Michael Kertelge lädt zu einer theologischen Zeitreise nach St. Felizitas in Lüdinghausen ein – und erschließt dabei auch die subversive Kraft kirchlicher Lokalgeschichte.
Papst Franziskus hat zur Eröffnung des Jahres der Orden gefordert: „Ich erwarte nicht, dass ihr ‚Utopien‘ am Leben erhaltet, sondern dass ihr ‚andere Orte‘ zu schaffen versteht, wo die Logik des Evangeliums gelebt wird.“[i] Die Arbeit an der Schnittstelle von Pastoraltheologie und Kirchengeschichte befasst sich mit solchen ‚anderen‘ Orten, die Erinnerungsorte des ‚geglaubten Gottes‘ sind. Als Pastoralreferent und Historiker erforsche ich die 1225jährige Christentumsgeschichte in meiner Kirchengemeinde St. Felizitas in Lüdinghausen seit Jahren.
Anders als in Katechismen und Dogmatiken
Dabei sind mir Orte und historischer Ereignisse begegnet, die eine andere Wirklichkeit atmen, die sich in den Katechismen und Dogmatiken nicht niederschlägt. Meine Absicht: Diese Anders-Orte als „Reservoir zu betrachten, das für die heutige Reform der Kirche und Pastoral zur Verfügung steht.“[ii] Und als Leitfaden: „Die kleinen Geschichten dieser lokalen Theologien auf dem Boden eigener Erfahrung hat die Pastoraltheologie immer wieder in den Diskurs der großen Erzählungen von Theologie überhaupt einzuspeisen und umgekehrt.“[iii] Es ist nicht leicht, oft aufgrund der schwierigen Quellenlage, geeignete Beispiele zu finden. Beginnen wir dennoch, „die Karte der Orte der Theologie von den narrativen Routen ihrer Entstehung im Raum der Pastoral zu lesen“ (ebd. S. 187).
Lokale Begräbniskultur
Die lokale Begräbniskultur soll als Beispiel meines Vorgehens dienen.[iv] Über die Jahrhunderte hatte sich die Sicht der Totenliturgie vom „Dank für und Freude auf die Auferstehung“ der frühen Christen, „auf Sündentilgung und Fürbitte“ (S.47) im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit verschoben. Im Tod wurde der ‚Ernstcharakter‘ menschlicher Existenz greifbar. Das Thema Tod wurde zu einem „Dreh- und Angelpunkt der Religion“, besonders auch im Zeitalter der Konfessionalisierung. Dort wurde das Thema Begräbnis geradezu „ein Raumsymbol religiöser Trennung“ (S. 51). Der gesamte Friedhof musste ein geistlicher und heiliger Ort sein („totus sit religiosus et sacer“) (S. 78), wie es im Herbstsynodentext 1580 hieß. Die Friedhofsmauer war eine „Demarkationslinie zur profanen Welt“ (S.123). Beerdigungen von A-Katholischen sollte es nicht geben.

Sine lux, sine crux, sine Deus
Bei Beerdigungs-Konflikten, vor allem von lokalen Adeligen, die manchmal protestantisch oder calvinistisch waren, wurde als Kompromiss der liturgische Rahmen erheblich vermindert. In der Quelle eines solchen Falles wurde die griffige Formel ausgesprochen: „sine lux, sine crux, sine Deus, videlicet absq[ue] Ceremonys“ (S.235).[v] Bei den einfachen Christen und Christinnen in Lüdinghausen war die Beerdigung einer toten Wöchnerin (Frau im Wochenbett) ein schwieriger pastoraler Notfall, der aufgrund der hohen Kindersterblichkeit oft vorkam. Die Vorstellung, dass Frauen, die ein Kind geboren hatten, als ‚unrein‘ galten, war weit verbreitet. Die gängigen Benediktionen und Agenden boten „eine purificatio zur Rückführung der unreinen jungen Mutter in die religiöse Gemeinschaft“ meist nach 40 bis 80 Tagen.[vi]
Sarg der toten Wöchnerin
Pfarrer Thewes aus Haltern berichtete im Januar 1772, was ihm in der Nachbarschaft als gängige Praxis begegnete. Zeitpunkt dieses Handelns war der Moment, als der Sarg der toten Wöchnerin, die noch nicht ausgesegnet war, am Friedhof ankam, „alwo man die leiche verstorbener Kindbetterinnen am Kirchoff eröfnet, im Todten-Kasten aspergiert, ja gar auf den Leichnam den Stolam geleget und darüber die gewöhnliche in Agendis vorgeschriebenen preces Intruduction nebst anderen Caeremonien gebrauchet hat“ (S.322). Jan Brademann stellte bilanzierend fest (S. 323): „Auch dieses Ritual war das Ergebnis von Aushandlungsprozessen zwischen Gemeinden und Pastoren.“
Not macht kreativ
Dabei war klar, dass eine Liturgie bei einer toten Frau Magie darstellte. Die pastoralen Erfordernisse, bedingt durch die große Not, die Sorge um ihre Seele und die Trauer über den Tod der geliebten Ehefrau und Mutter, machten solches Handeln überlebensnotwendig. Dabei spielte sicher auch eine geeignete Form von materieller Motivation (Handsalbung) für das Gelingen eine Rolle. Wer solch kreatives und wahrscheinlich eingespieltes Handeln als Magie abtut und geringschätzt, mag sich in die Not der einfachen Menschen hineinversetzen, deren geliebtes Mitglied ansonsten in ihrem Seelenheil zutiefst bedroht war. Dass die Bezahlung von Dispensen nach unerlaubtem Begräbnis und die Bereitstellung von Geldsummen zur Aufhebung von Interdikten übliche Praxis waren, macht Jan Brademann sehr deutlich.[vii]

Friedhöfe mit Armenhaus
Im Zusammenhang mit der Sorge um die Verstorbenen ist die biblische Motivation, Gutes zu tun und zu stiften, in der lokalen Kirchengeschichte oft eine wichtige Quelle diakonisch-caritativen Handels gewesen. Brademann (S. 341f) überliefert den Zusammenhang von der Sorge um die Toten und der Verpflichtung zur Stiftung von Seelenmessen. Oft war die Feier dieser Seelenmessen verbunden mit der Verpflichtung zur Armenspeisung. Ebenso ist im Münsterland eine Häufung von Berichten belegt, dass Friedhöfe auch Orte für Armenhäuser waren (S. 183). So schreibt Brademann: „Die Verbindung von memoria und caritas, von Seelenheil und Sozialfürsorge, war am Kirchhof wie sonst nirgends räumlich institutionalisiert.“
In Lüdinghausen gab es zwei Armenhäuser, das Raesfeldhaus am Mühlentor (*1586) und das Hakehaus an der Stever beim Wolfsberg (*1648). Letzteres Gebäude gibt es noch immer in Lüdinghausen seit 1672 und die dazugehörige Stiftung ebenfalls.[viii] An diesem Ort wird die Verbindung von erinnerndem, fürbittendem Gedenken und der Armensorge plastisch deutlich. In beiden Armenhäusern waren die dort wohnenden und lebenden Armen gehalten, für den Stifter Dietrich von Hake in vielfältiger und klar geregelter Weise (§ 7-10) zu beten. Insofern war die Stiftung eines Armenhauses für den Stifter eine Form von „Jenseitsvorsorge“. Über die Jahrhunderte des Betriebes des Armenhauses waren die zwölf Armen aus Lüdinghausen und Seppenrade ordentlich versorgt, wenn auch jede und jeder buchstäblich ihr/sein ‚eigenes Süppchen kochte‘.
Oasen in einer gefahrvollen Welt
Sie konnten in ihrem Sozialraum mitten im Dorf gegenüber der Felizitaskirche bleiben. Jedes kleine Zimmer hatte Stuhl, Bett und Schrank, was nicht die Regel war. Ein kleines Gartenstück gehörte dazu und musste selbst bearbeitet werden. In England waren die Armenhausbewohner sogar liturgisch anerkannt.[ix] Sooft Messe in der benachbarten Lüdinghauser Felizitaskirche gefeiert wurde, gingen die 12 Armen 100 Meter über die Straße, um dort zu feiern und zu beten, wo ihr Stifter neben seiner Frau und seinen Eltern in der Kirche bestattet lag. Sie machten das, wie es auf Plattdeutsch hieß „doormet de Cabeleeren Haröhm nicht so lange in`t Fiärgefüer sitten mott“.[x] Solche Orte waren Oasen in einer Welt voller Gefahren.
Linien ins Heute
Zwei kurze skizzenartige Beispiele sollen auch lokale „Anders-Orte“ in der heutigen Zeit beschreiben. Die Lüdinghauserinnen Marie Kortenbusch und Monika Schmelter waren prominenter Teil der Dokumentation #OutinChurch“ (2022)[xi]. In der katholischen Kirchengemeinde fanden sie keine dauernde Heimat (S.38f). Beheimatung und Gastfreundschaft erlebten sie im benachbarten Antoniuskloster bei den Lüdinghauser Franziskanerinnen. Und ein zweites Exempel: Seit 1984 und bis heute wurde auch in unserer Stadt die ACAT-Bewegung unterstützt.[xii] Entstanden in Frankreich als christliches Pendant zu Amnesty International stehen die Buchstaben für die „Action des Chrétiens pour l`abolition de la torture“.
Leise, aber unüberhörbar
Die charismatische Gründungsvorsitzende in Deutschland war die Lüdinghauserin Magdalena Marx (1933-2020). In Lille geboren, war ihre Mutter katholische Französin, ihr Vater protestantischer Deutscher. Auf vielen evangelischen und katholischen Kirchentagen war sie mit ihrem Anliegen präsent. Ihre Überzeugung von der unverlierbaren Würde des Menschen hat sie in Firm-, Konfirmandenarbeit und Gottesdienste eingebracht. Mit leiser ruhiger Stimme, aber unüberhörbar hat sie dafür gesorgt, dass jeweils eine aktuelle ACAT-Fürbitte Bestandteil der Lüdinghauser Eucharistiefeier bis heute wurde. Deutschlandweit hat ACAT ungefähr 500 Mitglieder und ist gut vernetzt, wenn auch von der Amtskirche wenig beachtet.

Solche und ähnliche Beispiele ließen sich noch viele anführen. Sie sind nicht die breite Spur in der Gemeinde, sondern Zeichen einer „GlaubensSchwachheit“[xiii]. Gleichwohl ist die Theologie „auf solche alltäglichen Orte des Anderen verwiesen, an denen die gängige Ordnung der Dinge ins Tanzen gerät, weil sie mit Gott als dem ‚Geheimnis der Welt‘ (Eberhard Jüngel) in Berührung kommt.“[xiv]
Ortswechsel der Theologie
Ein Fazit: „Für die Christentumsgeschichte ergibt sich als Konsequenz: Die Kirchenhistoriker:innen und PastoraltheologInnen öffnen im Gespräch mit der Postmoderne und mit den Kulturwissenschaften – absichtsfrei – jene diskursiven Archive, derer sich der postmoderne Mensch bedienen kann. Damit erhöht sich die Variabilität und Komplexität der christlichen Lebensform. Sie tun dies als Theolog:innen – mit einem schwachen Glauben, aber doch im Bewusstsein, dass die christliche Lebensform einen praxeologischen Impetus hat. Ob der postmoderne Mensch in einer existenziellen Brucherfahrung sein Leben in die christliche Überlieferungsgemeinschaft einfügt und dadurch den Bruch zur Geschichte für sich überwindet, bleibt unverfügbar.“[xv]
[i] Zitiert nach Bauer, Christian: Pastorale Andersorte? Eine kleine theologische Sprachkritik, in: LS 66 (2025), S. 136-141, S. 136.
[ii] Blum, Daniela/Bock, Florian: Stil und Lebensform. Zum Gespräch von Pastoraltheologie und Kirchengeschichte, in: ZPTh 37 (2017) -2, S. 227 – 241, S.234.
[iii] Bauer, Christian: Kritik der Pastoraltheologie. Nicht-Orte und Anders-Räume nach Michel de Certeau und Michel Foucault, in: Christian Bauer/ Michael Hölzl (hg.): Gottes und der Menschen Tod? Die Theologie vor der Herausforderung MICHEL FOUCAUTS, Mainz 2003, S. 181-216, S. 188.
[iv] Brademann, Jan: Mit den Toten und für die Toten. Zur Konfessionalisierung der Sepulkralkultur im Münsterland (16.-18. Jh.), Münster 2013. Die im Folgenden aufgeführten Seitenzahlen beziehen sich auf dieses wegweisende Buch.
[v] Ebd. S. 235 („ohne Licht, ohne Kreuz, ohne Gott, selbstverständlich ohne Zeremonien“; Übersetzung vom Verfasser. Beerdigung von Hermann von Hövel 1614 in Ottenstein.
[vi] Ebd. S. 321. Siehe dazu auch: Kranemann, Benedikt: Sakramentliche Liturgien im Bistum Münster. Eine Untersuchung handschriftlicher und gedruckter Ritualien und der liturgischen Formulare vom 16. bis zum 20. Jahrhundert, Münster 1998, S. 132 – 141.
[vii] Ebd. S. 267-272. Für Lüdinghausen (S. 270) ist überliefert das Indult von 1542 („Begraben auf interdiziertem Kirchhof“). Brademann zieht das Fazit (S. 270): „Jenseits des offiziellen Kirchenrechts existierten bestimmte Ausgleichsmechanismen und Kompromissstrukturen, die die Rigidität der offiziellen Verhaltensnormen an die sozialen und kulturellen Gegebenheiten anpassten.“
[viii] Kertelge, Michael: …“setze und ernenne ich zu meinen wahren Erben und Erbfolgern, honorabili titule institutionis, die gemeinen Armen genannter Kirchspiele Lüdinghausen und Seppenrade“ (Testament). Zur Geschichte des Hake-Hauses in Lüdinghausen (1643-2025). Zwischen Jenseitsfürsorge im Armenhaus und Kickertisch in der Offenen Jugendarbeit, in: GKC 50 (2025), S. 75-126. Alle Angaben beziehen sich auf meinen Aufsatz.
[ix] Dort nannte man sie „bedewomen“ und „bedeman“. Armenhäuser trugen den Titel „God`s houses“. In Münster ist überliefert, dass den Bewohnern des 12 Männerarmenhauses in Münster am Gründonnerstag nach Prozession über den Domplatz vom Bischof die Füße gewaschen wurden. Gründer, Horst: Arme und Armenwesen in der Stadt Münster im 19. Jahrhundert, Westf. Zeitschrift 139 (1989), S. 161-178, S. 162.
[x] Wagner, Paul: Ne Hand vull Nüet. Lesung eines Aufsatzes von Jopp Richter, darin „Dat Armelüehues“, in: Lüdinghauser Geschichtshefte, Heft 3, 1987, S. 12-17, hier S. 15. Der ganze zitierte Satz lautet: „De Mannslüh un Möhnen, well in das Armelüehues wuehnt, müett jeden Dag en Rausenkranz un ne halwe Dutz Vater unser biäden, doermet de Cabeleeren Haröhm nich so lange in`t Fiärgefüer sitten mott.“
[xi] Kortenbusch, Marie: Wie Gott mich schuf. Katholisch queer #OutinChurch, Ostfildern 2023. Joest, Jens: Drei Jahre nach dem Outing. Und jetzt?, Interview in „Kirche und Leben“ vom 09.02.2025.
[xii] Sieler, Alexander: ACAT Deutschland – Christliches Zeugnis im kirchlichen und politischen Raum. Die Geschichte der „Aktion der Christen zur Abschaffung der Folter“ in Deutschland von den Anfängen bis in die Gegenwart, Münster 1/2024 (Studien zur Friedensethik, Bd. 73, hg. von PD Dr. Bernhard Koch und Prof. Dr. Andreas Trampota). Auf 473 Seiten wird die Genese und Arbeit dieser ökumenischen Bewegung mit lokalem Flair erzählt.
[xiii] Certeau, Michel de: GlaubensSchwachheit, hg. von Luce Giard, Stuttgart 2009.
[xiv] Christian Bauer: Kritik der Pastoraltheologie. Nicht-Orte und Anders-Räume nach Michel de Certeau und Michel Foucault, S. 181-1216, in: Christian Bauer/ Michael Hölzl (Hg.): Gottes und der Menschen Tod? Die Theologie vor der Herausforderung MICHEL FOUCAULTS, Mainz 2003, S. 215.
[xv] Blum, Daniela/Bock, Florian: Stil und Lebensform. Zum Gespräch von Pastoraltheologie und Kirchengeschichte, in: ZPTh 37 (2017) -2, S. 227 – 241, S.241.
Bildquellen: Michael Kertelge, Westfälische Nachrichten, Bildarchiv Berendes/Uhlenkott



