Corona und die Theologie – Wie aus der Krise hervorgehen?

Einer Theologie, die schon vor der Krise den sicheren Zugriff auf die Jenseitsvorstellungen verloren hatte, geht Christiane Bundschuh-Schramm nach. 

Covid-19 wird manchmal mit der Pest verglichen, wahrscheinlich sind sie eher unvergleichlich, aber beide sind Ursache einer Pandemie, also eine länder- und kontinentübergreifende Ausbreitung einer Infektionskrankheit beim Menschen. Die durch sie ausgelöste Unsicherheit und Ungewissheit, die Bedrohung bei mangelnden Lösungen dürften wohl auch ähnlich gelagert sein. Aber zu Zeiten der Pest hatte die Kirche ein gutes Mittel parat. Sie wechselte einfach das Stockwerk und konnte auf eine supranaturalistische Welt, genannt Himmel verweisen, wo keine Pest und Qual weilten, keine Unsicherheit und kein Sterben herrschten, sondern Ruhe und Frieden, Sicherheit und Glückseligkeit. Auch wenn der hauptsächliche Bewohner des Himmels, Gott, eine gewisse Ambivalenz verkörperte, war seine Rolle als allmächtiger Herrscher dennoch unumstritten und sicherte das gesamte Konzept.

Das „zweite Stockwerk“ war schon vor der Krise ins Wanken geraten.

Schon vor der Corona-Krise war das Programm eines zweiten Stockwerks ins Wanken geraten und die Verheißungen der Theologie kehrten sich dem Diesseits zu. Doch vor der Corona-Krise, wenn auch nicht unmittelbar vorher, konnte die Theologie noch an die säkularen Heilsversprechen der Moderne anknüpfen, sie konnte die kapitalistischen Wachstumsversprechen auf das Schon und Noch-nicht des Reiches Gottes anwenden und den modernen Fortschrittsglauben auf die linear erhofften Befreiuungsprozesse von Individuen und ganzen Gesellschaften. Im Konzil wurden die religiösen Mittel der Kirche voller Euphorie der Gesellschaft angeboten, um diese nach vorne zu bringen, menschlicher und damit gottähnlicher zu machen.

Die Corona-Krise ist hingegen ein Symbol für die grundlegend veränderte Weltsituation. Nicht mehr Wachstum und Fortschritt, Plan und Perfektion kennzeichnen den Weltprozess, sondern Komplexität, Ungewissheit, Kurzfristigkeit und Unsicherheit.

Theologie, die sich um die Welt
zu kümmern hat

Theologisch stehen weder das zweite Stockwerk als Fluchtpunkt noch das Reich Gottes als Zielpunkt zur Verfügung. Die Theologie ist angesichts der Corona-Krise auf die Welt zurückgeworfen und gleichzeitig auch da ihrer Verheißungen beraubt. Das Leben in Fülle, das sich durchsetzende Reich Gottes, der göttliche Plan, das Vertrauen in den guten Ausgang, all das ist schal geworden und wenig überzeugend. Ohne das zweite Stockwerk und ohne den weltlichen Fortschritt hängen sie in der Luft.

aus gutem Grund schweigsam

Die Corona-Krise bedeutet eine theologische Krise, die die vormals tauglichen Gottesbilder zum Verschwinden bringt. Die Kirche ist in der Krise genau deshalb so schweigsam, weil sie tatsächlich nichts zu sagen weiß. Ihr sind die starken Worte abhanden gekommen, weil sie den starken Gott verloren hat, der die Krise besiegt, der den guten Ausgang kennt und der uns wie damals aus Ägypten aus der Krise herausführt, notfalls nach dem Tod.
Gott selber ist fragil geworden, schwach, hat sich verflüssigt, er taugt nicht mehr als Garant gegen Unsicherheit und Ungewissheit, als Gewährsmann geschichtlichen Fortschritts.

bescheidene Theologie?

Die Rede von Gott nach der Krise muss vorsichtiger, tastender, ahnender werden. Sie ist noch möglich, vielleicht gerade nötig. Aber sie kann nur verweisen auf die flüchtigen Geschehnisse in der Welt, die Gottes Spuren aufweisen. Sie muss von den „Ereignissen der Gnade“ sprechen, wie Michael Schüssler sie nennt, auf die sie selber angewiesen ist. Die Solidarität mitten in der Krise erzählen, weil sie dort überrascht, wo sie nicht vermutet wurde, die Ereignisse entdecken, wenn Verletzlichkeit gezeigt wird und zu Menschlichkeit führt, die Situationen kommunizieren, in denen ungeahnte Möglichkeiten Wirklichkeit werden und auf die Heiligkeit des Lebens verweisen, wo sie sich aufdrängt und Handeln hervorbringt, das wird zur theologischen Aufgabe der Gegenwart, „bescheiden und ehrfürchtig“ Rechenschaft zu geben von der Hoffnung (1 Petr 3,15f), dass in den Ereignissen der Welt Gottes Spuren entdeckbar sind und bleiben. „Die Existenz Gottes findet sich immer und überall dort, wo das Reich Gottes tatsächlich stattfindet. (…) Die Existenz Gottes ist das Fleisch-Werden Gottes in der Welt. Die Existenz Gottes ist die Übereinstimmung der Welt mit Gott“. ((John D. Caputo: Crosss and Cosmos 2019, 139).

___

Autorin: Dr. Christiane Bundschuh-Schramm ist Referentin für pastorale Grundstazfragen im Bistum Rottenburg-Stuttgart.

Bild: Tom Geerts / unsplash.com

Print Friendly, PDF & Email