Autoritär-exkludierende Ideologien legitimieren sich auch über Bilder und Begriffe christlicher Provenienz. Katholische Akademien gewinnen angesichts dieser autoritären Versuchung besondere Bedeutung. Eine Ortsbestimmung von Johannes Sabel.
In Europa und anderen westlichen Weltteilen ist Christentum als gelebte Glaubenspraxis im Rückzug begriffen, kehrt aber zugleich in Versatzstücken zurück, die als sakral aufgeladene Ordnungsvorstellungen gegen freiheitlich-demokratische Gesellschaften eingesetzt werden. Das Spektrum dieser Bewegungen ist weit und reicht von der „Christian Right“ in den USA über einen katholischen Rechtspopulismus, wie er in der polnischen „PiS“ zu finden ist, bis zur calvinistisch inspirierten „Fidesz“ in Ungarn. In Deutschland lässt sich in dieses Spektrum die „Neue Rechte“ einreihen, die zwar derzeit keine politische Verantwortung trägt, aber dennoch in die Amalgamierungsbewegungen von autoritär-exkludierenden, völkisch geprägten Gesellschaftsmodellen und religiösen Legitimationsformen gehört. Mobilisiert werden in dieser autoritären Renaissance des Christentums religiöse – und dann verkürzte – Narrative gegen Migration, Pluralismus, Diversität und Gleichberechtigung. Im Kern wird der aus der jüdisch-christlichen Überzeugung der Gottesebenbildlichkeit jedes Menschen abgeleitete Universalismus gleicher Würde aller Menschen zerstört.
Identitäre Abwehrformeln gegen Vielfalt und Menschenwürde
Rechtspopulistische Akteure sprechen vom „christlichen Abendland“ als identitärem Sammelbegriff; „abendländische Werte“ und „christliche Leitkultur“ fungieren in diesen Diskursen als Abwehrformeln gegen kulturelle Heterogenität, geschlechtliche Diversität, weltanschauliche Pluralität und die Realität moderner Ambiguität. Christentum erscheint nicht mehr als eschatologische und darin offene Hoffnungserzählung, in dessen Zentrum ein mitleidender Christus steht, sondern als Ideologie, die eine exkludierende politische Macht und Gesellschaftsform legitimieren soll.
Geschichtliche Allianzen
Diese festzustellende Verbindung von christlichen Narrativen mit einer Ideologie des exklusiv Nationalen kann auf eine historisch frühere – und damals mit emanzipatorischem Ziel auftretende – Allianz zwischen Christentum und Nationwerdung zurückgreifen. Die Idee der Nation als einer Gemeinschaft, die durch eine spezifisches, von anderen abzugrenzendes Volk gekennzeichnet wird, wurde von Beginn an mit religiösen Semantiken aufgeladen. Die „Erfindung der Nation“ (B. Anderson) nutzte Bilder der jüdisch-christlichen Überlieferung, wie etwa die „Vorstellung vom auserwählten Volk, vom gelobten Land, von der messianischen Zukunft und einer brüderlich verbundenen Gemeinschaft“[1]. „Nation“ ist mithin immer schon ein Konzept, das zugleich eine „politische Religion“ erzeugte und brauchte[2]. Friedrich-Wilhelm Graf beschreibt dies für Deutschland als die Formierung eines „zivilreligiös orientiertem Kulturchristentums […], das die politische Ordnung sakralisierte und zugleich die Einbindung des Einzelnen in überindividuelle, bergende Gemeinschaften symbolisch vergegenwärtigte“ – als „Prozesse synkretistischer Verschmelzung alter kirchlicher Symbolik mit neuer politischer Gemeinschaftssemantik“[3].
Begrifflicher Sakraltransfer zwischen Christentum und Nationalismus
Die rechtspopulistischen und neurechten Bewegungen knüpfen an den semantischen „Sakraltransfer“ zwischen Christentum und Nationenbegriff an. Martin Lichtmesz beschreibt in dem publizistischen Zentralorgan der Neuen Rechten „Sezession“ das „wehrhafte Christentum“ eines völkischen Nationalismus; wie bei anderen Denkern der Neuen Rechten ist auch für Lichtmesz die zentrale Schwäche des Christentums „die Ohnmacht der christlichen Nächstenliebe“[4]. Mit diesem Eingeständnis, das seinen Vorläufer schon in Nietzsches Vorwurf an ein schwächelndes, „mitleidiges“ Christentum hat, wird deutlich, dass die Neue Rechte christliche Kernaussagen ins Gegenteil verkehrt, indem es ihr um die Sakralisierung und (pseudo)religiöse Legitimation neurechter Fundamentalbegriffe wie Volk, Gemeinschaft, Homogenität, Ordnung, Hierarchie geht.
Gefährliche Allianzen von Heil und Herrschaft
Die Anschlussfähigkeit des Christentums an autoritäre Politik scheint weniger in einer individuellen Frömmigkeit bzw. einer Glaubenspraxis angelegt zu sein – eine Reihe von Studien legen das Gegenteil nahe (s.u.) –, sondern aus einer politischen Instrumentalisierung theologischer Begriffe zu entstehen. Carl Schmitt formulierte dies: „Alle prägnanten Begriffe der modernen Staatslehre sind säkularisierte theologische Begriffe.“[5] Die „Politische Theologie“ von Carl Schmitt, die dem deutschen Faschismus ein ideologisches Fundament gab, stellt ins Zentrum politische Begriffe, die aus religiösem Kontext stammen: Souveränität, Ausnahmezustand, Gehorsam. In autoritären politischen Theologien verschränken sich Gehorsamsethik, sakralisierte Ordnungsvorstellungen, eine Freund-Feind-Dichotomien und eine „Sündenbocklogik“, die Schuldige klar identifiziert und exkludiert. Hier zeigt sich die „gefährliche Allianz von Heil und Herrschaft“ (Metz) in der Verbindung von religiösen Denkfiguren und politischem Machtanspruch.
Aktuelle Befunde zu Affinität von Christentum und Autoritarismus
Für das Verständnis des Verhältnisses von Christentum und Autoritarismus ist der Blick in aktuelle Untersuchungen sinnvoll: Wie oben angedeutet, korreliert individuelle kirchliche Praxis in Westeuropa eher negativ mit der Wahl rechtspopulistischer Parteien; gläubige Christ:innen sind offenbar und etwas verallgemeinernd „immuner“ gegen rechtspopulistische Angebote als Konfessionslose.[6] Gleichzeitig zeigen Analysen, dass ein Teil der rechtspopulistischen Wählerschaft sich als „kulturell christlich“ versteht, ohne kirchliche Bindung oder Praxis – eine zivilreligiöse „Kulturchristlichkeit“ also, die vor allem identitätspolitisch funktioniert.[7] Für Deutschland haben Studien gezeigt, dass die AfD in kirchengebundenen Milieus zwar nicht dominiert, aber deutlich sichtbare Resonanzräume findet – dort, wo konservative religiöse Diskurse (z.B. Anti-Gender) vorherrschen.[8] Mit Blick auf die AfD kann von einem Kongruenzbereich zwischen einem traditionalistischen Christentum und rechtspopulistischer Ideologie gesprochen werden, in dem Themenüberschneidungen (z.B. „Gender-Ideologie“, „Islamisierung“, „Familienwerte“) für politische Allianzen genutzt werden.
Der Bezug auf „christliche Identität“ ist für das Selbstverständnis und die politische Kommunikation der AfD besonders wichtig. Auch hier zeigen Analysen von Parteiprogrammen und Reden, dass „Christentum“ dort fast ausschließlich kulturalisiert vorkommt – als Inbegriff einer (vermeintlich) homogenen deutschen Kultur, die gegen „Islam“, „Genderwahn“ und „Globalismus“ verteidigt werden müsse.[9]
Was Sonja A. Strube sagt!
Sonja A. Strube hat diese Amalgamierung von Religion und Rechtspopulismus für den deutschsprachigen Raum rekonstruiert. In Ihrem Buch „Rechte Versuchung. Bekenntnisfall für das Christentum“ (2024) arbeitet Strube heraus, wie Rechtspopulismus semantisch operiert. Rechtspopulistische Bewegungen bedienen sich religiöser Deutungsmuster, um komplexe gesellschaftliche Konflikte in moralisch eindeutige Heils- und Unheilsnarrative zu übersetzen.[10] Zentral ist auch hier die Sakralisierung des Volkes: Das ‚Volk‘ erscheint als moralisch reiner Kollektivkörper, dem Erlösungsstatus zugesprochen wird, während ‚die Anderen‘ dämonisiert werden. In dem Beitrag „Rechtspopulismus und konfessionelle Anti-Gender-Bewegung: Milieu-übergreifende Allianzen und rhetorische Strategien im deutschen Sprachraum“ (2019) analysiert Strube, wie anti-emanzipatorische und antifeministische Ressentiments durch religiöse Codes („Schöpfungsordnung“, „Gott gewollte Geschlechterdifferenz“) politisch anschlussfähig gemacht werden.
Und die Akademien?
Zu beobachten ist insgesamt eine autoritäre Instrumentalisierung von Religion, die J. B. Metz nicht nur formulierte, sondern deren Gründe er auch benannte: „Eine Religion, die das Gedächtnis des fremden Leidens amputiert, wird zwangsläufig zur Komplizin der jeweils Herrschenden.“[11] Ein Christentum, dass seiner leidenssensiblen Seite, seiner konstitutiven Priorisierung der Schwächeren, beraubt wird, wird triumphal im schlechten Sinne: als Legitimationsreservoir für machtpolitische, antiliberale Interessen und Strukturen. Wir haben es also mit einer gefährlichen Rückkehr „Politischer Theologien“ zu tun, die die Machtkritik der monotheistischen Traditionen (Depotenzierung weltlicher Macht) und des mit-leidenden Christus (Priorisierung der Schwachen) unsichtbar machen. Ihr Ziel ist die Sakralisierung und damit die „Unantastbarmachung“ von exkludierenden, ethisch anti-universalistischen Machtansprüchen.
Zutiefst pluralitäts- und diskursorientierte Räume
Hier liegt ein wichtiges und drängendes Thema für die Arbeit katholischer Akademien, die als Antwort auf das aufbrechende Bedürfnis nach weltanschaulicher Neuorientierung und nach der Wiedergewinnung fundierter Lebensnormen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und des NS-Regimes entstanden. Die katholischen Akademien haben seit ihrer Gründung den Auftrag, Begegnungsstätten zwischen Kirche und säkularer Gesellschaft zu sein. Bis heute verstehen sie sich als Räume, in denen unterschiedliche Personen und Perspektiven aus Gesellschaft, Politik, Wissenschaft und Kirchen in Dialog kommen und Themen verhandeln.[12] Katholische Akademien sind so zutiefst pluralitäts- und diskursorientierte Institutionen, die damit auf demokratisch-freiheitliche Grundtugenden nicht nur aufbauen, sondern sie zugleich immer wieder produzieren und konkret erfahrbar machen.[13] Es entspricht daher auch dem Auftrag der Akademien, die Wege, Netzwerkbildungen, Legitimationsmuster und Wirkungen autoritaristischer, theologisch-religiös semantisierter Machtstrukturen sichtbar und damit kritisierbar zu machen. Diese kritisch-aufklärende Arbeit betrifft nicht zuletzt auch die Kirche selbst sowie die öffentliche Verantwortung der Theologie.
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Bild: Geralt auf Pixabay
[1] H.-R. Reuter, Katechon des Untergangs. Nation und Religion der deutschen Neuen Rechten, Bundearbeitsgemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus, Einsprüche. Studien zur Vereinnahmung von Theologie durch die extreme Rechte, Nr. 5, S. 6-24, S. 7.
[2] Vgl. H.-U. Wehler, Nationalismus. Geschichte, Formen, Folgen, München 2007, S. 27f.
[3] F.-W. Graf, Die Wiederkehr der Götter. Religion in der modernen Kultur, München 2007, S. 93f.
[4] M. Lichtmesz, Im Widerstand für das Sakrale – Marcel Lefebvre, Sezession 70, Februar 2016, S. 4.8, S. 6.
[5] C. Schmitt, Politische Theologie. Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität,
München/Leipzig 1922, S. 49.
[6] Vgl. K. A. Montgomery u.a., Explaining the Religion Gap in Support for Radical Right Parties in Europe. Politics and Religion, Volume 8 , Issue 2 , Juni 2015 , S. 379 – 403.
[7] Vgl. T. Cremer, Defenders of the Faith?, Religion, State and Society Volume 50, 2022, S. 532-552
[8] Vgl. J.-P- Steinmann, (K)eine immunisierende Wirkung? Eine binnendifferenzierte Analyse zum Zusammenhang zwischen christlicher Religiosität und der Wahl rechtspopulistischer Parteien, KZfSS Band 74 (2022) S. 33–64
[9] Vgl. M. Heimbach-Steins u. a., Die Programmatik der AfD – eine Kritik: Darstellung und Vergleich mit Positionen der katholischen Kirche, Münster 2024.
[10] S. A. Strube, Rechte Versuchung. Bekenntnisfall für das Christentum, Freiburg 2024, S. 109ff.
[11] J. B. Metz, Memoria passionis, Freiburg 2006, S. 74.
[12] Vgl. L.-M. Ostertag, Katholische Akademien als Orte kultureller Diakonie: Eine sozialethische Analyse anhand ausgewählter Akademieprogramme, Münster 2023.
[13] Vgl. J. Sabel, Theologie, Demokratie und die Aufgabe katholischer Akademien, Herder-Korrespondenz Heft 4/2024 S. 48-50
Dr. Johannes Sabel, Studium der deutschen Literaturwissenschaften und katholischen Theologie in Münster, Promotion an der Universität Tübingen. Wissenschaftlich tätig am Leo Baeck Institute New York, der Eidgenössisch Technischen Hochschule Zürich und dem Jewish Theological Seminary in New York. Er ist Direktor der Katholisch-Sozialen Akademie Franz Hitze Haus in Münster und Beauftragter des Bistums Münster für die Beziehungen zum Judentum.


