Seit 2025 gehört das Jodeln zum immateriellen Kulturerbe derUNESCO. Wie es dazu kam und welche Bedeutung dieser Anerkennung zukommt, davon berichtet Gody Studer.
Vom Lehrer und Organisten zum Jodelchorleiter
Vor 55 Jahren fand ich mich in einer Rolle wieder, die ich mir selbst nie hätte vorstellen können. Als junger Primarlehrer und frisch ausgebildeter Organist unterrichtete ich an einer etwas abgelegenen Gesamtschule – und allein dieser Umstand genügte, um mich für musikalisch zuständig zu erklären. So wählte man mich, in meiner Abwesenheit und mit gerade einmal 21 Jahren, zum Gründungsdirigenten eines neuen Jodlerklubs.
Von der Jodelliteratur wusste ich damals kaum etwas. Doch meine Freundin – und spätere Frau, bis heute an meiner Seite – öffnete mir die Tür zu dieser für mich neuen musikalischen Welt. Als begnadete Jodlerin führte sie mich ein in die Szene, in die Traditionen und in die Menschen, die das Jodeln mit Herzblut pflegen.
Neugier, Respekt und eine gute Portion Improvisation
Diese ersten Schritte, geprägt von Neugier, Respekt und einer guten Portion Improvisation, wurden zum Anfang einer jahrzehntelangen Beziehung zu einer Kunstform, die heute – zu Recht – als immaterielles Kulturerbe der UNESCO anerkannt ist.
Wahrnehmung des Jodels
In meinen frühen Jahren als junger Dirigent begegnete ich einer Haltung, die wie ein leiser Unterton durch viele Gespräche schwang: In gebildeten, klassisch geprägten Kreisen galt das Jodeln kaum als Musik. Man sah darin ein liebenswertes Relikt, ein folkloristisches Andenken an vergangene Zeiten – charmant vielleicht, aber ohne künstlerische Gravität. Wenn ich erwähnte, dass ich mich als Organist mit kirchenmusikalischem Hingtergrund dem Jodeln zuwandte, begegnete mir oft ein Lächeln, das mehr Mitleid als Neugier verriet.
die Orgel mit dem Jodel verschmelzen
Doch während mancher noch schmunzelte, begann ich, das Alphorn und den Jodelgesang in den Kirchenraum zu tragen. Ich liess die Orgel mit dem Jodel verschmelzen, liess das Alphorn unter den Gewölben aufsteigen wie ein archaischer Atemzug der Berge. Für einige war das ein Tabubruch, ein Eindringen des Ländlichen in den sakralen Raum. Für andere öffnete sich ein neuer Klanghorizont, unerwartet weit und berührend. Für mich aber wurde es zum Beweis, dass Volksmusik und klassische Musik keine getrennten Sphären sind, sondern zwei Ströme, die sich begegnen können – und dass das Jodeln weit mehr ist als ein folkloristischer Seitenpfad.
Auseinandersetzung mit Stil, Technik und Tradition
Gerade diese Spannung zwischen äusserer Skepsis und innerer Faszination weckte in mir den Wunsch, das Jodeln nicht nur zu fühlen, sondern zu verstehen – mit derselben Ernsthaftigkeit, mit der ich mich der klassischen Musik widmete. So führte mich mein Weg zum Eidgenössischen Jodlerverband. Aus ersten Kursen wurde eine vertiefte Auseinandersetzung mit Stil, Technik und Tradition. Ich absolvierte die Juryausbildung, lernte, Ausdruck, Qualität und Authentizität mit geschultem Blick zu erfassen, und wuchs schliesslich selbst in die Rolle des Kursleiters hinein.
Mit jedem Schritt wurde mir deutlicher, wie kunstvoll, anspruchsvoll und tief verwurzelt das Jodeln ist – und wie wenig das mitleidvolle Lächeln von damals diesem Reichtum je gerecht werden konnte.
Der Weg durch schweizerische Institutionen
Auf meinem weiteren Weg öffneten sich Türen zu Institutionen, die das kulturelle Leben der Schweiz prägen. Ich kam in Kontakt mit dem Bundesamt für Kultur, mit dem Schweizer Musikrat, und ich wurde in den Vorstand der IG Volkskultur Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein gewählt. Es war, als würde sich der Horizont meiner Arbeit mit jedem Schritt weiten – und zugleich wurde mir bewusst, wie hartnäckig manche Vorurteile blieben.
jenes alte Misstrauen gegenüber dem Jodeln
Denn auch in diesen Kreisen, mitten im Herzen der Schweizer Kulturpolitik, begegnete mir erneut jenes alte Misstrauen gegenüber dem Jodeln. Nicht offen ausgesprochen, aber spürbar in Zwischentönen, in beiläufigen Bemerkungen, in der Art, wie man Themen gewichtete. Für manche war das Jodeln noch immer eine liebenswerte Randerscheinung, ein folkloristischer Farbtupfer, der zwar Tradition symbolisierte, aber kaum als ernstzunehmende Kunstform galt.
Ich fand mich wieder in Diskussionen, die ich längst hinter mir geglaubt hatte. Wieder musste ich erklären, dass Jodeln nicht bloss Heimatklang ist, sondern eine hochentwickelte vokale Ausdrucksform. Wieder zeigte ich auf, wie differenziert seine Stile, wie anspruchsvoll seine Techniken, wie tief seine kulturellen Wurzeln sind. Und wieder spürte ich, wie sich in mir jener alte Wille regte, Brücken zu bauen – zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit, zwischen Tradition und Gegenwart, zwischen Volkskultur und Kulturpolitik.
das Jodeln nicht nur musikalisch, sondern auch strukturell stärken
Doch diesmal war etwas anders. Ich stand nicht mehr als Einzelner da, der gegen ein mitleidvolles Lächeln ansingt. Ich war Teil von Gremien, die Kultur gestalten, Teil von Netzwerken, die Einfluss haben. Und so begann ich, das Jodeln nicht nur musikalisch, sondern auch strukturell zu stärken: in Gesprächen, in Projekten, in strategischen Überlegungen. Ich wollte sichtbar machen, was so oft übersehen wurde – den Reichtum, die Kunst, die Würde dieser Tradition.
Mit jedem Schritt wurde mir klarer, dass der Kampf gegen Vorurteile nicht nur auf der Bühne oder im Kirchenraum geführt wird, sondern ebenso in Sitzungszimmern, in Konzeptpapieren, in kulturpolitischen Debatten. Und dass genau dort das Jodeln eine Stimme braucht, die nicht zögert, für seinen Wert einzustehen.
Die Bewerbung bei der UNESCO
Je länger ich mich in den kulturpolitischen Gremien bewegte, desto deutlicher spürte ich, wie sehr sich mein persönlicher Weg mit grösseren Entwicklungen der Schweizer Kulturlandschaft verflocht. Schon Jahre zuvor war ich von Anfang an dabei gewesen, als die Region Entlebuch den mutigen Schritt wagte, sich als erstes UNESCO-Biosphärenreservat der Schweiz zu bewerben. Was 2001 begann, hat sich in einem Vierteljahrhundert zu einer Modellregion für nachhaltige Entwicklung und Naturschutz entwickelt – ein lebendiges Beispiel dafür, wie Tradition, Landschaft und Zukunftsdenken zusammenfinden können.
ein ähnliches Potenzial – für eine kulturelle Ausdrucksform
Diese Erfahrung prägte meinen Blick: Ich hatte miterlebt, wie eine Region durch gemeinsame Überzeugung, Beharrlichkeit und professionelle Arbeit international sichtbar werden konnte. Und nun, in den Begegnungen mit dem Bundesamt für Kultur und der IG Volkskultur Schweiz und Liechtenstein, spürte ich ein ähnliches Potenzial – diesmal nicht für eine Landschaft, sondern für eine kulturelle Ausdrucksform.
In verschiedenen Arbeitsgruppen wurde immer deutlicher, dass viele Menschen den Wunsch teilten, das Jodeln als lebendige Tradition zu stärken, zu schützen und weiter zu entwickeln. Die Idee, es als immaterielles Kulturerbe zu verankern, entstand nicht aus einem einzelnen Kopf, sondern aus einem gemeinsamen Bewusstsein. Ich schloss mich dieser Intention früh und mit Überzeugung an. Die alten Vorurteile, die dem Jodeln noch immer anhafteten, machten diesen Schritt umso notwendiger.
Sichtbarmachen dessen, was das Jodeln ausmacht
Als die Eingabe beim Bundesamt für Kultur vorbereitet wurde, übernahm ich Verantwortung in der Redaktionsgruppe. Dort begann die eigentliche Arbeit: das Sammeln, Verdichten und Sichtbarmachen dessen, was das Jodeln ausmacht – seine Vielfalt, seine Geschichte, seine soziale Kraft. Es war ein vertrauter Prozess: Wie damals bei der Region Entlebuch ging es darum, ein lebendiges Erbe so zu beschreiben, dass seine Bedeutung unübersehbar wird.
Jodeln zwischen Klischee und Kultur
Das Jodeln wird in der Schweiz sehr unterschiedlich wahrgenommen: Für viele ist es gelebte Tradition, für andere ein altmodisches Relikt des Landlebens. Die Wahrnehmung hängt stark vom Umfeld ab – Stadt oder Land, jung oder alt, Insider oder Aussenstehende. Gleichzeitig entwickelt sich das Jodeln im Naturjodel und im Jodellied weiter: Neben klassischen Formen entstehen moderne Mischungen und Crossover-Projekte, die neue Publika erreichen. Kommerzielle oder politische Vereinnahmungen gelten als problematisch, kreative neue Kontexte hingegen können festgefahrene Bilder aufbrechen.
Neben klassischen Formen entstehen moderne Mischungen und Crossover-Projekte.
Live-Auftritte prägen das Image am stärksten, wobei die Medien sehr unterschiedlich berichten: Lokale Kanäle und Fachmedien bieten dem Jodeln regelmässig Raum, nationale Sender dagegen selten und meist nur für populäre oder aussergewöhnliche Formen. In den sozialen Medien liegt noch ein grosses, bisher kaum genutztes Potenzial für ein jüngeres, zeitgemässes Jodel-Bild.
Die Nachwuchsförderung ist besonders in Städten anspruchsvoll.
Innerhalb der Szene wird die Leistungsorientierung kontrovers gesehen. Bewertungen an Jodlerfesten sichern Qualität, können aber Druck erzeugen. Die Nachwuchsförderung ist besonders in Städten anspruchsvoll; Musikschulen und Volksschulen könnten hier stärker eingebunden werden. Kinder- und Jugendgerechte Jodelliteratur sind wichtig für vernetzte Jodelförderungs-Projekte wie «Das jodelnde Klassenzimmer».
Für die Weitergabe des Jodelns sind Archive wichtig. Viele wertvolle Bestände – auch private – sollten erschlossen und digital zugänglich gemacht werden; eine nationale Zusammenarbeit könnte dies erleichtern.
Jodel als immaterielles Kulturerbe der UNESCO
t. Die UNESCO würdigt den Jodel als «emblematischen Gesang der Schweiz», der eine grosse Vielfalt an Ausdrucksformen umfasst und tief in der Bevölkerung verankert ist. Der wegweisende Entscheid wurde an der 20. Sitzung des Zwischenstaatlichen Komitees in Neu-Delhi gefällt, nicht zuletzt auch aufgrund der Qualität des schweizer Dossiers sowie des breit abgestützten, partizipativen Prozesses.
lebendiges Erbe der Schweizer Kultur
Die Anerkennung durch die UNESCO ist damit weit mehr als ein symbolischer Akt: Sie eröffnet dem Jodeln neue Räume, stärkt seine Zukunftsfähigkeit und verankert es als lebendiges Erbe der Schweizer Kultur in ihrer breiten Vielfalt.
Damit wird die Zukunft des Jodels spürbar verändert. Der Rang eines Weltkulturerbes bestätigt den Wert des Jodels als sinnbildlichen Gesang der Schweiz, der eine grosse Vielfalt an Ausdrucksformen umfasst und tief in der Bevölkerung verankert ist. Naturjodel und das Jodellied bleiben nicht länger bloss nationales Brauchtum, sondern sind eine kulturelle Praxis von internationaler Bedeutung.
Gody Studer, Escholzmatt, Lehrer und Organist, Gemeindepräsident und Kantonsrat; Chor- und Kursleiter, Juror beim Eidg. Jodlerverband; Kulturengagements bei der IG Volkskultur Schweiz und dem Bundesamt für Kultur, Redaktionsmitglied Bewerbung immaterielles Kulturerbe Jodel bei der UNESCO.
Porträtfoto: privat


