Beim Deutschen Katholikentag in Würzburg wurde die Intervention „Schmerzpunkt“ von Susanne Wagner mit Vernissage eröffnet: https://www.katholikentag.de/schmerzpunkt. Kai Christian Moritz hat eine beeindruckende und berührende Rede gehalten, die hier in ihrer schriftlichen Form wiedergegeben wird.
Es gibt eine sehr menschliche Versuchung – und religiöse Großveranstaltungen sind darin besonders gut –, alles, was schmerzt, in etwas Sinnvolles, etwas Heiles zu verwandeln. Möglichst sofort. Möglichst elegant. Möglichst so, dass am Ende niemand mit dem Gefühl nach Hause geht, man hätte etwas Unaufgelöstes betreten.
Ich stehe hier als Betroffener sexualisierter Gewalt und sage das gleich zu Beginn, nicht aus Mut, sondern aus Pragmatismus. Ich sage es, weil dieses Kunstwerk ohne diese Perspektive missverstanden werden könnte. Weil sonst die Gefahr besteht, dass diese beeindruckende Arbeit hier als das gelesen wird, was sie nicht ist: ein Symbol, ein Statement, ein Fortschritt.
Denn das hier ist kein Fortschritt.
Es ist ein Befund.
Ein roter Punkt an einer Kirchenwand ist irritierend banal.
Ein roter Punkt an einer Kirchenwand ist, zugegeben, zunächst einmal irritierend banal. Man erwartet auf einem Katholikentag eher komplexere Zeichen. Logos mit Deutungsspielraum. Installationen mit Erläuterungstext. Dinge, die man verstehen kann, ohne sich zu lange dabei aufzuhalten.
Dieser Punkt, wohl gelesen, verweigert das.
Er sagt nicht: Seht her, wir sind selbstkritisch.
Er sagt nicht: Wir haben verstanden.
Er sagt nicht: Wir schaffen das.
Er sagt nicht einmal: Nie wieder.
Er sagt nur: Hier.
Ist das tröstlich?
Trost beginnt dort, wo Leid nicht relativiert wird.
Wo man nicht sofort erklärt, einordnet, erlöst.
Das mag ein Problem sein für Institutionen,
deren Kerngeschäft seit Jahrhunderten Sinnstiftung ist.
Dieses Werk stiftet keinen Sinn. Es markiert einen Schaden.
Dieses Werk stiftet keinen Sinn.
Es markiert einen Schaden.
Ein roter Punkt.
Wie beim Arzt.
Hier tut es weh.
Nicht: „Früher“.
Nicht: „Einzelfälle“.
Nicht: „Wir haben daraus gelernt“.
Hier.
Jetzt.
In/An diesem Gebäude.
In/An dieser Kirche.
Auf diesem Katholikentag.
Was dieses Kunstwerk macht, ist radikal simpel:
Es behauptet Anwesenheit.
Und das ist politischer, als jede Podiumsdiskussion.
Und genau das ist hoffentlich so verstörend – und so notwendig.
Dieser Schmerzpunkt ist nicht liturgiefähig.
Der Psychologe Andreas Maercker beschreibt Trost nicht als emotionale Umarmung, sondern als soziale Praxis: als das Aushalten von Leid, ohne es sofort zu beruhigen, zu relativieren oder zu erklären.
Kirchen – und das meine ich weniger polemisch, als es klingt – tun sich schwer mit offenem Schmerz. Sie mögen bearbeiteten Schmerz. Erlösten Schmerz.
Liturgiefähigen, zelebrierten Schmerz.
Dieser Schmerzpunkt ist nicht liturgiefähig.
Er lässt sich nicht in ein Gebet überführen, ohne dass es schief wird. Er lässt sich nicht sakral rahmen, ohne dass er seine Sperrigkeit verliert. Und er lässt sich schon gar nicht moralisch verwerten, ohne dass etwas Entscheidendes verloren geht.
Dieses Werk entzieht sich der Kontrolle.
Man kann es nicht segnen.
Man kann es nicht rituell auflösen.
Man kann es nur aushalten – oder wieder entfernen.
Merken, dass es nichts Kluges zu sagen gibt. Dort beginnen Trost und Verständnis.
Meine Hoffnung als Betroffener ist nicht, dass dieses Werk „etwas bewirkt“. Wirkung ist eine Kategorie der Verwaltung. Ich hoffe vielmehr, dass es nicht funktioniert. Dass es stehen bleibt wie ein kleiner, roter Fehler im System.
Dass Menschen davorstehen und dieses unangenehme Bedürfnis verspüren, etwas sagen zu müssen – und dann merken, dass es nichts Kluges zu sagen gibt.
Denn genau dort beginnen Trost und Verständnis.
Nicht im Reden.
Sondern im Unterlassen des falschen Redens.
Meine Befürchtung ist, dass dieser Punkt zu gut gemeint wird. Dass er integriert wird in das große Narrativ: Wir stellen uns. Wir hören zu. Wir gehen einen Weg.
Wege sind bequem.
Schmerzpunkte nicht.
Ein Weg impliziert Richtung, Entwicklung, Fortschritt. Ein Schmerzpunkt impliziert Stillstand. Er sagt: Du kannst hier nicht einfach weiter. Du musst entweder stehen bleiben oder weggehen.
Und beides ist eine Entscheidung.
Trost ist Beziehung.
Und Beziehung heißt: Man kann nicht kontrollieren, was passiert.
Schmerz setzt Verletzlichkeit voraus.
Das Kreuz in der Mitte dieses roten Feldes ist klein. Fast unscheinbar. Und genau darin liegt seine Zumutung. Es ist nicht das Zentrum. Es ist nicht die Lösung. Es ist ein Teil des Abdrucks, des Males. Des Flecks.
Für mich stellt dieses Kreuz keine Glaubensfrage, sondern eine institutionelle.
Nämlich: Was passiert, wenn das Symbol der Erlösung nicht über dem Schmerz steht, sondern in ihm?
Was passiert, wenn Trost nicht bedeutet, dass etwas wieder gut wird, sondern dass man aufhört, so zu tun, als wäre es das bereits?
Schmerz setzt Verletzung, ja Verletzlichkeit voraus. Das Spannende an der Verletzlichkeit ist ja, dass wir zwar alle verletzlich sind, aber jeder auf seine Weise. Und daher ist die Verletzlichkeit doch das, was uns verbindet. Sie macht uns berührbar.
Deswegen würde ich nicht sagen, wir müssen uns einfach viel mehr verletzlich zeigen, damit alles besser wird, sondern nein, wir müssen neue Kulturen entwickeln.
Die Kultur, die sich dagegen wehrt, die Verletzlichkeit als etwas zu Überwindendes zu betrachten und in der Illusion der Unverwundbarkeit zu leben.
Die alte Mythologie ist voll davon, von diesem Menschheitstraum. Aber wir müssen sagen, nein, die Verletzlichkeit dürfen wir gar nicht abschaffen, weil sonst würden wir erstarren. Alle Menschen wollen sich jetzt ein Panzer zulegen, um nicht verletzlich zu sein.
Aber dieser Panzer bedeutet ja, dass ich mich nicht nur gegen die Verletzung von außen schütze, sondern ich erstarre. Ich kann mich nicht weiterentwickeln. Ich nehme dann gar nicht mehr wahr, das, was ich als Offenheit bezeichne.
So sehr man nun ein Loblied auf Verletzlichkeit singen kann, dürfen wir auch nicht außer Acht lassen, dass es natürlich auch Machtstrukturen sind, die manchmal besondere Verletzbarkeiten erzeugen und es für Menschen auch schwermachen da wieder rauszukommen.
Und wo es dann darum geht, diese Machtstrukturen aufzulösen. Und in dieser Erkenntnis uns immer wieder zu erinnern, wer wir sind.
Es passiert Schlimmes, und das macht uns Angst.
Bei Wittgenstein gibt es so ein Gedankenexperiment, bei dem er sagt, stellen wir uns einen Stamm vor, bei dem die Menschen keinerlei Schmerz empfinden. Und dann sagt er den schönen Satz, wir könnten uns nicht in sie finden.
Wir können nur dadurch uns einander verstehen, weil wir wissen, dass wir durch unsere Verletzlichkeit eine Ahnung davon haben, wie es sich anfühlen muss, einen Verlust erlitten zu haben. Darin ist dieser Schmerzpunkt nicht nur wichtiges Erinnern an das Leid der Betroffenen und die tatbegünstigenden Strukturen, sondern, Erinnerung an uns selbst unser Mensch-sein nicht zu verlieren.
Das muß für uns alle immer auch eine Zumutung sein.
Es passiert Schlimmes und Schweres und das tut weh und das macht uns Angst.
Ich denke, das anzuerkennen ist erstmal ein wichtiger Punkt.
Die Grundbedingung ist die, dass wir natürlich als menschliche Wesen leiden können und die Antwort darauf ist, ja, kann nur die sein, dass wir in Strukturen und sozialen Verhältnissen leben sollten, die uns das Leiden so weit wie möglich ersparen, ohne dass wir denken, es könnte ein leidloses Leben geben.
Krater, geschlagen in eines Menschen Seele.
Zärtlichkeit, glaube ich, könnte die schönste Antwort sein, weil sie im Grunde diese Verletzbarkeit, diese Offenheit und Berührbarkeit des Menschen aufnimmt.
Also, wenn wir einfach nur von Respekt anderen Menschen gegenüber reden, dann bleiben wir weiter weg stehen. Reden wir da aber von Offenheit und Berührbarkeit und dass Menschen das im primär sind, dann ist Zärtlichkeit im Grunde diese feine Art der Berührung die richtige Antwort. Jetzt kann natürlich nicht gemeint sein, dass ich alle Menschen zärtlich berühre oder so, sondern das ist natürlich im übertragenen Sinn gemeint als eine Art Haltung, die wir einnehmen können.
Eine Haltung, bei der wir umsichtig sind, vorsichtig sind, nachsichtig sind, bei der wir mit dem anderen in einer sehr liebevollen Weise umgehen und sorgen. Daran sich immer wieder zu erinnern. Wie diese Haltung dann in verschiedenen Kontexten aussieht, ist nochmal eine andere Frage, aber sich daran immer wieder zu erinnern, denke ich, das scheint mir irgendwie etwas gerade heutzutage Wichtiges zu sein.
Und hier schon einmal für alle die sich beim Anbringen des Schmerzpunktes um die optische und bauliche Beschädigung von Kirchen sorgen. Was sind vier wieder verfüllte Bohrlöcher für Verletzungen an einer steinernen Kirchenwand, gegen die unmessbar tiefen, nie wieder völlig zu füllenden Krater, geschlagen in eines Menschen Seele.
Schamesröte der Täte
Dieses Rot des Schmerzpunktes ließe sich dann noch im wahrsten Sinne auf das Rot der Schamesröte erweitern. Die Schamesröte der Betroffenen, die in ihrem Kraftakt der Aufarbeitung, auch immer wieder darum beschämt werden. Die Schamesröte der Täter. Die sie aushalten sollen und müssen, um Entwicklungspotential zu haben und vielleicht Vergebung geschenkt zu bekommen.
Ein gefühliges „Sorry“ reicht da nicht. Was uns zur Schamesröte des Systems Kirche und seiner Vertreter bringt. Ich will sie nicht beschämen. Sie sollten selbst ob ihrem Verhalten gegenüber den Betroffen, Tätern und der Tat selbst in Resonanz zu ihrer vermeintlich moralischen, göttlich verbrieften Hoheit Schamrot werden. Die Erlösung, dass Kreuz, ist in diese Schamesröte mit hineingezogen worden. Mit diesem Punkt könnte wahre Anteilnahme und fortwährende Auseinandersetzung gezeigt werden. Etwas prosaisch gesagt, selbst der Tempel, das heilige Gebäude schämt sich, lässt aber auch niemanden mit seiner Scham allein.
Ich wünsche mir von diesem Werk – und von diesem Katholikentag – keine Antworten. Antworten haben wir genug. Ich wünsche mir eine Unterbrechung. Eine kleine, rote Irritation im ansonsten sehr gut organisierten Betrieb des Sinns.
Wenn Menschen an diesem Punkt vorbeigehen und sich ärgern, ist das kein Scheitern.
Wenn sie stehen bleiben und nichts fühlen, auch nicht.
Wenn sie merken, dass sie lieber woanders wären – vielleicht erst recht.
Dieses Werk ist ehrlich.
Dieses Werk verspricht nichts.
Keine Versöhnung.
Keinen Neuanfang.
Keinen „Weg nach vorn“.
Es ist ehrlich.
Mein Wunsch als Betroffener ist banal – aber offenbar schwer zu erfüllen:
Dass man nicht sofort etwas daraus macht.
Keine Kampagne.
Kein Statement.
Kein „Wir nehmen das mit“.
Von keiner Seite.
Wenn dieser Schmerzpunkt den Katholikentag irriert, tut er genau das Richtige.
Vielleicht reicht es, wenn dieser Punkt bleibt.
Als Erinnerung daran, dass Trost im Schmerz nicht bedeutet, dass es irgendwann wieder gut wird.
Sondern dass man aufhört, so zu tun, als wäre es das schon.
Wenn dieser Schmerzpunkt den Katholikentag irritiert,
wenn er stört,
wenn er nervt,
wenn er peinlich ist –
dann tut er genau das Richtige.
Wenn er Scham greifbar macht – eine Gnade.
Danke, dass Sie hier sind.
Nicht um sich zu kollektiv entlasten.
Sondern, um miteinander die Spannung des Schmerzes und der Scham auszuhalten.
Denn Trost ist kein Gefühl.
Trost ist eine Haltung.
Trost wird gespendet.
Und manchmal besteht diese Haltung einfach darin, nicht wegzusehen.
Mehr scheint mir im Moment nicht ehrlich.
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Beitragsbild: ZdK, Künstl. Intervention Susanne Wagner, Schmerzpunkte


