Mit dem Pessach-Fest, das am heutigen Tag beginnt, feiert das Judentum Erinnerung, Gegenwart und Zukunft. Die Haggada gibt dazu Orientierung, wie Rabbiner Edward van Voolen erläutert.
Juden feiern das Pessach-Fest mit einer Mahlzeit, mit der Erinnerung an den Auszug aus Ägypten, die Befreiung und Zukunftsvisionen als Thema. Das Drehbuch dafür befindet sich in der Haggada (Erzählung) – neben Bibel und Gebetbuch das populärste jüdische Buch. Die Botschaft ist: Wenn man die Freiheit bewahren will, darf man niemals vergessen, was es bedeutet, sie zu verlieren.
“Nicht nur unsere Vorfahren hat Gott befreit, sondern auch uns.”
Das Motto der Feier lautet: „In jeder Generation sollte jeder Mensch (adam) sich vorstellen, als ob (ke-ilu) er oder sie selbst aus Ägypten gezogen ist.“ Dieser Satz von Rabban Gamliel steht in der ersten Fassung der heutigen Haggada, der Mischna (erstes Jh.). Seinen nächsten Satz “Nicht nur unsere Vorfahren hat Gott befreit, sondern auch uns” belegt Rabban Gamliel mit dem Bibelzitat: „Wegen dem, was Gott für mich getan hat, als ich aus Ägypten wegzog (Ex 13,8). Jeder Mensch, adam, jede Anwesende bei der Seder-Mahlzeit sollte sich mit dem Geschehen identifizieren.
Wie aber wird die Erinnerung nach der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 gestaltet?
169-mal erwähnt die Tora den Auftrag, uns an den Auszug aus Ägypten zu erinnern. In der Tora ist Moses der Vermittler zwischen Gott und dem Volk. Beim Opferdienst im Tabernakel und Tempel fungierten Priester 1.500 Jahre lang als Vermittler. Wie aber wird die Erinnerung nach der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 gestaltet? „Um ein Land zu verteidigen, braucht man eine Armee, aber um die Freiheit zu verteidigen, das Judentum zu bewahren, braucht man Bildung“, so R. Jonathan Sacks. Das heißt immer wieder neue Antworten auf neue Fragen formulieren.
Genau das haben die frühesten Rabbiner getan. Sie argumentieren, dass die Offenbarung schon immer allen Juden zugänglich sei (Deut 30,11-14), ohne Hierarchie und Erbrecht. Die Priester erwähnen sie in ihrer Traditionskette nicht mehr: Moses, dann Josua, die Propheten und die Männer der Großen Versammlung, die sagten: „Stellt viele Schüler auf” (mAwot 1,1). Alle Generationen nehmen seitdem gleichberechtigt an den Diskussionen teil, auch während Pessach, auch Kinder. Letzteres entnehmen die Rabbiner vier Bibelstellen, wo Kinder Fragen über den Auszug stellen. (Ex 12,26-27;13,8 und 13,14; Deut 6,20).
Unterschiedliche Meinungen dürfen nebeneinander stehen.
Die Einladung zu dem Meinungsaustausch ist: „Es ist unsere Pflicht, über den Auszug aus Ägypten zu erzählen, selbst wenn man weise und erfahren ist, und je mehr man erzählt, desto lobenswerter ist man.” (bT Pessachim 116a). Kennzeichnend für die Haggada und das rabbinische Judentum ist, dass unterschiedliche Meinungen nebeneinander stehen dürfen: „diese und jene sind Worte des lebenden Gottes“ (bT Gittin 6b).
Warum fehlt Moses?
Das vor zweitausend Jahren entstehende rabbinische Judentum konkurriert mit anderen jüdischen Gruppen, darunter jüdische Messias-Anhänger:innen. Aus rabbinischer Sicht erfüllt Jesus aber die prophetischen und rabbinisch-jüdischen Zukunftserwartungen nicht. In der Haggada steht ein langer Kommentar auf drei Versen über den Auszug (Deut 26:5-8), der mit den Worten endet: „Ich, Gott selbst, bin der Bote, und niemand sonst“. Nicht Moses also, aber Gott: „Er selbst hat sie befreit“ (Jes 63.9).
Genau in der Zeit, in der die Seder-Mahlzeit entstand, feierten auch die jüdischen Anhänger des jüdischen Jesus Pessach.
Dann erklärt Rabban Gamliel vor der eigentlichen Seder-Mahlzeit die Bedeutung der drei zentralen Zutaten auf dem Seder-Teller: „Das Pessach-Lamm aßen unsere Vorfahren zur Zeit des Tempels, weil Gott unsere Häuser verschonte (passach bedeutet überspringen, Ex12,27); die Maza, Brot, das in der Eile des Auszugs nicht gären konnte; und Maror, Rettich, als Erinnerung an die Sklaverei“ (mPessachim 10,5). Es ist unüblich, dass die Bedeutung von Symbolen so ausdrücklich erklärt werden. Aber genau in der Zeit, in der die Seder-Mahlzeit entstand, feierten auch die jüdischen Anhänger des jüdischen Jesus Pessach, mit denselben Zutaten. Dort symbolisiert das Brot den Körper Jesu, der Wein sein Blut, und er ist das Lamm Gottes, das durch seinen Kreuzestod die Sünden der Welt hinwegnimmt. Ohne ausdrücklich auf Christen Bezug zu nehmen, erklärt Rabban Gamliel, ein Zeitgenosse Jesu, vor Beginn des Seder-Mahls die drei Symbole und weist damit darauf hin, dass diejenigen, die mit seiner Erklärung nicht einverstanden sind, jetzt gehen können. Aus Angst vor Zensur und Verfolgung beziehen sich die Rabbiner kaum direkt auf das Christentum. Die Abgrenzung zum christlichen „Triduum Paschale“ (Abendmahl, Leiden und Auferstehung Jesu) ist deutlich spürbar.
Gegennarrativ
Obwohl es „keinen größeren Propheten als Moses gibt“ (Deut 34,10) und er in der Haggada fehlt, steht Moses als Elefant im Raum. Er ist es, der darauf hinweist, dass Juden einst als hungernde Flüchtlinge gastfreundlich in Ägypten aufgenommen wurden und sie deswegen nicht vergessen dürfen: „den Fremden zu lieben, denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen” (Deut 10,19). Nächstenliebe steht genau in der Mitte der Tora (Lev 19,18), darum dreht sich alles, und das muss man immer wieder neu lernen, sagen die Rabbiner (bT Schabbat 31a). Moses vermittelt den Auftrag zur Solidarität mit den Armen und Verfolgten, Unterdrückten und Machtlosen. Seine Vision ist ein Gegennarrativ zu Ägypten: Eine Gesellschaft, die auf Recht und Gerechtigkeit für alle basiert, wobei „für die ganze Gemeinschaft ein und dasselbe Gesetz gilt“ (Num 15,15-16).
Moses vermittelt den Auftrag zur Solidarität mit den Armen und Verfolgten, Unterdrückten und Machtlosen.
Der Höhepunkt von Pessach ist 49 Tage später, am Wochenfest. Freiheit (cherut) kann nicht funktionieren ohne Gesetze, die festgelegt, eingraviert (charut) sind (M Awot 6,2). Eine Welt, in der wenige Menschen mächtig und viele von Flucht und Krieg bedroht sind, ist nicht frei. Das Grundgesetz, die Offenbarung, empfängt Moses auf dem Berg Sinai. Wenn die Rabbiner betonen, dass Sinai damals Niemandsland war, schließen sie daraus, dass die Offenbarung für alle Menschen zugänglich ist. Welcher Berg es war, ist genau so wenig bekannt wie der Ort, wo Moses begraben liegt (Deut 34, 6). Im klassischen Judentum geht es weniger um das Wo und Wer als um das Was.
Dir ist erzählt, o Mensch, was der Ewige von dir erwartet.
Juden waren nie Erbauer von Kathedralen oder Schlössern, sondern Träger von reisenden Heiligtümern, von Texten und Geschichten, die immer weiter ausgebaut und damit neu belebt werden. Unzählige Kommentare und Neuauflagen von Haggada und Bibel zeigen ein lebendiges und pluralistisches Judentum. Was in der Haggada steht: „In jeder Generation sollte jeder Mensch (adam) sich vorstellen, als ob (ke-ilu) er oder sie selbst aus Ägypten gezogen ist“, ist auch das, was der Prophet Micha vermittelt: „Dir ist erzählt, higgid (von der gleichen Wurzel wie Haggada), o Mensch (adam), was der Ewige von dir erwartet: Recht (mischpat) zu tun, Barmherzigkeit (rachamim) zu lieben und achtsam/ bescheiden mit deinem Gott zu gehen“ (8,6).
Rabbiner Drs. Edward van Voolen studierte Kunstgeschichte und Geschichte in Amsterdam und wurde am Leo Baeck College in London als Rabbiner ausgebildet. Seitdem ist er als Rabbiner in den Niederlanden und Deutschland tätig. Von 1978 bis 2013 war er Kurator des Jüdischen Museums, Amsterdam, und von 2002 bis 2023 unterrichtete er Homiletik am Abraham Geiger Kolleg, Potsdam.
© Tobias Barniske
Beitragsbild: Wikimedia Commons
Zur Erläuterung des Bildes:
Vogelkopf Haggada, mit Text von Rabban Gamliel und einer Darstellung des Matzenbackens, Deutschland, um 1300, Israel-Museum, Jerusalem. Im Mittelalter waren Juden verpflichtet, „Judenhüte“ zu tragen. Gesichter wurden aufgrund des zweiten Gebots nicht abgebildet.


