicht unähnlich:
LE DIEU CACHÉ (DER VERBORGENE GOTT)
Meine Augen können den Glanz Deiner Herrlichkeit nicht ertragen.
Du bedenkst also meine Schwachheit,
indem du dich in den Schleier des Sakraments einhüllst.
Thomas von Kempen, De Imitatione Christi[11]
Spanne ich den Bogen vom Erstlings- zum Spätwerk, dem „Livre du Saint-Sacrement“, finde ich diesen Bogen durch weitere Bemerkungen in Konzeption und Notentext, die den Liturgiebegriff aus Sacrosanctum Concilium[12] in Hinblick auf „Höhepunkt“ und „Quelle“ deuten, bestätigt:
- In der Kontemplation wird der Durst nach Lebendigkeit spürbar.
- In der Schau der sakramentalen Gestalten spiegelt sich die Gebrochenheit der Welt.
- Die Würde der Betrachtenden erfährt Bestätigung, es geschieht Heilung.
- Die Vision der vollendeten Welt beinhaltet Freude, Extase und die Erfahrung ungeteilter Präsenz.
Viele Menschen, die die Musik Messiaens live erleben, erleben ein mystagogisches Momentum. Dies kann zu einem „Erfahren-Haben“ werden, wie es Karl Rahner definiert.[13]
Es lässt sich mit den nachösterlichen Erscheinungen vergleichen, die die Jüngerinnen und Jünger Jesu verändert haben. Diese Erfahrungen haben sie auf eine neue Art in den Alltag zurückbegleitet und zu vielen Arten konkreten Handelns ermutigt.
„Denn die kleinste Last unserer gegenwärtigen Not schafft uns über alle Maßen ein ewiges Gewicht an Herrlichkeit, uns, die wir nicht auf das Unsichtbare blicken; denn das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare ist ewig.“ (2 Kor 4, 17f.)
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Norbert Hoppermann ist Ausbildungsreferent im Bistum Limburg, Lektor für Kirchenmusik, Stimmbildung und Sprecherziehung an der PTH Sankt Georgen (Frankfurt) und Lehrbeauftragter für Liturgik an der Hochschule für Musik und Theater (Hamburg). Zuvor war er als Referatsleiter für Liturgie im Erzbistum Hamburg tätig.
Foto: Renate Schmidt, Hamburg
Titelbild: Kirche Sainte Trinité in Paris, an der O. Messiaen tätig war (PK 289 / Shutterstock)
[1] Brigitte Massin: Olivier Messiaen. Une poétique du merveilleux. Aix-en-Provence 1989, S.44f.
[2] Almut Rößler: Beiträge zur geistigen Welt Olivier Messiaens. Duisburg 1984, S.150
[3] “im Klang eines Cembalo, gefärbt wie ein Gong“ aus: Catalogue d’oiseaux. I/42, Nr. 6
[4] aus: „Les offrandes oubliées“. Orchesterstück, Paris 1930.
[5] aus: Cecile Sauvage (1883-1927): Le Vallon in: Mercure de France, Paris 1913.
[6] aus: Cecile Sauvage: L’âme en bourgeon. 1955 posthum veröffentlicht.
[7] Claude Samuel: Entretiens avec Olivier Messiaen. Paris 1986, S. 12.
[8] Aloyse Michaely: Die Musik Olivier Messiaens: Untersuchungen zum Gesamtschaffen. Hamburg 1987, S. 23.
[9] vgl. Elke Lindhorst: „Gedanken des Renouveau catholique bei Olivier Messiaen“ in: Olivier Messiaen und die „französische Tradition“, hrsg. von Stefan Keym und Peter Jost, Köln 2013, S. 71f.
[10] vgl. Dorothee Bauer: Olivier Messiaens Livre du Saint Sacrement. Mysterium eucharistischer Gegenwart: Dank-Freude-Herrlichkeit, Paderborn 2015, S. 43-50.
[11] Olivier Messiaen „Livre du Saint-Sacrement“ (III), Erstdruck Paris 1989.
[12] Konstitution über die Heilige Liturgie. Sacrosanctum Concilium. Rom 1963, Kap.10.
[13] Rahner, Karl: Frömmigkeit heute und morgen. In: Geist und Leben 39 (1966), S. 33.


