Austritt aus der katholischen Kirche. Fünf Fragen an Doris Strahm

Was bewegt eine feministische Theologin, nach langjährigem Einsatz für Veränderung, aus der frauendiskriminierenden Institution Kirche auszutreten? Doris Strahm antwortet auf fünf Fragen von Franziska Loretan-Saladin.

  • Liebe Doris, am 19. November 2018 hast Du zusammen mit fünf weiteren bekannten Frauen den Austritt aus der römisch-katholischen Kirche öffentlich bekanntgegeben (Medienmitteilung). Was war Eure Motivation dazu?

Die Frage, ob wir als Feministinnen, die sich für Frauenrechte, Geschlechtergerechtigkeit und sexuelle Selbstbestimmung von Frauen einsetzen, einer Institution angehören können, die diese Rechte verneint und in ihren Reihen Frauen aufgrund ihres Geschlechts von den kirchlichen Ämtern und von der Leitungs- und Definitionsmacht ausschliesst, hat uns seit Jahren umgetrieben. Und dennoch sind wir geblieben: trotz der Diskriminierung von Frauen und Homosexuellen, trotz einer androzentrischen Theologie und menschenfeindlichen Sexualmoral und trotz der Attacken des Vatikans gegen den „Genderismus“.

Die Frage … hat uns seit Jahren umgetrieben.

Im letzten Herbst häuften sich dann aber Ereignisse, die bei mir das Fass zum Überlaufen brachten: zuerst das Bekanntwerden neuer Missbrauchsfälle massiven Ausmasses und deren Vertuschung durch die Kirchenoberen, und dann im Oktober 2018 der unsägliche Vergleich von Papst Franziskus, Abtreibung sei wie ein Auftragsmord. In beiden Fällen habe ich als Vorstandsmitglied der IG Feministische Theologinnen eine scharfe Kritik mitverfasst.1 Als Medienbeauftragte der IG wurde ich von verschiedenen Medien zu unserer Stellungnahme zu den Missbrauchsfällen befragt. So auch vom „Echo der Zeit“, einer täglich ausgestrahlten Nachrichten- und Hintergrundsendung im Schweizer Radio SRF.

… wie sehr ich mir in den letzten Jahren Gründe zurechtgelegt hatte, um drin zu bleiben.

Am Schluss des Gesprächs wurde ich vom Interviewer mit der Frage überrumpelt, weshalb ich eigentlich nicht aus der Kirche austrete, denn dies wäre doch die logische Konsequenz unserer Kritik. Beim Versuch, darauf eine ehrliche Antwort zu geben, wurde mir einmal mehr bewusst, wie sehr ich mir in den letzten Jahren Gründe zurechtgelegt hatte, um drin zu bleiben, obwohl ich die Hoffnung auf eine Reform der römisch-katholischen Kirche längst aufgegeben hatte. Eine meiner Begründungen war, dass es Unbequeme in der Kirche brauche, die Klartext sprechen und den Finger auf die Wunden legen. Eine weitere, dass die katholische Kirche nicht mit der römischen Amtskirche identisch sei und ich den alten Männern dort nicht die Definitionsmacht überlassen wolle zu sagen, was „katholisch“ ist.

… ich den alten Männern nicht die Definitionsmacht überlassen wolle zu sagen, was „katholisch“ ist.

Denn da, wo feministische Theologinnen und BefreiungstheologInnen stehen, wo Menschen in den Gemeinden sich für sozial Schwache, für Flüchtlinge oder für eine andere Asylpolitik einsetzen – da sei auch Kirche! Doch ich spürte, wie die Frage des Journalisten an mir nagte und einen Prozess beschleunigte, der schon lange begonnen hatte. Der Vergleich von Abtreibung mit einem Auftragsmord durch Papst Franziskus war dann nur noch der berühmte letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte: Mit einer solchen Kirche, in der zölibatäre Kirchenmänner über den Körper und die Sexualität der Frau bestimmen und Frauen in einer Notlage kriminalisieren, wollte ich nicht länger identifiziert werden. Meinen fünf Kolleginnen, die mit mir ausgetreten sind, ging es ähnlich.

  • Welches Verhältnis hattest Du bis dahin zur römisch-katholischen Kirche? Was bedeutete sie Dir?

Eine enge emotionale Bindung an die Kirche, wie ich sie bei vielen KatholikInnen erlebe, hatte ich nie. Ich bin in einer gemischt-konfessionellen Verwandtschaft und in Zürich, also in der Diaspora, grossgeworden und erkannte schon früh, dass das katholische Christentum nicht das einzige und nicht das einzig richtige ist. In der Familie meiner katholischen Mutter, vor allem bei meiner Grossmutter, erlebte ich zudem die schädlichen Seiten des Katholizismus hautnah mit: Dieser wurde primär als eine Drohbotschaft erfahren.

die befreiende Botschaft des Evangeliums ins Zentrum zu rücken

Mein Anliegen als Theologin war es später deshalb, die befreiende Botschaft des Evangeliums ins Zentrum zu rücken und an einer Re-Vision des christlichen Glaubens mitzuarbeiten, der Frauen (und Männer) ermächtigt und in Glaubensfragen frei und mündig macht, der sich an der befreienden Botschaft Jesu vom Reich Gottes orientiert, die Gleichheit aller Menschen vor Gott auch in den eigenen Reihen umsetzt, sich für Gerechtigkeit und für ein gutes Leben für alle Menschen engagiert. Meine kritische Distanz zur Kirche wurde dann durch das Nein aus Rom zur Frauenordination und durch das Aufkommen der feministischen Theologie verstärkt. Inspiriert wurde ich in meiner theologischen Arbeit vor allem durch Befreiungstheologinnen wie Elisabeth Schüssler Fiorenza, Dorothee Sölle und Ivone Gebara.

eine Transformation der christlichen Theologie

Es ging mir wie den meisten meiner Kolleginnen nicht nur um eine Veränderung der patriarchalen Kirchenstrukturen und um den Zugang von Frauen zu allen kirchlichen Ämtern, sondern grundsätzlicher um eine Transformation der christlichen Theologie, die bis in die Gegenwart fast ausschliesslich von Männern geprägt wurde. Da ich mich bereits im Studium an den frauendiskriminierenden Strukturen der römisch-katholischen Amtskirche gestossen hatte, wollte ich nie innerhalb dieser Strukturen arbeiten. Ich fühlte mich immer als Grenzgängerin: mit einer kritischen Distanz zur klerikalen Amtskirche, aber dennoch solidarisch verbunden mit meinen KollegInnen, die innerhalb der Strukturen die gleichen Anliegen wie ich verfolgten.

  • Was bedeutet der Kirchenaustritt für Dich persönlich? Was verändert sich dadurch für Dich in Deinem Verhältnis zur Kirche? Zu Menschen, die (noch) drinnen sind?

Der Kirchenaustritt beendet eine innere Zerrissenheit, die mich seit Jahren quälte, weil ich mich in meiner feministischen Arbeit nicht mehr als glaubwürdig empfand. Wie konnte ich als feministische Theologin für Frauen-Menschenrechte in den Religionen und in der Gesellschaft kämpfen und gleichzeitig einer Institution angehören, die Frauen*rechte missachtet und sogar bekämpft? Persönlich fühle ich mich durch meinen Entscheid deshalb von einer Last befreit. An meiner Arbeit als christliche feministische Theologin wird sich aber gar nichts ändern. Ich war ja immer ausserhalb der kirchlichen Institution tätig. Und ich bleibe weiterhin christliche Theologin und Teil jener weltweiten Ekklesia, die sich an der Botschaft Jesu vom Reich Gottes orientiert und diese umzusetzen versucht.

An meiner Arbeit als christliche feministische Theologin wird sich aber gar nichts ändern.

Ich bin zwar jetzt ohne Konfession, wenn damit das Bekenntnis zu einer bestimmten Kirche gemeint ist, aber meiner christlichen „Confessio“ bleibe ich weiterhin treu: dem Bekenntnis zur befreienden Botschaft des Jesus von Nazaret, der einen menschenfreundlichen Gott verkündet und eine egalitäre Gemeinschaft ins Leben gerufen hat, in der alle Platz haben. Der Gemeinschaft, die diese „Confessio“ teilt ─ ob innerhalb oder ausserhalb der Kirche ─ gehöre ich weiterhin an und fühle mich mit ihr verbunden.

  • Was war die Hauptmotivation dafür, mit den Kirchenaustritten an die Öffentlichkeit zu gehen?

Wir wollten damit ein Zeichen des Protestes setzen und nicht still und heimlich verschwinden. Jahrelang haben wir zu dieser Kirche gehalten, haben uns engagiert und auf Veränderungen gehofft. Doch nichts hat sich zum Besseren geändert, was die Frauenfrage in der römischen Kirche betrifft, im Gegenteil. Wir wollten zeigen: Jetzt reicht es! Unsere Geduld ist zu Ende! Wir lassen uns die tief sitzende Frauenfeindlichkeit der Klerikerkirche nicht länger gefallen!

  • Welche Reaktionen habt Ihr auf Euren Kirchenaustritt erhalten? Und was bedeuten diese für Dich?

Wir alle haben sehr viel Verständnis und Zustimmung aus unserem privaten und beruflichen Umfeld erfahren! Auch der Schweizerische Katholische Frauenbund solidarisierte sich öffentlich mit uns. Schmähbriefe bekamen wir kaum, was uns überrascht hat. Und das Medienecho war gross! Privat bekam ich unzählige Mails von kirchlichen KollegInnen und erlebte viel Solidarität. Sie alle bedauerten meinen Austritt sehr, die meisten aber verstanden meine Beweggründe nur zu gut. Denn viele spüren eine ähnliche Zerrissenheit, können oder wollen aber aus verschiedenen Gründen nicht aus der Kirche austreten.

Die meisten aber verstanden meine Beweggründe nur zu gut.

Gut 300 TheologInnen und Personen aus dem pastoralen Dienst haben aber einen „Offenen Brief“ unterschrieben, der von den Theologinnen Jacqueline Keune und Monika Hungerbühler als Reaktion auf unseren Kirchenaustritt verfasst worden war und in der eine Kirche umfassender Gleichwertigkeit gefordert wurde. So hat unser Austritt zumindest diese Initiative von kirchlichen Mitarbeitenden bewirkt. Bei aller Solidarität, die wir erfahren haben, wurde aber von einzelnen auch kritisch angemerkt, dass Austritt der falsche Weg sei, weil man so nicht mehr mitreden und nichts verändern könne. „Auftreten statt Austreten!“ war etwa die Devise.

Ich bin über 30 Jahre lang „aufgetreten“.

Nur: Ich bin über 30 Jahre lang „aufgetreten“ und habe mich für eine Veränderung von Theologie und Kirche engagiert: als Dozentin und Lehrbeauftragte an verschiedenen Universitäten der Schweiz, als freiberufliche Kursleiterin und Referentin in der Erwachsenenbildung, als Autorin von Büchern zur feministischen Theologie und Christologie sowie als Mitgründerin und Redaktorin der feministisch-theologischen Zeitschrift FAMA. Doch bewirkt habe ich wie alle anderen KirchenkritikerInnen im Kirchensystem nichts. Eine Reform von unten ist in der römisch-katholischen Kirche aus strukturellen Gründen auch gar nicht möglich. Und doch bin ich froh, dass es KollegInnen gibt, die all dem zum Trotz in ihren Gemeinden vor Ort eine andere Form von Kirche erfahrbar machen. Ihnen gilt mein Respekt und meine Solidarität.

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Antworten und Bild: Doris Strahm, Dr. theol., feministische Theologin und Publizistin, www.doris-strahm.ch.

Fragen: Franziska Loretan-Saladin, Dr. theol., Mitglied des Redaktionsteams von feinschwarz.net.

Von Doris Strahm auf feinschwarz.net:

Ist Religion schlecht für Frauen?

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