Befreiende Begrenzungen: Gut leben innerhalb von Grenzen

Die Fantasie eines grenzenlosen Wirtschaftswachstums zerstört den Planeten. Sebastian Salaske wirbt für ein theologisches Interesse an Postwachstumsökonomik und nachhaltigen Konsumkorridoren.

Weltweit haben die Reaktionen der Regierungen auf die Covid-19-Pandemie zu starken Einschränkungen persönlicher und bürgerlicher Freiheiten geführt. Grenzregime in Europa und anderswo schränken (vor und während der Pandemie) die Freizügigkeit der Menschen und insbesondere ihr Recht auf Asyl und ein Leben in Sicherheit ein. Vor diesem Hintergrund mag es seltsam oder gar zynisch klingen, von ‚befreienden‘ Begrenzungen zu sprechen.

Reduktion und Selbstbeschränkung anstatt eines unbegrenzten Wachstums.

Vor einem anderen Hintergrund kann diese Rede aber durchaus Sinn ergeben: Die unbegrenzte Intensität, mit der die heutigen Industrie- und Konsumgesellschaften den Planeten Erde ausbeuten und zerstören, gefährden das Leben von Menschen und ihrer Mitwelt heute und in Zukunft. Während ich an diesem Text arbeite, bereiten sich weltweit wieder Schüler*innen, Studierende und viele Unterstützer*innen auf einen globalen Klimastreik vor. Sie fordern eine radikale Wende – und einige Wissenschaftler*innen trauen sich, auszusprechen, was eine solche Wende strenggenommen bedeuten müsste: Reduktion und Selbstbeschränkung anstatt eines unbegrenzten Wirtschaftswachstums.

Eine solche Erkenntnis ist unbequem und wird von vielen mit dem Verlust liebgewonnener Annehmlichkeiten und dem Einbüßen von Wahlfreiheit assoziiert. Kein Wunder also, dass sich der Mainstream aktueller Debatten über nachhaltige Entwicklung und Klimapolitik um die Vorstellung dreht, den Klimawandel und andere ökologische Herausforderungen durch umweltfreundliche Technologien und ‚grünes Wachstum‘ zu bewältigen. Hierdurch soll eine Wende zu klimafreundlichen und nachhaltigen Gesellschaften ermöglicht werden, für die das bestehende Wirtschaftssystem und unser Lebensstil nicht mühsam geändert werden müssen.

Diskussionen über die Grenzen unseres Wohlstandsmodells wieder ins Spiel bringen.

Es wird jedoch immer deutlicher, dass ein solcher Ansatz unrealistisch ist, weil Effizienzgewinne durch Innovation und neue Technologien immer wieder einer Überkompensation durch sogenannte Rebound-Effekte zum Opfer fallen. Deshalb halte ich es für wichtig, eine Diskussion über die Grenzen unseres Wohlstandsmodells und Lebensstils wieder ins Spiel zu bringen. Als katholischer Theologe bin ich davon überzeugt, dass sich Christ*innen im Allgemeinen und christliche Theolog*innen im Speziellen aktiv an dieser Diskussion beteiligen sollten. Im Folgenden möchte ich wirtschafts- und politikwissenschaftliche Überlegungen von Niko Paech, Doris Fuchs und Antonietta Di Giulio vorstellen, die mir in dieser Debatte spannend und hilfreich erscheinen.

Postwachstumsökonomie: Stabilisierung der Wirtschaft auf einem menschen- und umweltfreundlichen Niveau.

Niko Paech analysiert die treibenden Kräfte, die unsere Wirtschaft in einer Wachstumsspirale gefangen halten. Sein Konzept einer ‚Postwachstumsökonomie‘ stellt ein Programm zum Rückbau der Wirtschaft und zu deren Stabilisierung auf einem menschen- und umweltfreundlichen Niveau dar.[1] Er schlägt dazu eine Reihe von Maßnahmen vor, u.a. eine Entglobalisierung und Regionalisierung der Wirtschaft, eine Halbierung der gesamten industriellen Produktion und der bezahlten Erwerbsarbeit sowie ein Ersetzen des herkömmlichen Konsums ‚über den Markt‘ durch

  • Eigenproduktion und Austausch von Dienstleistungen zwischen Nachbar*innen, Freund*innen, im lokalen Umfeld usw.,
  • eine Verlängerung der Produktlebensdauer mithilfe von Pflege und Reparatur,
  • eine intensivere Nutzung von Produkten durch gemeinschaftlichen Besitz oder ‚Sharing‘-Praktiken.

Nachhaltige Konsumkorridore: Gut leben innerhalb von Grenzen.

Während Niko Paech die große ökonomische Bühne in den Blick nimmt, setzen Doris Fuchs und Antonietta Di Giulio direkt beim individuellen Konsum an.[2] Sie fordern einen gesellschaftlichen Diskurs und Aushandlungsprozess, in dem zunächst ein Mindestmaß an natürlichen und sozialen Ressourcen festgelegt wird, auf das jede*r Einzelne als Grundlage für ein gutes Leben Anspruch hat. Davon ausgehend soll in einem zweiten Schritt auch ein zulässiges Höchstmaß an Ressourcennutzung bestimmt werden. Den Raum zwischen diesem unteren und oberen Schwellenwert bezeichnen sie als ‚nachhaltigen Konsumkorridor‘. Von solchen Korridoren müsste es sicher mehrere geben für verschiedene Bündel von Gütern und Dienstleistungen.

Bei der Bestimmung von Konsumkorridoren sollen wissenschaftliche Kenntnisse über die Belastbarkeitsgrenzen der Erde einbezogen werden. Die Definition eines individuellen Mindest- und Höchstmaßes an Ressourcenverbrauch ist aber nicht allein eine Frage, die von Expert*innen beantwortet werden kann. Schließlich sind Vorstellung darüber, was denn ein ‚gutes Leben‘ ausmacht, kulturell und auch individuell sehr verschieden. Darum bedarf es gesellschaftlicher Verständigungs- und Aushandlungsprozesse zunächst auf lokaler und regionaler Ebene. Hierbei müssen eine größtmögliche Beteiligung und Repräsentativität gewährleistet werden.

Innerhalb der Konsumkorridore stünde es den Menschen frei, ihre individuellen Lebenspläne zu realisieren. Doris Fuchs zufolge beinhaltet ihr Ansatz „weder ein Plädoyer für Askese noch eine generelle Ablehnung des Konsums“, sondern „verfolgt das Ziel, innerhalb von Grenzen gut zu leben“.[3]

Befreiung vom Überfluss.

Die von Niko Paech aufgeführten ‚marktfreien‘ Praktiken – er spricht dabei von ‚kreativer Subsistenz‘ – könnten eine reduzierte industrielle Produktion und einen reduzierten Konsum teilweise ersetzen und so sicherstellen, dass es zu keinem ernsthaften Wohlstandsverlust kommt. Ihm geht es jedoch nicht nur um eine notdürftige Kompensation ökologisch notwendiger Einschränkungen. Vielmehr sieht er in solchen Reduktionen eine ‚Befreiung vom Überfluss‘. Und zwar nicht nur eine Befreiung des Planeten Erde und der Leidtragenden von Umwelt- und Klimakatastrophen, sondern zugleich eine Befreiung der Mitglieder heutiger Industrie- und Konsumgesellschaften.

Dies ist keineswegs die Rhetorik eines Lifestyle-Ratgebers, sondern eine Einschätzung auf der Basis valider wirtschaftlicher und psychologischer Überlegungen. So kosten zum Beispiel die Recherche, Auswahl und Nutzung von Konsumgütern viel Zeit. Je größer die Fülle an Konsumoptionen wird, desto mehr Zeit frisst der Konsum auf.[4] Außerdem basiert das Versorgungsmodell der meisten Menschen in industrialisierten Gesellschaften auf massiven Abhängigkeiten, u.a. von erschöpflichen Rohstoffen, von schwankenden Aktienkursen und von immer größerer Einzel- oder Staatsverschuldung. Trotz einer Vielzahl an Versicherungen gehören Verlustängste für viele Menschen zum Alltag.

Dies und mehr sind Symptome einer Gesellschaft, die sich vollkommen von wirtschaftlichem Wachstum abhängig gemacht hat. Lebensstile kreativer Subsistenz hingegen machen die Menschen unabhängig und krisensicher. Sie können zudem das Wohlbefinden und das Selbstwertgefühl stärken, etwa durch die verfügbare Zeit für zwischenmenschliche Kontakte und für das Erlernen und Ausüben handwerklicher Tätigkeiten. Sicherlich eine echte Befreiung.

Genügsamkeit bedeutet nicht weniger Leben, sondern ganz das Gegenteil.

Auch Papst Franziskus spricht sich in seiner Enzyklika Laudato Si‘ – wie schon seine Vorgänger – für einen kritischen Umgang mit unkontrolliertem Wirtschaftswachstum aus. Angesichts „des unersättlichen und unverantwortlichen Wachstums, das jahrzehntelang stattgefunden hat“, sei es nötig, „die Gangart ein wenig zu verlangsamen, indem man einige vernünftige Grenzen setzt und sogar umkehrt, bevor es zu spät ist“.[5]

Ähnlich wie Niko Paech hält er auch aus einer geistlichen Perspektive einen genügsameren Lebensstil für eine Befreiung von vermeintlichen Bedürfnissen, „die uns betäuben“. Eine bewusst gelebte Genügsamkeit „bedeutet nicht weniger Leben, sie bedeutet nicht geringere Intensität, sondern ganz das Gegenteil“.[6]

Postwachstumsökonomie kann in gesellschaftlichen Nischen beginnen.

Trotz dieser und anderer befreiender Effekte scheinen demokratische Mehrheiten für eine Postwachstumsökonomie außer Sichtweite. Sie kann aber auch in gesellschaftlichen Nischen beginnen und als eine Form der Selbstermächtigung von denen praktiziert werden, die bereit sind, einen Lebensstil der kreativen Subsistenz zu praktizieren. Eines Tages werden solche sozialen Bewegungen vielleicht zu Blaupausen für den Übergang in eine Postwachstumsgesellschaft.[7]

Christ*innen, Theolog*innen und Kirchen(gemeinden), die einen solchen Übergang fördern wollen, können unterdessen zu ihren Verbündeten werden: zumindest kleine Schritte eines genügsameren Lebens gehen und die Ideen einer Postwachstumsgesellschaft und eines guten Lebens innerhalb von Grenzen weitertragen. Auch wäre mehr theologische Expertise in diesem Themenbereich sicher hilfreich.

Einige Beispiele dafür existieren bereits: Die kirchliche Initiative „anders wachsen“  versucht zum Beispiel, diese Ideen im kirchlichen und gesellschaftlichen Kontext zu fördern. Sie hat u.a. ein Konzept für nachhaltige Modellgemeinden entwickelt, das derzeit innerhalb der Evangelisch-Lutherischen Kirche Sachsens erprobt wird.

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Sebastian Salaske ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Katholische Theologie der Universität Osnabrück und hat die Thematik ‚befreiender Begrenzungen‘ erst kürzlich beim Befreiungstheologischen Workshop ‚Doing Climate Justice‘ weiter vertiefen können. Er engagiert sich im Vorstand der Christlichen Initiative Romero (CIR) e.V. in Münster.

Bild: unsplash.com


[1] Vgl. zu Niko Paechs Ansatz: Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie, München: Oekom, 2012; http://www.postwachstumsoekonomie.de/material.

[2] Vgl. zum Konzept der nachhaltigen Konsumkorridore: Doris Fuchs / Antonietta Di Giulio: Consumption Corridors. Integrating the Good Life and Justice in Sustainable Development, in: Sylvia Lorek / Edina Vadovics (Hrsg.): Sustainable Consumption and Social Justice in a Constrained World: SCORAI Europe Workshop Proceedings, August 29-30, 2016, Budapest, Hungary, S. 14-24; https://www.uni-muenster.de/Fuchs/forschung/projekte/konsumkorridore.html.

[3] Doris Fuchs: Living Well within Limits. The Vision of Consumption Corridors, in: Agni Kalfagianni / Doris Fuchs / Anders Hayden (eds.): Routledge Handbook of Global Sustainability Governance, London: Routledge, 2020, S. 296-307, hier: 298-299 (eigene Übersetzung des Autors).

[4] Über Niko Paechs Überlegungen zu Zeit als ökonomischer Ressource hat auf feinschwarz.net bereits Dominik Gehringer berichtet:

Postwachstumspastoral? Ideen von Niko Paech und Hartmut Rosa

[5] Papst Franziskus: Enzyklika LAUDATO SI’ (LS) über die Sorge für das gemeinsame Haus, 2015, Nr. 193. Vgl. aus kirchlicher Perspektive auch: Wissenschaftliche Arbeitsgruppe für weltkirchliche Aufgaben der Deutschen Bischofskonferenz (Hrsg.): Raus aus der Wachstumsgesellschaft? Eine sozialethische Analyse und Bewertung von Postwachstumsstrategien, Bonn: DBK, 2018.

[6] LS Nr. 223.

[7] Vgl. Niko Paech: Kleine Boote bauen zur Rettung der Welt. Postwachstumsökonomie als Programm zur Selbstermächtigung, in: Evangelische Akademie Baden / Freundeskreis der Evangelischen Akademie Baden (Hrsg.): Ökonomie der Genügsamkeit. Impulse für eine Gesellschaft ohne Wachstum, Karlsruhe: Evangelische Akademie Baden, 2019, S. 29-30.

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