‚Freiraum‘ ist ein Fachbegriff für das Umfeld eines Ortes. Landschaftsarchitekt Paul Tontsch erkundet den christlichen Freiraum: Inspirationen für eine Kirche im Transformationsstress!
Kaum eine deutsche Landeskirche oder Diözese, in der derzeit nicht neue Pastoralräume entwickelt, definiert, ausgehandelt oder auch ‚entworfen‘ werden.
- Im Fokus stehen dabei häufig Personalfragen: Wie viele hauptamtliche (geweihte) Mitarbeitende werden dem Pastoralraum zugeordnet? Wie soll das Leitungsgremium aussehen und arbeiten? Welche Angebote können wir den Gläubigen (noch) machen?
- Hinzu kommen Fragen der Außendarstellung: Wie soll die fusionierte Gemeinde heißen? Wo ist ihr (geistlicher) Mittelpunkt resp. soll es so etwas überhaupt geben? Welche Kirchorte sind ‚verzichtbar‘? Welche Werte waren und sind uns wichtig?
- Und nicht zuletzt geht es häufig auch um bauliche Aspekte: Wie können wir den (Innen-)Raum besser und effizienter nutzen? Können wir bestimmte Gebäude vielleicht auch gemeinsam mit anderen (Gemeinden) unterhalten oder sollen wir einige davon verkaufen? Wie sollen wir uns künftige Sanierungen überhaupt leisten oder wären Abriss und ‚Ersatzneubau‘ auch eine Option? Brauchen wir denn eigentlich eigene Räume oder sollen wir bei Bedarf einfach einen Saal im Stadtteilzentrum oder Dorfgemeinschaftshaus mieten?
Kein Zweifel – all diese Fragen betreffen wichtige Aspekte von Gemeinde und pastoraler Zukunft. Gleichzeitig ist frappierend, dass sie überwiegend einen eher introvertierten Charakter aufweisen. Es geht vor allem um die innere (Re-)Organisation und (Um-)Strukturierung. Und vielleicht ist es sogar ‚normal‘, dass eine Gemeinschaft zunächst versucht, ihre eigenen Angelegenheiten zu ordnen, bevor sie nach draußen schaut. Gleichwohl ist dieses Draußen aber eben auch Teil kirchlicher Verantwortung.
Auch draußen zuhause
Schließlich ist draußen dort, wo Kirche von Christus einstmals gegründet wurde, nämlich in den heiligen Landschaften Palästinas, in der Wüste, an den Ufern von Jordan und See Gennesaret, am Ort der Bergpredigt, in den Vorhöfen des Tempels, im Ölberggarten, auf der Schädelhöhe oder auf dem Weg nach Emmaus (vgl. hierzu u. a. Jooß 2010). Und dieses Draußen ist auch dort, wo Kirche seit Jahrhunderten präsent war und bisweilen auch noch ist: Ob bei einer Heiltumsweisung im spätmittelalterlichen Bamberg, beim Osterreiten im ostsächsischen Wittichenau, bei einem Tauffest im örtlichen Freibad, bei der Papstmesse anlässlich des XX. Weltjugendtages auf dem Marienfeld bei Köln oder bei einem Himmelfahrtsgottesdienst im hannoverschen Barockgarten (Abb. 1).
Kontaktpunkte und Vermischungszonen
Diese lange Tradition und hohe Diversität christlich-freiräumlicher Kontaktpunkte und Vermischungszonen kommt selbstverständlich nicht von ungefähr. Nein, der periodische Drang nach draußen erscheint vielmehr notwendig, ist Draußen, doch dort, wo Kirche (die zunehmend entfremdete) Gesellschaft vermutet. Eine Gesellschaft, in der Menschen das Kircheninnere (in doppelter Hinsicht) meiden. Zumindest, solange hier nicht gerade ein Spektakel stattfindet, wie etwa eine futuristische Licht-Show (Schulz 2024 www), ein imposantes Orgelorchester, eine raumgreifende Kunstinstallation oder die Abendsonne, die durch die bunten Fenster von Antoni Gaudís Lebenswerk fallen. Ohne diese Anlässe ist das gesellschaftliche Interesse am Inneren von Kirche aber nicht selten so gering, dass das Aufschließen der Kirche gar nicht ‚lohnt‘. Ein für sich genommen bedrückender Gedanke, doch aus Sicht der Landschaftsarchitektur ist eben dieser Moment des Nicht-Aufschließens hochinteressant.
Emanzipativ-kreative Komponente
Diese zunächst ‚raum-destruierende‘ Praxis enthält nämlich beim genaueren Hinsehen auch eine ‚emanzipativ-kreative‘ Komponente, indem sie Raum umdeutet und transformiert. Der Raum, der hier transformiert wird, ist aber eben nicht der Innenraum der Kirche, sondern ihr Freiraum, also das, was bisher als diffuses „Weder-Noch“ (vgl. Bauer 2024, S. 230) höchstens Passage, Vorspann – oder, liturgisch gesprochen: Introitus – gewesen ist. Wer eigentlich das Kircheninnere besuchen wollte, sieht sich nun auf deren ‚Umfeld‘ zurückgeworfen. Wer schon einmal vergeblich an einer verschlossenen Kirchentür gerüttelt hat, weiß, wie frustrierend das sein kann (Abb. 2).
Dass nicht wenige nach einem solchen Erlebnis auf dem Absatz kehrt machen und das Weite suchen, kann man ihnen kaum verübeln. Aber einige bleiben vielleicht oder schauen sich zumindest einmal um – ein weiterer hochinteressanter Moment. Was sehe ich hier? Oder prägnanter: Was gibt es hier zu sehen? Gibt es einen Grund, noch ein wenig im Bann der Kirche zur verharren? Gibt es vielleicht noch eine andere Tür oder kann ich zumindest von außen die berühmte Fensterrose sehen? Oder ist hier vielleicht sogar jemand zu sehen – die Küsterin zum Beispiel? Ob diese mir die Kirche ausnahmsweise aufschließen oder zumindest den Weg zum nächsten Café beschreiben würde? Diese und viele weitere Fragen gehen unvoreingenommenen BesucherInnen vielleicht durch den Kopf.
Aufenthaltsqualität und Raumatmosphäre
Sie zielen auf eine Erkenntnis des (Frei-)Raums in seiner ganzen Vielfalt ab: Neben ästhetischen Aspekten geht es um die Beziehung zur Architektur der Kirche. Es geht um Aufenthaltsqualität und Raumatmosphäre in all ihren Facetten (hierzu u. a. Böhme 2013 und Hasse 2014). Es geht um Ruhe und Kontemplation und zugleich auch um Begegnung und Kommunikation. Und wer den Raum befragt, der erhält auch Antworten: Oh, die Vögel zwitschern hier ja schön, aber nachts würde ich wohl eher woanders langgehen. Hier ist ja gar nichts los und eine Bank gibt es auch nicht! Erstaunlich, hinter der alten Kirchhofmauer höre ich die Hauptstraße fast gar nicht. Ganz schön verwildert die Beete, aber zumindest blühen hier ein paar Tulpen – und der Blick auf das alte Westwerk ist auch nicht so schlecht. (Abb. 3)
An dieser Stelle könnte dieser kleine Exkurs in die (Un-)Tiefen der Freiraumforschung eigentlich enden. Aber da fehlt noch etwas: der dritte Schritt. Man könnte nun fragen: Warum ein dritter Schritt? Reicht es denn nicht die Genese dieses Ortes zu rekapitulieren (erster Schritt) und den Status Quo zu analysieren (zweiter Schritt)? Entwicklung findet doch ohnehin kontinuierlich und von sich aus statt. Es spricht sicherlich einiges für diesen minimalinvasiven Blick von der Seitenlinie. Als Landschaftsarchitekt kenne ich allerdings auch die Vorzüge einer aktiven Auseinandersetzung mit Herausforderungen. Hierzu bedient sich meine Profession der Kulturtechnik des Entwerfens (vgl. hierzu ausführlich: Prominski 2004) mit dem Ziel, individuelle Perspektiven und Handlungsoptionen (nicht aber: unterkomplexe ‚Lösungen‘) für eine ganz konkrete sozialräumliche Konstellation zu entwickeln und in situ zu erproben.
Promotionsprojekt: Christliche Freiräume
Wie dies praktisch aussehen kann, lässt sich anhand meines Promotionsprojektes (2022-2025, Begleitung: Prof. Dr.-Ing. Martin Prominski, Leibniz Universität Hannover und Prof. Dr. theol. Christian Bauer, Universität Münster) veranschaulichen. In diesem Zuge hatte ich die Möglichkeit, sogenannte ‚christliche Freiräume‘ mithilfe des oben skizzierten methodischen Dreischritts ganzheitlich kennenzulernen: Auf eine intensive Auseinandersetzung mit den kirchenrechtlichen Rahmenbedingungen und historischen Wurzeln dieser besonderen Orte, folgte die Herausarbeitung wichtiger Motive, Metaphern und Bilder, die bei der (unbewussten) Gestaltung christlicher Freiräume seit Langem eine Rolle spielen – darunter Ur-Motive wie Paradies(-garten), Wasser, Berg und Baum (Abb. 4).
Und schließlich erfolgte noch eine Zusammenschau bedeutender Verlautbarungen kirchlicher Institutionen und Akteure zu den großen sozialen und ökologischen Transformationsherausforderungen, darunter Säkularisierung, Klimawandel und Biodiversitätskrise. Dabei wurde bald deutlich, dass Kirche große Verantwortung für Schöpfung im Sinne eines „wunderbaren Konzerts aller Lebewesen“ (Papst Franziskus 2023, Ziff. 67) und der unbelebten Mitwelt zukommt.
Qualitäten und Diskrepanzen
Diese Erkenntnis führte sodann zum zweiten Schritt. Dieser ist wie oben beschrieben durch ein gedankliches wie physisches Umkreisen und Durchschreiten des gegenwärtigen Freiraums gekennzeichnet. Im Falle meines eigenen Forschungsprojektes bestand diese Phase aus einer detaillierten Kartierung sämtlicher Freiraumstrukturen im Kontext der 80 evangelisch-lutherischen und römisch-katholischen Kirchorte in Hannover. Diese förderte sowohl charakteristische Qualitäten christlicher Freiräume als auch eine deutliche Diskrepanz zwischen kirchlicher Lehre bzw. tatsächlichen Erfordernissen und freiräumlicher Realität zutage, etwa hinsichtlich des Umgangs mit wertvollem Niederschlagswasser oder des Angebots niedrigschwelliger Begegnungs- und Verweilmöglichkeiten. Wie sich derartige Potenziale heben und Herausforderungen bewältigen ließen – darum ging es schließlich im oben erwähnten dritten Schritt.
Offene Entwurfsprozesse
Hierzu initiierte ich gemeinsam mit VertreterInnen von insgesamt neun Kirchengemeinden einen rund einjährigen offenen ‚Entwurfsprozess‘. An dessen (vorläufigen) Ende lagen für sechs der Gemeinden sogenannte Freiraumkonzepte vor, von denen bisher drei von den jeweiligen Kirchenvorständen beschlossen und bereits in Teilen umgesetzt worden sind (Abb. 5).
Doch da sind noch weitere Früchte des Entwerfens im Dienste der Forschung (vgl. Lenzholzer et al. 2013): Zum einen liegt jetzt ein erster Kriterienkatalog für das Entwerfen, Entwickeln und Erhalten christlicher Freiräume vor. Zum anderen ermöglichte die Auseinandersetzung mit dem hannoverschen Freiraumbestand auch die Konzipierung einer vorläufigen Freiraumtypologie. Und schließlich steht nun ein dreiteiliger Leitfaden zur Verfügung, mithilfe dessen auch andere Kirchengemeinden ihren eigenen Entwurfsprozess mit dem Ziel initiieren können, ihren asphaltierten Kirchplatz, ihren ummauerten Kirchhof oder ihren verwilderten Kirchgarten zu einem christlichen Freiraum zu machen. Welche Rolle diese „Nischen für Zukunft“ (vgl. Willinghöfer 2021, S. 9) in den pastoralen Landschaften von morgen spielen können und werden, wird sich zeigen – ihre Potenziale als ganzheitliche Schlüsselorte der Schöpfungsverantwortung dürften aber auf der Hand liegen. (Abb. 6)
Quellen:
Bauer, Christian, Schwellen des Heiligen? – Transitzonen zwischen Sakralem und Profanem, (S. 229-252); in: Mirja Kutzer, Ilse Müllner und Annegret Reese-Schnitker (Hg.), Heilige Räume – Verständigungen zwischen Theologie und Kulturwissenschaft, W. Kohlhammer, Stuttgart, 2024
Böhme, Gernot, Architektur und Atmosphäre, Wilhelm Fink, München, 2. Auflage, 2013
Hasse, Jürgen, Was Räume mit uns machen – und wir mit ihnen: kritische Phänomenologie des Raumes, Karl Alber, Freiburg i. Brsg. u. a., 2014
Jooß, Elisabeth, KREUZ und quer – Raum als Grundkategorie christlicher Weltdeutung, (S. 67-83); in: Thomas Erne und Peter Schüz (Hg.), Die Religion des Raumes und die Räumlichkeit der Religion, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2010
Lenzholzer, Sandra, Ingrid Duchhart und Jusuck Koh, ‘Research through designing’ in landscape architecture, (S. 120-127); in: Landscape and Urban Planning, Volume 113, Mai 2013
Prominski, Martin, Landschaft entwerfen – Zur Theorie aktueller Landschaftsarchitektur, Reimer, Berlin, 2004
Papst Franziskus, Apostolisches Schreiben Laudate Deum des Heiligen Vaters Papst Franziskus an alle Menschen guten Willens über die Klimakrise, Rom, 4.10.2023
Schulz, Lothar, EVI-Lichtungen in Hildesheim – Viele BesucherInnen bei der fünften Licht Kunst Biennale, https://stadtreporter.de/kultur/evi-lichtungen-in-hildesheim/; Abrufdatum: 1. April 2025
Willinghöfer, Jürgen (Hg.), Ein neuer Typus Kirche – Hybride öffentliche Räume, Jovis, Berlin, 2021
Bildrechte: Paul Tontsch








