Abgeschrieben

Seit mehr als acht Jahren beginnt Joachim Hakes Tag mit dem Kopieren von Texten. Aus den Notizen wachsen Trost und Staunen.

Nicht mit der Hand, sondern am Computer schreibe ich aus Büchern ab, die ich oft Jahre zuvor und oft mehrmals gelesen habe. Die Stellen habe ich irgendwann mit einem Bleistift markiert,
und so verbringe ich die erste Stunde des Tages mit dem Wiederlesen und Exzerpieren aus Tagebüchern, philosophischen Meditationen, Romanfragmenten, geistlichen Texten und Gedichten, vornehmlich mit jenen Stellen, von denen ich annehme, dass sie dem Leben näher sind als andere. Das Abschreiben verlangsamt und verzögert das Lesen und befördert so das Staunen angesichts dessen, was andere vor mir notiert und aufgeschrieben haben.

Das Abschreiben verlangsamt.

Irgendwann habe ich diese Übung begonnen, erst unregelmäßig und wahllos und nun seit vielen Jahren mit der strengen Disziplin, dafür an jedem Tag die erste Stunde unmittelbar nach dem Erwachen vorzusehen. Außerdem mache ich mir tägliche Notizen. Aufzeichnungen über den vergangenen Tag mischen sich mit Bemerkungen zu Lektüren und bibliophilen Funden. Auf diese freie Stunde möchte ich nicht mehr verzichten, und der Aufwand dafür ist gering. Sehr frühes Aufstehen und einige Tassen Tee, die die sich gelegentlich einstellende Müdigkeit überwinden helfen und die lesende Einbildungskraft verlässlich reizen.

Auf diese freie Stunde möchte ich nicht mehr verzichten.

Angeregt durch das Kopieren schweifen die eigenen Gedanken ab, machen sich selbständig und enden ab und an in einer eigenen Notiz, in der eine Assoziation, eine Leseirritation oder ein Staunen zur Ruhe kommen. Nichts an diesen Aufzeichnungen beansprucht, originell zu sein. Im Gegenteil: dieser Anspruch käme mir anmaßend und unheimlich vor. Diese Notizen sind Resonanzen, Echos, Widerklänge von etwas, das anderswo gedacht und formuliert wurde. Dabei stellt sich gelegentlich ein Trost ein: In der Fülle der Welt liegt eine merkwürdige Großzügigkeit, die mich immer wieder ein wenig mehr erfreut als in Angst und Schrecken versetzt.

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Text: Joachim Hake, Direktor der Katholischen Akademie Berlin. Der Text ist der Einleitung seines Buches „Trost und Staunen. Weitere Notizen“, St. Otilien, 2020 entnommen.

Bild: Joachim Hake

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