Das erste Amtsjahr von Papst Leo XIV. ist vorüber. Matija Vudjan analysiert die ersten Schritte des neuen Papstes im Horizont des vorigen Pontifikats.
Zu Beginn ein Blick zurück: Rom, in den Abendstunden des 13. März 2013. Weißer Rauch aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle. Der Kardinalprotodiakon tritt auf die Benediktionsloggia des Petersdoms und spricht die berühmten Worte: „Habemus papam.“ Jorge Mario Bergoglio, nunmehr Papst Franziskus, erscheint und grüßt die Menge auf dem Petersplatz und vor den Bildschirmen weltweit mit einem schlichten wie überraschenden, weil für einen Papst unüblichen „Buonasera.“ Guten Abend. Ohnehin ist an diesem Abend, an diesem ersten Auftritt von Franziskus einiges unüblich: Er tritt ganz im päpstlichen Weiß auf und verzichtet auf die rote Mozetta, die Päpste bei feierlichen Anlässen tragen. Die Stola trägt er erst in dem Moment, als er den päpstlichen Segen urbi et orbi spendet. Und bevor er den Segen spendet, bittet er die anwesende Menge um ihr Gebet für den neugewählten Papst und seinen Dienst als Bischof von Rom. Und wie dieser erste Auftritt des Papstes begonnen hat, endet er auch: Mit einem „Buona notte.“ Gute Nacht.
Zwölf Jahre später: Rom, am späten Nachmittag des 8. Mai 2025. Weißer Rauch aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle. Der Kardinalprotodiakon tritt auf die Benediktionsloggia des Petersdoms und spricht die berühmten Worte: „Habemus papam.“ Robert Francis Prevost, nunmehr Papst Leo XIV., erscheint und grüßt die Menge auf dem Petersplatz und vor den Bildschirmen weltweit mit dem liturgischen Gruß des Bischofs, zugleich den Worten des auferstandenen Christus: „Der Friede sei mit euch.“ Und auch ästhetisch setzt Leo andere Akzente als sein Vorgänger: Über seiner Soutane trägt er wie vorgesehen Chorhemd, Mozetta und Stola. Insofern vermittelt dieser erste Auftritt mitunter eine Rückkehr zu Gewohntem.
Der erste Auftritt vermittelt eine Rückkehr zu Gewohntem.
Ein Jahr ist seit diesem Auftritt nun vergangen. Anlass genug für den Versuch einer Einordnung des bisherigen Pontifikats von Papst Leo XIV. Ganz bewusst handelt es sich hierbei um einen ein Versuch: So richtig greifbar ist der Papst bislang nämlich noch nicht. Zumindest nicht in dogmatisch-theologischer Perspektive: Bislang steht bspw. eine Enzyklika oder ein Apostolisches Schreiben zu zentralen ekklesiologischen oder kirchenpolitischen (Streit)fragen aus. Ob und wie sich Leo in seiner am 15. Mai erscheinenden ersten Enzyklika, die wohl eine Sozialenzyklika werden wird, zu diesen Fragen positionieren wird, bleibt abzuwarten. Immerhin ist vernehmbar, dass er den Kurs seines Vorgängers im Hinblick auf Synodalität weiter fortführen möchte[1]; wie er Synodalität aber konkret verwirklicht wissen will, ist bislang noch nicht bekannt. Allzu forsche Einordnungen, wo der Pontifex nun kirchenpolitisch steht und wie sein doktrinäres Programm aussieht, sind Stand heute daher vor allem spekulativer Art.
Und doch kann nach einem Jahr Pontifikat schon eine ganze Menge über Leo XIV., sein Verständnis des Papstamtes und der Institution Kirche, ihres Selbstverständnisses und ihrer Aufgabe – sowohl binnenkirchlich als auch im Hinblick auf gesellschaftliche, politische, kulturelle u. a. m. Fragen – festgehalten werden. Deutlich wird dies – daher die Gegenüberstellung der beiden ersten Auftritte von Papst Leo und Papst Franziskus zu Beginn –, wenn Zeichenhandlungen, Gesten etc. von Leo und seinem Vorgänger wie Folien übereinandergelegt werden.
Nicht nur der erste Auftritt von Papst Leo XIV. hat den Eindruck einer Rückkehr zu Gewohntem vermittelt, sondern gewissermaßen steht das gesamte erste Jahr seines Pontifikats unter diesem „Motto“. Warum? Um diese Frage zu beantworten, ist ein kurzer Blick auf Papst Franziskus und seine Amtsführung vonnöten. Franziskus‘ Pontifikat ist wesentlich geprägt gewesen von sogenannten „paradoxen Interventionen“.[2] Nur einige wenige Schlaglichter: Ob es der fortwährende Verzicht auf das Tragen der vorgesehenen liturgischen Kleidung war, ob es seine Entscheidung war, nicht in den Apostolischen Palast zu ziehen, sondern im Gästehaus Santa Marta zu wohnen, ob es die Entscheidung war, die päpstliche Liturgie nicht an den vorgesehenen Orten und nach der überlieferten Weise zu feiern – man denke nur an die Gründonnerstagsliturgie in Gefängnissen und die Fußwaschung zunächst an männlichen, später auch an weiblichen Lai:innen – oder ob es zuletzt die Bestimmung war, ein deutlich schlichteres Begräbnis zu erhalten als es einem Papst zustünde: Franziskus‘ Wirken kann gedeutet werden als der Versuch, innerhalb des ‚Systems‘ Kirche einen Perspektivwechsel von der Innen- in die Außenperspektive zu erwirken.[3] Dieser Wechsel hat Irritationen im Hinblick auf die Erwartungshaltung an den Papst und sein Amt offengelegt und insoweit darauf aufmerksam gemacht, dass Kirche und Papsttum mehr sind als über Jahrhunderte gewachsene Institutionen, bzw., dass Kirche und Papsttum nicht mit ihren institutionalisierten Formen gleichzusetzen sind.[4]
So weit in der gebotenen Kürze zum Pontifikat von Papst Franziskus sowie zu seinen paradoxen Interventionen.[5] Warum ist nun das erste Jahr von Leo XIV. eine Rückkehr zum Gewohnten? In der Weltöffentlichkeit hat sich Leo in den letzten Wochen und Monaten zwar als Verfechter einer Friedensordnung präsentiert und ist zu einer Stimme geworden, die Unrecht als Unrecht brandmarkt und auf die Notwendigkeit eines gerechten und dauerhaften Friedens hinweist. Er hat sich in politische Debatten eingemischt und politische Irrlichter, die meinen, theologische Konzepte bspw. vom gerechten Krieg für ihre eigene Agenda missbrauchen zu wollen, zurechtgewiesen (und sich damit deutlich expliziter positioniert als Franziskus). Aber im Blick auf binnenkirchliche Aspekte fällt auf, dass er Akzente gesetzt hat, die gewissermaßen hinter Franziskus zurückfallen: Wie bereits erwähnt, trägt Leo – wie vorgesehen – bei feierlichen Anlässen über seiner Soutane das Chorhemd und die rote Mozetta. Inzwischen ist er in die vorgesehene Papstwohnung im Apostolischen Palast gezogen. Und die Gründonnerstagsliturgie hat er – wie vorgesehen – in der Lateranbasilika gefeiert und dort – wie vor Franziskus üblich – Priestern die Füße gewaschen. Fast könnte der Eindruck entstehen, Leo wickle ab, was Franziskus an eigenen Akzenten gesetzt hat. In jedem Fall kehrt er zu den Routinen zurück, die sein Vorgänger unterbrochen hat: Mit Leo ist der Normalfall wieder zur institutionellen Richtschnur geworden.
Leo kehrt zu den Routinen zurück, die sein Vorgänger unterbrochen hat.
Das muss nicht schlecht sein. In Zeiten großer Unsicherheiten und der Gleichzeitigkeit verschiedenster Krisen kann eine Institution, können institutionalisierte Riten und Handlungen Sicherheit vermitteln: Wenn die ganze Welt in Flammen steht, wird die rote Mozetta des Papstes gewiss nicht jeden Brand löschen können. Aber wenn institutionell gewachsen ist, dass der Papst bei feierlichen Anlässen die rote Mozetta trägt und er sie dann auch wirklich trägt, dann steht diese rote Mozetta plötzlich für mehr: nämlich dafür, dass die gewachsene und institutionalisierte Ordnung eine Garantin der Stabilität in unsicheren Zeiten ist. Leo XIV. hat offenbar ein Gespür für genau diesen Zusammenhang.
Aber: Papst Franziskus hatte ein Gespür für einen weiteren Zusammenhang, der nicht minder wichtig ist: Ins Bewusstsein gerät zunehmend, dass für die Geltung von Recht und Wahrheit nicht ausschließlich normative Texte maßgeblich sind. Vielmehr haben Recht und Wahrheit auch eine performative Dimension.[6] Nimmt man diesen Befund ernst, kann er nicht ohne Folgen bleiben: Die Institution Kirche muss, will sie darauf angemessen reagieren, Formen der Kommunikation (aber auch der Rechtsetzung und -durchsetzung) finden, die dieser performativen Dimension von Recht und Wahrheit angemessen Rechnung tragen. Das muss sie schon um ihrer eigenen Legitimität willen tun.[7] Die paradoxen Interventionen von Franziskus können jedenfalls als ein Versuch gelesen werden, diesem Bewusstsein auch innerhalb des kirchlichen Selbstvollzugs Ausdruck zu verleihen.[8]
Dieses Thema wird – aller Krisengleichzeitigkeit und dem wachsenden Bedürfnis nach institutioneller Stabilität zum Trotz – noch weiter an Relevanz und Brisanz gewinnen. Insofern hat Papst Franziskus mit seiner performativ geprägten Amtsführung und seinen paradoxen Interventionen in gewisser Weise prophetisch gewirkt. Umso wichtiger wäre es daher, wenn in einem Jahr – dann nach zwei Jahren Pontifikat Leos XIV. – nicht der Eindruck verfestigt würde, dass der aktuelle Papst noch weiter ‚zurückdreht‘, was sein Vorgänger gewirkt hat. Schon alleine deswegen nicht, weil Leo schon mehrfach seine Wertschätzung seinem Vorgänger gegenüber bekundet hat und desgleichen gesagt hat, dass er sein Erbe fortsetzen möchte: „Nehmen wir dieses kostbare Erbe an und nehmen wir unseren Weg wieder auf, beseelt von derselben Hoffnung, die aus dem Glauben kommt.“[9]
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[1] Vgl. Papst Leo XIV., Ansprache an das Kardinalkollegium vom 10.05.2025, online unter: https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/speeches/2025/may/documents/20250510-collegio-cardinalizio.html [Zugriff am 02.05.2026; MV].
[2] Zum Begriff vgl. Shoham, Varda/Rohrbaugh, Michael J., Paradoxical Intervention, in: Craighead, W. Edward/Nemeroff, Charles B. (Hrsg.), The Concise Corsini Encyclopedia of Psychology and Behavioral Science, New York 32004, 659–662.
[3] Vgl. Watzlawick, Paul/Beavin, Jeanet H./Jackson, Don D., Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien, Bern 132017, 266ff.
[4] Zu den paradoxen Interventionen von Franziskus vgl. Vudjan, Matija, Synodalität auf paradoxem Weg? Eine Kartografie des Pontifikats von Papst Franziskus in dogmatischer Absicht, in: Werner, Gunda/Vudjan, Matija/Ritzka, Kathrin (Hrsg.), Legitimität der Moderne. Historische, rechtliche und systematisch-theologische Reflexionen, Wiesbaden 2026, 435–452.
[5] Vgl. dazu (sowie zu den Herausforderungen eines theologischen Umgangs mit derlei paradoxen Interventionen) Vudjan, Synodalität (wie Anm. 4), 448ff.
[6] Vgl. Hoff, Gregor Maria, Performative Theologie. Studien zur fundamentaltheologischen Theoriebildung, Stuttgart 2022, 21–45.
[7] Vgl. Essen, Georg, Legitimität. Ein blinder Fleck in kirchlichen Rechtfertigungsordnungen, in: Ley, Isabelle/Stein, Tine/Essen, Georg (Hrsg.), Semper Reformanda. Das Verhältnis von Staat und Religionsgemeinschaften auf dem Prüfstand, Freiburg i. Br. 2023, 332–349.
[8] Zur ekklesiologischen Einordnung von performativ erzeugtem (Kirchen)recht vgl. Vudjan, Matija, Die römische Bischofssynode als Ort der performativen Rechtsetzung? Zum Zusammenhang von Institution und Performativität, in: Ritzka, Kathrin u. a. (Hrsg.), Von Gott sprechen. Perspektiven auf den Zusammenhang von Theologie und Sprache (=ratio fidei, 92), Regensburg 2026, 333–354.
[9] Papst Leo XIV., Ansprache (wie Anm. 1).
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