Alte Andersorte kirchlicher Ritualerfahrung. Heilige als „Gesichter“ von Dankbarkeit, Trauer und Hoffnung (Teil 2)

Welche befreiende Kraft können die Praktiken der Volksfrömmigkeit heute noch entfalten? Ottmar Fuchs entführt Sie in ein oberfränkisches Dorf und versucht von dorther eine Antwort. Zum „Doppelfest Allerheiligen und Allerseelen“ (O. Fuchs) ein Beitrag in zwei Teilen.

Teil 1 dieses Beitrags ist gestern erschienen.

Soweit also der Inhalt meiner Ansprache. Was mich bei diesem Gottesdienst beeindruckt hat: Auch die „alte“ Volks- und Heiligenfrömmigkeit kann unter gegenwärtigen Umständen zu einem Andersort[1] sonstiger normaler kirchlicher Repräsentanz werden. Und die dafür ansprechbaren Menschen spüren, ahnen und erleben, dass diese alten kindheitsverwurzelten Erinnerungen und Darstellungen viel mit ihrem eigenen Leben, mit ihrem Glauben und mit ihren Sorgen und ihren Hoffnungen zu tun haben. Solche Orte und die dort erinnerten Heiligen sind so etwas wie Formaturen, in denen das je eigene Leben beschreibbar wird. Derart bebildern und individualisieren die Heiligen Gottes Gnade in dieser Welt, aber auch darüber hinaus, indem sie aus der Liebe Gottes heraus mit ihrem uns bekannten Antlitz auf unserer Seite bleiben und beistehen.[1]

Alte Andersorte

Zu den neuen kirchlichen Andersorten darf man also diese alten Orte hinzuzählen, die oft schon immer, aber besonders heute als etwas anderes als der zentrale Bereich von Kirchen erlebt werden. Was früher noch zum Zentrum gehörte, ist für viele jetzt die Ausnahme.

Die Reaktionen auf diesen Gottesdienst im Freien und vor dieser Kapelle zeigten, wie elementar wichtig diese Liturgie für die Beteiligten war. Auch viele junge Menschen und junge Familien waren da. Sie schöpfen Hoffnung für eine Zeit, in der die Kinder es wahrscheinlich nicht mehr so gut haben werden wie ihre Eltern. Es war einfach einmal etwas anderes, und es hatte mit einer Familie zu tun, die zum eigenen Dorf gehört, und mit einer Kapelle auf Privatbesitz, wohin gläubige Menschen immer wieder mit ihren Anliegen gekommen sind und kommen.

Alternative Erfahrungsform

Solche Volksfrömmigkeit ist eine durchaus auch alternative Form des Daseins und des Fürseins kirchlicher Rituale für die Menschen: begehbar, aber auch verlassbar. Auch das Traditionelle kann etwas Besonderes werden, wenn sich die Kontexte verändert haben. Was macht Gott in der Stadt, fragt Dorothee Steiof,[2]  genauso spannend ist die Frage: Was macht Gott auf dem Dorf, was macht Gott in den Menschen, deren Ausdruckformen noch traditionell sind und es als solche verdienen, mit ihrem Leben in Kontakt zu geraten?[3]

Im semantischen und rituellen Raum der Volksfrömmigkeit gab es schon immer Abduktionen von der Normalpastoral, auch wörtlich im Weggehen vom Zentrum an die Peripherie z.B. eines abgelegenen Wallfahrtsortes. Die Idee kam nicht aus der pfarrlichen Mitte, sondern ereignete sich auf der Basis freier Vernetzungen zwischen der besagten Familie und außenstehenden bekannten und befreundeten Menschen. Und ihre eigene Idee bestand hinsichtlich der Gottesdienstgestaltung darin, die traditionellen Formen in diesem selbst ausgewählten Raum einer Privatgrundstücks zu aktivieren. Die Resonanz, die sie im Zentrum vermissen, stellen die Menschen also selbst her und erleben dies als „befreiendes Ereignis des Evangeliums“.[4] Was früher möglicherweise im Zentrum als Bevormundung erfahren wurde, wird jetzt zum Raum eigener Initiative einer „partizipativen Handlungsform“.[5]

Verschwiegene Teile von Volksfrömmigkeit

Faszinierend ist für die Menschen offensichtlich auch der Ereignisraum der Natur mit der kleinen Kapelle und den Momenten der Volksfrömmigkeit. Alte Ausdrucksformen werden so zu neuen Ausdrucksformen für vernachlässigte, verschwiegene Teile von Volksfrömmigkeit und werden so als Alternative erlebt. Die „entbetteten Artefakte kirchlicher Traditionen“, wie etwa die Heiligenverehrung auf dem Hintergrund persönlicher Anliegen, mobilisieren bzw. erleben eine „verflüssigte Semiotisierung bestehender religiöser Erinnerungsräume.“[6] Und was vorher ein Dauerinstitut war, wird jetzt als singuläres Ereignis erlebt.[7]


Ottmar Fuchs ist emeritierter Professor für Pastoraltheologie und lebt in Lichtenfels bei Bamberg.

[1] Christian Bauer, Pastorale Andersorte? Eine kleine theologische Sprachkritik, in: Diakonia (2015), 136-141.

[1] Vgl. Ottmar Fuchs, „Vas spirituale“. Maria als Gestalt des Heiligen Geistes, in: Alexandra Bauer, Angelika Ernst-Zwosta (Hg.), „Gott bin ich und nicht Mann“. Perspektiven weiblicher Gottesbilder, Ostfildern 2012, 105-133.

[2] Vgl. dazu Dorothee Steiof, Was macht Gott in der Stadt? Erfahrungen aus einem Projekt der Präsenzpastoral aus dem Süden von Stuttgart, in: Feinschwarz 29.06.2021.

[3] Vgl. Ottmar Fuchs, Das Geheimnis des 5. Evangeliums – Nag Hammadi, in Feinschwarz 20.09.2020.

[4] Vgl. Michael Schüssler, Ereignisse des Evangeliums kuratieren. Über die pastorale Semiotisierung religiöser Räume, in: Jürgen Bründl, u.a. (Hg.), Zeichenlandschaften. Religiöse Semiotisierungen im interdisziplinären Diskurs, Bamberg 2021, 195-229, 209.

[5] Vgl. ebd. 208.

[6] Ebd. 195-196.

[7] Vgl. ebd. 208.

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