Bistum Chur – autoritäre Macht und instrumentelle Kommunikation prägen die Schweizer Diözese

Chur Bischofssitz

Die Ereignisse rund um die Petitionsübergabe «Solidarität mit Dr. Martin Kopp» am 18. Juni 2020 in Chur zeigen exemplarisch, wie die Kommunikationsstrategie des Ordinariats funktioniert. Die interne Kommunikation ist von autoritären Strukturen bestimmt; in der externen Öffentlichkeitsarbeit geben sich der Apostolische Administrator, Peter Bürcher, und seine Mitarbeitenden hochwirksam und mit allen Wassern der modernen PR gewaschen – so die Analyse von Charles Martig. In seinem Beitrag zeigt er, was das für die Kommunikation im Bistum bedeutet.

Der Fall ist ein Lehrbeispiel, wie autoritäre Machtausübung mit kommunikativen Mitteln vonstatten geht. Am 18. März 2020 gab das Bistum Chur in einer öffentlichen Erklärung bekannt, dass Martin Kopp als Delegierter des Apostolischen Administrators für die Urschweiz entlassen sei. – Blicken wir in der Analyse der Ereignisse zuerst auf die offiziellen Akteure und ihr kommunikatives Verhalten. Peter Bürcher erklärte, dass sich Martin Kopp illoyal verhalten habe, weil er wiederholt gegen seine interne Weisung verstiess: Mitglieder des Bischofsrats sollen sich in der Medienöffentlichkeit nicht über die Bischofswahl äussern, was Kopp in der «NZZ am Sonntag» getan habe. Faktisch setzte Bürcher als Apostolischer Administrator damit ein Redeverbot durch, das er in einer der zentralen Fragen rund um die Zukunft des Bistums aussprach.

Faktisch setzte Bürcher als Apostolischer Administrator ein Redeverbot durch.

Instrumentelle Public Relations – alles richtig gemacht

Kommunikativ wurde dieser Schritt sorgfältig geplant und durchgesetzt. Erstens fiel die Mitteilung der Absetzung in die erste Woche des Corona-Lockdowns in der Schweiz. Ein geschickter Schachzug, weil die Medienöffentlichkeit zu diesem Zeitpunkt vollständig von der Corona-Pandemie beherrscht war. Da konnte eine innerkirchliche Personalie ohne grosse Probleme mitgeteilt werden. Den kirchlichen Mitarbeitenden, den Seelsorgeräten und kantonalkirchlichen Organisationen waren die Hände gebunden. Zweitens wurde gleichzeitig eine Redeverbot für Weihbischof Marian Eleganti ausgesprochen, der sich bei der Kritik an bundesrätlichen Massnahmen gegen die Corona-Epidemie zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte. Drittens wurde zudem ein Signal ins Generalvikariat von Zürich und Glarus gesandt. Josef Annen, der aus Altersgründen seinen Rücktritt anbot, wurde in seinem Amt als Delegierter des Apostolischen Administrators für die Bistumsregion Zürich und Glarus bestätigt. Dieses Dreierpaket erweckte den Anschein von Ausgewogenheit und Augenmass.

Aus Sicht der instrumentellen Kommunikation hat er alles richtig gemacht.

Päpstliche Geheimhaltung versus demokratische Transparenz

Sehr gut nachvollziehbar ist die Bedeutung, die Peter Bürcher der Bischofswahl und dem damit verbundenen Wahlverfahren – mit Beteiligung des Churer Domkapitels – zuspricht. Es handelt sich um eine strategische Frage von höchster Priorität. Aus Sicht der instrumentellen Kommunikation hat er alles richtig gemacht. Als apostolischer Administrator untersteht er direkt dem Heiligen Stuhl und dessen Verfahren. Zu aller oberst steht dort das Päpstliche Geheinmis. Bischofwahlen unterstehen dieser Geheimhaltungspflicht – sie sind nach innerkirchlichem Sprachgebrach «sub secreto pontificio». Aus Sicht des Administrators musste er seinen Delegierten für die Urschweiz zwingend entlassen, weil er gegen die päpstliche Geheimhaltungspflicht verstiess.

Aus Sicht von vielen betroffenen Seelsorgenden im Bistum war dies nicht hinnehmbar. Peter Bürcher hatte den Widerstandswillen in der Diözese vollständig unterschätzt. Blicken wir auf die Akteure an der seelsorgerischen Basis der Kirche. Sowohl in den Pfarreien und Dekanaten als auch in der Spezialseelsorge (z.B. Spitalseelsorge) und an der Theologischen Fakultät in Chur war der Schock über diese Form der Machtausübung gross. Ausgehend von einem Initiativkommittee enstand eine Petitionsbewegung, die innerhalb von drei Monaten 3865 Unterschriften sammelte, für Schweizer Verhältnisse eine beachtliche Zahl.

Autoritäre interne Kommunikation

Die interne Kommunikation im Bistum ist geprägt von einem autoritären Verhalten des Apostolischen Administrators und seines Ordinariats. Der typische Top-Down-Stil geht zurück auf ein Kirchenbild des 18. und 19. Jahrhunderts. Klerus und Adel sind die herrschenden Kreise, das Volk hat zu gehorchen. Dieses Bild der trifunktionalen Gesellschaft spiegelt sich bis heute im Sprachgebrauch der Kirche, die von «Laien» spricht wenn sie das Volk in Abgrenzung zum Klerikerstand meint. Mit diesem Selbstverständnis ist Peter Bürcher nicht allein; im Nuntius Thomas Gullickson hat er ein direktes Gegenüber in Bern, das den gleichen Klerusbegriff pflegt. Es handelt sich um eine seltsame Mischung aus herrschaftlichem Wohlwollen – der berühmt-berüchtigten benevolentia majestatis – und einem ausgeprägt klerikalem Machtbewusstsein.

Das Ergebnis ist eine vollständige Intransparenz bezüglich personeller Entscheidungen.

Im Fall der Bischofswahl von Chur ist diese Kombination fatal, weil Bürcher und Gullickson als Vertreter des Vatikans in der Schweiz auftreten und die Geschicke in der Diözese Chur bestimmen. Beide sind von einem herrschaftlichen Klerikerbewusstsein geprägt. Beide sind zudem der päpstlichen Geheimhaltung verpflichtet – eine systemische Bedingung, die sich mit dem autoritären Führungsstil vereint. Das Ergebnis ist eine vollständige Intransparenz bezüglich personeller Entscheidungen. Sowohl die plötzliche Entlassung von Martin Kopp als auch die Vorbereitung der Bischofsernennung fallen darunter. – Sind Bürcher und Gullickon nur Marionetten eines Systems, das auf den Machterhalt zielt? Oder sind sie Akteure, die eine eigenständige Agenda verfolgen? Die Frage ist nicht eindeutig zu beantworten, doch das Bild der Marionetten in einem systemisch bedingten Machtspiel gewinnt aus der Sicht einer Akteurs-Analyse eine gewisse Plausibilität.

Ein Kennzeichen der Kommunikation unter digitalen Bedigungen ist die gegenseitige Durchlässigkeit von interner und externer Kommunikation.

Externe und interne Kommunikation verschmelzen – und sorgen für grosse Irritation

Ein Kennzeichen der Kommunikation unter digitalen Bedigungen ist die gegenseitige Durchlässigkeit von interner und externer Kommunikation. Die Trennlinie lässt sich heute faktisch nicht mehr aufrecht erhalten. Das bereitet dem Ordinariat in Chur offensichtlich grosse Mühe. Peter Bürcher sieht sich plötzlich einer Gruppe von katholischen Petitionären gegenüber, die nicht in sein Weltbild passt. Diese Akteurinnen und Akteure haben ein modernes und demokratisches Selbstverständnis: Sie tragen interne Vorgänge in die digitale Medienöffentlichkeit, starten eine Online-Petition, veröffentlichen Videos im Internet und erheben ihre Stimme multimedial. Sie führen sogar einen medial begleiteten Pilgermarsch von Zürich nach Chur durch, um ihre Online-Petition öffentlich zu übergeben.

Am Morgen des 17. Juni 2020 – also ein Tag vor Ankunft der Petitionäre in Chur – versendet Mediensprecher Giuseppe Gracia eine Medieninformation an ausgewählte Redaktionen. Hier wird deutlich, woran sich der Apostolische Administrator partout nicht gewöhnen kann und will. Es ist die Rede von ungehörigen politischen Druckmitteln. Die offizielle Sprachregelung bezieht sich auf eine Mitteilung von Peter Bürcher, die bereits am 28. März 2020 veröffentlicht wurde: «Es ist leider nicht von der Hand zu weisen, dass die Instrumentalisierung der Medien, des Staates und der öffentlichen Meinung (Petitionen) zur Durchsetzung der eigenen Position im Bistum Chur (…) eine unselige Tradition darstellt. Die Ernennung eines Apostolischen Administrators, der das Bistum im Namen des Papstes leitet, war das Zeichen, dass jetzt Zeit ist, damit aufzuhören (…) Mediale Kampagnen und politische Druckmittel sind und bleiben in der Kirche etwas Ungehöriges, das spaltet und verletzt.»

Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Jedes Fehlverhalten von Presse und Medien wird mit Sanktionen belegt.

Selektive Medienarbeit als Machtinstrument

Diese Form der Kommunikation hat System. Der Mediensprecher informiert nur bestimmte Redaktionen und umgeht andere, die sich zu kritisch verhalten und unerlaubte Fragen stellen. – Ein solches Verhalten zeigen in der Regel nur autoritäre Regime; oder zuletzt der 45. US-amerikanische Präsident, der bestimmten Journalisten die Presse-Akkreditierung verweigerte, weil sie kritische Fragen stellten. Im kleinen Rahmen verhält sich das Ordinariat in Chur nach dem gleichen Prinzip: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Jedes Fehlverhalten von Presse und Medien wird mit Sanktionen belegt.

Das öffentliche Bild von katholischer Kirche in der Schweiz wird von den Churer Protagonisten geprägt.

Besonders interessant ist dabei die Entwicklung, die Generalvikar Martin Grichting und Mediensprecher Giuseppe Gracia in den vergangenen Jahren gemacht haben. Sie haben die Kommunikation des Bistums Chur und der römisch-katholischen Kirche in der Schweiz vereinnahmt. Sowohl Grichting als auch Gracia profilieren sich in der Schweizer Medienöffentlichkeit als Kolumnisten in den Leitmedien, wobei Grichting stärker auf die «NZZ Neue Zürcher Zeitung» zielt und Gracia die Boulevardmedien bevorzugt. Der Mediensprecher Gracia hat es geschafft, als regelmässiger Kolumnist in den «Blick» vorzurücken – in Sachen  Stil und Reichweite vergleichbar mit der «Bild» in Deutschland oder der «Kronen Zeitung» in Österreich. Gracia gilt auch als beliebter Gast von TV-Talkrunden, weil er einfach und klar katholisch-konservative Positionen auf den Punkt bringen kann. Damit haben Grichting und Gracia eine Medienwirksamkeit in der Deutschschweiz aufgebaut, die weit über die Bedeutung des Bistums Chur hinausgeht und die Schweizer Kirche als ganze repräsentiert. Neben dieser regelmässigen und pointierten Präsenz in den Leitmedien wirkt die Kommunikation der Schweizer Bischofskonferenz eher schwach und blutleer. Die Konsequenz daraus: Das öffentliche Bild von katholischer Kirche in der Schweiz wird von den Churer Protagonisten geprägt.

Am 17. Juni 2020 gibt es um 20.48 Uhr eine E-Mail Nachricht des Mediensprechers Gracia an die Pilgergruppe der Petitionäre. Peter Bürcher wird die Petition nicht in Empfang nehmen, er sei an einer Videokonferenz mit dem Bischofsrat. Er lasse sich bei der Übergabe der Petition von seiner Kanzlerin vertreten. Die Pilgergruppe ist bereits in Chur angekommen und will am darauffolgenden Morgen die Petition übergeben. Es gibt keine Möglichkeit mehr, die Begegnung zu retten. Peter Bürcher hat Wichtigeres zu tun, als sich mit Seelsorgenden und Gläubigen aus seiner Diözese zu treffen. Damit lässt er – vermutlich in enger Absprache mit Grichting und Gracia – die Petitionäre ins Leere laufen.

Doch die Verletzungen, die Spaltung und die Konflikte im Bistum sind nicht überwunden.

In der Sprache der PR-Berater gibt es den Ausdruck: «Kill the fire». Gemeint ist ein Verhalten, das genau beobachtet, wo sich kommunikative Gefahren entwickeln. Bevor sich das Feuer in der Medienöffentlichkeit ausbreitet, wird es konsequent bekämpft. Genau das tut das Ordinariat Chur am 18. Juni 2020. Doch die Verletzungen, die Spaltung und die Konflikte im Bistum sind nicht überwunden. Ganz im Gegenteil. Der Widerstand gegen die autoritäre Verhaltensweise des Klerus im Bistum Chur und insbesondere des Ordinariats ist deutlich gewachsen.

Mein Fazit der Akteurs-Analyse: Die digitale Kommunikation ermöglicht es den demokratischen Kräften im Bistum Chur, sich zu organisieren und verstärkt an die Medienöffentlichkeit zu treten. Trotz der Corona-Krise wächst der Widerstand im Bistum unter Seelsorgenden und Gläubigen. Das Ordinariat unter der Leitung des Apostolischen Administrators ist in einem autoritären Kommunikationsverhalten gefangen. Mit instrumentellen Mitteln der Öffentlichkeitsarbeit wird die eigene Position verteidigt – und das mit einigem Erfolg. Doch die Kosten sind sehr hoch. Die interne Kommunikation ist geprägt von einem Top-Down-Verfahren. Vollständig dysfunktional wirkt dabei die Päpstliche Geheimhaltung in Sachen Bischofsernennung. Statt offene und transparente Kommunikation entsteht damit ein autoritäres Kommunikationsregime. Das widerspricht den Grundsätzen, die in der Pastoralinstruktion «Communio et progressio» festgehalten sind.

Quellen:

Petition: «Solidarität mit Dr. Martin Kopp: Wir distanzieren uns vom Entscheid von Peter Bürcher»
https://www.openpetition.eu/petition/online/solidaritaet-mit-dr-martin-kopp-wir-distanzieren-uns-vom-entscheid-von-peter-buercher (abgerufen 4.7.2020).

Webseite des Bistums Chur: https://www.bistum-chur.ch

Entscheidungen betreffend Mitglieder des Bischofsrats, E-Mail des Apostolischen Administrators, Bischof Peter Bürcher, an alle Mitarbeitenden des Bistums Chur, 18. März 2020: https://www.kath.ch/medienspiegel/entscheidungen-betreffend-mitglieder-des-bischofsrats/ (abgerufen am 4.7.2020).

Mitteilung des Apostolischen Administrators, Bischof Peter Bürcher, 28. März 2020: https://www.bistum-chur.ch/allgemein/mitteilung-des-apostolischen-administrators-bischof-peter-buercher-28-maerz-2020/ (abgerufen am 4.7.2020).

Berichterstattung zur Petitionsübergabe vom 18.06.2020 in Chur auf dem offiziellen katholischen Webportal kath.ch:
https://www.kath.ch/newsd/martin-kopp-unglaubliches-kommunikationsproblem-im-bistum/

Medienspiegel zur Petition «Solidarität mit Dr. Martin Kopp» und zur Lage des Bistums Chur in den Schweizer Medien: https://www.kath.ch/?s=Petition+Kopp (abgerufen am 4.7.2020).

Papst schafft «Päpstliches Geheimnis» bei Missbrauchsfällen ab. Neue Instruktion von Franziskus hebt besondere Geheimhaltung auf, katholisch.de am 17.12.2019: https://www.katholisch.de/artikel/23946-papst-schafft-paepstliches-geheimnis-bei-missbrauchsfaellen-ab (abgerufen am 4.7.2020).

Communio et progressio, Pastoralinstruktion vom 13.05.1971: http://www.kommission-medien.bischoefe.ch/grundlagen-dokumente/communio-et-progressio (abgerufen am 4.7.2020).

Autor: Charles Martig ist Dr. in Theologie der Universität Freiburg (Schweiz) und Executive MBA Marketing der Hochschule für Wirtschaft Zürich. Als Direktor des Katholischen Medienzentrums berät er kirchliche Organisationen zu Kommunikation im digitalen Wandel. 

#Kirche kommuniziert – https://www.kirche-kommuniziert.ch

Beitragsbild: Ueli Abt, Kath.ch

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