Im Kreuzgang

Andreas König verarbeitet in seinem Gedichtband „Im Kreuzgang“ persönliche Erfahrungen, die er in Natur, Kunst und persönlichen Begegnungen gemacht hat – und dies in behutsamer, verdichteter Sprache. Eine Rezension von Johann Pock.

Dein Reich komme
(Kreuzgangflügel beim Welfenmünster, Steingaden)

I
Gottes
gebrochener Flügel
Gottes
gebrochener Sohn

II
Tag und Nacht
steht
seine Barmherzigkeit offen

III
Eine Pforte, die
nur der Gebrochene findet

Kleine Wahrnehmungen werden zur Inspiration für wunderbare Gedichte.

Mit diesem Gedicht eröffnet Andreas König einen wunderbaren kleinen Gedichtsband. Ein unfertiger, zerbrochener Kreuzgang-Flügel führt ihn über das Motiv des „Gebrochen-Seins“ zu Jesus und zu den Gebrochenen, die der Barmherzigkeit Gottes bedürfen.

Das Buch bietet auf 100 Seiten 68 Gedichte und 14 Bilder. Die Bilder sind dabei nicht primär Illustration, sondern Gesprächspartnerinnen und Inspiration sowohl für den Autor wie für die Leserinnen und Leser.

Für den Autor werden architektonische Besonderheiten, die Schöpfung oder auch kleine Begegnungen zum Anlass, die innere Stimme auszudrücken.

Auf dem Friedhof von St. Severin, Passau

I
Er habe einen Ring gefunden, rief
der kleine Sohn
und trug ihn schon
am Finger
— Ein Wirbelkörper war’s —

II
Mit dem Tod
sind wir verlobt

III
Geheiratet
wird ein anderer

Viele der Gedichte beschäftigen sich mit Glaubenszeugnissen vergangener Zeit und atmen ein Grundvertrauen in Gott.

Viele der Gedichte durchströmt eine gewisse Wehmut; manche haben etwas leicht Morbides – und entlassen den Leser am Schluss meist mit einem unerwarteten Gedankenanstoß. Viele der Gedichte beschäftigen sich mit Glaubenszeugnissen vergangener Zeit (Kreuzgänge, Kapellen, Kirchen) und atmen ein Grundvertrauen in Gott.

Besuch einer Kapelle (St. Blasius, Kaufbeuren, 14. Jhdt.)

In die Seitenwunde des Gekreuzigten
steckten die Gläubigen
kleine Bittbriefe

(aus dem Kirchenführer)

I
Schon lange
kommt keine
Post mehr

II
Gottes
Briefkasten: Eine
offene
Wunde

III
Postkarten aus Folterland
schmücken die Wände

Blutzeugen grüßen
ihre blutarmen
Brüder

„Die Kinder fliegen“

Am Schluss seines Gedichtsbandes beschreibt der Autor exemplarisch einen Entstehungsvorgang eines Gedichts. Für ihn sind es oft kleine Eindrücke, die ihn nicht loslassen und die dann die Keimzelle eines neuen Gedichts bilden, das langsam, Zeile für Zeile, wächst.

Man sieht den Gedichten an, dass an ihnen behutsam und lange gefeilt wurde; die Sprache ist klar, teilweise auch mit überraschenden Bildern („Von Früchten brennt der Mirabellenbaum“).

Glücklicher Tag

Die Kinder sehen
zum Drachen hinauf,
der die Sonne berührt

Ich zu den Wolken
finster und hell

Die Kinder
verlängern
die Schnur

Wir hängen Wäsche
in den Wind

Die Kinder fliegen.

Das Buch stellt insgesamt ein erfrischende Fundgrube dar für kleine Gedankenanstöße, mit Nachdenklichem, Heiterem, Schönem und Überraschendem. Andreas König führt in die Tiefe, lässt an seinem eigenen Suchen und Staunen teilhaben und entführt mit seinen Gedichten die Leserin/den Leser in eine Gedankenwelt, die auch eigenes Mit- und Weiterdenken ermöglicht.


Alle Gedichte sind mit Genehmigung des Autors entnommen aus: Andreas König, Im Kreuzgang. Gedichte, Passau: Schuster Verlag 2018 (ISBN 978-3-940784-40-7)

Näheres zum Autor: http://www.andreaskoenig-lyrik.de

Rezensent: Johann Pock, Pastoraltheologe in Wien und Redakteur von feinschwarz.net

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