Brief-Geheimnis. Das Schreiben des Papstes an das Volk Gottes zwischen den Zeilen gelesen

Das Schreiben von Papst Franziskus an das Volk Gottes zum sexuellen Missbrauch durch Priester spricht eine klare und deutliche Sprache – endlich, so möchte man sagen. Und dennoch gilt es, diesen Text auch zwischen den Zeilen zu lesen. Hier wird offenkundig, dass das darin Beklagte und Verurteilte, wenn auch in der anderen Gestalt der Grenzverletzung und Grenzüberschreitung, weiterhin strukturell wirksam ist. Wolfgang Reuter unternimmt eine pastoralpsychologisch motivierte Relecture.

Papst Franziskus hat sich zum sexuellen Missbrauch durch Priester geäußert. In seinem Schreiben an das Volk Gottes vom 20.8.2018[1] beschreibt er seine klare Position hierzu. Er geht dabei sehr weit und erhebt die unzähligen Vorfälle unter Rückgriff auf 1 Kor 12,26 („Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit“) zu einer Sache der ganzen Kirche. Er verdammt „diese Gräueltaten“ und setzt es der Kirche zum Ziel, „diese Kultur des Todes auszumerzen“. Als Ursache erkennt er den „Klerikalismus“ im Zusammenspiel mit Macht- und Gewissensmissbrauch. Damit sind die Täter klar benannt. Die Opfer finden seine Anerkennung, indem er für sie die Solidarität der ganzen Kirche und des Volkes Gottes einfordert. Das Volk Gottes wird hier selbst zu einem Opfer dieser Gräueltaten und wird zur Buße aufgerufen.

Null Toleranz

Endlich – so möchte man aufatmend sagen – wird eine „Null-Toleranz-Haltung“ gegenüber den Tätern und allen, die diese Verbrechen decken, postuliert. Der Papst beklagt die „Verspätung“ der „notwendigen Aktionen und Sanktionen“ und gibt zugleich seiner Zuversicht Ausdruck, „dass sie dazu beitragen, eine bessere Kultur des Schutzes in der Gegenwart und in der Zukunft zu gewährleisten“. „Scham“ und „Reue“ angesichts der manifest gewordenen Taten, wie auch die Umkehr in „Fasten“ und „Gebet“ sind nicht allein die Intention des Papstes. Er macht sie vielmehr zu einer Sache des gesamten Volkes Gottes, das er als Subjekt von Buße und Umkehr ansieht.

Klerikaler „Macht- und Gewissensmissbrauch

Klerikalismus – der Papst stellt die Missbrauchsthematik in einen klaren Kontext. Er konstruiert einen Zusammenhang zwischen Taten und Tätern und den möglichen Ursachen, die er im Milieu verortet. Das Schreiben macht offenkundig, dass es sich in seinem Verständnis beim sexuellen Missbrauch nicht allein um isoliert zu betrachtende Einzelvergehen einiger, wie auch immer persönlichkeitsgestörter Kleriker, Ordensleute oder in der Erziehung Verantwortlicher handelt. Er stellt den sexuellen Missbrauch vielmehr in den Kontext des klerikalen „Macht- und Gewissensmissbrauchs“, der sich wiederum von der „Begierde des Herrschens und des Besitzens“ leiten lässt. „Zum Missbrauch Nein zu sagen“, so die klaren Worte des Papstes, „heißt zu jeder Form von Klerikalismus mit Nachdruck Nein zu sagen“. Um diesem „Nein“ Kraft und Wirkung zu verleihen, sieht er die gesamte Kirche nachdrücklich verpflichtet, „diese Gräueltaten zu verdammen, wie auch die Anstrengungen zu bündeln, um diese Kultur des Todes auszumerzen“.

Ohne Konsequenzen

Hier bestechen die klare Sprache und auch der weite Blick des Papstes. Er erkennt und benennt eine in der Struktur der Kirche selbst zu suchende Ursache für die Missbrauchsereignisse. Man würde nun konkrete Konsequenzen erwarten. Hier enttäuscht das Schreiben dann aber doch sehr. Konkrete Überlegungen zur Überwindung des Klerikalismus bleiben aus. Dies ist jedoch zu wenig. Es kann und darf nicht bei der einmaligen Bekundung eines Nein zum Klerikalismus bleiben, wenn dieser doch als eine fatale Ursache der Missbrauchsfälle erkannt wurde. Es wird nicht genügen, dieses Phänomen ein-, zweimal beim Namen zu nennen und dadurch dann Besserung zu erwarten.

Das Klerikalismus-Milieu

Es bedarf vielmehr einer grundlegenden Reflexion über die weiterhin wirksamen und für das Phänomen förderlichen Ursachen des klerikalen Milieus. Als eine künstlich geschaffene Einheitskultur wird in diesem Milieu das für das Leben im Miteinander so dringlich erforderliche, dynamische Verhältnis von Nähe und Distanz zerstört. Die Erfahrung von Vielfalt und Differenz – allem voran auch die der Geschlechterdifferenz, Getrenntheit und Alterität – ist hier nahezu außer Kraft gesetzt[2]. So können Macht- und Gewissensmissbrauch, Grenzverletzung, exklusives Eliteverständnis und Corpsgeist das längst überwunden geglaubte Klerikalismus-Milieu weiterhin stabilisieren.

Auch die in vielen Diözesen immer noch praktizierte Verweigerung der Festlegung von Eignungskriterien, Entwicklungsförderung und –forderung in Aus- und Weiterbildung der Kleriker, wie das Festhalten am klassischen Seminar als einzige Rekrutierungsinstitution für den priesterlichen Nachwuchs, sind weiterhin in der Lage, das Milieu des Klerikalismus zu stärken. Nicht zuletzt ist auch die Verweigerung einer ergebnisoffenen Diskussion über genderfaire Kriterien zur Zulassung zu den Weiheämtern und seelsorglichen Berufen dem Klerikalismus förderlich. Solange diese Fragen und Themen nicht endlich in kühner Denk- und Redefreiheit auf allen Ebenen der Kirche angegangen und im Volk Gottes tabufrei diskutiert werden, wird sich an den gegenwärtig noch immer wirksamen, klerikalen Strukturen nicht wirklich etwas ändern. Im Diskurs über die ausstehende Milieu-Wandlung sind alle gefragt. Die Theologie ist hier genauso mit im Boot, wie angrenzende Fächer wie Psychologie, Soziologie und viele andere mehr. Ein systemisch-analytischer Blick auf immer noch wirksame, jedoch längst überfällige klerikale Strukturen im kirchlichen Milieu könnte hier zu längst notwendigen Perspektivenwechseln und Milieu-Wandlungen führen.

Das Volk Gottes kommt ins Spiel

Der Brief des Papstes richtet sich an das Volk Gottes. Die ihm im Zweiten Vatikanischen Konzil zugesprochene Verantwortung für die Auferbauung des Leibes Christi (LG 32), also für das Leben der Kirche, bezieht der Papst hier auf die Umkehr kirchlichen Handelns. Diese ist, wie er schreibt, „ohne die aktive Teilnahme aller Glieder des Volkes Gottes“ unmöglich. Gut, dass der Papst dies in Erinnerung bringt. Doch warum, so fragt man sich, ist das Volk Gottes in seiner Subjektwürde nun vorrangig in dieser prekären Angelegenheit gefragt und warum nicht in allen anderen wesentlichen Fragen, die gegenwärtige und die zukünftige Gestalt des Kircheseins und Kirchewerdens betreffend?

Transfer des Opferstatus

Dem Volk Gottes werden im Brief zwei Rollen zugesprochen. Unter Bezug auf 1 Kor 12,26 spricht der Papst vom Leiden aller. Damit wird das gesamte Volk Gottes mittels einer undifferenzierten Vereinnahmung selbst zum Opfer der im Brief verhandelten Sache erklärt. Im Transfer des Opferstatus wird dieser damit in direkter Weise Unbeteiligten zugesprochen und auferlegt. Dies ist dem Volk Gottes gegenüber übergriffig und missbräuchlich und regte schon schnell Widerspruch an[3]. Es mag nicht die Absicht des Papstes gewesen sein, aber zwischen den Zeilen wird hierdurch, trotz aller gegensätzlichen Bekundungen im Text, der Opferstatus der realen Opfer ausgesetzt. Dies ist eine typische Erfahrung von Opfern sexuellen Missbrauchs, nicht nur bei polizeilichen Vernehmungen, bei Gericht und in den Medien.

Subjekt von Buße und Umkehr

Des Weiteren wird das Volk Gottes hier auf eigentümliche und missbräuchliche Weise in kollektive Verantwortung genommen und für die notwendige Umkehr in der Sache verantwortlich gemacht. Der Papst lädt das ganze Volk Gottes zur „Bußübung des Gebetes und des Fastens“ ein. Es soll sozusagen als das handelnde Subjekt für Buße und Reue der Kirche eintreten. Da sagen mit Recht viele, dass sie damit nichts zu tun haben und sich als die falschen Adressaten sehen – „Ich war das nicht!“[4].

Wenn von Buße und Umkehr die Rede ist, so müsste dies allem voran von den Tätern erwartet werden und von den Kirchenleitungen vor Ort, wo ihnen aufgeht, dass sie das klerikale Milieu, in dem diese Taten möglich sind, zu verantworten haben.

Spiritualisierung – der falsche Weg zur „Heilung“

Es darf auch die Frage gestellt werden, ob mit der Entscheidung für Fasten und Beten die der Sache angemessene „Heilmethode“ zur Anwendung kommt, wenn man von einer solchen überhaupt sprechen will. Diese Art der Spiritualisierung führt zur Verdrängung konkret notwendiger Maßnahmen. Noch einmal zeigt sich: Das klerikale Milieu bedarf der Reformierung.

Priester – und Täterschutz

In seiner Festlegung auf die Verantwortung des Volkes Gottes für Umkehr und Buße in der Sache demonstriert der Brief – nicht nur zwischen den Zeilen – eine kirchliche Amts-Macht, die über das Leben und die Lebenspraxis anderer urteilt und entscheidet. Zwischen den Zeilen tritt zu Tage, dass mit dem Transfer des Opferstatus auf das Volk Gottes, das nun die Verantwortung für die Umkehr der ganzen Kirche tragen soll, die Täter selbst mehr und mehr in den Hintergrund geraten. Ob nun gewollt oder nicht, hier wird zumindest unbewusst ein Schutz der Täter manifestiert, und das ist im Kontext dieses Briefes dann doch Priesterschutz.

Bitterer Nachgeschmack

Papst Franziskus wählt in seinem Brief an das Volk Gottes klare Worte – gut so. Und doch löst der Brief einen bitteren Nachgeschmack aus. Zwischen den Zeilen erweist sich die darin beklagte Haltung des Missbrauchs als wirksam – nicht in sexueller Intention, aber doch in unbewusster Grenzverletzung und Grenzüberschreitung gegenüber den Opfern und in der Vereinnahmung des Volkes Gottes. Aus der Perspektive psychoanalytisch orientierter Pastoralpsychologie wird dieses Übel sich nur dann beheben lassen, wenn auch der Text zwischen den Zeilen gelesen und in Folge dessen zu einem Thema des Diskurses im gesamten Volke Gottes wird.

Autor: Dr. Wolfgang Reuter ist Professor für Pastoralpsychologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar, Seelsorger für Menschen mit psychischer Erkrankung in Düsseldorf, Psychoanalytiker.

 Bildnachweis: Tim Swinnen, StockSnap

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[1] https://www.dbk.de/nc/presse/aktuelles/meldung/schreiben-von-papst-franziskus-an-das-volk-gottes-zum-missbrauch-in-der-katholischen-kirche/detail

[2] Vgl. Wolfgang Reuter, Relationale Seelsorge. Psychoanalytische, kulturtheoretische und theologische Grundlegung, Stuttgart 2012, 140-143.

[3] Peter, Otten, Ich war das nicht. Siehe http://theosalon.blogspot.com/ 21.8.2018

[4] Ebd.

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