Birgit Mattausch über auffallende Kleidung auch nach der Faschingszeit.
Ein Prinzessinnenkleid hat der Erzvater Josef laut Genesis 37 getragen – gemacht extra für ihn von seinem Vater Jakob. ketonet passim, was Luther später mit „bunter Rock“ übersetzte: es war wahrscheinlich etwas ziemlich feminin Konnotiertes.
Ins mitteleuropäische Heute übersetzt trüge Josef wohl blauen Tüll wie Elsa. Gelbe Spitze wie Belle. Gläserne Schuhe wie Cinderella. Auf jeden Fall eher kein Beige oder Schwarz wie die Clean Girls. Und ganz bestimmt keinen anthrazitfarbenen Anzug, sei er auch noch so gut geschnitten.
Josef fällt damit heraus aus den Üblichkeiten. Manche lesen ihn oder sie oder dey als transident, als nonbinär, als genderfluide. Gut möglich, dass Josef das war. Die Reaktionen auf das Prinzessinnenkleid ähneln jedenfalls dem, was denen bis heute passiert, die nicht eindeutig zuzuordnen oder zu auffällig oder zu feminin sind: sie lösen durch ihr pures Da-Sein bei manchen Wut und regelrechte Zerstörungslust aus: die Brüder werfen Josef in eine Grube und verkaufen ihn*sie*dey in die Sklaverei.
Eine Fashion-Ikone wie Josef
Die Kleidung tragen, die man wirklich tragen will, das ist nach wie vor etwas, was so richtig nur an Fasching oder Halloween erlaubt ist. Tüll, Glitzer, auffällige Hüte, BHs über Shirts, Handtaschen in Hasenform, Pyjamas im Büro: man muss schon eine furchtlose Fashion-Ikone wie Josef sein, um sich derartiges auch unterm Jahr zu trauen.
Alok Vaid-Menon, ein*e nonbinäre*r Performance- Künstler*in, vermutet hinter mancher Abwehr, die deren bunten und genderfluiden Auftritten entgegenschlägt, eine Angst vor der eigenen Sehnsucht zu blühen. Dabei, sagt Alok, müssten wir doch nicht darauf warten, frei zu sein. Keine Blume schäme sich für ihr Blühen, keine frage in einem Gruppenchat die anderen Blumen, ob irgendein ER sie wohl für zu extravagant halte. Blumen blühten tatsächlich einfach – gerade im Angesicht ihrer Endlichkeit.[1]
Als Christin erinnert mich das an Jesu Worte in Matthäus 5, die Sich-Sorgenden sollten die Feldblumen betrachten und sich an ihnen ein Beispiel nehmen.
die Sehnsucht zu blühen
Für Alok Vaid-Menon ist dieses sich – in meinen Worten – Josefs-like und Feldblumen-haft kleiden außerhalb der dafür vorgegebenen Zeiten auch ein politischer Akt. Morgens sich für die sichtbarere Farbe zu entscheiden, für den auffälligeren Schnitt, für die Art Ohrringe, die man vielleicht im Laufe des Tages wieder abnimmt, weil sie doch zu schwer werden, aber für ein paar Stunden hat man sich getraut: das ist das Bekenntnis zu sich selbst und das Bekenntnis zu einer Welt, in der Menschen blühen dürfen und frei sein ohne es sich zuvor durch Anpassung oder Leistung oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten Klasse verdient zu haben.
Augenzwinkerndes Unterlaufen der Erwartungen
Kleine und große Widerständigkeiten gegen das Grau dieser Tage. Gegen die unentwegte (allzu berechtigte) Sorge um diese Welt. Augenzwinkerndes Unterlaufen der Erwartungen. Unterschiedlich riskant, je nach Position in einer Gesellschaft und Umgebung, je nach Körper. Für manche ein leichtes Spiel. Für andere ein echtes Risiko.
Mit Josef ist es ganz am Ende gut ausgegangen. Leichter wäre es gewesen, es hätte nicht nur ein Prinzessinnenkleid gegeben, sondern mehrere. Nicht nur Josef hätte es gewagt, stolz zu blühen, sondern wenigstens ein paar der Brüder auch – sei es im Kleid oder im Pyjama.
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[1] https://vm.tiktok.com/ZGdm7SHy3/
Beitragsbild: Canva.com
Birgit Mattausch ist Pastorin und Autorin. Sie arbeitet als Referentin für experimentelle Homiletik in der Landeskirche Hannovers und ist Teil des Teams des Literaturhauses St.Jakobi Hildesheim.


