Martin Jäggle schreibt über Verbindendes von christlicher Fastenzeit und Ramadan und wie sich diese beiden Traditionen gegenseitig befruchten können.
Wenn Aschermittwoch und Beginn des Ramadans einander berühren, beginnt eine gemeinsame Zeit zum Wetteifern in der Liebe. Dieses Jahr ist der erste Tag des islamischen Fastenmonat Ramadan der 19. Februar 2026. Da im Islam – wie im Judentum – der Tag am (Vor)Abend beginnt, startet der Ramadan bereits am Abend des 18. Februar, also am Abend des Aschermittwochs, des ersten Tages der Fastenzeit der Westkirche. Dieses außergewöhnliche kalendarische Ereignis wird es erst in 31 Jahren wieder geben.
eine Chance, einander als Gläubige wahrzunehmen
Der christliche Kalender orientiert sich Großteils am jüdischen Kalender, mit dem er an bestimmten Knotenpunkten wie Pessach-Ostern oder Schawuot-Pfingsten verbunden ist. Leider kennen zu wenig Christinnen und Christen, was sie im Jahreslauf mit dem Judentum verbindet und was sie ihm verdanken. Deshalb kann dies für sie kaum spirituelle Bedeutung entwickeln.
Hingegen laufen der christliche und der islamische Kalender grundsätzlich nebeneinanderher, nicht nur weil ein Sonnenkalender – wie der christliche – und ein reiner Mondkalender – wie der islamische – sehr unterschiedliche Verläufe haben, sondern weil es keinerlei verbindende inhaltliche Knotenpunkte gibt. Aber nicht nur die Kalender laufen nebeneinanderher, sondern auch das religiöse Leben christlicher und muslimischer Gläubiger in Europa hat in der Regel wenig Berührungspunkte.
Heute, am Aschermittwoch berühren, ja überschneiden sich zum Teil sogar die ersten Tage der westchristlichen und der islamischen Fastenzeit. Das wäre doch eine Chance, einander als Gläubige oder beim Versuch, fastend gläubig zu werden, wahrzunehmen, einander zu begegnen und in der je eigenen Fastenzeit begleitend beizustehen.
So eilt zu den guten Dingen um die Wette. (Sure 5:48)
Alle Religionen haben eine große Wertschätzung des Fastens bei sehr unterschiedlichen Fastentraditionen und für ihre Gläubigen mehr oder weniger verpflichtenden Regeln. Zu den gemeinsamen Anliegen beim Fasten gehören körperliche und seelische Reinigung, Besinnung auf das Wesentliche, Selbstdisziplin, Stärkung der Beziehung zu sich selbst, zu den Mitmenschen und zu Gott. Diese finden in unterschiedlichen Fastenkulturen ihren Ausdruck. Allein schon deshalb wäre eine Art olympisches Wetteifern im Fasten absurd. Zum Wetteifern in der Liebe hingegen sind die Schriftbesitzer:innen nach dem Quran grundsätzlich aufgefordert: „Darum wetteifert miteinander in guten Werken!“ (Sure 5:48) Oder wie Adel Theodor Khoury übersetzt: „So eilt zu den guten Dingen um die Wette.“ Das gilt umso mehr in einer Fastenzeit, die ein besonderer Raum für Gutes tun ist, auch für jene, die (noch) nicht fasten. Dementsprechend wird der Ramadan „Monat der Wohltätigkeit“ genannt, während dessen Gastfreundschaft und Almosen für die Armen eine besondere Bedeutung haben. Wer nicht fasten kann, ist verpflichtet, den Armen das Fastenbrechen zu ermöglichen.
Wie sehr die Aufgabe, anderen zu dienen, sogar Vorrang vor dem Fasten hat, ist schon in der Legenda aurea aus dem Mittelalter zu lesen. Nachdem der körperlich mächtige Opherus den Rat des Einsiedlers nicht befolgen kann, weil wie er sagt: „Beten kann ich nicht und zum Fasten taug ich nicht!“, wird er durch die ihm gestellte Aufgabe im Tragen der Menschen über den Fluss zum Christophorus.
Muslimische Gläubige erfahren, während sie Fasten, eine große Verbundenheit mit der Umma, der ganzen islamischen Gemeinschaft, was im täglichen Iftar feiern seinen Ausdruck findet. Iftar, das abendliche Fastenbrechen (vgl. Breakfast), 2023 in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen, ist ein familiäres und gesellschaftliches Ereignis, das den Charakter einer Feier hat. Die Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel erzählt in ihrer Autobiographie: „Wenn man uns zum iftar (…) einlud, standen die Speisen schon auf dem Tisch, und man sagte, daß die wartenden Speisen in ihrer stummen Sprache Gottes Lob singen, bis der Augenblick des Fastenbrechens gekommen ist, wo man zunächst eine ungerade Zahl von Datteln ißt.“[1]
Wer nicht fasten kann, ist verpflichtet, den Armen das Fastenbrechen zu ermöglichen.
In den letzten Tagen des Ramadans ist für Muslime weltweit die heiligste aller Nächte im gesamten Jahr die „Nacht der Bestimmung“ (Lailat al-Qadr), die an die Offenbarung der ersten Verse des Quran erinnert. Nach islamischer Tradition ist in dieser Nacht der Himmel offen. Viele Engel steigen vom Himmel herab und besuchen die muslimischen Gläubigen in ihren Häusern und den Moscheen. „In dieser Nacht hat mich ein Engel berührt.“ Diese Worte eines Kollegen zu mir haben mich sehr berührt und waren nur möglich, weil es einen Raum vollen Vertrauens gab.
Muslimische Kinder, die nicht zum Fasten verpflichtet sind, aber „groß sein“, zur Welt der Erwachsenen gehören wollen, versuchen schon früh zu fasten. Für solche Versuche wird ihnen empfohlen, es nach der Schule bis zum abendlichen Fastenbrechen zu erproben oder auf einzelne Dinge wie Süßigkeiten zu verzichten. Keinesfalls darf es gesundheitsgefährdend sein. Dieses Probefasten nehmen sie sehr ernst und können dabei – typisch für dieses Alter – an ihre Grenzen oder auch darüber hinaus geraten. Dabei brauchen sie einen nicht vorwurfsvollen Beistand. Immer beliebter ist der vom christlichen Adventkalender inspirierte Ramadankalender geworden, um die für Kinder doch lange Dauer von 30 Tagen des Ramadans gut leben zu können.
Der Ramadan als heilige Zeit und besonders die Muslime, die ihn fastend, betend und miteinander verbunden begehen, verdienen großen Respekt, ja Wertschätzung aller, gerade von Gläubigen. In diesem Jahr wäre es möglich, in derselben Zeit verschieden fastend einander als Andersgläubige am Weg zum selben Gott würdigen zu lernen.
Heute wünsche ich meinen muslimischen Nachbarn, Freundinnen und Freunden einen gesegneten Ramadan und hoffe, dass meine Fastenzeit ebenso eine Zeit des Segens für alle Menschen wird.
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[1] Schimmel, Annemarie: Morgenland und Abendland, Mein west-östliches Leben, C.H. Beck 2002, 109.
Empfehlenswert ist auch der Entwurf einer religionssensiblen Unterrichtsstunde zum gemeinsamen Fastenbeginn.
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