Die Klima-Katastrophe besorgt viele Menschen weltweit. Matthias Stracke-Bartholmai nimmt Zugänge zum Thema Klimakollaps in den Blick und fragt nach kirchlichen und theologischen Perspektiven.
Knapp 50% der Menschen in Deutschland gehen laut Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU 6) davon aus, dass wir auf eine Klima-Katastrophe zusteuern, wenn wir so weitermachen wie bisher. Und obwohl dieses Szenario angesichts der klimapolitischen Rückschläge der letzten Jahre keineswegs unrealistisch scheint, ist (nicht nur) im kirchlichen Kontext von möglichen Katastrophen erstaunlich wenig zu hören. Die Kirchen üben sich unter dem Schlagwort Hoffnung in positiver Kommunikation. Doch das diffuse Gefühl, dass womöglich nicht alles gut geht, bleibt abseits von empirischen Befunden oftmals unausgesprochen.
Dabei haben sich in den letzten Jahren aus verschiedenen Richtungen Zugänge zum Umgang mit dem „Klimakollaps“ ergeben, die sich international insbesondere an drei Veröffentlichungen festmachen lassen: dem „kleinen Manual der Kollapsologie“ von Pablo Servigne und Raphaël Stevens (Frankreich, 2015);[i] Jem Bendells Aufsatz „Deep Adaptation: A Map for Navigating Climate Tragedy“ (2018) und dem Climate Endgame Paper von Luke Kemp u.a. (2022).[ii]
Notwendige Auseinandersetzungen mit den Worst-Case-Szenarien
Diese Ansätze ähneln sich, insofern sie sich demselben unbequemen Thema nähern, unterscheiden sich aber in der Herangehensweise und Zielgruppe: Die Autor:innen des (abgesehen vom Titel sehr nüchternen) Climate Endgame Papers formulieren die dringende Aufforderung an die klimawissenschaftliche Scientific Community, sich neben dem Zielrahmen des Pariser Klimaabkommens (<2 °C) auch mit Worst-Case-Szenarien (>3 °C) zu beschäftigen und der Vulnerabilität von menschlichem Leben und Gesellschaften mehr Aufmerksamkeit zu widmen: „Im Angesicht einer Zukunft des beschleunigten Klimawandels blind zu sein für Worst-Case-Szenarien ist bestenfalls naives Risikomangagement und schlimmstenfalls töricht“.[iii]
Bei Servigne/Stevens und Bendell hingegen bekommt die geneigte Leserschaft ein attraktives Gesamtpaket von der Problembeschreibung bis zur psycho-sozialen Verarbeitung, inklusive Identifikationsangebot: „kollapsbewusst“; „Kollapsonaut:in“. Damit verbunden ist zum einen ein gewisser Absolutheitsanspruch hinsichtlich des Eintreffens eines klimabedingten gesellschaftlichen Zusammenbruchs in der näheren Zukunft. Zum andern die Idee, dass die Auseinandersetzung mit der Kollapsthematik mit einem Trauerprozess und einem Bewusstseinswandel einhergeht bzw. gehen sollte, der schließlich in einen Zustand der „Kollapsakzeptanz“ bzw. „Tiefen Anpassung“ mündet. Dennoch – oder wohl eher deswegen – waren beides sehr erfolgreiche Beiträge, die eine breite Aufmerksamkeit hervorgerufen und eine ganze Bewegung angestoßen haben.
Suche nach solidarischer Kriseninfrastruktur
Auch in Deutschland nahm die „Kollapsbewegung“ in den letzten Jahren an Fahrt auf. Eine wichtige Rolle spielen dabei enttäuschte Klimaaktivist:innen. Tadzio Müller, einer der prominentesten Köpfe der Bewegung, hat zu seinem Bewusstseinswandel ein Buch geschrieben, in dem er zur Erneuerung der Klimabewegung als solidarische Kollapsbewegung aufruft.[iv] 2025 schließlich fand ein erstes „Kollapscamp“ mit ca. 1000 Teilnehmenden in Brandenburg statt. Das Medienecho: gemischt. Vergleichsweise prominent in der Berichterstattung waren „Nahkampf, Funken, Erste Hilfe“ (ZEIT); in der taz halten drei Teilnehmende die Atrappe eines Arms mit Schussverletzungen in die Kamera. Bei Walter Lechner und Gabriela Hund, die auf dem midi Blog aus kirchlicher Perspektive vom Camp berichten, wird hingegen deutlich: es geht auch viel um emotionale Verarbeitung und solidarische Kriseninfrastruktur.
Wo kann und soll Kirche aktiv werden?
Der kurze Streifzug zeigt: Kollaps ist zwar (noch?) ein nischiges, aber durchaus schillerndes Thema mit unterschiedlichen Zugängen. Wo kann und sollte Kirche hier anschließen? Welche theologischen Aufgaben und Herausforderungen ergeben sich? Diesen Fragen versucht die AG Kirche und Theologie im Klimakollaps nachzugehen und entsprechende Plattformen zu ihrer Bearbeitung zu schaffen.
An dieser Stelle greife ich drei Punkte heraus, die mir grundlegend wichtig erscheinen:
1. Solidarität
Unter dem Stichwort „solidarisches Preppen“ wird danach gefragt, wie eine Vorbereitung auf mögliche Katastrophen aussieht, die nicht nur ein Individuum in seinem Bunker schützt (der „klassische“ Prepper), sondern die Menschen im lokalen Umfeld mitdenkt, gerade die, die sich nicht selbst schützen könn(t)en. Martin Horstmann schlägt vor, diese Art der Vorbereitung im Anschluss an Gibran als „sichtbar gemachte Liebe“ zu verstehen.[v]
Dass mit der Kollapsbewegung die Frage nach solidarischen Praktiken im sozialen Nahraum wieder stärker in den Fokus rückt, ist sehr begrüßenswert. Eine „Zivilisation der Liebe“ (Paul VI) konnte bisher nicht realisiert werden – ist davon auszugehen, dass nun die Auseinandersetzung mit dem Klimakollaps den entscheidenden Unterschied macht? Braucht es die breite Beschäftigung mit Kollapsszenarien, um Menschen und Gemeinden für Solidarität zu begeistern? Oder ist jede Stärkung solidarischen Handelns im sozialen Nahraum immer schon als gute Kollapsvorbereitung zu verstehen,[vi] unabhängig vom Framing?
2. Kollaps unbubblen
Gleichzeitig scheint es mir dringend notwendig, dass das Thema Klimakollaps nicht weiter nur in einer Blase besprochen wird. Stellenweise fühlt sich die Auseinandersetzung mit der Kollapsthematik so an, als sei man in Kontakt zu einer Erweckungsbewegung gekommen. Immer wieder begegnet die Unterscheidung von Kollapsignoranz und -bewusstsein und eine Art Bekehrungsnarrativ mit einem Davor und Danach.[vii]
Tatsächlich spricht Jem Bendell wortwörtlich von einem awakening in Bezug auf Kollaps und problematisiert Ende 2025 in einem Blogbeitrag die (für Erweckungsbewegung durchaus nicht unüblichen) Begleitphänomene: „[…] after the awakening described above, the egoic mind does not disappear. Instead, it […] wants to hold on to the insight, to clothe it in certainty and identity. ‘I am one who sees collapse,’ it says. ‘I know what’s coming.’” [viii]
Demgegenüber erscheint mir das eher nüchterne Denken in und mit Worst-Case-Szenarien, wie es Luke Kemp für die Klimawissenschaften u.a. vorschlagen, auch für Kirche und Theologie eine sinnvolle Herangehensweise.
3. Theologische Horizonterweiterung
Gerade aus den Klimawissenschaften finden sich Stimmen, die von Ernüchterung und Enttäuschung über in die Reichweite und Sinnhaftigkeit ihrer Forschung berichten. Wenn Klimaforscher:innen aussteigen, weil sie feststellen, es brauche nicht mehr Wissen, „sondern einen tiefgreifenden Wandel von Werten und der Art, wie wir das gemeinsame Leben auf der Erde gestalten“[ix], was heißt das für die (wissenschaftliche) Theologie?
Beansprucht sie nun gerade für diesen Wandel gefragt zu sein oder müsste vergleichbare Kritik auch innertheologisch formuliert werden?
Vermutlich gibt es aus den vergangenen Jahrzehnten tatsächlich ausreichend Arbeiten zur ökologischen Krise, zur Lebensfeindlichkeit des Wirtschaftssystems und zu möglichen globalen Katastrophen.[x] Entscheidend neue Impulse entstehen dort, wo Kollaps konkret wird: In Tuvalu ist ein Verlust des Landes absehbar und damit einhergehend ein möglicher kultureller Zusammenbruch – und die Theologie hat Mühe Schritt zu halten, wie der tuvaluische Theologe (und Umweltminister) Maina Talia feststellt.[xi]
Talias Dissertation, die um eine Re-lektüre des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter (Lk 10, 25-37) kreist, wendet sich auch an die Theologie unserer Breitengrade: „How do theologians in those far off place[s] understand what it means to be a neighbour to those at risk? How might such a situation inform their theologies of providence, theology, creation and salvation […]?“[xii]
Auf der Suche nach Antworten zur Frage von Kirche und Theologie im Klimakollaps sei die Lektüre seiner Arbeit als Startpunkt unbedingt empfohlen.
Matthias Stracke-Bartholmai arbeitet als Bildungsreferent bei der Akademie des VRK. Er ist Teil der AG Kirche und Theologie im Klimakollaps und Mitherausgeber des Bandes Seelsorge in der Klimakrise. Aufbrüche in Wissenschaft und Praxis
Titelbild: Strand auf den Malediven, zur Verfügung gestellt von Pexels
[i] Auf Deutsch: Pablo Servigne & Raphaël Stevens, Wie alles zusammenbrechen kann: Handbuch der Kollapsologie, Wien 2022.
[ii] Auf Deutsch: Luke Kemp u.a., Climate Endgame. Erkundungen von Szenarien eines katastrophalen Klimawandels. In: Thomas Köhler u.a. Klima, Kollaps, Kommunikation – Perspektiven auf das Climate Endgame, Hannover 2025, 21-41. Zugänglich auch über https://klima-kollaps-kommunikation.de/ (19.03.2026).
[iii] Ebd., 41.
[iv] Tadzio Müller, Zwischen friedlicher Sabotage und Kollaps. Wie ich lernte, die Zukunft wieder zu lieben, Wien 2024.
[v] https://vrk-akademie.de/wp-content/uploads/2026/03/Kollapsbewusste-Kirche-und-Diakonie-Martin-Horstmann.pdf (19.03.2026).
[vi] Vgl. in Bezug auf Vorbereitungen hinsichtlich eines Kriegsfalls: https://taz.de/Schwedischer-Militaerexperte-ueber-Krieg/!6092924/ (19.03.2026).
[vii] Vgl. bspw. Servigne & Stevens, 2022, 22; Müller, 2025 sowie https://degrowth.at/artikel/kollapsbewusstsein (19.03.2026).
[viii] https://jembendell.com/2025/12/12/lets-not-become-attached-to-collapse/ (19.03.2026). Deutsch: „Nach dem oben beschriebenen Erwachen verschwindet der egoistische Verstand nicht. Stattdessen möchte er […] an der Erkenntnis festhalten, sie in Gewissheit und Identität kleiden. ‚Ich bin einer, der den Zusammenbruch sieht‘, sagt er. ‚Ich weiß, was kommt.’“
[ix] https://lesen.oya-online.de/texte/3702-vom-ende-der-klimawissenschaft.html (19.03.2026).
[x] Vgl. nur die kurze Retrospektive in Laudato si‘, 3-7 inklusive dem Hinweis auf „die Überlegung unzähliger Wissenschaftler, Philosophen, Theologen und sozialen Organisationen […], welche das Denken der Kirche über diese Fragen bereichert haben.“
[xi] „The cultural tipping points threaten to collapse into a cascade while theology struggles to catch up.“
Talia, Maina Vakafua, Am I not your Tū/Akoi? A Tuvalu Plea for Survival in a Time of Climate Emergency, Charles Sturt University 2022, https://researchoutput.csu.edu.au/ws/portalfiles/portal/336308847/FINAL_SUBMISSION_PhD_TALIA_CSU_2023.pdf (19.03.2026), 219; Buchfassung: Talia, Maina Vakafua, Tuvalu, Theology, and the Geopolitics of Climate Change. Am I Not Your Tuakoi (Neighbour)?, London 2025.
[xii] Talia 2022, 215. Deutsch: „Wie verstehen Theolog:innen in diesen weit entfernten Orten, was es bedeutet, ein Nachbar/Nächster für diejenigen zu sein, die gefährdet sind? Wie könnte eine solche Situation ihre Theologien der Vorsehung, Theologie, Schöpfung und Erlösung beeinflussen […]?“


