Die Thematik rund um LGBTIQ+ zählt zu den besonders intensiv diskutierten Fragestellungen moderner Gesellschaften. Dies stellt die Frage, inwiefern sich eine religiöse, katholische Identität mit einer sexuellen oder geschlechtlichen Identität als schwul, lesbisch, bisexuell, trans oder queer vereinbaren lässt. Ist eine gleichzeitige Zugehörigkeit zur katholischen Kirche und zur LGBTIQ+-Gemeinschaft möglich? Wie verhalten sich LGBTIQ+ und katholische Identität[1]. Von Tanja Grabovac.
Insbesondere besteht eine empirische Forschungslücke hinsichtlich der Erfahrungen von LGBTIQ+-Personen innerhalb religiöser Gemeinschaften. Welche Lebensrealitäten und Herausforderungen prägen ihr Dasein in der katholischen Kirche? Welche Bedürfnisse und Erwartungen haben sie in Bezug auf ihre spirituelle Zugehörigkeit und soziale Akzeptanz? Existieren innerhalb der katholischen Kirche sichere Räume für LGBTIQ+-Personen, und falls ja, wo befinden sich diese? Inwieweit kann die katholische Kirche als ein „sicheres Zuhause“ für LGBTIQ+-Personen betrachtet werden? Mit welchen institutionellen, sozialen oder persönlichen Herausforderungen sehen sich LGBTIQ+-Personen konfrontiert, und in welchem Maß finden sie innerhalb kirchlicher Strukturen Anerkennung und Gehör? Dies bildet die konzeptionelle Grundlage der hier referierten Studie.
- Einführung in die Studie und Kontext
Die qualitativ-empirische Dissertation „LGBTIQ+ und katholische Identität. Clash, Dekonstruktion und Transzendenz normierter Identitäten. Eine empirische Studie“ verwendet die Grounded-Theory-Methode, um die Erfahrungen von LGBTIQ+-Katholik:innen in Bosnien und Herzegowina zu analysieren. Die zentrale Forschungsfrage der Studie lautet daher: „Wie gestalten LGBTIQ+-Personen ihre katholische und LGBTIQ+-Identität?“ Die Frage konzentriert sich auf vier miteinander verbundene Kontexte: die katholische Kirche in Bosnien und Herzegowina, die LGBTIQ+-Gemeinschaft, das private Leben (Familie, Freunde, Bekannte) und die Gesellschaft im weiteren Sinne.
Dieser multidimensionale Ansatz ermöglicht ein Verständnis der komplexen Identitätserfahrungen, einschließlich der Herausforderungen im Zusammenhang mit Diskriminierung, Nicht-Akzeptanz und Marginalisierung innerhalb religiöser und LGBTIQ+-Umfelder, sowie der Art und Weise, wie Individuen Normen ausbalancieren, dekonstruieren und möglicherweise transzendieren, die ihre Identität prägen. Das Material wurde durch Experteninterviews mit sechs LGBTIQ+-Personen erhoben: Bella (bisexuelle Frau), Theo (trans Mann), Fredie (schwuler Mann), Layla (lesbische Frau), Neo (queerer Mann) und Ezra (schwuler Mann).
Die Entwicklung des LGBTIQ+-Aktivismus in Bosnien und Herzegowina ist im Rahmen der historischen Dynamiken des postjugoslawischen Raums zu kontextualisieren. Vor dem Hintergrund der begrenzten Sichtbarkeit und Dokumentation von LGBTIQ+-Aktivismus in Bosnien und Herzegowina während des ehemaligen Jugoslawiens lässt sich erst seit den frühen 2000er-Jahren – im Anschluss an den Krieg – eine verstärkte und besser nachvollziehbare Aktivismusentwicklung beobachten. Die erste formelle LGBTIQ+-Organisation, die „Udruženje Q“, wurde 2002 gegründet und organisierte 2008 das erste Queer Sarajevo Film Festival, das brutalen Angriffen ausgesetzt war. Das 2010 gegründete Sarajevo Offenes Zentrum (Sarajevski otvoreni centar – SOC) wurde zu einer Schlüsselorganisation für Frauen- und LGBTIQ+-Rechte, Forschung, Bildung und Advocacy, einschließlich Projekten für trans- und intergeschlechtliche Personen.
Der gesetzliche Rahmen entwickelte sich schrittweise. Trotz sichtbarer Fortschritte in Sichtbarkeit und rechtlichem Schutz sind LGBTIQ+-Personen in Bosnien und Herzegowina weiterhin Gewalt, Diskriminierung und begrenztem rechtlichem Schutz ausgesetzt. Trans- und intergeschlechtliche Personen bleiben besonders verletzlich, mit unzureichender medizinischer und rechtlicher Unterstützung. Der erste LGBTIQ+-Parade in Sarajevo fand 2019 statt, womit Bosnien und Herzegowina das letzte Land des ehemaligen Jugoslawiens wurde, das eine LGBTIQ+-Parade organisierte. Die Reaktionen religiöser Gemeinschaften auf den ersten und nachfolgenden LGBTIQ-Paraden waren überwiegend kritisch und konservativ, mit starkem Fokus auf den Schutz „traditioneller Werte“ und moralischer Normen, einschließlich der Organisation von Gegenparaden.
Beispiele von LGBTIQ+-Paraden und Gegenveranstaltungen zeigen, dass der dominierende religiös-theologische Diskurs in Bosnien und Herzegowina gegen LGBTIQ+-Personen und -Themen gerichtet ist. Er ist geprägt von Dehumanisierung, Dämonisierung, Diskreditierung geschlechtlicher und sexueller Identitäten, der Leugnung von Rechten und Bedürfnissen von LGBTIQ+-Personen sowie der Ablehnung von Dialog. Dieser Diskurs wird oft mit dem Erhalt traditioneller Werte, der Bedrohung der Institution Ehe und Familie, anti-westlichen und ethnonationalistischen Narrativen sowie der transgenerationalen Weitergabe von Angst und Hass verbunden, während gleichzeitig pastorale Verantwortung und Sichtbarkeit von LGBTIQ+-Gläubigen vernachlässigt werden.
2. Mehrfache Diskriminierung
Die Interviewpartner:innen weisen auf die komplexe Intersektionalität von Identitäten und die „Skandalösität“ von Identität in unterschiedlichen Kontexten hin. Sie betonen, dass Diskriminierung nicht auf einzelne Identitäten beschränkt ist, sondern in Kombination mehrerer Identitäten auftritt, einschließlich Geschlecht, sexueller Orientierung, ethnischer Zugehörigkeit und religiöser Identität. Bellas Erfahrung als bisexuelle Frau und Gläubige zeigt eine mehrfache Diskriminierung von LBTIQ+ Frauen innerhalb der Kirche, in der ihr geschlechtliches und sexuelles Identitätsmerkmal untrennbar miteinander verwoben sind, wodurch Rechte und Möglichkeiten eingeschränkt werden.
Im religiösen Kontext beeinflussen negative Reden und Predigten gegen LGBTIQ+-Personen deren emotionalen und psychischen Zustand und schränken oft ihre Teilnahme an religiösen Aktivitäten ein. Ebenso kann die religiöse Identität innerhalb der LGBTIQ+-Gemeinschaft nicht anerkannt oder in Frage gestellt werden, was die Diskriminierungserfahrungen weiter verkompliziert. Darüber hinaus betrifft Diskriminierung auch Familienmitglieder und enge Bezugspersonen von LGBTIQ+-Personen, wie das Beispiel von Theo und seiner Mutter zeigt, bei denen negativen Reaktionen anderer Gläubiger Unbehagen und Ablehnung religiöser Teilhabe hervorrufen:
„Morgen ist Allerseelen. Mama und ich gehen nicht zur Messe auf dem Friedhof für Papa. Wir sind heute zum Friedhof gegangen. Gerade deswegen, wegen den Menschen, wie sie mich anschauen würden und so. Weil als wir vor ein paar Tagen den Friedhof gereinigt haben, ist dieser eine gekommen und hat meine Mutter gefragt: „Hattest du nicht eine Tochter?“ Während ich da war. […] Es wäre für mich nicht angenehm morgen bei dieser Messe, und für meine Mutter auch nicht, sie möchte nicht, dass wir gehen. Deshalb haben wir das vorhin allein gemacht.“[2]
Dieses Beispiel verdeutlicht, wie das Netzwerk der Diskriminierung verschiedene Dimensionen von Identität, Kontext und zwischenmenschlichen Beziehungen umfasst, und unterstreicht die Bedeutung von Intersektionalität für die Analyse geschlechtlicher, sexueller und religiöser Ungleichheiten.
3. In-between und in-both: Zustand und Phänomen der LGBTIQ+-Identität
Die Erfahrungen LGBTIQ+-Gläubiger zeigen, dass viele sich in einer besonders schwierigen „Zwischen“-Position zwischen zwei Gemeinschaften – religiöser und LGBTIQ+ – befinden, wobei ihre Identitäten in beiden Sphären oft als „skandalös“ gelten. Ihre sexuelle Identität kann innerhalb der religiösen Gemeinschaft inakzeptabel sein, während ihre religiöse Identität innerhalb der LGBTIQ+-Gemeinschaft abgelehnt wird.
Patrick S. Cheng beschreibt in Rainbow Theology ein ähnliches Phänomen bei LGBTIQ+-People of Color als Zustand des „metaphorischen Obdachlosseins“ und des Seins im „middle space“: Sie sind weder vollständig in ihren ethnischen Gemeinschaften noch in der LGBTIQ+-Gemeinschaft zuhause.[3] Diese These ist auch auf LGBTIQ+-Gläubige übertragbar: Sie befinden sich im Zwischenraum zwischen religiöser und sexueller Gemeinschaft und Identität.
Jung Young Lee entwickelt das Konzept des Zwischenraums weiter durch die Ansätze in-between, in-both und in-beyond: In-between – zwischen zwei Welten sein, ohne vollständige Zugehörigkeit zu einer von beiden; In-both – affirmativer Ansatz: die Person ist in beiden Welten und verbindet sie, während Unterschiede anerkannt werden; In-beyond – die Transzendierung beider Welten: gleichzeitig dazwischen und innerhalb, einen Raum finden, der die Binärität übersteigt.[4] Für LGBTIQ+-Gläubige bedeutet dies, dass ihre Existenz nicht einfach „LGBTIQ+“ oder „religiös“ ist, sondern beide Identitäten gleichzeitig umfasst, mit all ihren Komplexitäten.
4. Destruktive Macht von Emotionen – die emotionale „Last“ von LGBTIQ+-Personen
Die Interviews zeigen, dass LGBTIQ+-Personen häufig intensive negative Emotionen erleben: Angst, Scham, Schmerz, Trauer, Ablehnung, Einsamkeit und Depression. Diese Emotionen bilden eine alltägliche „Last“ und beeinflussen das psychische und physische Wohlbefinden erheblich, einschließlich chronischem Stress und Minority-Stress.
Ein religiöses Trauma entsteht laut Laura E. Anderson häufig innerhalb religiöser Umfelder selbst ohne direkten Missbrauch als Folge ständiger emotionaler Belastung, Diskriminierung, Stigmatisierung, Ausgrenzung, Kontrolle und Verurteilung.[5] Studien wie die von Joel Hollier zeigen, dass negative religiöse Erfahrungen langfristig die mentale, emotionale und spirituelle Gesundheit von LGBTIQ+-Personen beeinträchtigen.[6] Andererseits zeigt Holliers Studie, dass ein positives und affirmatives Umfeld innerhalb religiöser Gemeinschaften lebenswichtige Faktoren darstellen kann: Eine Interviewpartnerin in seiner Studie, Lisa, berichtet, dass sie nach dem Eintritt in eine affirmierende Kirche keine suizidalen Gedanken mehr hatte, was die transformative und heilende Kraft von Akzeptanz verdeutlicht.[7]
5. Erwartungen und Bedürfnisse von LGBTIQ+-Personen innerhalb der Kirche
Das Bedürfnis nach Sicherheit und einem sicheren Ort innerhalb der Kirche: LGBTIQ+-Personen in Bosnien und Herzegowina kennen innerhalb der Katholischen Kirche keine offenen und sicheren Räume. Das primäre Bedürfnis ist die Existenz eines Raumes, in dem ein konstruktiver Dialog beginnen kann und in dem sich Personen sicher und akzeptiert fühlen.
Die Notwendigkeit der Gleichberechtigung von LGBTIQ+-Personen: LGBTIQ+-Personen wünschen sich eine gleichberechtigte Behandlung mit Würde in der Kirche: „Dass sie uns so behandeln wie die anderen auch. Absolut nicht mehr und nicht weniger. Nur um das Gefühl zu haben, dass ich wie alle anderen bin.“[8]
Das Bedürfnis nach Dialog: Dieses Bedürfnis verweist im Wesentlichen auf ein fundamentales Streben nach Anerkennung und Wertschätzung, nach einem Gespräch, das den Menschen in seiner gesamten Lebenswirklichkeit – einschließlich seiner Nöte, Herausforderungen, Leiden und Erfahrungen – offen und vorbehaltlos wahrnimmt.
Die Bedeutung von Weiterbildung und Sensibilisierung über die Situation und Bedürfnisse von LGBTIQ+ Personen: Hier geht es um die zentrale Bedeutung von Weiterbildung und Sensibilisierung hinsichtlich der Lebenssituation und Bedürfnisse von LGBTIQ+-Personen. Die Interviewpartner*innen betonen die Relevanz zeitgemäßer wissenschaftlicher Forschung und Aufklärung und stellen darüber hinaus die Frage, in welchem Ausmaß Priester in ihren Gemeinden sich der Präsenz und der spezifischen Bedürfnisse LGBTIQ+-Gläubiger bewusst sind.
Die Interviewpartner erwähnen auch die Bedeutung einer positiven Sprache und der Verwendung einer treffenden Terminologie, insbesondere beim Predigen: Die Interviewpartner*innen verdeutlichen die herausragende Bedeutung einer positiven, wertschätzenden Sprache. Positive Sprache erfüllt das grundlegende Bedürfnis nach Anerkennung und respektvoller Ansprache. Im Gegensatz dazu stehen Hassrede, ablehnende oder verurteilende Äußerungen, die nachweislich schmerzhafte emotionale und psychologische Auswirkungen auf die adressierten Personen haben.
Organisation verschiedener Aktivitäten: Die Organisation von Treffen, Gebeten und anderen Aktivitäten für LGBTIQ+-Gläubige vermittelt ein Gefühl von Sicherheit und Zugehörigkeit. Die Aktivitäten sollten inklusiv sein, Gemeinschaft fördern und für alle Mitglieder der Kirche offenstehen.
Die Interviewpartner*innen verdeutlichen, dass LGBTIQ+-Gläubige vor allem nach den grundlegendsten Bedürfnissen suchen: Sicherheit, Respekt, Anerkennung und Zugehörigkeit innerhalb der Kirche. Schon minimale Gesten – wertschätzende Begegnungen, offene Türen, ein Dialog ohne Hass oder Ablehnung – sind entscheidend. Diese Basis menschlicher Anerkennung bildet die Voraussetzung für jegliche Beziehung zwischen Kirche und LGBTIQ+-Personen. Dabei wird klar: Würde, Sicherheit und Willkommensein stehen über Gesetzen, Ritualen oder formalen Rechten.
6. Modelle der Beziehung zwischen LGBTIQ+ und katholischer Identität
Zur analytischen Strukturierung wurden drei Modelle der Identitätsgestaltung entwickelt: das Separationsmodell, das Clash-Modell und das Integrationsmodell. Diese Modelle beschreiben unterschiedliche Strategien und Erfahrungsweisen, mit denen LGBTIQ+-Personen ihre LGBTIQ+- und ihre katholische Identität aushandeln.
Das Separationsmodell beschreibt jene Personen, die sich infolge von Ablehnung, Diskriminierung und religiösem Trauma ganz oder teilweise von ihrer katholischen Identität oder vom kirchlichen Leben distanzieren. Besonders negative Erfahrungen in Predigten, Pfarrgemeinden oder im familiären Umfeld führen dazu, dass Kirche als Ort des Schmerzes, der Unsicherheit, der Diskriminierung oder unangenehmer Situationen des Unbekannten wahrgenommen wird.
Das Clash-Modell steht für einen anhaltenden inneren und äußeren Identitätskonflikt. LGBTIQ+-Personen erleben sich hier „zwischen“ ihren Identitäten, ohne sich eindeutig für Trennung oder Versöhnung entscheiden zu können. Dieser Zustand ist geprägt von Unsicherheit, Angst, Erschöpfung und existenziellen Fragen der Zugehörigkeit. Eine dieser Situationen der Unsicherheit und Angst beschreibt einer der befragten Personen. Während er in der Kirche sitzt, fragt er sich: „Gott, was würden sie tun, wie würden sie reagieren, wenn sie herausfänden, dass ich schwul bin?“[9] Diese Menschen fühlen sich oft „am Limit“ wenn sie in der Kirche blieben, oder am Rande ihrer Stärke.
Das Integrationsmodell beschreibt LGBTIQ+-Personen, die ihre LGBTIQ+ Identität und ihren Glauben als gleichwertige, miteinander verwobene Bestandteile ihres Selbst begreifen. Einer der Befragten erklärt es so: „Denn im Grunde sind es meine beiden sehr wichtigen Identitäten: meine sexuelle Orientierung und mein Glaube. Also, ich möchte und kann auf keines davon verzichten. Das ist absolut mit mir verbunden.“[10] Für diese Personen steht der persönliche Glaube und die eigene Beziehung zu Gott häufig über der institutionellen Haltung der Kirche. Die Integration wird als bewusster, oft herausfordernder Prozess verstanden, der Selbstreflexion, Widerstand gegen Identitätsspaltung und die Entwicklung eigener theologischer Deutungen einschließt. Diese Form der Identitätsgestaltung besitzt eine transformative und potenziell heilende Dimension.
Die vorgestellten Modelle sind nicht statisch, sondern beschreiben momentane Strategien innerhalb eines offenen, kontextabhängigen Prozesses der Identitätsgestaltung. Um diesen Prozess zu verstehen, muss man die Fluidität der Identitätsbildung verstehen, die ein offener Prozess ist. Die Erfahrungen der Befragten verdeutlichen, dass kirchliche Haltungen, ihre Erfahrungen mit konkreten Priestern und Pfarrgemeinden, soziale Beziehungen und gesellschaftliche Rahmenbedingungen maßgeblich und direkt das emotionale, psychische und spirituelle Wohlbefinden von LGBTIQ+-Personen beeinflussen.
7. Clash, Dekonstruktion und Transzendenz normierter Identitäten
Diese dreifache Struktur führte zur dreifachen Theorieentwicklung von Clash, Dekonstruktion und Transzendenz normierter Identitäten. Befragten deuteten mehrmals auf einen bestehenden Religiösen-LGBTIQ+-Clash hin. Es handelt sich um einen Clash unterschiedlicher Handlungsweisen, Normierungen, Interpretationen und Machtstrukturen. Dieser Clash zeigt sich auf mehreren Ebenen: a) zwischen den kollektiven Identitäten der LGBTIQ+-Gemeinschaft und der katholischen Kirche in divergierenden Herangehensweisen und Interpretationen von Geschlecht, Geschlechterrollen, Menschenrechten, reproduktiven Rechten oder Reproduktivität, Würde, Liebe und Eheleben, etc.; b) auf der individuellen Ebene als innerer Konflikt von LGBTIQ+-Gläubigen. Anders ausgedrückt: Dieser Konflikt zwischen religiösen und LGBTIQ+ fordert die Kirche zu einer grundsätzlichen Neuausrichtung und Wechsel ihres Handelns und ihrer Lehre auf.
Die Analyse der Interviews zeigt, dass die Erfahrungen von LGBTIQ+-Personen nicht ausschließlich durch den „Clash of Identities“ charakterisiert sind. Der Dekonstruktionsbegriff, wie von Derrida entwickelt, beschreibt sowohl die kritische Analyse bestehender dualistischer Denkstrukturen als auch deren produktive Neuinterpretation. Laura E. Anderson erweitert diese Perspektive aus psychologischer Sicht, indem sie den Dekonstruktionsprozess als kontinuierlichen, lebenslangen Prozess beschreibt, der kognitive, emotionale und neuronale Dimensionen umfasst.[11] Der dekonstruktive Prozess ist dabei offen, kreativ und fluid und ermöglicht die Sichtbarkeit, Befreiung und Gleichberechtigung marginalisierter Identitäten. Er ist ein anspruchsvoller, langfristiger Prozess, der sowohl Heilung als auch die Schaffung neuer Identitätsräume fördert und die Dualismen religiöser und heteronormativer Machtstrukturen destabilisiert.
Ein Interviewpartner öffnete die Tür zum „Beyond“ und zum „Mehr“ hinter der LGBTIQ+-Existenz: “Wir schaffen es, da bin ich mir absolut sicher, mehr Liebe zu geben, mehr von allem, was du hast, für diese Person zu geben, als irgendeine, seien wir mal ehrlich, heterosexuelle Person. Warum?”[12] Dies eröffnete die Diskussion über jenseits der Identitäten und die Transzendenz von Identitäten. Das Konzept des „Mehr“ zeigt, dass LGBTIQ+-Personen über rein kognitive oder dekonstruktive Prozesse hinaus eine tiefere emotionale und transformative Kraft einsetzen, die es ihnen ermöglicht, diese Herausforderungen zu überwinden. LGBTIQ+ Erfahrungen verdeutlichen, dass die Überwindung gesellschaftlicher, institutioneller und kirchlicher Normen nicht nur ein persönlicher Erfolg, sondern auch eine Quelle von transformierender Kraft für sie selbst und die Gesellschaft ist.
Letztlich verkörpern LGBTIQ+-Gläubige ein „Mehr“, das in Resilienz, der Affirmation multipler Identitäten und der Fähigkeit liegt, Normen und Grenzen zu überbrücken und zu transzendieren, und dadurch sowohl heilende als auch kreative Kraft entfaltet. Die Erfahrungen von LGBTIQ+-Katholik:innen zeigen exemplarisch die universale Katholizität: Trotz marginalisierender und ausschließender Praktiken erfahren sie ihren Glauben als integralen Bestandteil ihrer Identität. Ihre Sichtweisen verdeutlichen, dass Katholizität nicht Uniformität, sondern Vielfalt, Offenheit und gelebte Pluralität umfasst. Sie sind katholisch und LGBTIQ+. Ihre gelebte Pluralität, Offenheit und Inklusivität spiegeln die universale und integrative Katholizität: „Denn der Gott der Liebe, der Freiheit und der Barmherzigkeit ist “Über” und “Mehr”.[13]
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[1] Die Dissertation mit dem Titel “LGBTIQ+ und katholische Identität. Clash, Dekonstruktion und Transzendenz normierter Identitäten. Eine empirische Studie“, die unter der Betreuung von Rainer Bucher am Institut für Pastoraltheologie und Pastoralpsychologie der Karl-Franzens-Universität Graz durchgeführt wurde, ist in der Bibliothek der Universität Graz veröffentlicht und kann unter folgendem Link abgerufen werden: https://unipub.uni-graz.at/obvugrhs/content/titleinfo/12791608. Dieser Artikel stellt einige der wichtigsten Ergebnisse der Studie vor.
[2] Grabovac, LGBTIQ+ und katholische Identität, 161.
[3] Vgl. Cheng, Patrick: Rainbow Theology. Bridging Race, Sexuality and Spirit, New York: Seabury Press 2013, 91.
[4] Vgl. Lee, Jung Young: Marginality. The Key to Multicultural Theology, Mineapolis: Fortress Press 1995, 43-44.
[5] Vgl. Anderson, Laura E.: When Religion Hurts You. Healing from Religious Trauma and the Impact of High-Control Religion, Michigan: Brazos Press 2023, 33-36.
[6] Vgl. Hollier, Joel: Religious Trauma, Queer Identities. Mapping the Complexity of Being LGBTQA+ in Evangelical Church, London: Palgrave Macmillan 2023, 185-186.
[7] Vgl. Hollier, Religious Trauma, Queer Identities, 188.
[8] Grabovac, LGBTIQ+ und katholische Identität, 195.
[9] Grabovac, LGBTIQ+ und katholische Identität, 257.
[10] Grabovac, LGBTIQ+ und katholische Identität, 260.
[11] Vgl. Anderson, Laura E.: When Religion Hurts You. Healing from Religious Trauma and the Impact of High-Control Religion, Michigan: Brazos Press 2023, 87.
[12] Grabovac, LGBTIQ+ und katholische Identität, 299.
[13] Grabovac, LGBTIQ+ und katholische Identität, 314.


