Alle Berufungen prüfen!

Axel Bödefeld SJ pladiert dafür, Frauen bei der kirchlichen Prüfung von Priesterberufungen einzubeziehen.

Im November 2019 berichtet das Zentrum für Berufungspastoral der Deutschen Bischofskonferenz auf seiner Facebook-Seite, das Bistum Passau habe „eine extra große Berufungsmonstranz“ anfertigen lassen. Man hoffe, so das Gebet um Berufungen zu fördern.

Rund ein halbes Jahr später, zu Pfingsten 2020, liegen Philippa Rath OSB unter dem Titel „Weil Gott es so will“ 150 persönliche Berichte vor, in denen Frauen von ihrer Berufung zur Diakonin und zur Priesterin schreiben. Diese Anzahl war innerhalb weniger Wochen zusammengekommen und ließe sich, wie die Herausgeberin anmerkt, „beliebig vergrößern“.

Die persönlichen Berufungszeugnisse von Frauen lassen sich nicht leichtfertig abwehren

Mit der Veröffentlichung dieser Sammlung hat das Ringen um die Frage der Zulassung von Frauen zum Weiheamt in der katholischen Kirche nach Stillstand und Verhärtung nun endlich eine geistliche Dimension und damit eine neue Qualität und Relevanz erreicht. Diese persönlichen Zeugnisse lassen sich nicht leichtfertig abwehren, weder als kirchenpolitische Forderungskataloge, noch als Ansage eines Machtkampfes. Es handelt sich um spirituelle Liebes- und auch Leidensgeschichten.

Parallel zu dieser Veröffentlichung scheinen sich die einschlägigen Zeichen der Zeit zu verdichten. Fünf Schlaglichter zur Erhellung des Kontextes der 150 Berufungszeugnisse:

  • 2019 wird in Stuttgart der Catholic Women’s Council gegründet. Der CWC versteht sich als „globale Dachgruppe römisch-katholischer Netzwerke, die sich für die volle Anerkennung der Würde und Gleichberechtigung in der Kirche einsetzen“. Durch seine pure Existenz entzieht er dem Argument, die Forderung der Zulassung von Frauen zum Weiheamt sei eine ausschließlich deutsche oder westliche Forderung, jeden Sachgrund.
  • Im Sommer 2020 veröffentlichen Schwestern der Initiative Ordensfrauen für Menschenwürde ihre geistlichen Erfahrungen mit den Auswirkungen der Corona-Krise auf die Praxis der täglichen Eucharistiefeier in ihren Gemeinschaften. Sie bieten für das kirchliche Leben wichtige Impulse, wie die Frage nach dem Zusammenhang von Stellvertretung und Solidarität.
  • Im November 2020 äußert sich der emeritierte Bischof von Aachen Heinrich Mussinghoff rückblickend zu seinem Verhalten angesichts der Meldungen sexuellen Missbrauchs durch Priester: „Ich fühlte mich überfordert – vor allem mit Opfergesprächen … Ich hätte mir nicht zugetraut, sachgemäß mit ihnen zu sprechen. Ich würde das auch keinem Bischof raten“. Wenige Monate später schreiben Vertreterinnen der Initiative Maria 2.0 in einem offenen Brief an einen römischen Kurienkardinal: „Es gibt von Ihrer Seite kein Hören, schon gar kein geneigtes Zuhören, keinen Versuch zu verstehen“. Wiederholt sich die verhängnisvolle Mischung aus Furcht und Ignoranz, die schon so viele Opfer sexuellen Missbrauchs ein zweites Mal verletzt hat?

Bischof Heinrich Mussinghoff: „Ich fühlte mich überfordert – vor allem mit Opfergesprächen“

  • Viele Beschreibungen von Seelsorge und Gemeindeleitung, die von Frauen verfasst sind, klingen wie die Erfahrungen junger kirchlicher Gemeinschaften, die sich unter der Bezeichnung fresh X – Kirche anders ausdrücken zusammengeschlossen haben. Sie versuchen, neue Formen kirchlichen Lebens zu entwickeln für „Menschen, die nie eine Kirche betreten würden“. Ursprünglich aus der anglikanischen Kirche Großbritanniens, gibt es mittlerweile auch schon Projekte in einigen deutschen Diözesen und insbesondere in der evangelischen Kirche Ostdeutschlands.
  • Das schon erwähnte Zentrum für Berufungspastoral verantwortet das Videoprojekt God or Not, das in den ersten Monaten des Jahres 2021 in zwölf im Internet abrufbaren Episoden vier junge Seminaristen vorstellt und interviewt. Ihre Ausführungen und Vorstellungen spiegeln bisweilen schmerzhaft die Begrenztheit ihrer Erfahrungen als junge Männer im kirchlichen Binnenraum. Während aber ihre Berufungen im Seminar einer aufwendigen Prüfung unterzogen werden, wird das gleiche Vorgehen für die durch vielfältige Lebens- und Glaubenserfahrung geläuterten Berufungen vieler Frauen noch nicht einmal in Erwägung gezogen.

Vor diesen Hintergrund wirkt die aktuelle kirchliche Situation nicht mehr so eindeutig, dass sowohl alttestamentliche (Jes 43, 19: Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht?) wie neutestamentliche Mahnungen (1 Thess 5, 21: Prüft alles, und behaltet das Gute!) weiterhin einfach außer Acht gelassen werden können.

1 Thess 5, 21: Prüft alles, und behaltet das Gute!

1976 räumt die Erklärung der Glaubenskongregation Inter Insigniores, bis heute das entscheidende Referenzdokument für die theologische Auseinandersetzung um die Priesterweihe von Frauen, ein, „dass einige Frauen in sich eine Berufung zum Priestertum verspüren. Ein solches Empfinden, so edel und verständlich es auch sein mag, stellt noch keine Berufung dar. Diese lässt sich nämlich nicht auf eine persönliche Neigung reduzieren, die rein subjektiv bleiben könnte. Da das Priestertum ein besonderes Amt ist, von dem die Kirche die Verantwortung und Verwaltung empfangen hat, ist hier die Bestätigung durch die Kirche unerlässlich: diese bildet einen wesentlichen Bestandteil der Berufung … “. Aber wie soll es je zu einer geistlich angemessenen Bestätigung oder Ablehnung kommen, wenn schon jede Prüfung im Vorhinein kategorisch verweigert wird?

Es spricht alles dafür, mit den Frauen, die sich zu einem Weiheamt in der Kirche berufen fühlen, unvoreingenommen zu sprechen

Es spricht jetzt alles dafür, mit den Frauen, die sich zu einem Weiheamt in der Kirche berufen fühlen, unvoreingenommen zu sprechen – nicht über sie, und nicht in Talkshows. Ihnen weiterhin nicht zuzuhören birgt die Gefahr, sich dem Wirken des Geistes zu widersetzen. Solche Gespräche setzen keine Änderung der lehramtlichen Tradition oder des Kirchenrechts als Bedingung voraus. Zwar kann das Ergebnis dann erhebliche Auswirkungen auf die Lehre haben, aber das muss zuerst aus den Zeichen der Zeit, in diesem Fall den als authentisch geprüften Berufungen, als Erfordernis gedeutet werden.

Für das konkrete Vorgehen bestehen ja bereits Erfahrungen. Wenn eine Berufung zum Amt in der Kirche mit den Worten von Papst Franziskus tatsächlich wie ein Rohdiamant ist, „der mit Sorgfalt, Achtung vor dem Gewissen der Personen und Geduld bearbeitet werden muss, um inmitten des Gottesvolkes zu erstrahlen“, dann braucht dieser Klärungsprozess eben auch bei Frauen mehr Zeit und Aufwand als ein oder zwei Gespräche. Konkret: Wenn neben dem persönlichen Motivationsschreiben weitere Empfehlungen und Zeugnisse vorliegen, könnte die umfassende Prüfung in einem seminarähnlichen Rahmen erfolgen. Aus der Ausbildung zum Ständigen Diakonat und den Vorbereitungskursen des Netzwerks Diakonat der Frau liegen aber auch bewährte Erfahrungen mit einem nebenberuflichen Rahmen vor.

Solche Gespräche setzen keine Änderung der lehramtlichen Tradition oder des Kirchenrechts als Bedingung voraus

Als grundlegendes Zulassungskriterium zur Prüfungsphase würde unverändert Can 1029 CIC gelten: „Weihen sind nur jenen zu erteilen, die nach dem klugen Urteil des eigenen Bischofs … bei umfassender Würdigung einen ungeschmälerten Glauben haben, von der rechten Absicht geleitet sind, über die erforderlichen Kenntnisse verfügen, sich guter Wertschätzung erfreuen, über einen untadeligen Lebenswandel und erwiesene Charakterstärke sowie über andere der zu empfangenden Weihe entsprechende physische und psychische Eigenschaften verfügen“. Für die Gespräche des Bischofs und seiner Beauftragten, die für die Prüfung eines subjektiven Berufungsgefühls von hoher Bedeutung sind, betonte schon Papst Johannes Paul II.: „Was die sorgfältige und aufmerksame Prüfung angeht, soll sich der Bischof mit einem klugen zeitlichen Vorlauf mittels ,Skrutinienʻ davon überzeugen, dass jeder der Kandidaten geeignet ist für die heiligen Weihen und vollkommen entschieden, die Erfordernisse des katholischen Priestertums zu leben. In einer so heiklen Frage soll er niemals übereilt handeln, und in Fällen des Zweifels soll er seine Zustimmung lieber hinausschieben, bis sich jeder Schatten bezüglich eines Mangels an Eignung aufgelöst hat“.

Weibliche Kandidaten werden schon auf der Ebene der Berufung, ohne jede Prüfung der Eignung, ausgeschlossen

Auch eine offizielle und tatsächlich nützliche Liste von Eignungskriterien, die bei einer Berufungsprüfung anzuwenden sind, existiert bereits, und zwar in der Rahmenordnung für die Priesterbildung, zuletzt von 2003. Im Zusammenhang dieses Dokuments sind zwei Punkte bemerkenswert: Während die deutsche Ausgabe von der „Klärung der Berufsfrage“ spricht, heißt der entsprechende Abschnitt in der Rahmenordnung der Österreichischen Bischofskonferenz „Klärung der Berufung“. Beide Dokumente schließen dann aber genau betrachtet nicht Kriterien zur Berufungs- sondern zur Eignungsklärung an. Es scheint, als wird der Anspruch einer Berufung bislang im Wesentlichen durch die Untersuchung der Eignung geprüft. Scheinbar können sich männliche Bewerber nicht im Anspruch einer Berufung, sondern nur in der Fehleinschätzung ihrer Eignung irren. Weibliche Kandidaten werden hingegen schon auf der Ebene der Berufung, ohne jede Prüfung der Eignung, ausgeschlossen. Und was die Frage der Lebensform angeht: Die könnten wir zurückstellen, bis wir erst einmal wieder gelernt haben, mehr auf den Geist, der die Kirche führt, zu hören und zu vertrauen.

Es gibt keinen Grund Machthunger zu unterstellen, wo Liebe ist.

150 Frauen fassen Mut und erzählen öffentlich von ihrer Berufung, leise, teilweise mit gebrochener Stimme. Tiefgläubige Frauen allen Alters, die sich dem Evangelium und ihrer Kirche verbunden fühlen und diese Verbundenheit durch ihr Leben und ihr Engagement bezeugen. Während die Kirche gerade erst dabei ist zu verstehen, dass sie lange Zeit Lüge unterstellt hat, wo Verbrechen war, gibt es keinen Grund, Machthunger zu unterstellen, wo Liebe ist. Denn auf diese, zum Teil auch schmerzgeprüften Berufungszeugnisse trifft zu, was Papst Benedikt XVI. einmal im Blick auf die Forderung nach der Frauenordination gefragt hat: „Spüren wir darin etwas von der Gleichgestaltung mit Christus, die die Voraussetzung jeder wirklichen Erneuerung ist?“.

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Axel Bödefeld SJ ist Minister der Kommunität des Berchmanskollegs in München.

Bild: DBK

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