Miriam Löhr denkt über Rituale in längst vergangenen Zeiten nach und fragt, was unser Bild von den Anfängen der Menschheit über uns heute aussagt.
Rituale haben Konjunktur. Kein Wunder, bilden Rituale doch eine wesentliche Komponente des menschlichen Zusammenlebens. Zeiten der Krise, wie sie das Lebensgefühl der Gegenwart prägen, lassen verstärkt auf individuelle und kollektive, auf säkulare und religiöse Rituale schauen.
Die deutschsprachige christliche Theologie tat sich lange schwer, ihre eigenen zentralen Praktiken, die Gottesdienstfeier, als Ritual zu verstehen. Dabei ist diese – je nach Konfession – ein stark ritualisiertes Geschehen, mit Praktiken wie Prozessionen und Segnungen von Lebewesen und Gegenständen, mit der Herabrufung des Heiligen Geistes zu Beginn des Gottesdienstes und der Pflege der Beziehung zu einer Transzendenz. Dennoch galt lange nur das als Ritual, was „Andere“ tun und dem der Verdacht des Magischen anhaftet.
Lange galt nur das als Ritual, was „Andere“ tun.
Diese Wahrnehmung gilt auch im Hinblick auf die Vergangenheit: Neandertalerinnen, Homo sapiens & Co. praktizierten in ihren Höhlen mutmaßlich „Rituale“, von denen ihre Malereien, Artefakte wie kleine Figuren oder Gräber[1] zeugen. Zu Ritual und Religion in urgeschichtlicher Zeit stelle ich einige tastende Gedanken aus (praktisch-)theologischer Perspektive an.
Den Zugriff auf «Religion» durch ur- und frühgeschichtliche Forschung reflektiert etwa der Religionspädagoge Siegfried Vierzig: „Bemerkenswert ist, dass sich die Religionswissenschaften nur vereinzelt und die Theologie überhaupt nicht an der Erforschung einer ‚Religion der Steinzeit‘ beteiligt haben. Der inflationäre Gebrauch des Begriffs ‚Religion‘ in den Veröffentlichungen zur Prähistorie ist ausschließlich eine Sache der Historiker.“[2] Weiter beobachtet Vierzig: „Auffällig ist aber die oft inhaltsleere, definitionslose, vage Inanspruchnahme des Begriffs ‚Religion‘ in den einzelnen Disziplinen der Urgeschichtsforschung.“[3] Es besteht also Gesprächsbedarf zwischen Urgeschichtsforschung, Religionswissenschaft und Theologie – und möglicherweise der eine oder andere wechselseitige Erkenntnisgewinn.
„Der inflationäre Gebrauch des Begriffs ‚Religion‘ in den Veröffentlichungen zur Prähistorie ist ausschließlich eine Sache der Historiker.“
Während die Ritual-Praktiken zeitgenössischer christlicher Gottesdienste empirisch erforscht und videographisch bis ins Detail dokumentiert und beobachtet werden können, ist dies im Hinblick auf lange vergangene Zeiten natürlich nicht möglich. Kein heute lebender Mensch erinnert oder weiß aus Erzählungen, warum Menschen dereinst die Wände von dunklen und weitverzweigten Höhlen bemalt oder Figuren aus Knochen oder Holz geschnitzt haben. Die narrativen Fäden über die Generationen hinweg sind längst abgerissen. Dennoch oder erst recht deshalb stehen wir heute staunend vor diesen Werken aus vorschriftlicher Zeit.
Die narrativen Fäden über die Generationen hinweg sind längst abgerissen.
Mit immer ausgefeilteren Methoden und technischen Möglichkeiten lässt sich das hohe Alter der Farbpigmente bestimmen, der Winkel rekonstruieren, in dem eine Malerei aufgetragen worden sein muss, ob neben der Zeichnerin noch eine andere Person in der Höhle war, um in der Dunkelheit die Fackel zu halten, welche Temperatur das Feuer hatte, aus dessen Asche Knochenreste geborgen wurden. Die Akustik in Höhlensystemen lässt sich rekonstruieren, der Klang des Grollens des höhlenbewohnenden Bären, der Schall der menschlichen Stimmen oder des Wassers im verzweigten Gangsystem einer Höhle. Wir wissen, über welche Zeiträume eine Höhle genutzt wurde, welche unterschiedlichen Menschen-Gruppen dort waren und ob sie sich (mit genetischen Auswirkungen bis heute) zusammengetan haben.
Wir wissen anhand von Funden verheilter Knochenfragmente, dass medizinische Eingriffe an Zähnen und Schädeln von Menschen vorgenommen wurden, die die Betroffenen überlebt haben, und dass auch die vermeintlich stumpfen Neandertaler, die als dem Homo sapiens sozial und kulturell unterlegen galten, Fürsorge umeinander betrieben. Langsam rückt auch in unser aufgeklärtes Bewusstsein, dass mutmaßlich nicht die Neandertalerin kochend am prähistorischen Herdfeuer stand, während ihr Mann heroisch auf die Jagd ging. Es galt wohl nicht das Recht des Stärkeren, sondern ein soziales Gruppengefüge ermöglichte das Überleben aller. Überraschend ist, dass uns dies überrascht.
… ein soziales Gruppengefüge ermöglichte das Überleben aller. Überraschend ist, dass uns dies überrascht.
Wir wissen angesichts der großen zeitlichen Abstände erstaunlich viel – und dennoch kaum etwas. Warum haben Menschen im heute südfranzösischen Lascaux eindrückliche, vielschichtige Darstellungen von Tieren der damaligen Zeit auf die Wände gemalt – Stiere, Pferde, Hirsche, die im flackernden Licht des Feuers bewegt erschienen, anthropomorphe Gestalten und geometrische Zeichen, deren Bedeutung(en) wir nicht kennen? Möglicherweise wurden diese Zeichnungen für Rituale genutzt.
Was für Rituale könnten das gewesen sein? Magische Rituale, um etwas herbeizubeschwören oder um Schaden zu bannen? Geschah dies einmalig, oder wiederholt in regelmäßigen Zyklen, wie wir sie von heute praktizierten Religionen kennen? Kann überhaupt von so etwas wie «Religion» im modernen Sinn die Rede sein? Der Religionswissenschaftler Bernhard Maier warnt vor starken Interpretationen. In Bezug auf einen Grabfund schreibt er: „Hier deutete man die erhöhte Konzentration von Blütenstaub im Erdreich zunächst als Hinweis auf Blumen oder Blüten als Grabbeigabe, zog später jedoch auch die Möglichkeit in Betracht, dass diese pflanzlichen Reste auf sehr viel spätere Aktivitäten von Wühlmäusen zurückgehen könnten. […] Die Entscheidung für eine Deutung hängt in der Regel stark davon ab, wie man sich das Weltbild der Menschen jener Zeit vorstellt – und Vermutungen darüber sind wiederum nur auf der Grundlage sehr viel jüngerer Quellen mit Hilfe von Analogieschlüssen möglich.“[4]
„Die Entscheidung für eine Deutung hängt in der Regel stark davon ab, wie man sich das Weltbild der Menschen jener Zeit vorstellt.“
Die „Rituale“ der vorschriftlichen menschlichen Kulturen lassen sich mit unserem heutigen religionswissenschaftlichen Begriffsinstrumentarium kaum fassen. „Ritual“ wird so zu einem Platzhalter für mutmaßliche Phänomene der Kultur, der Spiritualität, der Sozialität und all jenem, das wir uns nicht genauer vorzustellen oder zu erklären vermögen. Transzendenz, Gottheit, Jenseits, Magie, Natur – all dies scheint nah dran, und greift doch viel zu kurz. Es wäre gar übergriffig, unsere heutigen Konzepte derart in die Vergangenheit zu übertragen.
„Ritual“ wird so zu einem Platzhalter für mutmaßliche Phänomene der Kultur, der Spiritualität, der Sozialität …
Vermutlich sagen unsere Begriffe, mit denen wir die vorschriftliche Vergangenheit zu rekonstruieren versuchen, mehr über uns heutige Menschen aus als über die damaligen Ritualisten, Artefaktschnitzerinnen und Höhlenwandmaler. In diesem Sinn bleiben wir staunend stehen vor den ausgefeilten und durchkomponierten Werken vorschriftlicher Kulturen, die sich unserer Deutung zu einem großen Teil entziehen. In einer Zeit, in der der selbsternannte Homo sapiens sapiens – also der „wissende“ Mensch – alles (besser) weiß, erscheint – mit einem theologischen Begriff formuliert – die Unverfügbarkeit über die Vergangenheit erfrischend, weil sie das Staunen und Fragen wachhält.
[1] Vgl. beispielsweise Maier, Bernhard, Die Ordnung des Himmels. Eine Geschichte der Religionen von der Steinzeit bis heute, München 2018, 28-31.
[2] Vierzig, Siegfried, Mythen der Steinzeit. Das religiöse Weltbild der frühen Menschen, Oldenburg 2009, 9-11. Zitat: 9.
[3] Vierzig, 9.
[4] Maier, 30.


