Seine Nächsten zu lieben, heißt nicht immer, sie auch zu mögen – vier Annäherungen an ein unbequemes Gebot – Teil 2.
Dass das Liebesgebot abstrakt ist und seine Befolgung uns etwas kostet, ist keine neurechte Entdeckung – aber die Antwort darauf, so Matthis Glatzel und Hans-Ulrich Probst, ist nicht die Ethnisierung des Nächsten, sondern die Einübung einer Tugend, die genau diese Spannung aushält.
Was gibt mir überhaupt die Motivation moralisch zu handeln?
Ein zentrales Auseinandersetzungsfeld extrem rechter Christentumsdeutungen liegt im Umgang mit der Reichweite der christlichen Nächstenliebe. Gilt es den Nächsten universal in jeder Person zu sehen oder gilt die Nächstenliebe, so die extrem rechte Forderung, zuvorderst dem nationalen Nachbarn? Diese Debatte um die Nächstenliebe-Deutungen haben die Theologieproduktion der extremen Rechte nicht nur in Deutschland,[1] sondern auch im internationalen Kontext geprägt.
Neben dem Versuch, strategisch das Christentum umzudeuten, liegt die tiefere Dimension dieses Vorgehens im Angriff auf die Verbindung von christlicher Tradition und Aufklärungsphilosophie. Aus dieser hat sich ein ethischer Universalismus herausgebildet, der auch für die Verfassung des freiheitlich demokratischen Staates grundlegend wurde.[2] Es ist dabei gegenwärtig maßgeblich die Neue Rechte, die die Geltung dieses (christlichen wie aufgeklärten) Universalismus in Frage stellt. Wenn J. D. Vance in Verweis auf die Ordo amoris Lehre des Thomas von Aquin postuliert, die Tradition der christlichen Ethik hätte nie einen unbeschränkten Universalismus formuliert, dann soll der christliche begründete ethische Universalismus grundlegend in Frage gestellt werden.[3] Es ließe sich nun leicht darauf verweisen, dass das Christentum Vance vor allem dazu dient, seine national und integralistisch orientierten ordnungspolitischen Anliegen in den USA mehrheitsfähig zu bekommen, während er sich gleichzeitig mit dem universalistischen Anspruch des Christentums schwer tut. Doch Vance und mit ihm die Neue Rechte insgesamt verweisen gleichermaßen auf ein sich dem Universalismus stellendes Problem.
Dieses ist gerade nicht ausschließlich politisch motiviert. In seiner Formulierung des kategorischen Imperativs fand bekannterweise Immanuel Kant ein allgemeingültiges Prinzip der Moralbegründung. Doch schon die Kritiker des Königsberger Philosophen wie Hegel oder Schleiermacher bemängelten den Formalismus Kants, für den wesentlich unklar bleibe, wie dem abstrakten Prinzip gefolgt werden kann. Warum soll ich überhaupt mein Handeln an abstrakten Prinzipien ausrichten und nicht an dem, was mir individuell liegt oder woran sich vielmehr meine Lust orientiert. In anderen Worten: Was gibt mir überhaupt die Motivation moralisch zu handeln? Kant hatte hierfür das komplexe Gefühl der Achtung eingeführt. Allein aus Achtung vor dem sittlichen Gesetz, fühle ich mich dazu bewegt, ihm auch zu folgen.
Was kann mich überhaupt dazu bewegen, das Liebesgebot auf Personen auszudehnen, die mir fremd sind oder zu denen ich mich nicht hingezogen fühle?
Die neurechte Kritik am Universalismus der christlichen Nächstenliebe ist analog strukturiert. Sie verhandelt gleichermaßen den mit dem Gebot drohenden Formalismus. Was kann mich überhaupt dazu bewegen, das Liebesgebot auf Personen auszudehnen, die mir fremd sind oder zu denen ich mich nicht hingezogen fühle?
Verargumentiert wird, dass das Gebot der christlichen Nächstenliebe sich gar nicht auf jeden Menschen beziehen kann, weil Nächstenliebe und Barmherzigkeit sich prinzipiell lediglich auf den sozialen Nahraum beziehen könnten. So fordert es etwa der ehemalige sächsische Pfarrer Thomas Wawerka. Die christliche Nächstenliebe könne sich lediglich auf Personen des eigenen Nahraums beziehen, weil Liebe als Prinzip sich per se gar nicht an alle Menschen richten kann. In einer universalistischen Auslegung der christlichen Nächstenliebe, so Wawerka sinngemäß, werde das intime Gefühl der Liebe in seinem Geltungsbereich überstrapaziert.[4]
Bereits Nationen […] umfassen deutlich mehr Personen als ein herkömmlicher sozialer Nahraum.
In dieser Argumentation findet sich mindestens eine entscheidende Inkonsistenz. Denn in letzter Konsequenz wird hier von neurechter Seite eine Solidarität mit Volk und Nation adressiert.[5] Damit überschreitet die Neue Rechte jedoch ihren Maßstab selbst. Bereits Nationen und das, was hier unter Volk imaginiert wird, umfassen deutlich mehr Personen als ein herkömmlicher sozialer Nahraum. Wenn Universalismus als lebensweltlich unhaltbare Abstraktion gilt, muss dieselbe Kritik erst recht die nationale Solidarität treffen – eine Solidarität mit Millionen Menschen, von denen ich die allermeisten nicht kenne und nie kennen werde. Die neurechte Argumentation immunisiert sich gegen diese Konsequenz nicht; sie verschiebt den Universalismus lediglich und setzt an seine Stelle eine ethnisch oder national gefärbte Variante. Fraglich wird dann, wenn der Universalismus als nicht mit der Wirklichkeit vereinbar ausgeschlossen wird, warum eine nationale Solidarität mit Menschen, die ebenfalls nicht Teil meines sozialen Nahraums sind, möglich sein sollte.
Als Menschen sind wir lebens- und alltagsweltlichen Fremdheitserfahrungen ausgesetzt.
Demgegenüber kann die Kritik, der bloße Universalismus der christlichen Nächstenliebe sei zu abstrakt, durchaus ernst genommen werden. Die Realität bleibt, dass wir als Menschen lebens- und alltagsweltlichen Fremdheitserfahrungen ausgesetzt sind. Begegnen uns Menschen aus anderen sozialen Kontexten, ist es durchaus möglich, dass wir auf diese Menschen mit Ablehnung reagieren. Dies muss nicht einmal zwingend, wie es teilweise in neurechten Diskursen geschieht, kultur-rassistisch motiviert Menschen mit anderer Herkunft treffen. Grundsätzlich gilt, dass es möglich bleibt, dass Menschen ihnen fremden oder auch bekannten Menschen mit fundamentaler Ablehnung begegnen können. In dieser Hinsicht trifft die neurechte Kritik damit tatsächlich einen Kern. Der christliche Universalismus der Nächstenliebe ist erst einmal ein abstraktes Prinzip, das sich nicht immer nahtlos mit der Wirklichkeit vermitteln lässt.
Vielleicht besteht gerade an diesem neuralgischen Punkt der Anschluss an das Konzept der Toleranz, wie es der Sozialpsychologe Bernd Simon vorgelegt hat. Toleranz bestimmt dieser gerade als Gleichzeitigkeit zwischen Akzeptanz und Ablehnung[6] Im Befund dieser Gleichzeitigkeit wird Simon dabei der empirischen Realität deutlich stärker gerecht als das bloß abstrakte Prinzip. Versteht man im Modell Simons die Akzeptanz im Sinne der christlichen Nächstenliebe, also in Form einer Gleichheitsanerkennung, die gerade für Fremdgruppen gelten soll,[7] trifft die Seite der Ablehnung gerade den mitunter empirischen Sachverhalt. In dieser Gleichzeitigkeit von Akzeptanz und Ablehnung wird der Tatsache Rechnung getragen, dass wir nicht allen Menschen gleichermaßen positiv gegenüberstehen. Die christliche Nächstenliebe fordert jedoch apodiktisch, das eigene Gegenüber unbedingt zu lieben.
die Spannung zwischen dem, was ich unmittelbar empfinde, und dem, was das Liebesgebot von mir verlangt
Das Konzept der Toleranz könnte sich nun dazu anbieten, der neurechten Kritik am Abstraktionscharakter des christlichen Universalismus argumentativ zu begegnen. Hierzu bietet es sich an dem Toleranzbegriff im von Simon vorgeschlagenen Sinne, eine tugendethische Wendung zu geben. Um angesichts der normativen Forderung einer unbedingten Gleichheitsanerkennung im Sinne der christlichen Nächstenliebe meine eigene Ablehnung zu überwinden, braucht es Übung und Gewöhnung. Nicht umsonst zielt der lateinische Ursprungsbegriff ‚tollere‘ auf das Aushalten und das Erdulden. Toleranz meint in diesem Sinne nicht das gleichgültige Akzeptieren von Differenz, sondern die aktive, einzuübende Praxis, eine Spannung auszuhalten – die Spannung zwischen dem, was ich unmittelbar empfinde, und dem, was das Liebesgebot von mir verlangt. Toleranz als Tugend ist damit ein Habitus, der erworben werden muss und der gerade deshalb vermitteln kann, was reine Prinzipienethik schuldig bleibt: den Weg von der abstrakten Norm zur gelebten Praxis. Überlegungen wie denen J. D. Vances ließe sich dann – neben der Kritik an einem ideologisch motivierten Zugriff auf die Summa des Thomas von Aquins – unterstellen, dass er gar nicht an der christlichen Nächstenliebe interessiert ist. Vielmehr werden die eigenen Fremdheitserfahrungen normativ erhoben und damit der Maßstab des Gebotes selbst unterschritten. Demgegenüber gilt es zu konstatieren, dass die Befolgung eines doch sehr abstrakten Gebotes der christlichen Nächstenliebe sicherlich in Konkurrenz zu empirischen Realitäten stehen kann. Eine tugendethisch verstandene Toleranz aber wäre genau jene Praxis, in der diese Spannung nicht aufgelöst, sondern produktiv ausgehalten und schrittweise überwunden – und damit der christliche Universalismus nicht nur behauptet, sondern eingeübt wird.
Dr. Matthis Glatzel, Studium der Philosophie und Theologie in Mainz, Frankfurt und Leipzig, von Oktober 2021 – März 2025 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Graduiertenkolleg „Modell Romantik“ und ab April 2025 Assistent am Lehrstuhl für Praktische Theologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.
Dr. Hans-Ulrich Probst ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Praktische Theologie der Ev.-Theol. Fakultät an der Eberhard Karls Universität Tübingen und leitet das DFG-Projekt „Israelbezogene Identitätskonstruktionen in neocharismatisch-christlichen Organisationen“. In seiner Habilitation arbeitet er an einer Toposanalyse in rechten Predigten.
Dieser Artikel ist als Teil des DFG-geförderten Workshops „Toleranz–Solidarität–Nächstenliebe. Überlegungen zu uns und denen. Und den Möglichkeiten des friedlichen Zusammenlebens.“ entstanden, der im Rahmen des Theologischen Teilprojektes: „Potenziale und Probleme einer theologischen Grundlage von Toleranz“ (PI Kinga Zeller, PhD) der DFG-Forschungsgruppe „FOR 5472: Die Schwierigkeit und Möglichkeit von Toleranz: Die vielfältigen Herausforderungen des Konzepts und der Praxis von Toleranz“ (Projektnummer 493131063) stattfand.
[1] Vgl. Herbst, Jan-Hendrik. ‘Was Lässt Sich Exegetisch Zur Bibelrezeption Der (Christlichen) Neuen Rechten Sagen?’ In Topoi Und Netzwerke Der Religiösen Rechten. Verbindende Feindbilder Zwischen Extremer Rechter Und Christentum, edited by Hans-Ulrich Probst, Dominik Gautier, Karoline Ritter, and Charlotte Jacobs. Religionswissenschaft, Band 47. Transcript, 2024.
[2] Vgl. Joas, Hans. Universalismus: Weltherrschaft und Menschheitsethos. Erste Auflage, Originalausgabe. Suhrkamp, 2025.
[3] Vgl. Fox News. JD Vance: President Trump Is Looking after American Citizens. n.d. Accessed 10 March 2026. https://www.youtube.com/watch?v=o98Po0lWZxE&t=274s.
[4] Vgl. Wawerka, Thomas. ‘Biblisch-Theologische Grundlegung I: Nächstenliebe Und Barmherzigkeit’. In Nation, Europa, Christenheit. Der Glaube Zwischen Tradition, Säkularismus Und Populismus, edited by Felix Dirsch, Volker Münz, and Thomas Wawerka. ARES Verlag, 2019, 40.
[5] Vgl. Weißmann, Karlheinz. Nation. Neuauflage. Edited by Götz Kubitschek and Hans Kohn. Verlag Antaios, 2020, 28.
[6] Vgl. Simon, Bernd. ‘Taking Tolerance Seriously: A Proposal from a Self-Categorization Perspective on Disapproval and Respect.’ American Psychologist 78, no. 6 (2023): 729.
[7] Vgl. Rosenau, Hartmut, Liv Steinebach, and Kinga Zeller. ‘Toleranzpotenziale Protestantischer Theologie: Erste Erkundungen zwischen Theologie und Sozialpsychologie’. In Die Schwierigkeit und Möglichkeit von Toleranz, edited by Anja Pistor-Hatam and Frederike Stucke. Universitätsverlag Kiel | Kiel University Publishing, 2025. https://doi.org/10.38072/978-3-910591-49-3/p8, 120.
Beitragsbild: Kinga Zeller


