Zum 85. Geburtstag des Dalai Lama

Dalai Lama

Am 6.7.2020 feiert der aktuelle 14. Dalai Lama seinen 85. Geburtstag. Der Religionswissenschafter Gerald Hödl (Wien) geht auf Spurensuche: Welche Rollen hat ein Dalai Lama zu erfüllen? Was sind die spezifischen Errungenschaften von Lhamo Thöndup (Geburtsname) bzw. Tenzin Gyatso (Mönchsname) als Dalai Lama? Über die besondere Leistung, die ihm den Friedensnobelpreis gebracht hat.

Wer hat eigentlich Geburtstag, wenn der 14. Dalai Lama 85 Jahre alt wird? Lhamo Thöndup, wie die bäuerlichen Eltern des 1935 geborenen Knaben ihn genannt haben, ein Name, der meist übersetzt wird als „wunscherfüllende Göttin“? Oder Tenzin Gyatso, der Mönch, der aus dem Bauernknaben geworden ist, der als Kind als neuer Dalai Lama erkannt worden war, als welcher er mit 15 Jahren eingesetzt wurde, obwohl er seine langwierigen buddhistischen Studien erst 1959 abschließen würde? Dieser junge Mann musste in der Zeit zwischen seiner Einsetzung als Oberhaupt Tibets und dem Abschluss seiner Studien eine schwierige politische Situation meistern, die aufgrund der politischen Kräfteverhältnisse nicht so zu meistern war, dass die bestehende Ordnung, deren Garant er war, aufrecht erhalten werden konnte, weshalb diese Lage ihn und mit ihm viele Tibetaner ins Exil trieb.

Dalai Lama – der „Ozean des Wissens“

Gyatso, ein häufiger Bestandteil von Namen bedeutender Meister im tibetischen Buddhismus  so auch aller Dalai Lamas seit dem 2ten, Gendün Gyatso, meint so viel wie „Ozean“, was wiederum dem mongolischen „Dalai“ entspricht. Indem ein Lama ein Meister ist, ist der Dalai Lama ein „ozeangleicher Meister“. Manchmal übersetzt man das auch mit „Ozean des Wissens“ und Ähnlichem. Der tibetische Buddhismus ab dem 15. Jhdt. — und der Buddhismus dort, wo die tibetische Form des Buddhismus übernommen worden ist (wie in der Mongolei) — wird auch „Lamaismus“ genannt. Deshalb, weil in den einzelnen Schulen sog. Lamas, spirituelle Meister, wirken, die als Reinkarnationen der früheren Schulhäupter gelten. Ein Lama übermittelt nicht nur Lehren, sondern auch spirituelle Kraft, seine Gegenwart kann das Bewusstsein des Schülers transformieren.

Der Dalai Lama als Reinkarnation desjenigen Bodhisattva, der als Patron Tibets gilt, Avalokiteśvara.

„Dalai Lama“ ist nun zunächst der Titel des Schuloberhaupts einer der vier großen Schulen des tibetischen Buddhismus, und zwar der jüngsten unter diesen, der Gelugpa-Schule („Gelbmützen“), die aus der Kadampa-Schule hervorging. Jenen Titel trugen die ersten beiden Dalai Lamas jedoch noch nicht, er wurde 1578 dem damaligen 3. Oberhaupt der Schule, Sönam Gyatso, vom mongolischen Herrscher Altan Khan und rückwirkend seinen beiden Vorgängern verliehen. Dadurch wurde der erste Dalai Lama zum dritten Dalai Lama. Darin zeigt sich schon die politische Seite dieser Schule des tibetischen Buddhismus. Der fünfte Dalai Lama Ngawang Losang Gyatso erhielt sodann vom Mongolenfürsten Gushri Khan die politische Herrschaft über Tibet zugesprochen, womit die Herrschaft der Gelugpa in Tibet begründet wurde. Entsprechend wird der Dalai Lama als Reinkarnation desjenigen Bodhisattva angesehen, der als Patron Tibets gilt, nämlich Avalokiteśvara. Auf Tibetisch wird dieser Bodhisattva des Mitgefühls Chenrezig genannt; im chinesischen Buddhismus entspricht ihm eine weibliche Bodhisattvi, Guanyin. In Tibet gilt Tara („Stern“), eine Boddhisattvi, als Ausstrahlung Avalokiteśvaras. Sie ist verbunden mit seinen Tränen des Mitgefühls mit den leidenden Wesen. Manche denken, sie entstand aus diesen Tränen.

Als Bodhisattva des Mitleidens will er so lange den Eintritt in das Nirvana aufschieben, bis jedes fühlende Wesen erlöst ist.

Hat nun etwa der zur Buddhaschaft gelangte Erhabene Geburtstag? Der auf den Eintritt ins Nirvana verzichtete, als Bodhisattva des Mitleidens, bis jedes fühlende Wesen erlöst ist? Der wievielte Ehrentag Avalokiteśvaras wäre das dann? Die Idee von Bodhisattvas, typisch für die allermeisten buddhistischen Strömungen (die den Mahāyāna ausmachen), sind im Übrigen ein Beweis dafür, wie falsch manche Christ*innen damit liegen, den Buddhismus insgesamt als eine „Religion der Selbsterlösung“ anzusehen. Das sieht man schon anhand des bereits angesprochenen Lehrer-Schüler-Verhältnisses in den tibetischen Schulen.

So ein Dalai Lama hat also vielerlei Rollen zu erfüllen, als religiöses Schuloberhaupt, als politischer Herrscher, als Reinkarnation des personifizierten Mitgefühls und Erbarmens. Abgesehen von diesen religionsgeschichtlichen Hintergründen und wie wir zu diesen stehen mögen, ist der 14. Dalai Lama in einer besonderen Situation. Diese hat ihn zu einer weltweit bekannteren Person gemacht, als ein Mann in dieser Position sonst geworden wäre, den man wohl eher als Herrscher einer exotischen Mönchsrepublik angesehen hätte. Aber Tenzin Gyatso war mit einem besonderen politischen Ereignis konfrontiert. Und dieses hat ihn zu einer bekannten Persönlichkeit der Weltpolitik und somit globaler Prominenz geformt.

Das Besondere seiner Leistung: die Art, wie er auf den von China ausgehenden politischen Druck reagiert hat.

Was den 14. Dali Lama wohl vor allem anderen auszeichnet, ist die Art, wie er auf den von China ausgehenden politischen Druck reagiert hat. Nachdem er sich zunächst anlässlich der Bedrohung durch China an die USA und England gewandt hatte—die jedoch beide keinerlei Schritte zur Unterstützung Tibets unternahmen—versuchte er auf diplomatischem Weg in mehreren Anläufen „das Reich der Mitte“ von einer Annexion Tibets abzuhalten. Als ihm dieses nicht gelang, musste er, zu einer Zeit, als um die 15.000 Mönche alleine in den Gelugpa-Klöstern (in denen immer großer Wert auf Schriftstudium und philosophische Expertise gelegt worden ist) lebten, studierten und meditierten, die direkte politische Herrschaft über Tibet aufgeben. Der Weg ins Exil war ihm von einem Orakel bestimmt. Nach Indien zu gehen, wo er seine Exilregierung bildete, war gewissermaßen auch eine Rückkehr in das Land in dem der Buddhismus vor ungefähr 2500 Jahren entstanden ist und in welchem diese Religion heute so gut wie ausgestorben ist. Der tibetische Buddhismus gilt doch auch als besonders durch indische tantrische Traditionen beeinflusst.

Programm der Demokratisierung und des friedlichen Widerstands

Der politische Weg, den das aktuelle Oberhaupt des tibetischen Buddhismus daraufhin einschlug, mündete in einem Programm der Demokratisierung und des friedlichen Widerstandes. Entgegen dem, was viele im „Westen“ über „den Buddhismus“ denken, ist das gar nicht selbstverständlich dort, wo eine der buddhistischen Schulen eine politische Rolle innehat. Seine besonnene und friedfertige Art, mit dem Konflikt umzugehen, hat dem 14. Dalai Lama den Friedensnobelpreis eingetragen und breite Anerkennung in der westlichen Welt. Man kann sich natürlich fragen, ob der religiöse und politische Führer Tibets ohne diese chinesische Bedrohung und schlussendliche Annexion seines Landes jemals auf die Idee gekommen wäre, die seit langem bestehende Union von religiöser und politischer Herrschaft in Tibet in Frage zu stellen, bzw. aufzugeben (was er ganz deutlich so ausgesprochen hat). Welchen Plan mag Avalokiteśvara für das Volk, das als das seine gilt, haben? Ich wünsche ihm (oder auch: ihr) alles Gute zum Geburtstag und uns allen, dass alle fühlenden Wesen immer wohlgelaunt und glücklich sind.

Autor: Hans Gerald Hödl ist Ao.-Prof. für Religionswissenschaft an der Universität Wien

Beitragsbild: John Hain auf Pixabay

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