Seine Nächsten zu lieben, heißt nicht immer, sie auch zu mögen – vier Annäherungen an ein unbequemes Gebot – Teil 1.
Solidarität und Toleranz gehen Hand in Hand. Warum und inwiefern das gilt, zeigt dieser Beitrag von Kinga Zeller und Liv Steinebach.
Solidarität braucht Toleranz. Das klingt zunächst paradox. Solidarität setzt sich für Menschen und ihre Anliegen ein. Dazu werden in einem Moment der Zusammengehörigkeit die Reihen geschlossen und es wird ein gemeinsames Ziel verfolgt. Toleranz dagegen lässt andere in ihrer Andersartigkeit schlicht sein. Sie zähmt die Ablehnung, die sich auf die anderen Präferenzen, Lebensstile, Weltanschauungen, Seinsweisen und daraus resultierende Praktiken bezieht.[1] Toleranz und Solidarität sind damit zwei unterschiedliche Phänomene. Gemeinsam ist ihnen aber die Anerkennung anderer als andere Gleiche.[2] Ihr sachlicher Zusammenhang wird deutlich, wenn die verschiedenen Gruppen, die in einem Solidaritätsgeschehen partizipieren, näher betrachtet werden.
In Solidarität zusammenkommende Gruppen sind nicht homogen, sondern divers. Um zu verhindern, dass diese Gruppen von einem dominanten Part quasi hegemonial homogenisiert werden und sich, wenn das nicht gelingt, in Splittergruppen aufteilen, braucht es Toleranz. Neben der Fokussierung auf das gemeinsame Ziel müssen nämlich auch die unterschiedlichen Bedürfnisse und internen Meinungsverschiedenheiten der beteiligten Gruppen ernst genommen werden. Beispiel gefällig?
Einige Interessen scheinen relevanter als andere.
Der Feminismus kann grundsätzlich als eine solidarische Bewegung beschrieben werden. Feminist*innen, die sich hinsichtlich class, race, gender uvm. unterscheiden, kommen zusammen und bilden eine Gruppe, die sich gegen (patriarchal begründete) Ungerechtigkeiten einsetzt. Diese Gruppe wird mitunter Sisterhood genannt und inhaltlich durch die Idee geteilter Unterdrückungserfahrungen gefüllt. Patriarchale Strukturen wirken aber auf vielfältigen, heterogenen Ebenen uneinheitlich und diskriminieren daher auf verschiedene Weisen. Die Mitglieder der Sisterhood sind mithin unterschiedlich von diesen Strukturen betroffen. Eine selbstständige Sexarbeiterin bspw. hat mit anderen Diskriminierungen zu kämpfen als eine selbstständige Architektin. So weit, so bekannt. Genauso klar ist, dass FLINTA* sich untereinander über die unterschiedlichen Ebenen hinweg verbünden müssen, um solidarisch gegen patriarchale Strukturen zu kämpfen. Damit sind sie eine Gruppe, die aus Betroffenen und Verbündeten – häufig beides gleichzeitig in einer Person – besteht und die die Umstände für alle verbessern will.
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Realität kompliziert ist und die ideale Verbesserung der Lebensumstände für alle nicht stattfindet. Einige Interessen (und dahinterstehende Gruppenidentitäten) scheinen relevanter als andere. Klassische Beispiele sind White Feminism und Gender-critical Feminism. Beides sind ‚feministische‘ Bewegungen, die sich nur für partikulare Interessen einsetzen: Im ersten Fall werden People of Colour nicht mitgedacht, im zweiten positionieren sich die Vertreter*innen transfeindlich. Auch das ist (leider) Teil der heutigen Feminismen.[3]
Es geht darum, andere als andersartige Gleiche zu sehen.
Dabei existieren genügend Fallbeispiele, die zeigen, dass es auch anders geht.[4] Es gibt Bestrebungen, die eine intersektional arbeitende Sisterhood formen, in der die Stimmen aller Mitglieder gehört werden können. Allerdings ist diese Sisterhood nicht unbedingt so harmonisch, wie man sie gerne hätte.
Diversität wird nicht per se zelebriert, sondern geht häufig mit Ablehnungen der anderen wegen ihrer Andersartigkeit einher. Die Einheit in Vielfalt war und ist daher mit viel Arbeit verbunden. Entsprechend betont die bekannte feministische Denkerin bell hooks die Notwendigkeit von Lernprozessen: Indem man lerne, sich selbst und andere besser zu verstehen, werde verhindert, Differenzen durch einen leeren Einheitsgedanken zu übertünchen, und gelinge es, in der Diversität der Gruppe ein gemeinsames Ziel klarer zu fassen.[5] Essenziell in diesen Prozessen ist es, Vorurteile als solche benennen zu können, andere grundsätzlich als Gleiche zu respektieren und ihren kulturellen Codes offen und mit Neugier zu begegnen. – Was es in diesen Lernprozessen als Grundlage also braucht, ist nichts anderes als Toleranz der jeweiligen Andersartigkeiten.
Es geht darum, andere als andersartige Gleiche zu sehen. Toleranz kann verschiedentlich motivierte Ablehnungen (bspw. in Form von Vorurteilen, Ängsten und Abwertungen) so mit Respekt zähmen und einen Raum dafür schaffen, in Diversität zusammenzuarbeiten und sich einem gemeinsamen Ziel zu verpflichten. Indem die Unterschiede dann ernst genommen, hinterfragt und ins Gespräch gebracht werden, muss man manchmal sogar einsehen, selbst das Problem zu sein.[6] Aus diesem Prozess kann auch die Einsicht wachsen, dass Sisterhood keine toxische harmoniesüchtigen Familienverhältnisse reproduziert. Viel eher funktioniert Schwesternschaft dort, wo Differenzen nicht negiert werden, sondern mit ihnen wachsam umgegangen wird. In der ehrlichen Anerkennung der anderen als andersartige Gleiche kann gemeinsam an einer besseren Zukunft – für alle – gearbeitet werden. Eine Strategie hierfür ist eine Respekt-Toleranz; die zentrale Praxis ein gemeinschaftliches, solidarisches Handeln.
Jemanden zu lieben, wie mich selbst, und damit anzuerkennen, dass sie ist, wie ich bin, ist ein erster Schritt, um Grenzen zu überwinden.
Brauchen Solidarität und Toleranz dann noch Nächstenliebe? Es kommt vor, dass Solidarität und/oder Toleranz mit Nächstenliebe in einen Topf geworfen werden, als wären sie selbstverständlich untrennbar miteinander verbunden. Für Christ*innen ist das Gebot der Nächstenliebe aber tatsächlich nur dann ein Motivator für Solidarität und Toleranz, wenn es eine Offenheit für andere als andersartige Gleiche impliziert, statt sie zu exkludieren, wie neurechte Interpretationen des Gebotes es tun.
Jemanden zu lieben, wie mich selbst, und damit anzuerkennen, dass sie ist, wie ich bin, ist ein erster Schritt, um Grenzen zu überwinden. Biblisch betrachtet, ist „der Nächste“ des Nächstenliebegebotes in Lev 19,18b gerade nicht auf die Nachbarin oder die Einheimischen beschränkt, sondern bezieht sich auf Menschen unterschiedlicher sozialer Milieus sowie auf sogenannte Fremde (Lev 19,33f.). Menschen, denen häufig mit Vorurteilen und Ablehnung begegnet wird, weil sie anders zu sein scheinen als man selbst. Menschen, die auch Sisters sind – wenn man sie als solche wahrnimmt und in einem immer wiederkehrenden Lernprozess als solche kennenlernt.
Es braucht auch den kritischen Blick nach innen und auf sich selbst.
Solidarisches Engagement hat das Ziel, im gemeinsamen Kampf bestehende Ungerechtigkeiten abzubauen und eine gerechtere Welt für alle zu schaffen. Dabei reicht es nicht den Blick nach außen auf den „gemeinsamen Feind“ zu richten, sondern braucht es auch den kritischen Blick nach innen und auf sich selbst, um Differenzen innerhalb des Gruppenzusammenschlusses anzuerkennen. Toleranz ist notwendig, um mit Vorurteilen und Ablehnungen, die andere in einem wachrufen und die sie repräsentieren, umzugehen. Nur so können andere als andersartige Gleiche anerkannt werden.
Kinga Zeller, PhD, ist assoziierte Professorin für Lutherische Theologie an der Protestantse Theologische Universiteit in Utrecht. Sie leitet das theologische Teilprojekt des DFG-Forschungsprojektes „FOR 5472: Die Schwierigkeit und Möglichkeit von Toleranz: Die vielfältigen Herausforderungen des Konzepts und der Praxis von Toleranz“.
Liv Steinebach, Diplom-Theologin und Doktorandin an der Protestantse Theologische Universiteit in Utrecht. Sie ist Mitarbeiterin im theologischen Teilprojekt des DFG-Forschungsprojektes „FOR 5472: Die Schwierigkeit und Möglichkeit von Toleranz: Die vielfältigen Herausforderungen des Konzepts und der Praxis von Toleranz“.
Dieser Artikel ist als Teil des DFG-geförderten Workshops „Toleranz–Solidarität–Nächstenliebe. Überlegungen zu uns und denen. Und den Möglichkeiten des friedlichen Zusammenlebens“ entstanden, der im Rahmen des Theologischen Teilprojektes: „Potenziale und Probleme einer theologischen Grundlage von Toleranz“ (PI Kinga Zeller, PhD) der DFG-Forschungsgruppe „FOR 5472: Die Schwierigkeit und Möglichkeit von Toleranz: Die vielfältigen Herausforderungen des Konzepts und der Praxis von Toleranz“ (Projektnummer 493131063) stattfand.
[1] Diese Toleranz-Definition folgt dem sozialpsychologischen Ablehnung-Respekt-Modell von Bernd Simon. Vgl. Simon, Bernd: Taking Tolerance Seriously. A proposal from a Self-Categorization Perspective on Disapproval and Respect, in: American Psychologist 78.6 (2023), 729–742.
[2] Zum Beispiel findet sich bei den Sozialpsycholog:innen Simon und Stucke die Formulierung, dass es bei Toleranz um die Anerkennung der abgelehnten Ougroup als „andersartige Gleiche“ geht (Simon, Bernd; Stucke, Frederike: „Toleranz, wie hast du’s mit der Gerechtigkeit und der Macht?“, in: Pistor-Hatam, Anja; Stucke, Frederike [Hg.]: Die Schwierigkeit und Möglichkeit von Toleranz: Unterschiedliche disziplinäre Perspektiven, Kiel 2025, 25. Open access: https://macau.uni-kiel.de/receive/macau_mods_00005971). Die Theologin Megan Arndt spricht ebenfalls bei einer stark ausgeweiteten Solidarität von einer „Anerkennung der anderen als gleiche“ (Arndt, Megan: Feministische Praktiken der Solidarität zwischen Entgrenzung und Begrenzung, in: Ott, Tabea et al. [Hg.]: Solidarität: Intersektionale Dimensionen feministisch-theologischer Ethik, Göttingen 2025, 19. Open access: https://www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com/themen-entdecken/theologie-und-religion/systematische-theologie-religionsphilosophie/59430/solidaritaet?c=1487).
[3] Zu einer Auseinandersetzung mit Feminismen, die sich eher von Gerechtigkeit entfernen, als diese zu fördern siehe: Bassi, Serena; Lafleur, Greta: Introduction. TERFs, Gender-Critical Movements, and Postfascists Feminism, in: Transgender Studies Quarterly 9.3 (2022) August 2022, (Link , zuletzt abgerufen: 29.04.2026).
[4] Zu Möglichkeiten und Herausforderungen intersektionaler Bündnisse vgl. den Sammelband von Kirstin Mertlitsch; Brigitte Hipfl; Verena Kumpusch; Pauline Roeseling (Hrsg.): Intersektionale Solidaritäten. Beiträge zur gesellschaftskritischen Geschlechterforschung, Berlin 2024 (Open access: https://doi.org/10.3224/84742667).
[5] hooks, bell: Feminist Theory. From Margin to Center, South End 1984, 57. hooks schreibt: “[…] when women come together, rather than pretend union, we would acknowledge that we are divided and must develop strategies to overcome fears, prejudices, resentments, competitiveness, etc.” ebd., 63.
[6] Das zählt Sara Ahmed zu den feministischen Spaßverderber:innen-Wahrheiten. Ahmed, Sara: Feminist Killjoy. Das Handbuch für die feministische Spaßverderber:in (dt. Übersetzung Nora Langenfurth), Münster 2024 (orig. 2021), 69.
Beitragsbild: Kinga Zeller


