Am Kipppunkt? – Diskussion

Ergänzende Überlegungen zu einem wichtigen Beitrag von Hans-Joachim Sander und Rainer Bucher. Von Daniel Kosch.

Ich lese den Beitrag von Hans-Joachim Sander und Rainer Bucher als einer der vielen Menschen, die in der katholischen Kirche (in der Schweiz) institutionelle Mitverantwortung für Strukturen, Finanzen, Arbeitsplätze, Gremienarbeit, Kommunikation, Projekte der Kirchenentwicklung etc., kurz für die Sicherstellung eines guten Funktionierens der bestehenden, real existierenden Organisation tragen.

Für deren Leitung tragen kirchenrechtlich und in der Wahrnehmung der Mitarbeitenden wie der Öffentlichkeit die Bischöfe bzw. die kirchliche Hierarchie die Hauptverantwortung, auch wenn die Verantwortung im strukturellen Gefüge der katholischen Kirche de facto breiter verteilt ist, weil z.B. Leiter*innen und Leitungsgremien kirchlicher Einrichtungen (Hilfswerke, Bildungseinrichtungen, Verbände etc.) und in der Schweiz die staatskirchenrechtlichen Behörden ebenfalls massgeblich und in relativer Eigenständigkeit auf vielerlei Entscheidungen und das Wirken der Kirche in der Gesellschaft Einfluss nehmen können, ohne jedoch das Kirchenrecht und die hierarchischen Strukturen verändern zu können.

Was bedeutet «Kirche am Kipppunkt» für jene, die in den Strukturen Mitverantwortung haben?

Entsprechend frage ich mich: Was bedeuten die Analyse und die abschliessenden Postulate für Menschen, die institutionell eingebunden sind? Was folgt daraus für jene, die sich nur «virtuell» und zeitlich befristet in die Position der Beobachterin oder des Beobachters begeben können, wenn sie ihre Funktion weiterhin wahrnehmen wollen und sich nicht zum Ausstieg entscheiden, bevor der «Kipppunkt» überschritten ist?

Fertige Antworten habe ich nicht, möchte aber einige Überlegungen beitragen, weil ich vermute, dass viele Leserinnen und Leser des wichtigen Beitrags sich in ähnlichen Positionen befinden und weil es nicht zu verantworten ist, einen solchen Beitrag als «eine weitere kluge Analyse, die aber nichts ändern wird» zur Seite zu legen, wenn man seine Grundanliegen teilt.

Mut, Hartnäckigkeit und Widerstandskraft

Die sieben Postulate und die vielen implizit formulierten weiteren Imperative (z.B. Prozesse der «langsam und bisweilen unscheinbar wachsenden Ermächtigung» favorisieren, Missbräuche und Missstände aufklären und aufarbeiten und dabei weiteren Glaubwürdigkeitsverlust in Kauf nehmen, «den Ernst der Lage benennen, ernsthaft anerkennen und reumütig bekennen») erfordern Nüchternheit, Mut, Hartnäckigkeit und Widerstandskraft gegen eigene und fremde Neigungen zu Verharmlosungen und Beschwichtigungen. Wer z.B. in Gremien, die Kirchensteuergelder verwalten, zu seiner Überzeugung steht, dass der Trend zu Kirchenaustritten derzeit unumkehrbar ist, macht sich nicht beliebt.

Im Dilemma standhaft und verletzlich bleiben.

Tiefgreifende Strukturreformen und Anpassungen der Rechtsordnung auf weltkirchlicher Ebene und damit die Beseitigung der menschenrechtlichen Defizite der katholischen Kirche sind derzeit nicht absehbar. Trotzdem ist vieles, was innerhalb dieser Strukturen lebt und möglich ist, so wichtig und kostbar, dass es unverantwortlich wäre, die institutionellen Räume jenen zu überlassen, die mit dem Status quo einverstanden oder gar der Auffassung sind, dieser entspreche dem Willen Gottes und sei für den Bestand der Kirche unerlässlich. Sowohl an den Reformpostulaten als auch am Dabei-Bleiben unbeirrt festzuhalten, führt permanent in Dilemma-Situationen. Darin gleichzeitig standhaft und verletzlich zu bleiben, ist sehr anspruchsvoll. Denn es gilt, in unzähligen grossen und kleinen Entscheidungen und Spannungsfelder abzuwägen, und es ist ohne Kompromisse und Konflikte (auch solche, die sich später als «falsch» erweisen) nicht zu haben.

In Zeiten der Nicht-Notwendigkeit Gottes fragen, was über Gott zu sagen ist.

Selbst wenn die Institution Kirche (jedenfalls hierzulande) nicht mehr zu den «Säulen der Glaubwürdigkeit» von dem gehört, «was über Gott zu sagen ist», sind nicht nur Theologinnen und Theologen, sondern auch die Institution und ihre Vertreter verpflichtet, an dieser Frage zu arbeiten. Die Frage, was über Gott zu sagen ist, was es heisst, in dieser Welt an Gott zu glauben und Gott zu lieben, wie Menschen heute die Erfahrung machen können, «von guten Mächten wunderbar geborgen zu sein», ist gerade in Zeiten der «Nicht-Notwendigkeit Gottes» (Jan Loffeld) entscheidend, und zwar schon «kirchenintern» längst bevor «missionarische Strategien» entwickelt werden. Der verbreitete ekklesiale Atheismus in Form eines (von frommen Impulsen und liturgischen Feiern abgesehen) weitgehend gottlosen Kirchenbetriebes ist meines Erachtens ein weithin (auch im Beitrag von Sander und Bucher) unterschätztes Glaubwürdigkeitsproblem, weil auch er in einen Selbstwiderspruch führt: Die Vertreter einer Institution, die behauptet, es gehe darum «Gott in allen Dingen zu suchen und zu finden», organisieren deren Betrieb so, als ob es ihn nicht gäbe.

Keine «Naherwartungen» befördern

Die Rede von der «Krise der Kirche» mag verharmlosend sein. Aber auch das Beschwören des «Kipppunktes» ist alles andere als ungefährlich. Denn es befördert «Naherwartungen»: Wenn nicht sofort oder doch sehr bald etwas geschieht, «kippt» die Situation, verliert die Kirche den letzten Rest Glaubwürdigkeit, treten die Frauen in Scharen aus, entzieht der Staat der Kirche die Anerkennung und das Recht, Kirchensteuern zu erheben, verliert die Kirche ihre gesellschaftliche Relevanz etc.

Die eine Gefahr dieser Diagnose sehe ich darin, dass sie die Vorstellung rasch eintretender revolutionärer oder katastrophischer Veränderungen weckt, während die faktischen Entwicklungen seit längerer Zeit im Gang sind und deshalb so gefährlich sind, weil sie schleichend verlaufen. Die andere Gefahr ist, dass sie «Aktionen» oder «Reformprozesse» mit unrealistischen Hoffnungen auflädt, seien es «Synodale Wege» oder spektakuläre Protestaktionen. Damit sind einerseits Enttäuschungen und Demotivation hochmotivierter engagierter Kirchenmitglieder programmiert, anderseits werden indirekt jene Kräfte bestärkt, die sich fürs «Aussitzen» entscheiden und damit bisher gut gefahren sind.

Zwar trifft es zu, dass Gletscherschmelzen und Erosionsprozesse lange langsam verlaufen und sich gegen Ende manchmal rasant beschleunigen oder in einen dramatischen Felssturz münden. Aber es ist – ähnlich wie beim Vergleich der Kirchenentwicklung mit dem Mauerfall von 1989 – keineswegs sicher, dass er auch in diesem Punkt zutrifft. Das Schmelzwasser könnte am Ende auch unbemerkt im zerbröselnden Sand versickern. Zudem laufen innerhalb der katholischen Weltkirche neben der «Kirchenschmelze» in unseren Breitengraden auch ganz andere Entwicklungen ab, welche die Zukunft der Kirche bei uns nicht nur dank der globalen Strukturen, sondern auch dank der Migration ebenfalls mitbestimmen werden. Wie genau, ist offen.

Resilienz oder «Widerstand und Ergebung»

Nicht erst seit kurzem, sondern spätestens seit der nachkonziliären Zeit ist die Lage der katholischen Kirche von einer starken Polarisierung geprägt. Zwar trete ich wie Hans-Joachim Sander, Rainer Bucher und viele andere dafür ein, dass die Kirche immer mehr von Gemeinschafts- und Einmütigkeitsfiktionen Abschied nimmt, Vielfalt zulässt und Menschenrechtsdefizite abbaut, weil ich diese Entwicklungen für evangeliumsgemäss und lebensdienlich halte. Aber gleichzeitig nehme ich wahr, dass es nicht nur innerhalb der Kirche, sondern auch in der Gesellschaft starke Kräfte gibt, die gegenläufige Optionen verfolgen. Daher füge ich den sieben Postulaten von Sander und Bucher – verbunden mit meinem Dank für den wichtigen Beitrag – mit Blick auf die alltägliche Praxis ein achtes an: Neben Vertrauen, Freiheit und selbstrelativierender Demut braucht es auch die Bereitschaft, trotz Misserfolgen nicht zu verlieren, was man heute «Resilienz» nennt und was Dietrich Bonhoeffer als «Widerstand und Ergebung» bezeichnete.

___

Daniel Kosch ist Theologe mit Schwerpunkt Neues Testament und Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ)

Photo: Dominik Van Opdenbosch (Unsplash)

„Am Kipppunkt“: Teile I und II vom 4. und 6. August:

Am Kipppunkt I

Am Kipppunkt II

Print Friendly, PDF & Email