Männerarbeit in der Schweiz – Existiert sie?

Männerseelsorge

Bernhard Lindner, Daniel Ammann und Siegfried Arends engagieren sich im Bereich der Männerarbeit. Im Gespräch antworten sie auf Fragen, die sich ihnen in dieser Arbeit stellen.

Das Persönliche und das Politische soll ebensowenig voneinander getrennt werden wie das Persönliche und das Theologische. Daher zuerst: Arbeit, Leben und Motivation der drei Gesprächspartner.

Daniel Ammann: Ich arbeite seit vier Jahren als Pfarreiseelsorger in einem eher ländlich geprägten Pastoralraum im Kanton Luzern. Ich blicke auf eine bunte Palette von beruflichen Tätigkeiten in verschiedenen kirchlichen Kontexten zurück. Neben beruflichen Teilzeitanstellungen und meinem Vater-Sein habe ich immer in sozialen Bewegungen rund um Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung mitgearbeitet. Und dabei immer auch die spezifische Realität von mir als Mann unterwegs mit anderen Männern im Blick behalten.

Brückenschlag zwischen Bewegungen und kirchlichen Institutionen

Vernetzt mit Männern und Frauen innerhalb und ausserhalb der Kirchen habe ich den Brückenschlag zwischen Bewegungen und kirchlichen Institutionen versucht. Es braucht diese gegenseitige Bereicherung, ich habe sie immer wieder als belebend und ermutigend erlebt. Dafür braucht es für mich auch Orte wie zum Beispiel in Terra Vecchia im Tessin, wo das Zusammenleben von unterschiedlichen Männern und Frauen am Puls der Natur und in der Verbundenheit mit der Kraft des Schöpferischen erlebbar ist.

Bernhard Lindner: Ich bin seit bald zwanzig Jahren als Erwachsenenbildner der Fachstelle Bildung und Propstei der Römisch-Katholischen Kirche im Kanton Aargau tätig. Vor drei Jahren habe ich zusätzlich noch die 30%-Männerarbeitsstelle übernommen.
Prägend für mein theologisches Denken sind die 6 ½ Jahre der Tätigkeit zusammen mit meiner Frau Elisabeth in der peruanischen Südandenkirche. Dort habe ich gelernt: Vernetzung ist ganz wichtig. Und: Die befreiende Botschaft des Evangeliums muss immer wieder neu so erzählt und gelebt werden, dass sie gesellschaftliche Bündnispartner findet und politische Relevanz erhält.

Mann-Sein. Vater-Sein. Grossvater-Sein.

Auch meine persönlichen Lebensentscheidungen haben immer eine (kirchen-)politische Note. Verheiratet mit einer engagierten Theologin und Seelsorgerin – lange Zeit haben wir uns eine Anstellung geteilt – engagiere ich mich für Geschlechtergerechtigkeit in der Kirche.
Mann-Sein. Vater-Sein. Grossvater-Sein. Wie kann ich diese Rollen als Christ gut ausfüllen? Für mich ist das eine bleibende herausfordernde Frage, auf die ich im konkreten Leben bewusst Antwort geben will. Männerarbeit in der Kirche ist ein Raum, in dem ich Menschen zum Austauschen, Diskutieren und Nachdenken finde. Einen wichtigen Ausdruck meiner männlichen Spiritualität lebe ich bei meinen jährlichen Pilgerreisen auf dem Jakobsweg.

Siegfried Arends: Ich arbeite seit vielen Jahren als reformierter Pfarrer im Job-Sharing. Ich habe es immer als Privileg empfunden, Erwerbsarbeit und Familienarbeit miteinander kombinieren zu können. Die Zeit mit unseren vier Kindern war wertvoll für mich. Auch die Sorge für meine im vergangenen Jahr gestorbenen Eltern habe ich als geschenkte Zeit erlebt. Als ich jedoch vor 20 Jahren in die Schweiz gekommen bin, habe ich einen doppelten Schock erlebt. Ich hatte davor viele Jahre in Holland und sechs Jahre mit der Familie in Kamerun gelebt. Der erste Schock: im Gegensatz zur Situation in Holland war Teilzeitarbeit für Männer und eine passende Kinderbetreuung in der Schweiz nicht vorgesehen.

das grosse Schweigen

Der zweite Schock war: das grosse Schweigen. Obwohl die kamerunische Gesellschaft sehr patriarchal strukturiert ist, waren Geschlechterfragen dort ein extrem heisses Eisen. Vor allem unter den jungen Menschen wurde sehr engagiert und leidenschaftlich diskutiert über sich verändernde Rollenbilder. Auch über Fragen der Sexualität. Dagegen musste ich die Erfahrung machen, dass das Gespräch in der Schweiz praktisch nicht stattfand. Es gab kaum Diskussionen, weder im privaten, persönlichen Umfeld, noch im öffentlichen Raum. Ebenso wenig in der Kirche. In den vergangenen Jahren kommt Bewegung in die Sache. Meine eigenen, inzwischen erwachsenen Kinder sind sehr stark mit Gender-Fragen beschäftigt.

Was gab den Anstoss und was ist die Motivation für die Tagung zu Männerseelsorge und kirchlicher Männerarbeit im Bullingerhaus in Aarau am 18. Mai 2022?

Daniel Ammann: Der erste Anstoss bei mir war Staunen und Ärger. Unerwartet entdeckte ich in der ersten Nummer der «Schweizer Kirchenzeitung» 2021 ein mehrseitiges Dossier zu Männerarbeit. Ein ausführliches Interview mit Markus Theunert, dem Gesamtleiter von männer.ch freute mich sehr, aber ich ärgerte mich auch, dass kaum Personen zur Sprache kamen, die seit Jahrzehnten in der Schweiz Männerarbeit machen. Ich nutzte diese Energie und suchte Verbündete, mit denen ich der Männerarbeit in der Schweiz ein deutlicheres Gesicht geben kann. Und so entstand Schritt für Schritt eine Impulstagung, auf die ich mich sehr freue! Die Kraft der Verbundenheit spüre ich immer wieder mit Männern in der Männerarbeit. Ein achtsames Interesse an den eigenen Erfahrungen und denen der andern mit all ihren Stärken und Verletzlichkeiten. Dafür Raum an einer Tagung zu schaffen, das motiviert mich.

Siegfried Arends: Wir erleben ja auf vielen Ebenen eine Krise der Männlichkeiten. Der aufkommende Rechtspopulismus, sogar der Krieg in der Ukraine – all das trägt starke Züge des alten Geschlechterkampfs. Auch in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen erlebe ich sehr viel Verunsicherung und Ratlosigkeit. Es gibt viele Jungs, die Mühe haben, ihre Rolle zu finden. Meine Erfahrungen mit kirchlicher Männer- und Väterarbeit haben mir gezeigt: es gibt einen Bedarf nach Begegnungsräumen für Männer: für das Gespräch, für gemeinsames Erleben, auch für Spiritualität und Rituale. Und es gibt auch ein Interesse an der Auseinandersetzung mit biblischen Texten.

Es gibt viele Jungs, die Mühe haben, ihre Rolle zu finden.

Bernhard Lindner: Es kommt noch etwas hinzu. Der Missbrauchsskandal in der Römisch-Katholischen Kirche wirft hohe mediale Wellen. Und da sind die Rollen klar: Männliche Amtspersonen sind Täter. Männliche Würdenträger der Institution vertuschen den Skandal, um «die Kirche zu retten». Leider geht jedoch ein weiterer Aspekt verloren: Männliche Kinder und Jugendliche stellen zwei Drittel der missbrauchten Opfer. Der Missbrauchsskandal zeigt zu einem grossen Teil Gewalt von Männern an Männern. All das wirft viele Fragen auf. Es sind strukturelle und theologische Fragen, aber auch Fragen an die Seelsorge, insbesondere mit und von Männern.

Wo steht die kirchliche Männerarbeit in der Schweiz? Wo stehen «die Männer»? Wo die Kirchen?

Bernhard Lindner: Nach wie vor erlebe ich «Männerarbeit» als Stiefkind oder Nischenprodukt in unserer Kirche. Zwar sind nach wie vor viele Leitungspersonen in der Kirche Männer, auf der Ebene der Ehrenamtlichen oder der aktiven Gemeindemitglieder dominieren jedoch Frauen in der Kirche. Die Bedürfnisse von Männern haben oftmals keinen Platz oder werden vergessen. Männliche Spiritualität findet wenige Orte, um gelebt zu werden. Das muss sich ändern.

«Männerarbeit» als Stiefkind in unserer Kirche

Daniel Ammann: Ich würde sogar noch weiter gehen und behaupten: Im Gegensatz zu Deutschland kann in der Schweiz nicht von kirchlicher Männerarbeit gesprochen werden. Es gab in der reformierten Kirche Zürich eine Stelle, die Christoph Walser in den 90er Jahren aufgebaut hatte. Zurzeit gibt es einzig in der Katholischen Kirche im Kanton Aargau eine sichtbare 30% Stelle für Männerarbeit im Bereich Erwachsenenbildung. Aber es gibt Männer in kirchlicher Anstellung, denen Männerseelsorge ein Herzensanliegen ist.

Was soll anders, besser werden, u.a. durch die Tagung?

Daniel Ammann: Wir stehen in der Schweiz ziemlich am Anfang in diesem Prozess. Es gibt eine ganze Anzahl von engagierten Männern, die bis jetzt kaum sichtbar waren mit ihrem Herzblut und ihrer Erfahrung in der Männerarbeit. Die Tagung bietet da eine Chance sich zusammen zu tun, sich gegenseitig wahrzunehmen und zu unterstützen. Gemeinsam können wir dem Anliegen der Männerarbeit mehr Kraft verleihen.

Bernhard Lindner: Unsere Vorbereitungsgruppe hat das Angebot erhalten, im Dachverband progressiver Schweizer Männer- und Väterorganisationen (männer.ch) eine Fachgruppe Kirchliche Männerarbeit aufzubauen. Dieser Rahmen ermöglicht uns, an Inhalten, Methoden und Rahmenbedingungen für Männerarbeit in kirchlichen Kontexten weiterzuarbeiten. Natürlich immer im Kontakt mit Personen, die in Verbänden wie Jubla oder in pastoralen Fachstellen der verschiedenen Kantonalkirchen und Diözesen engagiert sind. Wir wollen auch mit Partnern in Deutschland den Austausch pflegen, bestehende Ansätze bekannter machen, uns gegenseitig in einer gendersensiblen Pastoral ermutigen und mit diesen Erfahrungen auch andere motivieren. Dabei bleibt hoffentlich auch Platz für das Unerwartete, das sich zeigen wird.

männer.ch

Wenn von kirchlicher Männerarbeit und Männerseelsorge gesprochen wird, dann ist es notwendig, diese inhaltlich zu präzisieren. Kirchliche Männerarbeit stellt einen Raum her, in dem Männer sich (gegenseitig) begleiten können in den aktuellen Transformationsprozessen von Männer- und Väterbildern. Der Dachverband Schweizer Männer- und Väterorganisationen männer.ch zeigt nach aussen fachlich und politisch, wohin kirchliche Männerarbeit will.

Daniel Ammann: Ich persönlich bin seit mehr als 25 Jahren Mitglied von manne.ch, dem Mannebüro Luzern. Wir sind als Organisation Mitglied bei männer.ch und haben seit vielen Jahren immer wieder durch Kooperationen Projekte gemeinsam durchgeführt. Da war es naheliegend, auf Markus Theunert zuzugehen. Gemeinsam mit Mathias Luterbach hat er 2021 einen Orientierungsrahmen für Fachleute herausgeben: «Mann sein…!? Geschlechterreflektiert mit Jungen, Männern und Vätern arbeiten». Dieser Rahmen ist eine ausgezeichnete Grundlage für die Männerarbeit in kirchlichen Kontexten.

Welche Bedeutung hat die geschlechtsspezifische Arbeit gegenüber der allgemeinen Gender-Arbeit?

Siegfried Arends: Es wäre gut, wenn es keine geschlechter- oder männerspezifischen Angebote bräuchte. Denn das hiesse, dass die Ungerechtigkeiten überwunden und die Durchlässigkeit der Geschlechtergrenzen gegeben sind. So weit sind wir aber nicht. Man nehme nur das akute Problem von Männern und Gewalt, insbesondere von sexualisierter Gewalt. Aber auch Fragen von Gesundheit, von psychischem und physischem Kranksein.

Bernhard Lindner: Die augenblickliche Ausstellung «Geschlecht» des Stapferhauses Lenzburg zeigt deutlich, wie stark Geschlechterrollen sozial konstruiert sind. Menschen- sind nicht einfach «Frau» oder «Mann». Es gibt vielmehr eine Vielfalt von Möglichkeiten für Menschen «Weiblichkeit» und «Männlichkeit» zu leben. Doch auch wenn wir die «Konstruktion» von Geschlechterrollen erkennen, sind sie damit nicht abgeschafft oder nivelliert. Sie werden weitergegeben und reproduziert. Gerade jetzt, im Kontext des Krieges von Putin gegen die Ukraine werden die alten Rollenschemata des Beschützers, Kriegers und Soldaten wieder reaktiviert.

Durchlässigkeit der Rollen

Gender-Arbeit will die Durchlässigkeit dieser Rollen fördern und die in ihnen liegenden Benachteiligungen abschaffen. Das ist wichtig und unverzichtbar.
Die grosse Mehrheit der Menschen finden ihre persönliche Identität als Frau oder als Mann. Vieles der Geschlechterrollen wird selbstverständlich übernommen, anderes aktiv verändert. Um Menschen, ob Frauen oder Männer, in diesen Such- und Veränderungsprozessen begleiten zu können, ist eine geschlechterspezifische Arbeit nach wie vor sehr hilfreich.

Daniel Ammann: Diesem Thema haben wir an der Impulstagung daher ein eigenes Podium gewidmet. Ich bin gespannt was dabei zur Sprache kommen wird und freue mich auf die verschiedenen Standpunkte.

___

Text:
Daniel Ammann-Neider, Theologe, Seelsorger, manne.ch, Luzern
Siegfried Arends, Pfarrer, Reformierte Kirchgemeinde Laufen am Rheinfall
Bernhard Lindner, Theologe, Pädagoge, Supervisor, Männerarbeit,
Römisch-Katholische Kirche im Aargau, Aarau

Bild: Walter Huwiler

Print Friendly, PDF & Email