Annäherungen: Historikertag bedenkt Glaubensfragen

Der 51. Deutsche Historikertag findet Ende September 2016 in Hamburg statt und steht unter dem Motto „Glaubensfragen“. Siegfried Weichlein zeichnet den Weg dorthin nach.

Religion hat Konjunktur bei den Historikerinnen und Historikern. Auffällig ist dabei, dass der Historikertag sich gerade nicht den üblichen Verdächtigen wie ‚Religion und Politik‘, ‚Staat und Kirche‘ oder den ‚Formen kirchlicher Religiosität‘ zuwendet, sondern dem Glauben. Einerseits werden in Hamburg Themen der modernen Religionsgeschichte zum Gegenstand. Vor allem aber spürt der Historikertag Formen des Glaubens jenseits dieses Bereichs nach: dem Glauben an die Nation etwa oder den Schutzwallvorstellungen in Osteuropa. Die Nation wird genauso geglaubt oder „imagined“, wie es seit Benedict Andersons Klassiker „Imagined Communities“ heißt, wie der Feind jenseits der eigenen Grenzen.

Glauben als Gegenstand der Wissensgeschichte

Man erkennt also im Glauben hier einen Gegenstand der Geschichte des Wissens – und nicht, wie es eine lange nationalliberale Tradition in der Geschichtswissenschaft wollte, den Gegenpol zum Wissen. Nicht nur im 19. Jahrhundert sah sich die Geschichtswissenschaft als die große Entzauberin von Mythen, Traditionen und Religionen an. Quellenbasiert sollte hervortreten, »wie es wirklich gewesen ist« (Leopold Ranke). Im 20. Jahrhundert und zumal nach 1945 kam die Emphase für Moderne und Modernisierung hinzu. Geschichtswissenschaft sah sich jetzt in der Lage, vormoderne Überhänge in den europäischen Gesellschaften genau zu benennen. Ihr Abbau war ein Gradmesser, wie weit es eine Gesellschaft auf dem Weg in die kapitalistisch-demokratische Moderne geschafft hatte. Heute sehen Historikerinnen und Historiker sehr viel genauer, dass dieses Programm dem Kalten Krieg und der Vorbildrolle der Vereinigten Staaten geschuldet war. Schließlich gab es ein anderes Versprechen, das nach den Millionen von Toten in den beiden Weltkriegen attraktiv war. Die kommunistische Seite warb mit Antifaschismus, Solidarität und klassenloser Gesellschaft. Auch sie räumte Glauben, Religion, Tradition und Mythen ab. Die westdeutsche Geschichtswissenschaft blieb noch im Widerspruch diesem Paradigma verpflichtet.

Zwei Glaubenssätze

Heute schauen sich die Historiker auch die Brille an, mit der sie früher auf die Vergangenheit schauten. Die „grands recits“ (die „Großen Erzählungen“) sind in den Hintergrund getreten. In den Blick geraten die subtilen Glaubenswelten, in denen sich Historiker bewegen. Zwei Glaubenssätze galten bis vor kurzem als unverrückbar. Dazu gehörte, dass der Blick in die bessere Zukunft Opfer vermeintlich rechtfertigt. Hekatomben von Toten mussten in Umsiedlungen, Hungersnöten, ethnischen Säuberungen sterben, damit eine bessere Zukunft kommen kann. Historiker erzählten diese Geschichten nach dem Motto „per aspera ad astra“. Auch der Glaube an die Planung als die politische Religion der Nachkriegsgesellschaften gehörte dazu. Die Linie war: Durch und nur durch einen zentralen Plan läßt sich die Not lindern, lassen sich die Ressourcen gerecht verteilen und optimal einsetzen. Es ist unschwer zu sehen, dass beide Epistemologien zutiefst religiös geprägt sind und ihrerseits Glaubenssätze darstellen. Solange HistorikerInnen starke Feinde hatten, blieben solche Annahmen um des größeren Ganzen willen in Geltung.

Der russische Historiker Alexei Yurchak formulierte prägnant: „Everything was forever, until it was no more.“ Auf die letzte sowjetische Generation der 1980er Jahre gemünzt trifft dieser Satz auch über das Ende der UdSSR hinaus zu. Das Bild des großen Sprunges von der Tradition in die Moderne bekam spätestens in den 1980er Jahren Risse. Religionen und Glaubensfragen wurden zum Thema für Historiker und Historikerinnen. Zuerst als Gegenstand, dann als Methode.

Wenn wir heute von Säkularisierung reden, dann nicht mehr wie zu Max Webers Zeiten.

Seit den 1980er Jahren kamen Religion und Kirche auf die Agenda der HistorikerInnen, zuerst in ihrer politischen Seite als Partei, Wahlkampf und Politik, später dann als Sozialgeschichte der Religion, als religiöse Praxis und Organisation. Dass neue Themen Erkenntnisfortschritte bringen, sieht man an den Kontroversen, die sie erzeugen. Die wichtigste Frucht dieses neuen Interesses an Religion war eine umfangreiche und bis heute nicht abgeschlossene Debatte um Religion und Säkularisierung, die die Grundannahmen der klassischen Modernisierungstheorie in Frage stellte. Wenn wir heute von Säkularisierung reden, dann nicht mehr wie zu Max Webers Zeiten. Das Verhältnis von Staat und Kirche ist etwas anderes als kirchliche Bindung, die sich wiederum von persönlicher Religiosität unterscheidet. Säkularisierung ist in Mitteleuropa etwas anderes als in Nordamerika, Afrika oder in Asien. Womöglich ist Mitteleuropa die Ausnahme und nicht die Regel, der Vorreiter oder das Modell.

Wissen und Glauben als Quellen der Weltdeutung

In einem zweiten, viel radikaleren Schritt öffneten sich HistorikerInnen der Einsicht, dass sie selbst Glaubenssätzen verpflichtet waren. Das betraf freilich ihr Tafelsilber der objektiven Quellenkritik und der Werturteilsfreiheit. Der Historikertag in Hamburg zieht daraus die Konsequenz. Die Grenzen zwischen Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft, zwischen Wissen und Glauben verschwimmen. Menschliche Weltdeutung basiert mindestens so sehr auf Glauben wie auf Wissen. Glauben, etwas naiv als ungeprüftes Für-Wahr-Halten verstanden, ist nicht nur in der Religion zuhause, sondern auch im Nationalismus, im Kolonialismus, in der Geschichte der Kindheit, der deutschen und der indischen Außenpolitik und in der Technologie. Die begrifflichen Muster der Interpretation bei den HistorikerInnen haben oftmals einen religiösen Hintergrund: Aufstieg und Fall, Krise, Opfer, vor allem die Macht der Bilder, die heute mehr denn je auf der Tagesordnung der historischen Zunft stehen. Das betrifft den Erkenntnisapparat der Geschichte genauso wie ihre Erzählstrategien.

Interpretieren mit religiöser Matrix: Aufstieg, Fall, Krise, Opfer – und überall die Macht der Bilder.

Geschichtswissenschaft zeichnet diese Mischungen und Gemengelagen nach und schreckt auch nicht vor selbstkritischen Fragen zurück. Sie nimmt Abschied von einem liberalen Selbstverständnis, das selbstverständlich von der absoluten Freiheit von Geschichte und Gesellschaft ausging und diesen Glauben auch noch reproduzierte. Selbst orthodoxen MarxistInnen, die genau wussten, wo der Hase läuft, blieb bei der Schwarzen Madonna von Tschenstochau das Lachen im Halse stecken. Damit hat sich auch der funktionalistische Religionsbegriff erledigt.

Diese Portion Skepsis kommt nicht von ungefähr, die Ernüchterung hat ihre Gründe. Die Gewissheit, mit wissenschaftlichen Mitteln Angaben über den Ausgang der Dinge machen zu können, ist bescheideneren Ansprüchen gewichen. Eine illusionslose Beschreibung wünschen sich viele. Die sei doch wenigstens verlässlich. Der Wahrheitsbegriff der HistorikerInnen erscheint damit eigenartig abgerüstet. Niederschwellig ist Wahrheit nur noch „ein bewegliches Heer von Metaphern“ (Friedrich Nietzsche). 
Siegfried Weichlein ist ordentlicher Professor für Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue./Schweiz. 

Bild: 51. Deutscher Historikertag 

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