Wanderer auf wörtlichen Wegen. Gedichte von Andreas König

Gedichte sind verdichtete Wirklichkeitswahrnehmungen. Andreas König legt wie in einem modernen Psalter knapp 150 Gedichte gewissermaßen als Momentaufnahmen vor. Eine Rezension von Johann Pock.

In neun Abschnitten nimmt Andreas König die Leser:innen mit auf eine Wanderung. Beobachtungen, eigene Erfahrungen, Religiöses und Profanes bilden einen bunten Gedankenstrauß. Im Folgenden werden einige ausgewählte Gedichte kommentierend vorgestellt.

Annäherungsversuch[1]

Ich wandere
durch eine weiße Landschaft –

Bis der Weg
sich zu erkennen gibt,
den die Wörter
gehen wollen.

Spurlos folgen sie
meinen Spuren,
wie ich deinen folge,
um dich zu finden

Bis sie uns beide
gefunden haben

Dann
hinterlassen sie
Spuren.

Eintreten ins große Verlassen

Eine Gruppe von Gedichten kreist um das Themenfeld von Gebäuden und Kirchen. Damit verbunden sind die Fragen nach Endlichkeit und Unendlichkeit. Biografisches fließt ein – und der Blick des Dichters, der hinter die Oberflächen zu schauen vermag. Wie so manche Malerei mehr vom Weglassen als von der Fülle lebt, so sind diese Gedichte geprägt von Kargheit und Kürze, und zwingen die Leser:innen dazu, selbst weiterzudenken.

Portal[2]
[ehemalige Heilig-Geist-Spitalkirche, Landshut]

Trete ein

In das große Verlassen –

Die Enkel blühten

In einigen der Gedichte kommt die dunkle Seite in den Blick. Sie kreisen um Krankheit, Abschied und Sterben – immer wieder geprägt von persönlichen Erfahrungen des Dichters und bei aller Schwere zugleich getragen von einer optimistischen Grundhaltung. Hier schimmert eine persönliche Spiritualität des Dichters durch.

Das Feld[3]

Mein Feld ist bestellt
(Spruch des schwerkranken Schwiegervaters)

Die Enkel blühten

Er lag umgeben
von der Liebe nieder
die er gesät

Du willst mich

Orte, Räume und Wege sind Momente der Erfahrung des Selbst, aber auch des Transzendenten. Stolpersteine können für den Dichter ebenso zum Nachdenken anregen wie Natur oder Kunst.

Heilsamer Ort[4]

Keiner will etwas

Du willst mich

Die Quelle
sprudelt

Stolpersteine
(für Gunter Demnig)

Ein Menschenleben
leuchtet auf

In seiner Kostbarkeit

Hier wohnte
ein Mensch

Ein Mensch
mit Namen

Und das Pflaster
verschwindet
in der Dunkelheit

Das Hören ist geboren

Und immer wieder gelingen dem Autor schöne und überraschende Bilder und Wortkreationen:

Abendlied[5]

Die Amsel singt
dem Abend
Ohren

Und die Nacht
flüstert hinein

Das Hören
ist geboren

Ob der „kleine Nachtfalter“ als Bild für Vergänglichkeit die Gedichte um das Sterben und das Abschiednehmen dient; oder Schwestern (in der Küche oder auch jene von Meersburg) eine Sehschule bieten: Der Wanderer und Lehrling des Meisters (S. 151) nimmt den Leser mit in seine Gedanken und Erfahrungen – und entlässt ihn gleichzeitig in die eigenen Gedankenwelten. Ein sehr gut gelungenes Büchlein – mit seinen knapp 150 Gedichten fast so etwas wie ein moderner Psalter.

Alle Gedichte sind mit Genehmigung des Autors entnommen aus: Andreas König, Wanderer auf wörtlichen Wegen. Gedichte, Verlag Ralf Schuster: Passau 2021. 180 S. ISBN 978-3-940784-57-5

Autor: Andreas König

Rezensent: Johann Pock, Univ.-Prof. f. Pastoraltheologie und Homiletik in Wien, Mitglied der Redaktion

[1] S. 19.
[2] S. 27.
[3] S. 72.
[4] S. 142.
[5] S. 169.

Bereits vom Autor erschienen:

Im Kreuzgang

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