Akademische ‚Cancel culture‘? Zum Vorwurf einer politisch korrekten Wissenschaft

Wenigstens die Wissenschaft sollte doch um Wahrheit bemüht sein – und dafür braucht sie Freiheit. Manche behaupten nun, genau daran fehle es, und zwar wegen der „Cancel culture“ unserer Zeit. Jan-Hendrik Herbst sortiert eine unübersichtliche Lage.

Öffentliche Debatten über ‚Political Correctness‘ (PC) sind omnipräsent – auch in der Theologie. Der Praktische Theologe Bernhard Dressler beklagt etwa, dass es sich bei ‚PC‘ um eine intellektuell anspruchslose Form von Gesellschaftskritik im „Stil der gedankenpolizeilichen Sprachkontrolle“ (Dressler 2013, 207) handle. Insgesamt wird bemängelt, dass ‚PC‘ wissenschaftliches Arbeiten und einen Bezug auf Fakten erschwere. Angeführt wird, dass eine akademische ‚Cancel Culture‘ existiere: Durch persönliche Diskreditierung werden bestimmte Positionen als unmoralisch deklariert und aus dem Diskurs ausgeschlossen. An zwei aktuellen Beispielen lassen sich solche Vorwürfe veranschaulichen.

  1. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) vom 29. April 2020 wurde der Artikel „Die Moral der Diskurswächter“ von Sara Rukaj veröffentlicht.[1] In diesem wird die Debatte um Cornelia Koppetschs Buch „Die Gesellschaft des Zorns“ (2019) thematisiert. Koppetsch vertritt mit ihrem Buch den Anspruch, eine soziologische Analyse des globalen Erfolgs rechtspopulistischer Bewegungen und Parteien vorzulegen. Rukaj problematisiert in ihrem Artikel nun wissenschaftliche Kritik an Koppetsch als politisch motiviert. Sie vermeint im akademischen Diskurs „Anfeindungen“ gegenüber Koppetsch zu erkennen, die primär ihre „vermeintlich sympathisierende[] Haltung gegenüber dem Rechtspopulismus“ in den Blick nehmen. Damit verbindet sie Konturen einer „gesinnungspolitischen Diskursunfähigkeit […], die für die an den Universitäten virulente ‚Cancel Culture‘ typisch ist“. Wissenschaftliche Forschung werde missverstanden als eine „sozialpädagogische Erziehungsmaßnahme“.
  2. In der Tageszeitung (taz) vom 18. Mai 2020 wurde der Artikel „Die Logik des Verdachts“ von Daniel Bax publiziert. Darin wird die Debatte um den postkolonialen Theoretiker Achille Mbembe adressiert. Mbembe wurde u.a. vom Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung Felix Klein vorgeworfen, „antisemitische Klischees“ zu bedienen. Eine ähnliche Kritik wurde auch von akademischer Seite artikuliert. Bax vermutet hinter diese Vorwürfen „Gesinnungsschnüffelei“, eine „Cancel Culture“, deren „Diskurswächter“ einen der wichtigsten afrikanischen Denker gängeln und moralisch diskreditieren möchten. Ihm zufolge verfallen mittlerweile auch Feuilletons „in ein regelrechtes Jagdfieber“. Mbembes Veröffentlichungen werden „nach verdächtigen Stellen“ durchsucht, um einen eifrigen Beitrag zur „Anklage“ leisten zu können.

Unabhängig davon, dass eine solche Kritik an ‚PC‘ womöglich manchmal einen ernsthaft zu diskutierenden Wahrheitskernbesitzen mag, ist sie in dieser wahrnehmbaren Pauschalität nicht tragbar. Vielmehr veranschaulichen diese beiden Beispiele, wie eine solche Kritik an einer vermeintlich politisch-korrekten ‚Cancel Culture‘ sich in Selbstwidersprüche verfängt und selbst moralistische Diskursauschlüsse evoziert. Statt eine inhaltliche Debatte zu führen, werden die kontroversen Diskussionspunkte durch ein solches Vorgehen gerade dethematisiert. Oder anders, in den Worten des ‚PC‘-Kritikers (!) Alexander Grau ausgedrückt: „Auch Empörung über [vermeintliche; J.H.] Empörung ist immer noch Empörung.“ (Grau 2017, 8) Anhand von vier rhetorischen Strategien lässt sich diese Problematik verdeutlichen.

1. Personalisierung

Anstatt die Plausibilität von inhaltlichen Positionen zu diskutieren, werden bestimmte Personen angegriffen. Rukaj fokussiert sich etwa auf den Bildungsreferenten Tom Uhlig, dem sie „Denunziation“ unterstellt. Seine Kritik wird auf persönliche Interessen reduziert, aus ihr spreche das „Distinktionsbedürfnis des Bildungsreferenten […], der mit ordentlichen Professorinnen um die Deutungshoheit sozialer Phänomene konkurriert.“ Und Bax nimmt den Landtagspolitiker Lorenz Deutsch aufs Korn, einen „FDP-Hinterbänkler aus Nordrhein-Westfalen“. Dieser hatte als einer der ersten die erwähnte Kritik an Mbembe geäußert. [2]

2. Die Pappkameraden-Strategie

Als Beispiele für die ‚Cancel Culture‘ halten pointierte Kritiken her, die aus den Medien (Rukaj) oder der Politik (Bax) kommen, aber paradigmatisch für wissenschaftliche Debatten stehen sollen. Ausgeklammert wird dabei, dass der abwägend-differenzierte Charakter wissenschaftlicher Analysen aus Formgründen in journalistischen Texten oder politischen Statements nicht erreicht werden kann.

3. Überspitzungen und Verkürzungen

Der Gegenstand durch Überspitzungen und Verkürzungen zurechtgerückt, um ihn auf eine einfache Weise abkanzeln zu können. So wird die u.a. vom Spiegel-Magazin bestätigte Tatsache, dass Koppetschs ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter Kai Borrmann heute stellvertretender Sprecher der AfD Berlin-Mitte ist, von Rukaj als „Phantasie[]“ bezeichnet. Darüber hinaus bleibt unerwähnt, dass dies nicht als Kern, sondern eher als ein Symptom von Uhligs Kritik gelten kann. Und Bax kapriziert sich vor allem auf die kritisierten Kontakte, die Mbembe zur israelkritischen und vom Bundestag als antisemitisch eingestuften Boykottbewegung BDS (Boycott, Divestment and Sanctions) gepflegt haben soll. Ausgeklammert wird dabei jedoch, dass sich auch antisemitische Klischees in einigen seiner Texte finden lassen, etwa im zweiten Kapitel des Buches „Politik der Feindschaft“ (2017).

4. Dekontextualisierung

Rukaj schreibt etwa Tom Uhlig die Rolle des „zivilgesellschaftlichen Oberaufsehers“ zu, ohne zu berücksichtigen, dass dieser durch seine Mitarbeit am Sammelband „Trigger Warnung“ (2020) gerade zu einer „[e]rgiebige[n] linken Selbstkritik“ von ‚PC‘ beigetragen habe. Und Bax klammert aus, dass es womöglich „[e]in systematisches Problem“ postkolonialer Theoriebildung darstellt, Antisemitismus als eine Form von Rassismus anzusehen, ohne die Eigenlogik des Gegenstands angemessen zu würdigen.

Resümee: Personen und Positionen werden moralisch in Verruf gebracht

Alle vier Strategien führen dazu, dass inhaltliche Positionen dethematisiert und Personen moralisch in Verruf gebracht werden. Die Kritik an einer politisch korrekten ‚Cancel Culture‘ in der Wissenschaft verstrickt sich damit, wie exemplarisch gezeigt wurde, in Selbstwidersprüche. Es wird ein performativer Widerspruch vollzogen, der problematisierte Diskursausschluss wird selbst praktiziert oder zumindest anvisiert. Exemplarisch wird so sichtbar, dass sich die Kritik eines angeblich durch politische Korrektheit blockierten Wissenschaftsbetriebes bei näherer Betrachtung immer wieder als haltlose Polemik entpuppt. [3]

Insgesamt gilt es dabei zu berücksichtigen, dass womöglich auch die Theologie einen Beitrag dazu leisten kann, die so geschlossenen Diskurse zu entzerren und eine inhaltliche Debatte zu ermöglichen. Schließlich wird in den erwähnten Beiträgen (implizit) auch mit theologische Kategorien wie ‚gut‘ und ‚böse‘ oder ‚Opfer‘ und ‚Schuld‘ operiert. Eine genuin theologische Perspektive auf ‚PC‘ erscheint so nicht nur notwendig, sondern geradezu geboten.

[1] Eine ausführlichere Auseinandersetzung mit dieser Kritik, in der ich die hier artikulierte Position vertiefe, habe ich auf dem Blog des AK Politische Theologie veröffentlicht: https://ak-politische-theologie.weebly.com/blog/politisch-korrekte-wissenschaft-exemplarische-reflexionen-eines-gangigen-vorwurfs.

[2] Die beiden Beispiele, so wird hier deutlich, sind nicht gänzlich analog zueinander zu betrachten. Ein Bildungsreferent besitzt etwa weniger Deutungsmacht als ein Landtagspolitiker, um seine (Gegen-)Position in den Diskurs einzutragen.

[3] Eine ausführliche Kritik des Vorwurfs einer akademischen Cancel Culture hat der Politikwissenschaftler Floris Biskamp geleistet: http://blog.florisbiskamp.com/2020/05/27/cancel-culture-ist-abgesagt: -ausfuehrliche-fassung-des-tagesspiegel-artikels-vom-27-mai-2020/

Jan-Hendrik Herbst ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Katholische Theologie, Lehrstuhl für Praktische Theologie/Religionspädagogik der TU Dortmund. Er ist Mitglied im Arbeitskreis Politische Theologie.

Bild: Horst Schröder – pixelio.de

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