Spiritualität wirkt in der aktuellen Arbeitswelt eher als Fremdkörper. Für Führungskräfte eine Herausforderung, über die Matthias Gradinger mit einem Praxisbericht aus der Entwicklung einer arbeitgeberseitigen Qualifizierung zu Spiritualität und Führung berichtet.
Kirchlich geprägten Arbeitgebern ist es wichtig, Mitarbeitenden und vor allem Führungskräften den christlichen Auftrag ihrer Organisation nahezubringen und sie aktiv daran zu beteiligen bzw. die Beteiligung an diesem Auftrag einzufordern oder zumindest zu wünschen. Die Erwartung an die Führungskräfte bleibt dabei manchmal diffus und wird gelegentlich als Zumutung empfunden. Inneres in Form der eigenen Gläubigkeit, soll kirchenkonform nach Möglichkeit authentisch gezeigt werden. Hinzu kommen Themen wie Kirchenaustritt, Scheidung, gleichgeschlechtliche Lebensformen, die arbeitsrechtliche Relevanz erhalten oder bis vor kurzem hatten. Die Führungskräfte haben bzw. hatten dabei die Aufgabe, sich damit zu befassen und darauf zu reagieren – und sei es nur in einem Klärungsgespräch. Die befreiende Änderung der Bischöflichen Grundordnung des kirchlichen Dienstes im Jahr 2022 dringt allmählich durch und immer noch dominiert mitunter der Eindruck, hier eine nicht stimmig empfundene Rolle ausfüllen zu müssen.
Diffuse Erwartungen und Skepsis
In diese Ausgangslage hinein finden Entwicklungsprogramme für Führungskräfte statt, die das Thema Religion und Spiritualität umfassen. So war im Angebot für Nachwuchs-Führungskräfte im Malteser Verbund eine von vier dreitägigen Einheiten dem Thema Spiritualität gewidmet. Im Lauf der Zeit zwischen 2012 bis heute wandelte sich die Durchführung und Rezeption dieser Einheit immer wieder. Während die anderen drei Einheiten zu Kommunikations- und Führungsthemen bei allen Teilnehmenden durchgängig sehr positive Resonanz fanden, so fielen die Feedbacks zur Einheit Spiritualität gegen Ende der 10er Jahre durchwachsen aus. Die Skepsis und auch das Unbehagen der Teilnehmenden hatte häufig damit zu tun, dass diese sich mit dem arbeitgeberseitigen Anspruch konfrontiert sahen, in ihrem beruflichen Denken und Handeln auf Kirche festgelegt zu werden oder sich beim Thema Religion im Sinne des Arbeitgebers aktiv positionieren zu sollen.
Konfessionelle Offenheit und Alltagsnähe
Als Produktverantwortlicher für dieses Programm habe ich diese Entwicklung beobachtet und seit 2019 aktiv gestaltet. Grund dafür war meine persönliche Begegnung mit den Straßenexerzitien nach Christian Herwartz SJ. Dabei hat mich die konfessionelle Offenheit, die Alltagsnähe und Einfachheit besonders angesprochen, ich empfand diese Eigenschaften für den beruflich zu gestaltenden Kontext der Führungskräfte-Entwicklung einer caritativen Hilfsorganisation sehr passend: Er funktioniert interreligiös und sogar ohne transzendente Bezüge, er führt in ungewohnte soziale Kontexte und kann persönlich herausfordern. Klar war immer, dass Exerzitien freiwillig außerhalb eines beruflich induzierten Entwicklungsprogramms angesiedelt sind. Es galt also, Elemente der Straßenexerzitien in ein berufsqualifizierendes Format zu übersetzen. Das geschah in unterschiedlichen Phasen. Das Programm wurde im Jahr 2019 erstmals mit Elementen der Straßenexerzitien angereichert durchgeführt und dann in Reflexions- und Veränderungsstufen und -schleifen angepasst. Hier ein Versuch, diese Entwicklung in Phasen zu gliedern:
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Puristisch-asketische Phase:
Drei Tage “auf der Straße”, jede:r für sich allein, ohne Handy und Geld, umrahmt von christlich-biblisch gehaltenen Morgen- und Abendimpulsen (darunter auch eine Eucharistiefeier). Dazu abendliche Runden zum Austausch über das auf der Straße Erlebte zur Reflexion und mit dem Angebot der Deutung, Dauer open end.
Einige wenige Teilnehmende erfuhren regelrechte Offenbarungen in geistlicher oder zwischenmenschlicher Hinsicht, den meisten blieb der Zugang verschlossen, weil zu spröde, zu viel Zumutung in asketischer Schlichtheit. Viele sabotierten innerlich oder offensichtlich die Herangehensweise, zumeist öffentlich innerhalb der Gruppe, der Leitung gegenüber verdeckt.
Das Leitungs- und Begleitungsteam bestand neben mir aus mehreren Begleitungspersonen aus dem Bereich der Straßenexerzitien, darunter ein Priester. -
Phase des erleichterten Zuganges:
Die Zeiten auf der Straße wurden reduziert zugunsten von Hinführung: Mehrdimensionalität von Glauben und Spiritualität wird aufgezeigt und Achtsamkeit als weltanschaulich neutrale Grundhaltung mit entsprechenden Übungen eingeführt. Die biblische Geschichte von Mose am brennenden Dornbusch wurde mithilfe eines Bibliologes vorgestellt. Die Einheit wurde umbenannt in „Großstadtmeditation“, um sich von Ansprüchen der Straßenexerzitien freizumachen.
Die Veranstaltung polarisierte nach wie vor unter den Teilnehmenden, wobei die Unterschiedlichkeit des Erlebens einzelner Teilnehmender selten innerhalb der Gruppe offen diskutiert wurde. Bei der Rückschau auf eine Durchführung entlud sich komplettes Unverständnis der Teilnehmenden über Aspekte, die aus meiner Sicht ausführlich und intensiv verdeutlicht worden waren.
Das Leitungsteam bestand neben dem Autor aus einem Priester und einer Begleiterin aus dem Bereich der Straßenexerzitien, darunter bei einer Durchführung auch eine evangelische Pfarrerin. -
Phase des inklusiven religiösen Sprechens mit katholischem Absender:
Vorab erhalten die Teilnehmenden Links zu Videos und Podcasts, die behutsam religiöse Spuren setzen und zugleich Offenheit markieren. Die in Phase 2 integrierten Glaubensdimensionen werden um Impulse der Resonanz und Unverfügbarkeit nach Hartmut Rosa ergänzt.
Der Verzicht auf Handy und Geld während der Zeit auf der Straße wird dezidiert der Selbstverantwortung der Teilnehmenden anvertraut.
Verbindlich bleibt, alleine unterwegs zu sein.
Es gibt das Angebot einer kreativen Verarbeitung der Eindrücke in einem Mal-, Schreib- und Bastelheft.
Neu aufgenommen ins Seminar wurde das inklusive religiöse Sprechen, mit Übungen zur Anwendung im Arbeitsalltag als unmittelbarem Benefit.
Das Begleitungsteam besteht aus dem Autor und einer Referentin des Geistlichen Zentrums der Malteser.
Individuelles und gemeinsames Wachstum wird möglich
In der aktuellen Phase ist die herausfordernde Einheit zur Spiritualität auf einen Stand gekommen, der von überwiegendem Nutzen und bei aller Herausforderung von Zufriedenheit gekennzeichnet ist. Individuelles und gemeinsames Wachstum wird möglich, wo zuvor Widerstand dominierte.
Schlüssel für die Teilnehmenden sind Positionierungen von Theologie und Kirche, die auf Offenheit zielen: ein Vortrag von Matthias Sellmann in Magdeburg, in dem er sich bewusst wertschätzend Nicht-Glaubenden gegenüber äußert. Oder das Aufgreifen lebensförderlicher Haltungen wie die von Hartmut Rosa aus der Einführung in sein Buch Resonanz. Und Thesen von John D. Caputo wie das Reich Gottes lebt in den Werken der Barmherzigkeit werden in Zukunft noch deutlicher Eingang finden. Als Ort wähle ich gerne Städte oder Stadtteile, die als soziale Brennpunkte gelten, wie beispielsweise Duisburg-Marxloh (in einem einfachen Hotel, in dem oft Bauarbeiter unterkommen) oder Ludwigshafen.
Erfahrungen, die das Aufscheinen des Göttlichen illustrieren
Zum Schluss möchte ich einige Erfahrungen von Teilnehmenden wiedergeben, die das Aufscheinen des Göttlichen, eine Selbsterkenntnis oder das Wehen des Geistes in dem Format illustrieren. Wir sprechen im Seminar inzwischen offen über „die Challenge“ auf der Straße, viele der Teilnehmenden finden sich darin ein:
- Eine ging bewusst ganz ohne Geld los und sammelte Flaschen, um sich einen Imbiss zu kaufen.
- Eine andere, die sich im Kontakt mit fremden Menschen gehemmt fühlte, nahm sich vor, zehn fremde Personen in der Stadt anzusprechen. Sie kam mit einer gehörlosen Frau schriftlich ins Gespräch und bat einen Passanten darum, sein Handy zu nutzen um mir eine Info zu schicken, dass sie sich verspäten würde. Und mit acht anderen Personen.
- Ein Teilnehmer sah sich mit seinem Perfektionismus konfrontiert und es gelang ihm, den Druck zu reduzieren und so erfahrene Momente der Ruhe und Begegnung zu genießen.
- Ein anderer beobachtete Urlauber auf dem Weg zum Flughafen und fragte sich, ob er und seine Familie auf den Weg in den Urlaub auch so freudlos wirken wie die Beobachteten.
- Eine Teilnehmerin schaute Jugendlichen beim Streetdance zu und wurde eingeladen mitzumachen – was sie auch tat.
- Eine Teilnehmerin besuchte eine Moschee und erhielt eine kleine Führung durch ein Gemeindemitglied. Die offiziellen Vertreter der Moscheegemeinde waren besorgt und erhoben Anspruch, alleinig die Führung und Erklärung zu übernehmen.
- Ein Teilnehmer kam auf seinem Streifzug an einer Baustelle vorbei, die sich als Kirchengebäude im Hinterhof entpuppte – er schaute hinein und bekam ein Orgelkonzert nur für sich geschenkt.
- Einer lernte im Park einen Obdachlosen kennen und kam mit ihm ins Gespräch, unter anderem über Spanischlernen. Er hoffte, ihn am nächsten Tag am gleichen Ort wieder zu treffen, ohne dass die beiden sich verabredet hatten. Der Obdachlose war nicht da, den Teilnehmer schmerzte das kurz, worüber er überrascht war. Da wurde von außerhalb seines Sichtfeldes sein Name gerufen. Der neue Freund hatte ein Geschenk für ihn: ein Mini-Wörterbuch Spanisch.
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Matthias Gradinger ist Senior-Referent für Bildung, Beratung und Training an der Malteser Akademie. Er arbeitet für und mit Führungskräften und Teams der Malteser im Haupt- und Ehrenamt. Studiert hat er Theologie (Mainz) und Soziologie (Frankfurt/Main). Besonders geprägt haben ihn die kirchlichen Erfahrungsräume Katholische Junge Gemeinde, Telefonseelsorge und Straßenexerzitien
Titelbild: Blaues Sofa, Credits: Matthias Gradinger


