Andreas König legt mit seinem Poesieband wieder einen bunten Strauß an Gedichten vor, die Alltagserfahrungen in poetische Miniaturen verwandeln. Eine Rezension von Johann Pock.
Gelingende Poesie versteht es, Großartiges im Kleinen zu suchen, exemplarisch an Erfahrungen, Orten, Gegenständen anzusetzen. Zumeist dient sie den Poeten als Ausdruck persönlicher Überzeugungen. Gedichte „können Gefühle, Ideen oder Geschichten auf eine kreative und emotionale Weise vermitteln.“[1]

In diesem Gedichtband werden 98 Gedichte in 9 unterschiedlich langen Abschnitten geboten. Noch vor dem ersten Gedicht wird Ps 94,17 als Motto vorangestellt: „Wäre nicht der Herr meine Hilfe, bald würde ich im Land des Schweigens wohnen.“ (S. 11) Das Motiv von Schweigen und Endlichkeit kehrt dann in vielen der Gedichte wieder. Sie sind wieder ausgespannt zwischen kleinen Alltagserfahrungen und dem großen Horizont des Lebens – gesammelt daheim, beim Unterwegssein, im Vorübergehen. Peripheres wird mit zarten Worten festgehalten.
Steinerner Schutzengel[3]
(bei Kloster Weltenburg)
I
Eisern verankert,
weist er dem Knaben
den Weg
II
Unser Anker
ist gelichtet
Hoffentlich sehen, was auf uns zukommt
Vieles kreist dabei um die Stille, um Vergänglichkeit, um Sein, Werden und Vergehen. Religiöses kommt nur behutsam zur Sprache, selten explizit in Zitat und Anspielung, zumeist aber nur indirekt. Das Du, die Beziehung ist manchmal thematisiert. Zeit und Abschied sind auch dabei bestimmend, wie im Altersheimblick:
Altersheimblick[4]
(meiner Frau)
Ein Bild des Lebens,
dieses alte Paar
Für Augenblicke sahen wir,
Was auf uns zukommt:
Wir werden unsichtbar sein,
doch hoffentlich sehen,
wer auf uns zukommt
Und wir hielten uns an der Hand
und gingen weiter,
tiefer
in das Bild hinein
Kein Wort
Und sehr berührend wird dieses Du im Hingabe-Gedicht ins Zentrum gerückt, leise, wie ein sich in bunte Farben zerbrechendes Licht:
Form der Hingabe[5]
I
Kein Wort,
von deiner Hand geschrieben
Um sicher zu gehen
Alles
schrieben andere auf
DU warst dir sicher
II
Das Licht
will sich brechen,
um durch seine Farben zu sprechen
Unterwegs in ein wärmeres Land
Die titelgebenden „Zugvögel“ greifen ein zentrales grundlegendes Motiv auf: Das Unterwegssein, die Vergänglichkeit – im Beispiel des nicht aufzuhaltenden, immer wiederkehrenden Jahreskreises.
Kirchgang mit Zugvögeln[6]
I
Am Himmel hoch
das ferne
Flügelschlagen
II
Auch wir
sind unterwegs
in ein wärmeres Land.
Der Herbst ging in uns auf
Wiederum das Motiv des Loslassens, des Verlassens, des Aufbrechens in eine (hier nicht explizit genannte) Zukunft, eine neue Heimat, ein neues, „wärmeres“ Land – imaginieren lässt sich dabei die Erfahrung von aktueller kälteren Zeiten, wie sie die konkrete Gesellschaft mit ihren Konflikten, Ängsten und den fast apokalyptischen Katastrophenszenarien bietet: zwischen Kriegen und Klimakatastrophe, Energiekrise und Wirtschaftspessimismus.
Ausflug am Ende des Sommers[7]
(E. J. Zum Gedenken)
Immer waren die Wolken
uns einen Himmel voraus
und eine Weite der Welt
Ihnen blickten wir nach,
ihrer Reise ins Ferne,
bis an die Grenzen
der sichtbaren Welt
In den Sonnen der Silberdisteln
ging der Sommer unter
Und der Herbst
ging in uns auf
Wir erwarten dich weiter
Das Thema der Vergänglichkeit ist dabei eingebunden in einen positiven Erwartungshorizont. Wer ist es, auf den gewartet wird?
In Erwartung[8]
am Abend
stehen prächtige Wolken
bereit
Etwas Herrliches haben sie,
ragen hoch in den Himmel,
lichtvoll und glänzend
Vergehen,
verwehen.
Wir erwarten dich
weiter
Insgesamt ist es ein lesenwertes, meditatives und spirituell tiefes Buch geworden, das dazu einlädt, immer wieder nachzulesen und sich in die Bildwelten und Erfahrungsdeutungen hineinnehmen zu lassen.
—
Buch: Andreas König, Kirchgang mit Zugvögeln – und andere Gedichte, Ralf Schuster Verlag, Passau 2025.
https://andreaskoenig-lyrik.de/book/kirchgang-mit-zugvoegeln-vorankuendigung/
Autor: Andreas König
Rezensent:
Johann Pock, Wien, ist Professor für Pastoraltheologie und Homiletik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien und Gründungs-Redaktionsmitglied von feinschwarz.net
[1] https://www.bachelorprint.de/linguistik/gedichte/ (Stand: 15.5.2026).
[2] Im Jahr 2010 erschien „Gespräche am Jakobsbrunnen“, 2013 „Der alte König des Maronenhains“, 2015 der Gedichtsband „Zwischentoren“. Die beiden Gedichtbände Im Kreuzgang (2018) sowie „Wanderer auf wörtlichen Wegen“ (2021) wurden bereits auf feinschwarz rezensiert.
[3] Kirchgang mit Zugvögeln, S. 55.
[4] Ebd., S. 70.
[5] Ebd., S. 104.
[6] Ebd., S. 131.
[7] Ebd., S. 111.
[8] Ebd., S. 75.
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