Michael Haspel zu 60 Jahre Chicago Freedom Movement und den Kampf der Civil Rights Bewegung gegen ökonomische Benachteiligung.
Vor 60 Jahren begann das Chicago Freedom Movement (CFM) und mit ihm die Operation Breadbasket (Aktion Brotkorb) in Chicago. Mit der Leitung dieses Programms wurde Jesse Jackson beauftragt, der nun am 17. Februar diesen Jahres gestorben ist. Nachdem 1964 der Civil Rights Act und 1965 der Voting Rights Act in Kraft getreten waren, wendete sich die Southern Christian Leadership Conference, deren Präsident Martin Luther King, Jr. war, den sozialen und ökonomischen Problemen in den Ghettos des Nordens zu. Als Testfall wurde Chicago ausgewählt.
Um den Rassismus zu überwinden, wollte King nach der rechtlichen Abschaffung der Segregation im Süden, die ökonomische und soziale Situation der Schwarzen in den Ghettos der großen Städte im Norden angehen. Denn nun hatten die Schwarzen zwar das Recht, in jeder Imbissbude und in jedem Restaurant bedient zu werden. Aber was nütze ihnen das, wenn sie nicht das Geld für einen Burger hätten, fragte King. Sein jüngerer Weggefährte, der spätere Kongressabgeordnete John Lewis, hat dies noch viel drastischer zum Ausdruck gebracht. Er sagte, wenn sie bei den ersten Sit-Ins in Restaurants in Nashville bedient worden wären, hätte er gar nicht das Geld gehabt, etwas zu bezahlen. Es ging also nicht mehr nur um die formale Gleichbehandlung, sondern um das Erreichen von gleichen Chancen auf Teilhabe.
… wenn sie bei den ersten Sit-Ins in Restaurants in Nashville bedient worden wären, hätte er gar nicht das Geld gehabt, etwas zu bezahlen.
Schon 1962 war die Operation Breadbasket zunächst im Süden gestartet, um neben der Verwirklichung der Bürgerrechte auch die sozialen und ökonomischen Bedingungen der Schwarzen, insbesondere durch Schaffung von Arbeitsplätzen, zu verbessern. Dabei wurde Läden und Kaufhäusern sowie Lebensmittel- und Konsumgüterproduzenten mit Boykott und Blockaden durch die Schwarzen Kunden gedroht, wenn diese Firmen keine fairen Anstellungsmöglichkeiten für Afro-Amerikaner:innen schafften.
In Chicago setzte der damals 24-jährige Theologiestudent Jesse Jackson das Programm mit großem Erfolg um. Es wurden zunächst fünf Unternehmen, die Milchprodukte herstellten, ins Visier genommen, danach die Abfüller von Pepsi und Coca Cola. Durch Verhandlungen und Boykotte gelang es Jackson allein in den ersten 15 Monaten über 2.000 neue Arbeitsplätze für Schwarze zu schaffen. Damit war die Operation Breadbasket der erfolgreichste Teil des CFM und Jesse Jackson rückte in den engsten Kreis um King auf. Jedoch wurde in Chicago deutlich, dass auch im Norden heftiger Widerstand geleistet wurde, sobald die faktische Segregation und das White Privilege in Frage gestellt wurden. Unter White Privilege versteht man die Vorteile, die Menschen haben, nur weil sie Weiß sind oder als Weiß gelesen werden. Im konkreten Kontext bedeutete dies, dass Weiße Arbeitnehmer für dieselbe Arbeit besser bezahlt wurden als Schwarze, also die Weiße Mittelschicht auf Kosten der Schwarzen privilegiert wurde. Dies gilt in vielen anderen Bereichen und auch für die globalen post-kolonialen Wirtschaftsstrukturen.
auch im Norden heftiger Widerstand, sobald White Privilege in Frage gestellt wurde
King wusste, dass Rassismus mehr ist als die irregeleiteten Einstellungen einiger Provinzler, sondern vielmehr ein gesellschaftlicher Mechanismus zur ungleichen Verteilung von Ressourcen in der Gesellschaft, der die weiße Arbeiterklasse und die weiße Mittelschicht dazu brachte, ein System zu unterstützen, von dem vor allem die weiße Oberschicht auf Kosten aller anderen profitierte. Während viele liberale Weiße Kings Kampf gegen die vermeintlich zurückgebliebenen Rassisten im Süden unterstützten, wandten sie sich von der Bürgerrechtsbewegung ab, als ihre eigenen – letztlich auf Rassismus beruhenden – Privilegien in Frage gestellt wurden.
Obwohl es wegen Jacksons selbstbewusstem Führungsstil mit King zu Spannungen gekommen war, rief er ihn nach Memphis zum Streik der Schwarzen Müll- und Kanalarbeiter. Als King am 4. April 1968 auf dem Balkon des Lorraine Motels erschossen wurde, war er im Gespräch mit Jackson, der unterhalb auf dem Parkplatz stand. Viele sahen ihn auf Grund seines Charismas und seines Redetalents als Nachfolger Kings. Als baptistischer Pastor aus dem Süden war sein rhythmisierter Rede- und Predigtstil dem Kings ähnlich. Aber dessen Freund und Stellvertreter, Ralph Abernathy, wurde Präsident der SCLC.
Viele sahen Jackson auf Grund seines Charismas und seines Redetalents als Nachfolger Kings.
Operation Breadbasket war auch nach dem Rückzug der SCLC aus Chicago und Kings Tod weiter erfolgreich. Jedoch kam es zwischen Jackson und Abernathy zu Unstimmigkeiten, so dass Jackson die SCLC verließ und 1971 die Operation PUSH (People United to Save Humanity) gründete. Mit ihr setzte er den Ansatz der Operation Breadbasket fort, besonders Programme zur Verbesserung der Bildungschancen für Jugendliche in den Innenstädten zu entwickeln und landesweit auszudehnen. Eine entscheidende Strategie war die Bildung einer Regenbogenkoalition, also eines Bündnisses unterschiedlicher ethnischer und anderer Minderheiten, um gemeinsam Interessen zu vertreten und Selbsthilfeprogramme durchzuführen.
Jesse Jackson wurde einer der führenden Schwarzen Bürgerrechtler. 1984 bewarb er sich erstmals um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten. Im Kontext seiner Kandidatur gründete Jackson nun offiziell die National Rainbow Coalition. Diese wollte über Schwarze und Latinos hinaus auch arabisch- und asiatischstämmige Menschen, Indigene, Jüd:innen, kleine Farmer und Homosexuelle zusammenschließen, um ihre politische Macht zu bündeln und Benachteiligung zu überwinden. Allerdings wurde Jacksons Verhältnis zur jüdischen Gemeinschaft durch eine als abwertend interpretierbare Äußerung in einem Interview nachhaltig gestört, obwohl er sich vom Anti-Semitismus und dem anti-semitischen Führer der Nation of Islam, Louis Farrakhan, distanzierte.
die Bildung einer Regenbogenkoalition, eines Bündnisses unterschiedlicher ethnischer und anderer Minderheiten
1988 bewarb er sich ein zweites Mal um die Nominierung durch die Demokraten. Bei den Vorwahlen konnte er sein Ergebnis fast verdoppeln und kam auf 6,9 Millionen Stimmen, unterlag zwar Michael Dukakis, lag allerdings deutlich vor dem späteren Vizepräsidenten und Präsidentschaftskandidaten Al Gore. Jackson war nicht der erste Schwarze, der kandidierte, aber der erste, der eine ernsthafte Chance hatte. Insofern ist er ein wichtiger Wegbereiter Barack Obamas, der seine Karriere ebenso in Chicago begann. Jackson kandidierte danach nicht wieder, setzte sich aber weiter für Bürgerechte und soziale Gerechtigkeit auf der politischen Ebene und als Aktivist, auch im Rahmen der Black Lives Matter-Bewegung, ein und blieb so bis wenige Jahre vor seinem Tod eine wichtige Galionsfigur der Bürgerrechtsbewegung. Mehrfach war er auch international als Mediator tätig.
setzte ein Zeichen für die sozialen und biblischen Dimensionen der biblischen Botschaft
Jesse Jackson setzte als baptistischer Christ und Pfarrer mit seinem Leben ein Zeichen für die sozialen und biblischen Dimensionen der biblischen Botschaft. Er verband konkrete soziale und wirtschaftliche Unterstützung mit dem Einsatz für eine gerechte Politik. Er prangerte mit den Propheten Ungerechtigkeit an und hat in jedem Menschen ein Kind Gottes gesehen und Selbstachtung vermittelt.
Apl. Prof. Dr. Michael Haspel lehrt Systematische Theologie an der Universität Erfurt und an der Friedrich Schiller-Universität Jena.
Bild: Miriam Lena Haspel
Bild: © Bob Fitch Photography Archive, Department of Special Collections, Stanford University Library
Literatur und Links:
Haspel, Michael: „Wer nicht liebt, steht vor dem Nichts!“. Martin Luther Kings Spiritualität als Grundlage seines Kampfes gegen Rassismus und Ungerechtigkeit, Gütersloh 2024.
Theoharis, Jeanne: King of the North. Martin Luther King Jr. ’s Life of Struggle Outside the South, New York: The New Press 2025.
Vials, Christopher: White Supremacy. Geschichte und Politik des Weißseins in den USA, in: APuZ 68, 2018, H. 12, 43-49.


