Alternativlos? Zur Annullierung der Ehe zwischen Mme Liberté und M. Capitalisme

Freiheit und Kapitalismus sind nie so ganz glücklich miteinander gewesen. Gegenwärtig aber wirkt ihre Ehe ziemlich zerrüttet. Ob das die Stunde einer neuen Freiheit jenseits des Kapitalismus wird oder die Faszination des Autoritären siegt, wird sich zeigen. Von René Buchholz.

Beginnen wir, um einen negativen Eindruck zu vermeiden, gleich mit der guten Nachricht: Die Ehe zwischen M. Capitalisme und Mme Liberté steht kurz vor ihrer Annullierung. Die Initiative ergriff Monsieur, der sich daran erinnerte, dass seinerseits zu keinem Zeitpunkt ein aufrichtiger Ehewille bestanden hatte. Auch den Trauzeugen fiel das nicht auf, erlagen sie doch dem Trug, die unbegrenzte Freiheit von Profit und Akkumulation sei nur eine Seite, die ökonomische eben, einer liberalen Gesellschaft.

In Wahrheit aber sind die beiden nie ein Fleisch geworden; zudem blieb in allen wesentlichen Entscheidungen die Partnerin außen vor. Dass es sich hier schwerlich um eine gültige Ehe handelte, liegt also auf der Hand. Auch von einer ‚Vernunftehe‘ wird man kaum sprechen können, gebrach es ihr doch seit Beginn an eben jener Vernunft.

Demokratie, das lehrte bereits Carl Schmitt, kann auch die Abschaffung der Freiheit durch Plebiszit bedeuten.

Nun dürfen wir aber auch die schlechte Nachricht nicht unterschlagen: Die Ehefrau läuft ihrem brutalen Gatten immer noch nach, sie hängt an ihm, weniger aus Liebe als vielmehr aus der Furcht, dass nach der Annullierung sich die letzten Freunde von ihr lossagen und sie alleine nicht überleben könne. Also toleriert sie jede Demütigung, verzichtet auf alle möglichen Ansprüche und schwört immer wieder Treue, als wäre sie fremdgegangen.

Allein, ihre Treue interessiert niemanden, am wenigsten den Gatten; auch hat sie in dieser Mesalliance erheblich an Attraktivität eingebüßt: Sie ist abgemagert und darf nur an Sonn- und Feiertagen ihre petite robe noire anlegen, die aber ohne jede Form an ihr herunterhängt und, schaut man genauer hin, nur eine schlechte Kopie aus Polyester ist. Kein Wunder, dass man in Ungarn und Polen bereits experimentiert, in welchem Umfang es ihrer überhaupt bedarf, und ob die Grande Nation auf Dauer standhaft bleiben wird – wer weiß? Demokratie, das lehrte bereits Carl Schmitt, kann auch die Abschaffung der Freiheit durch Plebiszit bedeuten.

Frei ist, wer die eigene Unterwerfung unter die Prinzipien des Marktes täglich neu erfindet.

Blicken wir einmal auf die letzte Szene dieser Ehe. Mme Liberté, hören wir, magerte ab, was nicht wundert, denn sie erschöpfte sich mehr und mehr in der erfolgreichen Verinnerlichung ökonomischer Imperative. Äußere Anforderungen ungeprüft sich zu eigen machen, sie lieben lernen, das soll wahre Freiheit sein: die Einsicht in die Notwendigkeit. Frei ist, wer die eigene Unterwerfung unter die Prinzipien des Marktes täglich neu erfindet.

Darum sind die Menschen im Kapitalismus auch derart kreativ. Die „étrange folie“, nämlich „l’amour du travail“, über die Paul Lafargue noch spottete, hat die ganze Gesellschaft erfasst, und wenn Verrücktheiten mehrheitsfähig werden, dann sind sie keine mehr. Der Kapitalismus ist ein buntes Feld solch systemkonformer Verrücktheiten und Neuerfindungen des eigenen Ich, das morgen schon nicht mehr zu wissen braucht, was es heute war und flexibel Ballast abwirft.

Wer darüber hinaus sein Leben gerne mit Höherem ausgestattet wissen will oder zuweilen doch des Trostes bedarf, dem hilft kulturindustrielle Religiosität über die trotz positiven Denkens sich einstellenden Krisen hinweg. Im Warenhaus des Lebenssinns, einer rationalitäts- und kritikfreien Zone inmitten des Weberschen ‚stahlharten Gehäuses‘, gibt es ihn fertig aufbereitet als Gesamtpaket oder, je nach Geschmack, auch modularisiert. Wozu dann noch Freiheit und Mündigkeit, die auch in der Freizeit, diesem Bräunungsstudio des Berufslebens, noch anstrengen, anstatt zu entspannen?

Wohin also soll sich die verlassene Gattin nun wenden? Braucht Mme. Liberté überhaupt einen neuen Partner, der für sie sorgt? Anders als oft behauptet, ist die Mesalliance nicht alternativlos. Es wäre besser, den geistlos-brutalen Partner mit seinen autoritären Capricen zu vergessen und das Leben, wie der Liberalismus es doch wollte, selbst in die Hand zu nehmen. Zur Liberté gehören auch die Weigerung, sich zu unterwerfen und das Recht auf Entfaltung der Person. Die Ökonomie ist an ihren einzigen rationalen Zweck, ihre ganze und wahre raison d’être zu erinnern, nämlich die Menschen von der Lebensnot soweit irgend möglich zu befreien, anstatt sie auf höherer Ebene zu reproduzieren.

Mlle Égalité, dieses Mauerblümchen des Neoliberalismus, für die es ohnehin noch nicht einmal zur Geliebten des Kapitalismus reichte, wird sich Mme Liberté anschließen wollen; überleben können langfristig nur beide. Kenner werden die Dritte im Bunde vermissen: Mlle Fraternité. Sie gilt schon seit 1793 als vermisst, und seit Louis-Philippe wurden die erfolglosen Nachforschungen aus Kostengründen eingestellt. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Diese fröhliche Ménage muss gegen den einstigen Ehemann erkämpft werden, schließlich hat er sich machtvoll in den Köpfen als beste der möglichen Welten festgesetzt. Das neoliberale Paradies aber zeigt Risse; es gibt, konstatiert Slavoj Žižek, Trouble in Paradise. Die einen, ganz hingegeben ihrem wunderbaren Job, den morgen schon ein anderer übernehmen könnte, brechen unter der Arbeitslast zusammen und müssen vorzeitig die seligmachende Arbeitswelt verlassen. Indessen suchen andere vergeblich nach der Eingangstür zum geregelten Einkommen und enden im Prekariat. Stehen sich auf den ersten Blick intense employment und unemployment schroff gegenüber, so zeigt sich bei genauerem Hinsehen, dass mit den Gütern und Dienstleistungen unter den gegebenen Bedingungen auch Unterbeschäftigung oder Prekariate produziert werden; mad dance nennt Žižek diese wechselseitige Beziehung.

Über- wie Unterbeschäftigung sind Formen einer optimierten Exploitation verfügbarer Arbeitskraft im Interesse von Profitmaximierung und Disziplinierung der so genannten Mitarbeiter. Der Körper aber neigt weniger zu Kompromissen als der Geist und stellt zuweilen, trotz guten Zuredens, jede weitere Kooperation ein. Das Fleisch ist zum Protest willig, wo der Geist sich als schwach erweist. So ist es eher der Leidensdruck, der die Erkenntnis beflügelt und die Alternativlosigkeit einer ökonomischen Praxis infrage stellt, in der hypothetische Imperative kategorisch gelten, und die Menschen nicht Zwecke, sondern bloß Mittel des von ihnen selbst hervorgebrachten Getriebes sind.

Stunde der Freiheit – Faszination des Autoritären

Es wäre die Stunde der Freiheit, die, froh ihrer Ehe mit M. Capitalisme ledig zu sein, sich endlich entfalten könnte. Aber bleiben wir lieber beim Konjunktiv. Denn derzeit bringt das Unbehagen im Kapitalismus eine neue Faszination des Autoritären hervor und entlädt sich in dumpfen Ressentiments. Auch diese Entwicklung ist ebenso wenig alternativlos wie die Gesellschaftsform, die das alte Elend auf allen Stufen reproduziert.

 


Für alle, die noch Zeit zum Lesen haben oder sich diese Zeit, wie Drogen, illegal beschaffen:

Buchholz, René: Enjoy Capitalism. Zur Erosion der Demokratie im totalen Markt. Ein politisch-theologischer Essay, Würzburg (Echter) 2009.
Crouch, Colin: – Postdemokratie. Übersetzt von Nikolaus Gramm, Frankfurt/M (Suhrkamp) 2008.
–     Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus (Postdemokratie II). Übersetzt von Frank Jakubzik, Frankfurt/M. (Suhrkamp) 2011.
–     Die bezifferte Welt. Wie die Logik der Finanzmärkte das Wissen bedroht. Übersetzt von Frank Jakubzik, Frankfurt/M. (Suhrkamp) 2015.
Lafargue, Paul: Le droit à la paresse (1883), Paris (Mille et une nuits) 1997; dt.: Das Recht auf Faulheit. Widerlegung des ‚Rechts auf Arbeit‘. Übersetzt von Eduard Bernstein, Berlin (Holzinger) 2015.
Lippe, Rudolf zur: Plurale Ökonomie. Streitschrift für Maß, Reichtum und Fülle, Freiburg-München (Alber) 2012.
Žižek, Slavoj: Trouble in Paradise. From the End of History to the End of Capitalism. With a new afterword to the paperback edition, London (Penguin) 2015; deutsche Übersetzung von Karen Genschow, Frankfurt/M (Fischer) 2015.

(René Buchholz; Photo: Cornerstone_pixelio.de)

 

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