„Hundesohn“ heißt der Debütroman von Ozan Zakariya Keskinkılıç. Schon im Erscheinungsjahr wurde er mit dem Aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet. Keskinkılıç beschreibt hier Glaube auf feinsinnige, unaufdringliche Weise. Er zeigt die Widersprüche, aber auch die Schönheit und den Reichtum von Religion auf, und das ganz beiläufig in poetischer Weise. Ein besonderer Fund in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur!
Worum geht es? Zeko (die Kurzform von Zakariya) wohnt in Berlin. Zacharias war nach christlicher und muslimischer Überlieferung der Vater von Johannes dem Täufer. „Ich bin nach einem Propheten benannt, das ist eine große Bürde. Und ein Geschenk“. (90) Indem sich Zakariya – von arabisch zakara: erinnern – seines Ursprungs, seines Namens erinnert, greift er auf ein Stilmittel zurück, das auch in den biblischen und koranischen Schriften verwendet wird. Die dort verwendeten Genealogien schaffen und definieren Identität über Herkunft, überbrücken Zeit und Raum, legitimieren Ansprüche und Autorität.
Die Eltern des Ich-Erzählers sprechen Türkisch, die Großeltern wiederum syrisches Arabisch. Und so kommen in dem Roman auch immer wieder beide Sprachen vor: türkische Sprichwörter („Sen aklının mi yedin, fragt er, hast du deinen Verstand gegessen? Das klingt besser als bist du verrückt?“ (32)) und Sprachspiele („Kalb heißt Hund auf Arabisch. Und qalb heißt Herz auf Arabisch. Das kann niemals Zufall sein.“ (36)).
Chats auf Grindr, Dates und Sex
Der Roman erhält eine klare zeitliche Struktur durch einen Countdown: Die Tage bis zum Wiedersehen mit Hassan werden rückwärts gezählt – jener großen Liebe Zekos aus den Sommern in Adana in der Türkei, an die er sich immer wieder erinnert und deren Wiederbegegnung er zugleich sehnsüchtig und schmerzhaft erwartet. Dazu gehören Chats auf Grindr, Dates und Sex, die Sehnsucht nach einem „Ersatz“ für Hassan, und die bittere und schmerzhafte Erkenntnis, dass es diesen nicht geben kann. Doch als der Countdown dann fast zu Ende ist, gewinnen die Zahlen eine neue Bedeutung.
…die koranische Zusage „Gott ist mit den Geduldigen“
Neben dem Countdown wird noch anderes gezählt und aufgezählt: Treppenstufen, Dinge, die in 15 Minuten erledigt werden können, Muttermale, die auf Türkisch auch „ben“, also „ich“, heißen, und vieles mehr. Immer wieder gibt es Einschübe, die die vorhergehende Handlung gutheißen – ähnlich wie das biblische „Und siehe, es war gut.“ oder das koranische „Welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beiden denn leugnen?“ (Sure 55). So zum Beispiel ist in Referenz auf Zekos Freundin Pari immer wieder zu lesen: „Wie nur sie es kann“. Zum Beispiel: Lachen und Pommes werfen. Auch die koranische Zusage „Gott ist mit den Geduldigen“ (Verse 2:153; 42:43 u.v.a.) fungiert immer wieder als Einschub.
Fragen nach Heimat, Zugehörigkeit, Intersektionalität und Identität
Der Autor, promovierter Politikwissenschaftler, hat zuvor sowohl Sachbücher als auch einen Lyrik-Band veröffentlicht – theoretische Fragen nach Heimat, Zugehörigkeit, Intersektionalität und Identität werden in diesem Roman aber durch den Protagonisten selbst bearbeitet, und dies auf eine Weise, die Lust darauf macht, die Welt ebenfalls zu entdecken: „Das Türkische fand niemand poetisch, malerisch und blumig. (…) Max konnte sagen, una cerveza, por favor, aber bei Ali Usta konnte den Ayran nicht auf Türkisch bestellen. Lea lernte im Sommer das erste Mal eine Französin kennen (…). Den Film Le fabuleux destin d’Amélie Poulain konnte sie (…) auswendig. Sie hat sogar Klavier gelernt (…) aber Yüksel Özkasap, die Nachtigall von Köln, kannte sie nicht. (…) Tim konnte Shakespeares Macbeth zitieren (…). Aber Aras Ören hat er nie gelesen.“ So existiert auf Spotify längst eine Playlist, auf der man die von Zeko und Pari erwähnte Musik von Fairuz, Sezen Aksu, Barış Manço, Selda Bağcan und vielen anderen entdecken kann – eben jene, die Zeko genauso geprägt haben wie die Literatur von Kafka und die libanesische und türkische Küche.
Sprache, die beißen kann und verwandeln
Immer wieder kreisen die Themen um diese Frage: Wo ist eigentlich mein Platz in der Welt? Muss ich mich zugehörig zu etwas fühlen? („An manchen Tagen fühle ich mich wie eine Topfpflanze in Gefangenschaft.” (160)) Dabei fungiert die Leidenschaft Zekos für Kafka als ein weiteres Continuum zu diesen Fragen. Genau wie Kafka ist Zeko in der Sprache wirklich Deutsch. Zur Erinnerung: Franz Kafka gehört als Staastbürger zum Habsburger Reich, später zur Tschechoslowakischen Republik. Die Tschechen betrachteten ihn als Deutschen, während er für die deutschsprachige Minderheit in Prag vornehmlich als Jude angesehen wurde.[1]
Ebenso ist Zeko für die Familie und Freunde in Adana ein Deutscher („das süße Maskottchen aus dem Ausland (…), an dessen perwollgewaschener Kleidung die Verwandten schnupperten (…)” (181), und für die Deutschen ist er ein Ausländer und ein Muslim. Nur in der deutschen Sprache, da sind beide nicht wie „ein verschüttetes Glas auf dem Tisch” (87), die Mutter-Zunge (türk. dil) nicht wie beim Vater, der Deutsch lernte mit Langenscheidts Sprachhilfe für türkische und deutsche Mitarbeiter, „eingelegt (…) in Maschinenöl” (32), sondern ein scharfes Schwert (= Keşkinkılıç) und gleichzeitig wie Honig („Deine Zunge soll wie Honig sein” (33)). Die Sprache des Romans kann, wie bei Kafka auch, „stechen und beißen“ (206), und sie kann tragen und verwandeln.
Gleichzeitigkeit verschiedener Welten
Viele Dinge passieren in dem Roman gleichzeitig und zeigen, wie sehr Zeko verschiedene Welten miteinander verbindet und in ihrer Gleichzeitigkeit erlebt. Während der Großvater (arab. „Dede“) in der Türkei, wie im gesamten Nahen Osten üblich, schnellstmöglich nach Eintritt des Todes beigesetzt wird, schließt Zeko seine Hausarbeit in Berlin ab: „Als das Totengebet gesprochen wurde, wandelte ich die Word-Datei in ein PDF um. Als Dede ins Grab gelegt wurde und sie Erde über ihn schütteten, schickte ich die Hausarbeit an meinen Dozenten ab. Als sie Weihrauch anzündeten und Al-Fatiha rezitierten, bestellte ich Angry Chicken nach Hause.“ (44) Der Protagonist Zeko – und so auch der Autor, indem er den Roman so schafft – wendet sich Religion und Religiösem offen zu, ohne zu dogmatisieren oder sich auf die Dos und Dont´s zu beschränken: „Der Protagonist ist einer, der sich dieser banalen Idee entzieht, zu sagen, Religion ist Vergangenheit und Hinterweltlertum und Tradition oder sowas.“, so Keskinkılıç in einem Gespräch in der Katholischen Akademie. (Hier nachzuhören auf YouTube oder Spotify.)
„Aufgewachsen mit der Bibel“
Auch die anderen Protagonisten des Buches werden in ihrem Glauben beschrieben – wie z.B. der Großvater, der ganz selbstverständlich fünfmal am Tag gebetet hat, ebenso selbstverständlich Rakı trank und „Angst vor nichts [hatte]. Außer vor Gott.“ (34).
Auch die Bibel und das Christentum sind selbstverständliche Topoi des Romans. Auf die Frage seiner Freundin Pari, die mit einem „Alman“ ausgeht, und die fragt, warum er, Zeko, sich auf die Bibel bezieht: „Ernsthaft, Pari? Weißt du nicht, was in der Bibel steht? Verschwende deine Perlen nicht an Schweine!“ Pari schmunzelt (…). Seit wann liest du die Bibel?“ und daraufhin: „Pari, ich bin aufgewachsen mit der Bibel, aber das ist eine andere Geschichte. Lenk nicht vom Thema ab.“ (75f.)
Zumutungen und poetische Belohnung
Muslimischen Lesenden wird allerdings etwas zugemutet, weil Homoerotik selbst bei der Niederwerfung im Gebet nicht ausgespart wird. Dem ist entgegenzuhalten, dass der heutige Islam nicht immer abbildet, was er in seiner Geschichte alles sein konnte. Denn homoerotische Literatur ist als Genre auch in muslimischen vormodernen Gesellschaften zu finden.[2] Wer durchhält, wird wahlweise mit Poesie entlohnt („Verwandeln heißt die Haut nicht mehr schützen vor Gewitter und Sturm.“ „Verwandeln heißt sich nach der Welt verzehren und wissen, dass es niemals genug gibt und der Tod die einzige Gewissheit ist, der einzige Feind, und Gott dein Schöpfer, der dich erwartet. Verwandeln heißt Gottvertrauen, es heißt glauben, dass jedes Haar und jeder Finger und jeder Tropfen einen Sinn hat.“ (216f.)) oder mit dem Bekenntnis, Halt und Trost im Glauben zu finden: „Das letzte Mal, als mir ein besorgter Fußgänger (…) sagte, geh dahin zurück, wo du herkommst, habe ich Dedes Ratschlag befolgt. (…) ich ging zurück zum Gebet, ich war standhaft, ich ging zurück zu Gott, und Gott ist mit den Standhaften.“ (119).
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Dr. Katrin Visse ist katholische Theologin und Islamwissenschaftlerin, Referentin an der Katholischen Akademie in Berlin und Gastgeberin der Podcasts „Was klingt im Koran?“ und „Tauchgänge“.
Foto: Gaëlle de Radiguès
[1] Vgl. Kermani, Navid: Nachmittag Schwimmschule. Kafka und Deutschland. In: Ders.: Zwischen Koran und Kafka. West-östliche Erkundungen, München 2014.
[2] Vgl. Ghandour, Ali: Lust und Gunst. Sex und Erotik bei den muslimischen Gelehrten, Hamburg 2015.


