Darwin, Jim Knopf und die kirchliche Monokultur

Darwin, Jim Knopf, Shaw

Kirchliche Monokultur ist evolutiv gesehen gefährlich. Zu diesem Schluss kommt Thomas Markus Meier aufgrund von Beobachtungen der Natur und eines Kinderbuches.

Es ist wohl eine der wirkmächtigsten Veranschaulichungen einer wissenschaftlichen Theorie: Der Baum des Lebens. Wie sich die Entwicklung des Lebens, die Evolution, verzweigt, himmelwärts strebt, und schliesslich als Krone der Schöpfung zuoberst der Mensch thront. Allein: Das Bild ist falsch.

Der Literaturnobelpreisträger (George) Bernard Shaw verfasste einst einen ‚Metabiologischen Pentateuch‘ mit dem Titel: «Zurück zu Methusalem». Im Vorwort buchstabiert er Fragen der Evolution durch und erzählt, wie er seinen Grossvater beruhigt habe. Darwin sei nicht der Kerl gewesen, der den Menschen Affenschwänze angehängt habe; Darwin habe einzig behauptet, einige Affen seien schwanzlos…  Viele verstünden mittlerweile nun zwar, wissenschaftliche Abhandlungen zu lesen, aber nicht mehr die Bibel. Religiöse Schwätzer sind ihm zuwider – wie auch Fachidioten, die eine Theorie über alles stellen und zur Alleinerklärung verklären.

Die Laus, die Krone der Schöpfung?

Es gibt zwei Arten Kopfläuse, die ausschliesslich den Menschen parasitieren. Wäre also nicht diese Laus die Krone der Schöpfung? Shaw spielt es durch am Floh (punkto Ausschliesslichkeit wäre die spezialisierte menschliche Kopflaus passender gewesen): «Schliesslich empört es den Floh, wenn das Geschöpf, das von einem allmächtigen göttlichen Floh eigens zur Nahrung der Flöhe geschaffen wurde, den springenden Herrn der Schöpfung mit seinem scharfen, ungeheuren Daumennagel zerstört; aber kein Floh wird jemals so närrisch sein, zu predigen, dass der Mensch, indem er Flöhe totschlägt, eine Methode der natürlichen Auslese anwendet, die schliesslich einen so schnell springenden Floh entwickeln wird, dass kein Mensch ihn fangen kann, und der eine so kräftige Leibesbeschaffenheit haben wird, dass Insektenpulver keine grössere Wirkung auf ihn ausüben dürfte, als Strychnin auf einen Elefanten.»

Evolution und Koevolution: Nicht eine obenausschwingende Siegerkreatur über allen andern, sondern wechselseitige Entwicklung, Beeinflussung…

Das Baumentwicklungsbild kennen wir gar aus der Konfessionskunde: Je nach Absender wird die eigentliche Kirche im Baumwipfel alle andern überragen, die dann eben «nur» Abzweigungen sind, Nebenäste.

Passender: das Bild der Koralle

Das Bild, wie gesagt, ist falsch. Darwin hatte verschiedenste Schaubilder skizziert – und erst, als es pressierte, damit er mit seiner Entdeckung der Evolution nur als zweiter käme, veröffentlichte er überstürzt seine Erkenntnisse. Mitsamt dem Baumbild. Passender, und häufiger in seinen Veranschaulichungsversuchen, wäre das Bild der Koralle gewesen: Es gibt nicht die eine Wurzel, sondern ein Geflecht; die Korallen wachsen durch- und miteinander, eine Abzweigung wächst wieder zurück und gliedert sich ein in einen anderen Strang. Wunderbar nachzulesen in Horst Bredekamps kunstgeschichtlicher Studie «Darwins Korallen. Frühe Evolutionsmodelle und die Tradition der Naturgeschichte».

Lummerland

In einem paradiesischen Bild wird ein Korallenwald zum Lieblingsspielplatz von Kindern aus aller Welt. Nach der Wiederauferstehung nämlich von Jamballa, dem verschwundenen Kontinent, der zum  Jimballa wird – in Michael Endes Jim Knopf. Dass der schwarze Junge Nachfahre von König Kaspar ist, bringt am Ende doch noch die Kirche ins Miniaturdorf von Lummerland. Gehörten eigentlich nicht nur Schloss, Verkaufsladen und Bahnstation ins kleine Weltdorf, sondern auch ein Kirchturm?

Kehren wir zurück zum Floh im Haar: Im Neuen Testament sind all unsere Haare gezählt. Im chinesisch angehauchten Mandala werden Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer Haarzähler sehen, die jedes einzelne Haar zählen. Zauberhaft geht es dann gleich weiter: Dass aus einem kleinen Samenkorn (dem evangelischen Senfkorn?) ein Bäumchen wächst, in dessen Zweigen die Vögel nisten. Statt dem Kirchturm wird es auf Lummerland später einen Leuchtturm geben, den Scheinriesen Tur Tur. Der tröstete einst den kleinen Jim Knopf mit allen tröstlichen Beispielerzählungen «von Leuten, die etwas verloren hatten und es dann auf wunderbare Weise wiederbekamen». Jesuanische Gleichnisse lassen grüssen.

  Jim Knopf als Verarbeitung einer Kindheit im Nationalsozialismus

Kaum eine naturwissenschaftliche Theorie fand den Weg so schnell in alle Kinderzimmer wie die Evolution. Dinosaurier, Urwesen, die ganze phantastische Welt von Geschöpfen unserer Erdgeschichte. Und auch erdichtete Geschöpfe. Julia Voss erzählt davon in «Darwins Jim Knopf»: Wie es ein historisches Vorbild gibt für den schwarzen Jungen; einen Feuerländer, der von der Expedition der Beagle nach England verschleppt worden ist. Sein Name war Jemmi Button – Jim Knopf! Hochspannend die Fährten, die Michael Ende gelegt hat, aber ein gutes halbes Jahrhundert später von Julia Voss entdeckt und gelesen worden sind. Jim Knopf als Verarbeitung einer Kindheit im Nationalsozialismus («Achtung! Der Eintritt ist nicht reinrassigen Drachen bei Todesstrafe verboten!»). Nicht nur ein Kinderbuch, sondern eine feine Abrechnung, unerkannte Ideologiekritik.

wuchern, wachsen, auseinandergehen und zusammenwachsen

Am Ende verwandeln sich Drache und Seeräuber, alles kommt gut, ein abgetauchtes Königreich ersteht neu. Ein Nachfahre der Heiligen Dreikönige wird zum weisen Kinderkönig. Darwins Baum der Evolution war das falsche Bild – zauberhafter, wundervoller das Geäst und Gewese der Korallen. Ob uns das nicht hülfe, im Blick auf Kirchengeschichte(n)? Abschied nehmen von linearer Entwicklung? Diversität, auch in der Kirche, als Chance? Kirchliche Monokultur ist evolutiv gesehen gefährlich. Kann in eine Sackgasse führen. Vor und zurück, wuchern, wachsen, auseinandergehen und zusammenwachsen, führte das nicht weiter?

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Text und Bild:
Thomas Markus Meier
, Pastoralraumleiter der Pfarrei St. Anna, Frauenfeld, Schweiz. Bloggt regelmässig über biblische Themen, derzeit vor allem die Revision der Einheitsübersetzung und die Vulgata deutsch (Biblioblog auf facebook).

 

Verwendete Literatur:

Michael Ende: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer;
Jim Knopf und die Wilde 13, neuste Ausgaben als Taschenbuch bei Carlsen: Hamburg 2014

Bernard Shaw: Zurück zu Methusalem. Berlin 1922

Horst Bredekamp: Darwins Korallen. Frühe Evolutionsmodelle und die Tradition der Naturgeschichte. Berlin 2005

Julia Voss: Darwins Jim Knopf. Frankfurt am Main, 2009

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