Monika Hungerbühler reflektiert ihre eigene spirituelle Biografie im Dialog mit dem neusten Buch von Pierre Stutz: geborgen und frei. Mystik als Lebensstil 1.
Als im Frühling 2025 die grossen Exerzitien im Alltag ausgeschrieben wurden, habe ich mich spontan angemeldet und auch sofort das dazu gehörige 240seitige Übungsbuch bestellt. Ich wollte mir selbst eine Freude machen, indem ich mich in ein Übungssetting hineinbegab, das ich für mich als Teilnehmerin als vielversprechend empfand. In diesem halbjährigen Projekt vom Herbst 2025 bis Pfingsten 2026 bin ich einer der vier Basler Gruppen beigetreten, deren es in der Schweiz, in Deutschland und Österreich 66 gibt.
Mystikerin Madeleine Delbrêl
Die Gedanken der Mystikerin Madeleine Delbrêl (1904-1964) durchziehen das Übungsbuch bzw. halten es gedanklich zusammen wie auch längere Passagen aus beiden Teilen der Bibel. Dazu gibt es täglich eine kurze Bitte, einen biblischen Text mit Kommentar und eine Frage. Auf den Einleitungsseiten des Übungsbuchs ist das Gedicht «Der Ball des Gehorsams» von Madeleine Delbrêl abgedruckt. Das Suchen der französischen Dichterin hat, mich sofort angesprochen.
Ich zitiere zwei Verse daraus:
Um fröhliche Leute zu sein, die ihr Leben mit dir tanzen.
Es ist ein berauschender Gedanke, dass sich nun während eines halben Jahrs circa tausend Menschen mit dieser modernen Mystikerin befassen und ihre Gedanken näher kennenlernen. Ich kannte sie noch nicht wirklich lange. Vor ein paar Jahren habe ich das Büchlein «Gebet in einem weltlichen Leben» von ihr gelesen und war sehr fasziniert von dieser französischen Atheistin.
Mystische Spiritualität
Erneut auf sie gestossen bin ich durch meinen ehemaligen Arbeitskollegen und Freund, den Theologen Johannes Schleicher. Er hat 2022 und 2024 zwei Bücher zu mystischer Spiritualität und zu Mystiker:innen geschrieben: «Mitmensch Gott. Mystische Spiritualität für heute» und «Himmel zu verschenken. Mit Mystikerinnen und Mystikern durch das Jahr». Beide Bücher sind für mich äusserst wichtige Lese-Erfahrungen geworden, und sie liegen ständig bei mir auf dem Schreibtisch oder Nachttisch. Johannes Schleicher bezeichnet darin christliche Mystiker:innen als Menschen mit spiritueller Sprengkraft und porträtiert 52 von ihnen – welche Wohltat: 26 Frauen und 26 Männer, unter ihnen natürlich auch Madeleine Delbrêl.
«Geht in euren Tag hinaus, ohne vorgefasste Ideen»
Als Titel für ihr Portrait wählt er ein Zitat: «Geht in euren Tag hinaus, ohne vorgefasste Ideen» und schreibt über sie: «Das ‹innere Gebet› von Teresa von Avila gab ihr den entscheidenden Anstoss auf dem neuen Weg zu sich selbst. Diese Erfahrung des Betens mündete bei Madeleine Delbrêl ganz unerwartet in die Gewissheit, dass Gott existiert, auf sie zukommt, in ihr wohnt – eine Erfahrung, die sie zeitlebens als überwältigende Umkehr zum Leben empfand».
«Zum Hoffnungstanz bewegt»
Zu diesen zwei Erfahrungen gesellt sich nun eine dritte mit dem neu aufgelegten Buch von Pierre Stutz, «geborgen und frei. Mystik als Lebensstil». Auch er porträtiert u.a. Madeleine Delbrêl unter dem Titel «Zum Hoffnungstanz bewegt». Ihre Lebensgrundhaltung zitiert er folgendermassen: «Wer Gott umarmt, findet in seinen Armen die Welt». Mit Pierre verbindet mich eine fast 40jährige Geschichte, weshalb ich im Folgenden etwas näher und auch persönlich in einzelnen Punkten darauf eingehen möchte.
Grundverletzungen
Als ich die 2023 erschienene Autobiographie von Pierre Stutz las, war ich durchs ganze Buch immer wieder erstaunt und teilweise erschüttert, welche Parallelen es in unseren Leben gab. Freilich sind da viele Unterschiede, doch auch viele gemeinsame Schmerz- und Glückslinien. Sie haben mich berührt und alte Verwundungen neu spüren lassen. «Gut für mich selbst zu sorgen, lerne ich in meiner Kindheit nicht…» – so formulierte es Pierre in seiner Biographie «Wie ich der wurde, den ich mag» und ich konnte beim Lesen nur traurig nicken.
Gehorsam und Bravsein waren angesagt.
So erging es mir auch. Eigenständigkeit und Selbstbewusstsein – das hat auch mir meine Mutter im Keim ausgetrieben. Gehorsam und Bravsein waren angesagt. Nur ja kein starkes und freches Mädchen heranziehen! «Sich nicht von den Kindern auf der Nase herumtanzen lassen» war ihr Erziehungsleitspruch, den sie konsequent durchgesetzt hat. Die fünfköpfige Familie managen, den eher ungeliebten Haushalt schmeissen – unter einem extremen Spardruck (jede kaputte Strumpfhose war eine Katastrophe) – waren ihre täglichen Aufgaben, währenddessen mein Vater seiner Erwerbsarbeit nachging. Als ältestes Kind lernte ich die Lektionen der Pflicht, der Tränen und der Einsamkeit, doch erhellt und erleichtert durch meine beiden jüngeren Geschwister, meine Gotte, meinen Primarlehrer und meine Grosseltern mütterlicherseits.
Meine Welt bekam Fenster und Türen.
Ich wurde still. Und fleissig. Schloss die Augen. Dachte viel nach. Was rückblickend mein Glück wurde: der regelmässige Gang in die Kirche, das Gebet vor und nach dem Mittagessen sowie das persönliche Abendgebet vor dem Schlafen. Meine Welt bekam Fenster und Türen. Ich fühlte mich bereichert. Sah eine andere Dimension des Lebens. Und ich lernte Jesus kennen. Als Kind bewunderte, liebte und bedauerte ich ihn aus tiefstem Herzen. Ich sah, dass er durch feindselige, Macht-gesteuerte oder ermüdete Menschen Verrat, Einsamkeit, Schrecken und Tod erlitten hat.
Ich ging mit diesem Jesus mit.
Ich fühlte mit ihm, wusste sowohl bei seiner Geschichte als auch in meinem nahen Kinder-Umfeld instinktiv, «das ist ungerecht!». Ich ging mit diesem Jesus mit. Ich wusste «so müsste man es machen», «so könnte die Welt sein», wie mit ihm: mit Männern und Frauen rund um Jesus, die ihre Habe teilen, von hier nach dort ziehen, die das Heilsame erlebt haben und weitergeben, die von Gott, DER LEBENDIGEN singen, die die Schönheit der Lilien sehen und an Hochzeiten den Wein im Überfluss geniessen.
Anders und allein
Im Garten der Wohngenossenschaft, in der wir aufgewachsen sind, hatte es einige Kletterbäume, in deren Wipfel ich sehr oft war und in den Himmel schaute. Ich konnte gut klettern. Ich spielte mit anderen Kindern. Ich war auch oft allein. Bei Pierre lese ich: «Zu meinen wenigen Kindheitserinnerungen gehört auch ein diffuses Gefühl: anders zu sein». Ja, das kenne ich gut. Auch ich fühlte mich anders. Als Jugendliche umgaben mich viele Zweifel und Fragen. Wer bin ich? Warum ist die Welt so wie sie ist? Warum sind die Menschen böse und dumm? Was ist der Sinn des Lebens?
ins Grübeln und in die Schweigsamkeit
Die Fragen quälten mich so lange und trieben mich ins Grübeln und in die Schweigsamkeit, bis ich einen Ort zum Deponieren und Sprechen gefunden hatte. Ich hatte das Glück, religiös von den Jesuiten erzogen und begleitet zu werden, die in Basel-Stadt die Aufgabe hatten, die Jugend religiös zu unterrichten. Da war ich direkt am Futtertopf von gelehrten und freundlichen Kirchenmännern und ihrer Bibliothek. Ich lernte in meiner Sinnsuche und Verlorenheit, mich an die Gedanken und Fragen anderer Menschen anzudocken.
Da drückt jemand genau das aus, was ich fühle.
Bei Philosoph:innen, Theolog:innen, Poet:innen, Mystiker:innen. Ich las. Da drückt jemand genau das aus, was ich fühle. In Gedichten, Romanen, biblischen Texten und Sachbüchern fühlte ich mich gesehen und konnte meine Verlorenheit und Einsamkeit immer wieder überwinden und mich verbinden. Ich war allein und war es doch ganz und gar nicht. Ich begann Text-Stücke wie Stoffstücke (Textilien) zu sammeln und mich mit ihnen zu umwickeln und zu wärmen.
Sehen und Schauen
Nun ist ganz frisch Pierres jüngstes Buch voller Text-Stücke, Wort-Schätze, Zitate, voller Biographien von Mystiker:innen in 12 Kapiteln neu aufgelegt worden, leicht ergänzt und mit neuem Vorwort ausstaffiert! «geborgen und frei. Mystik als Lebensstil», München 2026.
die Liebe zum Kino
Noch etwas verbindet Pierre Stutz und mich: die Liebe zum Kino. Wieder waren es die Jesuiten, die im Borromäum Basel Filmzyklen angeboten hatten. Ich habe alle besucht, zumal der Eintrittspreis moderat war und ich mir den Eintritt in ein Kino in der Stadt so oft nicht hätte leisten können. Der 2009 verstorbene Pater Fridolin Marxer SJ, der am 25.3.2025 100 Jahre alt geworden wäre, gab jeweils eine kurze, unübertreffliche Einleitung zu den Filmen. Und da sass ich und weinte. Und staunte. Und lachte. Und dachte nach. 40 Jahre später erlebte ich an einem Film-Seminar in Kappel am Albis Pierre Stutz als Moderator und Begleiter beim Schauen, Vertiefen und Besprechen eines von ihm gewählten Films. Wie schön die Teilnahme an diesem Film-Seminar war!
Schweigen und Dankbarkeit
Mein Tag beginnt immer mit Schweigen. Mit Atmen. Noch kein Radio. Noch kein Tun. Nur Da-Sein, vielleicht ein «Danke». Wieder eine Verbindungslinie zu Pierre, zu seinem früheren Klosterleben, seiner täglichen Meditation. Er wurde ein Mystiker («myein», die Augen schliessen, um nach Innen zu schauen) und ich bleibe eine Suchende. Ich bin dankbar für alle Freund:innen, Wegbegleiter:innen und mystischen Menschen, für jede Ermutigung und all die Wege, die sich mir aufgetan haben.
Dorothee Sölle
Eine Theologin, Poetin und Mystikerin, ist uns beiden wichtig: Dorothee Sölle. Sie soll das letzte Wort haben:
Monika Hungerbühler, kath. Theologin und Seelsorgerin in Basel, seit 2022 pensioniert, seither freiberuflich tätig, seit 2025 Oma eines Enkels, den sie einmal pro Woche in Bern hütet. Sie liest, näht, arbeitet im Freizeitgarten und schaut immer wieder «ihren Berg» an – den Niesen am Thunersee.
Foto: Frank Lorenz
Beitragsbild: Pixabay


