Bist du der, der kommen soll?

Eine Predigt von Lisa Straßberger, Frankfurt am Main, zum dritten Advent.

Blinde sehen wieder, und Lahme gehen (Mt 11,5).

Als klar war, dass ich über diesen Abschnitt des Evangeliums predigen darf, drängten sich mir zwei Bilder auf, die ich nicht mehr losgeworden bin: Das Gesicht meiner älteren Freundin, Wegweiserin im Glauben, die schrittweise, stückweise erblindet ist – ihre wachsende Verzweiflung. Und ein Nachrichtenbild, Jugendlicher an Krücken nach dem Überqueren eines Minenfelds in einem Kriegsgebiet. „Blinde sehen wieder, und Lahme gehen“. „Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt“, heißt es im Text weiter. Wohlweislich. Was kann ich über diese Stelle sagen, und diesen beiden Menschen gerecht werden? Oder anderen Menschen, die Ihnen jetzt in den Sinn kommen. Gehen wir einen Schritt zurück zu der Ausgangsfrage, die den heutigen Abschnitt des Evangeliums in Gang bringt:

Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?

Was ist da passiert? Johannes, der Verwandte Jesu, der große Prophet in der Wüste, der Täufer, der sein Leben umkrempelte und zur Umkehr aufrief, der Mann, der auf Jesus zeigte und ihn als Lamm Gottes verkündete, der streitbare Außenseiter, der sich nicht wert genug hielt, ihm die Schuhriemen zu lösen, dessen Leben, so scheint es, von Anbeginn auf Jesus ausgerichtet war (da hüpfte das Kind in ihrem Leib, heißt es von Elisabeth, seiner Mutter, als die schwangere Maria sie begrüßt): Johannes ist am Ende. Wegen eines Konflikts mit König Herodes sitzt er im Gefängnis, seine Anhänger bleiben ohne ihn zurück. Ihm droht der Tod. Und da fragt er:

Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?

Wer, wenn nicht Johannes, sollte darauf die Antwort wissen? Einer aus dem engsten Kreis, ein Eingeweihter, ein Unerschrockener. Und er fragt, nachdem er im Gefängnis von Jesu Taten gehört hat, erzählt der Evangelist Matthäus. Und hat eine gewaltige Liste dieser Wundertaten zusammengestellt, Matthäus – für Johannes, für seine Leser*innen, für uns: Verkündigung der Frohen Botschaft vom Nahen Reich Gottes, Heilung jeglicher Krankheit und Gebrechen der Erschöpften, Heilung des Stummen, Heilung der Blinden (Euch geschehe nach eurem Glauben), Auferweckung der Tochter des Synagogenvorstehers, Heilung der blutflüssigen Frau (Mut, Tochter, dein Glaube hat dir Heilung gebracht), Mahl mit den Sündern (Erbarmen will ich und nicht Opfer), Heilung des Gelähmten als Erweis der Macht Sünden zu vergeben, Heilung der Besessenen von Gadara, Stillung des Seesturms, viele Heilungen, Heilung der Schwiegermutter des Petrus, Heilung des Knechtes des Hauptmanns (Herr, ich bin nicht würdig).

All das packt Matthäus direkt vor die entscheidende Frage: „Johannes hörte im Gefängnis von den Taten Christi. Da schickte er seine Jünger zu ihm und ließ ihn fragen:

Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?

Das Hören allein, die unmittelbare Nähe zu Jesus hat nicht gereicht, ihm Gewissheit zu geben.

So ist die Situation. Was heißt das für uns?

Wir dürfen, wir müssen wahrscheinlich, um ehrlich und glaubwürdig zu bleiben, unser Leben im Glauben radikal in Frage stellen. Der Zweifel lässt sich nicht draußen halten. Wir können, wenn wir allein am Abgrund stehen oder andere am Abgrund sehen, mit dem Tod konfrontiert sind, die Frage stellen:

Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?

Wir dürfen die Antwort schuldig bleiben. Wir leben in dieser Welt des Johannes mit ihren Bedrohungen und Abgründen, mit der Gewalt und Ungerechtigkeit, mit Krieg, Krankheit, mit Blinden und Lahmen und Toten.

Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?

Es ist Advent. Warten wir auf irgendjemanden? Wer soll kommen? Wen meint Johannes in seiner Frage, was wissen wir über diesen?

Das Versprechen:  Johannes bezieht sich auf das in der Heiligen Schrift des Volkes Israel überlieferte Versprechen, dass der Erlöser kommen soll. Die Evangelisten des Neuen Testaments richten mit Jesus die Deutung seines Lebens ganz an diesem Versprechen aus. Ohne das Alte Testament erschließen sich diese zentralen Deutungen nicht. Die Erfüllung der Schrift ist Jesus ein zentrales Anliegen. Warum ist das so komponiert? Kann Jesus nicht für sich allein überzeugen? Das ist nicht nur eine brisante Frage für Theolog*innen und Bibelwissenschaftler*innen. Sondern die Frage stellt sich auch allen, die aus oft nachvollziehbarem Protest außerhalb der Institution Kirche ihren Weg zu oder mit Jesus suchen. Brauchen wir diese alten Traditionen, Prophezeiungen, Vermittlungen? Können wir nicht direkt fragen: Gott, bist du? Da. In meiner Not?

Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?

Jesus antwortet nicht mit Ja oder Nein. Dem Johannes nicht und auch den Schriftgelehrten nicht, die ihn deswegen kreuzigen wollen.

„Jesus antwortete ihnen: Geht und berichtet Johannes, was ihr hört und seht: 5 Blinde sehen wieder und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium verkündet. 6 Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt.“

Seine Antwort zitiert Jesaja, verweist den fragenden Johannes auf seine eigene Glaubenstradition, auf die Hoffnungsgeschichte seines Volkes mit Gott, auf seine ureigene Aneignung dieser Geschichte. Er gibt ihm einen Kontext.

„Die Wüste und das trockene Land sollen sich freuen, / 4 Sagt den Verzagten: / Habt Mut, fürchtet euch nicht! Seht, hier ist euer Gott! / Die Rache Gottes wird kommen und seine Vergeltung; / er selbst wird kommen und euch erretten. 5 Dann werden die Augen der Blinden geöffnet, / auch die Ohren der Tauben sind wieder offen. 6 Dann springt der Lahme wie ein Hirsch, / die Zunge des Stummen jauchzt auf. In der Wüste brechen Quellen hervor / und Bäche fließen in der Steppe.“ (Jes 35,3-6)

Das war ein Versprechen, prophetische Zukunftsschau aus der Glaubenserfahrung mit Gott, der gerecht und treu ist. Jesus tut nichts anderes, als dieses Versprechen zu erfüllen, damit die Menschen neu und fester glauben können. Dabei geht es nicht um den einen Blinden und den einen Lahmen, nicht, auch wenn wir es gerne hätten, zuerst um das Glück des/der einzelnen Geheilten und das Unglück dessen, der immer noch im Gefängnis sitzt und deswegen zweifelt aus nachvollziehbaren Gründen. Es geht einzig und allein darum zu zeigen, dass das Versprechen Gottes auf Rettung und Zuneigung sich in Jesus erfüllt.

Die Heilungen sind Zeichen, Ausrufezeichen für alle: Seht, wie versprochen: Hier ist euer Gott! Das muss reichen. Das muss Johannes im Gefängnis, den Blinden und Lahmen zu allen Zeiten, denen, die ihre Beine in einem Minenfeld verloren haben, den Blinden im Herzen, den Zweifler*innen angesichts der allumfassenden Not und Ungerechtigkeit reichen:

Seht, hier ist euer Gott.

Er hat es wahrgemacht, er hat es wahrgemacht, nicht um einige einzelne zufällig Privilegierte zu heilen, sondern damit wir glauben können. Wir alle. Dadurch kommt uns das Reich Gottes nahe. Dass wir an diesen unendlich zärtlichen, zugewandten all- und ohnmächtigen Gott glauben können, der sich unbeugsame Menschen sucht, um auf ihn hinzuweisen, merkwürdige, nicht in feinen Kleidern, Eingesperrte.  Dieser Gott, der selber das Sterben nicht scheut, um seiner Botschaft treu zu bleiben und zu zeigen, dass es einen Ausweg gibt: Glauben. Glauben an den Gott, der aus dem Tod errettet.

Johannes, er wird deinen Kerker nicht öffnen. Dieser Gott, der Blinde sehend und Lahme gehend macht, er schickt dir nur diese Zeichen in dein Loch, damit du selber sagen kannst: Hier ist mein Gott! Du brauchst nicht länger zu warten. Du kannst wie später Thomas gewiss sein: „Mein Herr und mein Gott“. Du kannst wie Simeon sagen, mit Hanna, als sie das Kind sehen: „Nun lässt du Herr, deinen Knecht in Frieden scheiden, denn meine Augen haben das Heil gesehen.“ Das ist der Trost an Johannes. Das ist der Trost, der sich Jesus im Psalm 22 aus der Schrift zuspricht, wenn er aufstöhnt: Warum hast du mich verlassen? Denn der Text schreibt sich fort: „4 Aber du bist heilig, du thronst über dem Lobpreis Israels. Dir haben unsere Väter vertraut, sie haben vertraut und du hast sie gerettet. Zu dir riefen sie und wurden befreit, dir vertrauten sie und wurden nicht zuschanden.“

Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?

Wir können die Antwort schuldig bleiben, aber die Frage, das wünsche ich Ihnen an diesem 3. Advent: dass Sie die Frage stellen können. In dieser Frage setzt sich das Gespräch zwischen Gott und Mensch fort. In diesem Gespräch wohnt die überlieferte Erfahrung, dass Gott treu ist, ein rettender, ein zugewandter Gott im Zeichen gewaltloser Freundlichkeit und Entschiedenheit. Solche Zeichen können wir sein, wenn wir unseren Glauben suchen, menschenfreundlich leben und dadurch lesbar werden für andere. Jede und jeder ein Prophet, sei er blind oder lahm, der den Blick in die Zukunft offenhält und gefragt werden kann: „Was habt ihr denn sehen wollen?“

Text: Lisa Straßberger, Katholische Akademie Rabanus Maurus, Frankfurt am Main; Bild: Gabi Hamann, pixelio.de.

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