Apokalypse: Vernichtung ökologischer Lebensräume

Ruth Fehling

Die Bedrohungen durch den Klimawandel und andere umweltzerstörerische Prozesse haben für Ruth Fehling apokalyptische Ausmaße angenommen. Die Klimakrise stellt neue Fragen an die Theologie.

Unter Apokalyptik wird hier, theologisch ungeschützt, ein Zustand der Schöpfung verstanden, der aktuell schon mit massiver Zerstörung von Lebensräumen einhergeht, für Tiere, Pflanzen und Menschen. Diese Zerstörungen sind zunehmend irreversibel, in der einschlägigen Literatur sind hier Begriffe wie point of no return oder Kippelemente von zentraler Bedeutung.1 Neu in der gegenwärtigen Debatte ist, dass der Begriff der Apokalyptik nicht länger religiösen Denksystemen vorbehalten ist, die schon immer, vor allem in dramatischen Zeiten, Weltenden vorhergesagt haben. Apokalyptik ist heute ein Begriff, der in naturwissenschaftlichen Kontexten verwendet wird und die Dramatik der Umweltzerstörung in Worte fasst und zu einem entsprechenden Handeln motivieren will.2

point of no return

Die naturwissenschaftliche Diskussion mag ich hier nicht führen3 und ich weiß, dass die Dramatik der Ereignisse unterschiedlich bewertet wird. Für viele Menschen, Pflanzen und Tiere ist die Lage der Welt jedoch jetzt schon dramatisch und wird mit dem Leben bezahlt: sei es wegen Überflutungen, Dürreperioden, Waldbränden oder Umweltverschmutzung. Es wird keine Statistik geführt, wie viel Leben die Vernichtung der Natur bereits heute schon täglich einfordert und wie viel Leben sie noch kosten wird. Eine Bagatellisierung ist für mich zynisch angesichts dieser gegenwärtigen Lage. Medizinisch gesprochen: Ist die Erde bereits austherapiert? Sind wir ökologisch schon auf der Palliativstation und vernachlässigen selbst diese Palliativpflege sträflich? Oder sind noch kurative, heilende Maßnahmen möglich? Wenn ja, wie lange noch?

Ist die Erde austherapiert?

Diese Fragen beschäftigen mich im Blick auf meine Familie, meine Kinder, die zukünftigen Generationen und die Natur selbst. Als Theologin suche ich dabei auch theologische, spirituelle Antworten, oder zumindest versuche ich, wenn es schon keine Antworten sind, überhaupt irgendetwas dazu zu sagen. Wie können wir theologisch verantwortet sprechen angesichts dieser Vernichtung der ökologischen Lebensräume?

  1. Theologisches Sprechen sollte ökologisch ganzheitlich sein. Es geht nicht nur um Menschen, sondern um Menschen, Tiere, Pflanzen, Lebensräume. Die Schöpfungstheologie muss ihren Anthropozentrismus hinter sich lassen und die Erde in den Blick nehmen, mit allem, was auf ihr ist und lebt.4
  2. Theologisches Sprechen beinhaltet ethische Stellungnahmen. Die Zeiten des Verharmlosens und der Beliebigkeiten sind vorbei. Dazu ist das Problem zu groß. Theologie muss, wenn sie ethisch spricht, prophetisch reden. Wie könnte das aussehen? Schuld und Verantwortung sind klar zu benennen, prophetische Rede kennt zudem den Modus der Anklage und des Entlarvens. Opfer und Täter sind unterscheidend zu benennen. Die Prophet*innen im Alten Testament tun das, der Papst tut das, Greta Thunberg ebenso.5
  3. Theologie erschöpft sich nicht in ethischen Stellungnahmen. Neben ethischen Aspekten muss theologisch verantwortet von unserer Ohnmacht, von unseren Zweifeln und von unserer   Hoffnung gesprochen werden.  Was kann ich hoffen in diesen Zeiten und wie? Was bedeutet z.B. der point of no return theologisch? Lasst alle Hoffnung fahren? Was bedeuten Kreuz und Auferstehung in diesem Zusammenhang? Sind sie eine brauchbare Matrix für diese gegenwärtigen Erfahrungen? Und wenn ja, in welcher Weise?

Theologische Narrative: in der Bibel und heute

Biblische Erzählungen könnten z.B. mit gegenwärtigen Narrativen verbunden werden: in Zustimmung, in Widerspruch, sie können sich in Frage stellen und zum Weiterdenken anregen:

1. „Fürchtet euch nicht!“ Die Botschaft der Engel an die Hirten fällt in der Regel in einen süßlich bis kitschig eingefärbten Resonanzraum: Geschenke und Kerzenschein. Im ersten Augenblick habe ich also beim Lesen dieses Textes nur ein Seufzen übrig und es regt sich Widerstand. Die aktuelle Lage ist zum Fürchten! Interessant ist, dass hier ein Bibeltext verharmlosend gelesen wird, durch unseren heutigen Kontext der Verpuderzuckerung des Weihnachtsfestes. Wir sollten in diesem Fall die Weihnachtsbotschaft in ihrem damaligen Kontext lesen und ernst nehmen. Die Situation war auch damals alles andere als harmlos. Die Hirten waren in ihrer Existenz gefährdet, durch Hunger, Gewalt und Krieg. Gott hat den Schneid, ihnen durch die Engel ausrichten zu lassen: „Fürchtet euch nicht!“ Macht er Witze? Weiß er nicht, wie gefährdet sie sind? Doch, Gott weiß es und er sagt es ihnen trotzdem zu, wegen des Kindes im Stall. Hoffnung wider alle Hoffnung, das ist eine der zentralen Botschaften des Weihnachtsevangeliums. Was kann das für mich heute heißen? Wo entdecke ich Hoffnungsgeschichten wider alle Hoffnung? Sicher nicht in kitschig angereicherten Wohlfühlzonen als Verdrehung der Weihnachtsbotschaft.

2. Der Tod Jesu am Kreuz ist in allen Evangelien ein Narrativ der Zerstörung. Jesus verreckt am Kreuz und ist dann wirklich tot. Der Blick auf die Wucht der Umweltzerstörung, die so viele Tode mit sich bringt, lässt mich Schaudern. Ist angesichts dieser globalen Zerstörung der Tod Jesu nicht doch „eine Hausnummer zu klein“? Der Glaube an die individuelle Auferstehung fällt mir überraschend leicht, vermutlich durch meine langjährige christliche Sozialisation. Gott wird uns auferwecken, er hält ein Leben an einem „anderen Ort“, zu einer „anderen Zeit“ für uns bereit. Wir werden bei Gott sein. Aber vielleicht bewege ich mich, wenn ich ehrlich bin, hier nur im Bereich theologischer Plattitüden. Wenn ich das Narrativ des Todes Jesu in Zusammenhang mit den ökologischen Katastrophen bringe, dann habe ich keine tröstlichen Gedanken: Wie könnte ich getrost dem Sterben der Schöpfung entgegensehen? Weil es ja irgendwie eine Auferstehung gibt? Oder soll ich es mit Paulus so formulieren, dass die Schöpfung in Wehen liegt (Röm 8)? Ist das nicht Blasphemie, nicht nur im Sinne einer Gotteslästerung, sondern genauso im Sinne einer Schöpfungslästerung? Ich will den Tod der Schöpfung nicht hinnehmen, Widerstand ist gefragt!

3. Ein drittes Narrativ kommt aus meiner eigenen Gegenwart und hat sich von dort her mit einem biblischen Bild verbunden. Bei meinen Exerzitien im Juni 2019 im Donautal war ich oft in der Natur unterwegs: stark und üppig, in ihrer Fülle überwältigend. Gleichzeitig spürte ich ihre Verletzlichkeit, ihren vorzeitigen Tod. Über das Donautal legte sich, wie bei einer Doppelbelichtung, der Garten Gethsemane: die Natur als Ölberg, als Ort der Todesangst Jesu. Jesus ist in dieser sterbenden Natur da. Ich spüre seine Gegenwart. Das ist nicht romantisch und hat auch nichts von „Ich finde Gott in der Natur und nicht in der Kirche“. Natur ist in diesem Erfahrungshorizont keine Wellnessoase der Gottesbegegnung, sondern ein Ort an dem ich dem weinenden Jesus begegne. Die gequälte Schöpfung ist der Ort der Todesangst Jesu. Jesus weint. Ich setze mich dazu, und versuche, das einfach auszuhalten. Ich will das nicht und ich möchte immer wieder weglaufen. Und doch ist das mein spiritueller Ort, der Ort meiner Gotteserfahrung.

Für mich selbst ist dieser weinende Jesus zur Zeit die einzige Möglichkeit, mich in meinem Gott festzumachen. Er hilft mir, nicht wahnsinnig zu werden, er hilft mir, die Hoffnung nicht fahren zu lassen, er hilft mir, meinen eigenen Schmerz über die Vernichtung der Natur zuzulassen, auszuhalten und dann wieder den nächsten Schritt zu gehen und das mir mögliche zu tun, diese Schöpfung zu bewahren – zusammen mit anderen Menschen, Brüdern und Schwestern.

Text: Dr. Ruth Fehling, Pastoralreferentin in der Kirchengemeinde Waldbronn Karlsbad, freiberufliche Erwachsenenbildnerin, Mitbegründerin eines ökologischen Arbeitskreises in der Kirchengemeinde, Ehrenamtliche bei Greenpeace Pforzheim und Fridaysforfuture-Demonstrantin.

Bild: Mirjam Bartberger

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  1. Der point of no return ist im Blick auf den Klimawandel vielfach beschrieben. Es ist ein fiktiv gesetzter Punkt, an dem eine Rückkehr zu einem bestimmten ökologischen Ausgangspunkt nicht mehr möglich ist. Er lässt sich zeitlich und inhaltlich nicht ganz exakt bestimmen, die Naturwissenschaftler versuchen jeweils, unterschiedliche Kriterien heranzuziehen und zu bemessen. Ein weiterer wichtiger Begriff in der ökologischen Diskussion ist der der Kippelemente.  Die irreversiblen Veränderungen verlaufen nicht linear. Die Natur kann eine Weile kompensieren, ab einem bestimmten Punkt gelingt dies nicht mehr und es wird erwartet, dass zunehmend ganze Ökosysteme zusammenbrechen. Zu dieser Diskussion vgl. z.B. https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2018-08/klimawandel-erderwaermung-duerre-risiko-klima-forschung-kippelemente.
  2. Vgl. Johannes Schneider, “Die Apokalypse ist leider auserzählt”, in:  https://www.zeit.de/kultur/2019-07/klimakatastrophe-apokalypse-weltuntergang-hysterie-erderwaermung.
  3. Unzählige Sammlungen von relevanten, wissenschaftlichen Fakten finden sich im Internet, z.B.  https://klimarelevant.de/faktenliste-klimawandel-die-menschheit-wird-nicht-ueberleben-wenn-sie-ihre-verschwendung-und-kurzsichtigkeit-fortsetzt/.
  4. Vgl. das 2. Kapitel “Das Evangelium von der Schöpfung” in der Enzyklika Laudato Si’ , im Internet unter: http://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html.
  5. Vgl. Greta Thunbergs Rede bei den Vereinten Nationen in New York am 23. September 2019, https://www.youtube.com/watch?v=s-2S2_92ZjE.
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