Am Kipppunkt II

Der Verfall der Glaubwürdigkeit wird sich nicht abschwächen, solange der Ernst der Lage nicht benannt, anerkannt und aufrichtig bekannt wird. Rainer Bucher und Hans Joachim Sander zur existentiellen Gefährdung der katholischen Kirche. Teil 2

Lange hielt die herrschende Ordnung: Man konnte ihr seit dem Zusammenbruch religiöser institutioneller Macht ungestraft in Abstinenz oder Austritt entgehen. Und für die engagierten Dabeigebliebenen wurden Runden von Dialog und Selbstgesprächen organisiert und sie wurden um Überbrückungskredite ihres Trotzdem! gebeten. Das nahm Druck aus dem System, Konfliktdruck wie Reformdruck. Doch es mehren sich die Zeichen, dass diese Ventile das ancien regime nicht mehr länger stabilisieren. Es beginnen sich Revolten auszubreiten, die eben Menschen voraussetzen, die sowohl dazu gehören wie außenstehen, zum Wir gehören und ihm entgegenstehen. Die Zahl dieser Menschen wächst.

Die Ventile des ancien regime stabilisieren nicht länger.

Zum einen sind das die anonymen Revolten, sich als Laie oder Laiin weder ins Gewissen noch in die Lebensform reden oder sich als Priester nicht länger als professioneller religiöser Kontrolleur beanspruchen zu lassen. Innerkirchlich vermehrt sind nun aber auch explizite zivilgesellschaftliche Aktionsformen abweichenden Verhaltens zu beobachten: von der öffentlichen Weigerung, den örtlichen Kardinal als Firmspender einfach so zu akzeptieren, über die breit angekündigte Segnung homosexueller Paare trotz expliziten vatikanischen Verbots bis zu den diversen Aktionen von Maria 2.0 werden immer häufiger zivilgesellschaftliche Interaktions- und Interventionschancen erfolgreich genützt.

Die Austrittswelle nimmt zudem zunehmend bestandsgefährdende, mindestens delegitimierende Ausmaße an, zumal offenkundig nicht nur wie üblich Entfremdete und Desinteressierte die Kirche verlassen, sondern immer mehr Engagierte und in der Kirche lange Beheimatete. Zudem gefährdet die langsam aber sicher rückläufige Taufquote die religionsgemeinschaftliche Stabilität der Kirche(n).

Drittens aber wird der offiziell religionsneutrale, de facto in Deutschland und Österreich aber ausgesprochen kooperative und bislang gegenüber dem Katholischen sehr nachsichtige Staat immer weniger über die Legitimationsprobleme der katholischen Kirche etwa hinsichtlich Rechtssicherheit und Geschlechtergerechtigkeit hinwegsehen können, je länger sich der Missbrauchsskandal als Dauerhintergrund etabliert. Erste Anzeichen, dass die katholische Kirche hier nach und nach zu anderen Rechtssetzungen gezwungen werden wird, zeigen sich etwa bereits im Arbeitsrecht.

Revolten müssen nicht zu Revolutionen führen, aber in ihnen braut sich zusammen, was es dafür braucht.

Revolten müssen nicht zu Revolutionen führen, aber in ihnen braut sich zusammen, was es dafür braucht. Bei aller Zufälligkeit historischer Abläufe, lassen sich gewisse Strukturmomente vorrevolutionärer Zustände und erfolgreicher Revolutionen isolieren. Betrachte man etwa die Französische, die Russische und die Deutsche (1989) Revolution, zeigen sich drei Voraussetzungen: zum einen eine langanhaltende Legitimationskrise des ancien regime, die dessen Handlungs­spielraum entscheidend einengt, zweitens sympathisieren relevante (wenn auch: Minderheits-)Teile der bisherigen Eliten mit den völlig neuen Konzepten, und drittens existiert ein die Legitimationskrise symbolisch und politisch verdichtender konkreter Auslöser mit exponierten Akteuren. Was nachrevolutionär dann herauskommt, das haben weder das ancien regime noch die Erneuerer in der Hand. Aber je mehr sich das Revoltieren verdichtet, desto weniger kümmert das. Es ist unschwer zu erkennen, dass die ersten drei Punkte aktuell für die römisch-katholische Kirche in unseren Breiten immer deutlicher gelten.

Man ahnt, was in dieser Lage an Ansagen für uns Theologinnen und Theologen kommen wird. Jetzt müssten wir doch alle an einem Strang ziehen oder uns wenigstens ins selbe Boot setzen, aber nicht selbstgefällig ein „Wir haben es immer schon gewusst“ vor uns hertragen. Doch um Rechthaberei geht es schon längst nicht mehr. Die Frage ist vielmehr, ob man, wenn es wieder heißt „Oh je, die Kirche ist in der Krise!“ nicht doch besser abwinkt und wenigstens sich selbst sagt: „… so what?“ Die wenigen Lichtblicke in der kirchlichen Hierarchie werden schließlich nicht zahlreicher, sondern verglühten bisher immer noch bald wie Sternschnuppen in dunkler Nacht. Man mag sich mehr wünschen, aber muss dafür lange warten.

Es geht um die Glaubwürdigkeit von dem, was über Gott zu sagen ist.

Für Theologinnen und Theologen geht es schließlich um mehr und zwar um viel mehr. Es geht um die Glaubwürdigkeit von dem, was über Gott zu sagen ist. Dem sind wir verpflichtet und daran müssen wir arbeiten. Man kann durchaus sagen, darum geht es auch bei der Kirche. Sie war eine Institution traditioneller Glaubwürdigkeit aufgrund dessen, was sie von Gott zu sagen wusste. Aber dann muss man heute halt hinzufügen, dass diese Kirche nicht mehr zu den Säulen dieser Glaubwürdigkeit gehört. Das ist das erste, was man auf jeden Fall sagen muss in dieser Lage, wenn man sich das „… so what?“ nicht zu eigen macht. Niemand, der jetzt Bischof ist, wird im restlichen Verlauf seiner aktiven Zeit wieder eine glaubwürdige Kirche repräsentieren.

Das ist keine Unglücksprophezeiung, sondern eine nüchterne Feststellung. Der Verfall der Glaubwürdigkeit wird sich nicht abschwächen, solange der Ernst der Lage nicht benannt, ernsthaft anerkannt und reumütig bekannt wird. Mit der sinkenden Glaubwürdigkeit steht die Kirche auf der Kippe. Das ist nicht nur ein sehr ungemütlicher Punkt, es ist ein Punkt, der nicht zu halten ist. Es wird dort kippen. Und jetzt?

Sieben Postulate

Räumt man den Kipppunkt ein, dann ergeben sich einige ebenso schlichte wie naheliegende Postulate.

  • Kein Gesundbeten von dem, was absterben wird: Selbsttäuschungen und Heuche­leien sind wirkliche Verführungen, also falsche Versprechen.
  • Keine kulturpessimistischen Restaurationsillusionen: Man steigt schlicht nicht zweimal in denselben Fluss.
  • Keine progressistischen Zukunftsidyllen: Denn das Wünschen hat tatsächlich noch nie geholfen.
  • Keine Gemeinschafts- und Einmütigkeitsfiktionen: Ohne eine strukturierte Konflikt- und Entscheidungskultur kann eine komplexe Organisation heute nicht mehr bestehen.
  • Abbau der kirchlichen Menschenrechtsdefizite: Anders wird neue Glaubwürdigkeit nie entstehen.
  • Pastorale Aufgaben- statt Sozialformorientierung: Denn die Kirche verliert sich nicht im Außen, sondern sie findet sich dort, weil dort ihre konstitutive Aufgabe, die kreative Konfrontation von Evangelium und heutiger Existenz, wartet.
  • Es braucht Vertrauen, Freiheit und selbstrelativierende Demut. Und Gottes Rest wird sich weisen.

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Hans-Joachim Sander ist Professor für Dogmatik an der Universität Salzburg, Rainer Bucher Professor für Pastoraltheologie an der Universität Graz.

Photo: Dominik Van Opdenbosch (Unsplash)

Teil I vom  4. August:

Am Kipppunkt I

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