Das umstrittene Phänomen Navid Kermani. Oder: Über das Risiko, sich in fremde Hände zu geben

War die Aufforderung zum Gebet in der Rede von Kermani übergriffig? Wolfgang Beck (Frankfurt) reagiert auf einen Beitrag von Michael Schüßler auf feinschwarz.net: „Ein riskantes Gebet“ (21.10.2015)

Die Begeisterung für Navid Kermani war und ist groß: Endlich ist da jemand, der die kirchliche Tradition und die kulturellen Schätze des Christentums zu schätzen weiß. Endlich ist da jemand, der es versteht, auf einfühlsame Art auf das Schicksal der unter Gewalt leidenden Christen in Syrien hinzuweisen, ohne dabei auch gleich antiislamische Ressentiments zu schüren. Endlich ist da sogar jemand, der im großen deutschen Symbol der Demokratie und Säkularität, der Frankfurter Paulskirche, zum Gebet einlädt. Die Begeisterung war groß – und genau das macht stutzig.

Damit ist das Phänomen Kermani, zu dem elementar die Begeisterung gehört, Indiz einer besonderen ekklesialen Psychogenese

In dieser Kermani-Euphorie drückt sich die Freude eines wahrgenommenen Christentums in der Erfahrung zunehmender und für viele Menschen schwer erträglicher gesellschaftlicher Irrelevanz aus. Damit ist das Phänomen Kermani, zu dem elementar die Begeisterung gehört, Indiz einer besonderen ekklesialen Psychogenese: endlich gibt es Wahrnehmung und liebevolle Zuwendung für die, die sich durch die Säkularisierung der Gesellschaft an den Rand gedrängt und marginalisiert fühlen und denen diese zum binnenkirchlichen „Kampfbegriff“[1] geworden ist.

Die Stärke liegt in der bemerkenswerten Fähigkeit, das religiöse Gegenüber, die christliche Tradition, ehrlich zu würdigen

Die Rede von Navid Kermani anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels im Herbst 2015 war eine der großen und starken Reden im wiedervereinigten Deutschland. Die Stärke liegt in der bemerkenswerten Fähigkeit, das religiöse Gegenüber, die christliche Tradition, ehrlich zu würdigen und sich gerade dadurch für die im Namen der eigenen Religion Misshandelten stark zu machen. Diese Einnahme der Perspektive des Anderen ist die entscheidende Grundhaltung für ein interreligiöses Miteinander einer pluralen Gesellschaft: „Die Liebe zum Eigenen – zur eigenen Kultur wie zum eigenen Land und genauso zur eigenen Person – erweist sich in der Selbstkritik. Die Liebe zum anderen – zu einer anderen Person, einer anderen Kultur und selbst zu einer anderen Religion – kann viel schwärmerischer, sie kann vorbehaltlos sein.“

Instrumentalisierung des Gebets als Machtinstrument in einem säkularen Umfeld

Die problematischen Anteile der Rede Kermanis sind jedoch ebenso zu benennen: Sie liegen nicht nur darin, dass auch die Liebe zur fremden Religion gerade nicht „vorbehaltlos“, sondern mit kritischer Reflexion und einer Orientierung an Menschenrechten zu erfolgen hat. Sie liegen auch in der Instrumentalisierung des Gebets als Machtinstrument in einem säkularen Umfeld, auch wenn es auf sympathische Weise für das Schicksal misshandelter Menschen sensibilisiert. Kermani hatte seine Rede mit der Aufforderung zum Gebet für die entführten und misshandelten Christen in Syrien beendet und diejenigen, die nicht beten mögen oder können, zum stillen Wünschen eingeladen. Nicht nur erklärt er bei der Gelegenheit, dass dies Wünschen ohnehin eigentlich immer Gebet sei. Er mutet allen Anwesenden unvermittelt seine Frömmigkeit auch gleich zu.

Er mutet allen Anwesenden unvermittelt seine Frömmigkeit auch gleich zu.

Warum konnte er nicht zum heimischen und privaten Gebet auffordern? Warum wählte er eine übergriffige Form der Religionspraxis, die in diesem säkularen Umfeld üblicherweise als inakzeptabel gilt?

Nun mag man die Problematik dieses Gebetes vor dem Hintergrund der Rede und ihrer Stärken vernachlässigen. In dem zugemuteten Gebet liegt allerdings zugleich der Schlüssel zum Verständnis der Begeisterung, die Kermani vor allem in manchen kirchlichen Segmenten auslöst. Es sind die kirchlichen Segmente, die sich ein selbstbewussteres Auftreten ihrer KirchenvertreterInnen in der Öffentlichkeit und eine möglichst profilierte Präsenz in der Gesellschaft wünschen! Das Gebet in der Paulskirche entspricht dem Agieren derer, die ihr Religionsverständnis sehnsuchtsvoll auf Stärke ausrichten. Es ist Antwort auf ein Empfinden in diesen kirchlichen Segmenten, das an der eigenen Marginalisierung durch die Säkularisierung und die von ihr zugemuteten Verlusterfahrungen leidet, anstatt diese als wichtige Hilfestellung zur eigenen Ausrichtung am Evangelium zu verstehen und zu nutzen. Es ist die Begeisterung derer, die mit der Säkularisierung hadern, anstatt sie grundlegend zu bejahen.

diese positive Sicht auf die Säkularisierung wird entscheidend für das Christentum

Doch genau diese positive Sicht auf die Säkularisierung wird entscheidend für ein Christentum, das sich immer wieder neu am Evangelium ausrichtet und sich mit ihm auf einen Weg der Schwäche einlässt, wie es der Philosoph Gianni Vattimo vertritt: „Der Terminus (…) ist ‚Säkularisierung‘: In ihrer ‚Verwandtschaft‘ mit der biblischen Botschaft der Heilsgeschichte und der Fleischwerdung Gottes erkannt, heißt die Schwächung, welche die Philosophie als charakteristischen Zug der Geschichte des Seins entdeckt, Säkularisierung, verstanden im weitesten Sinne, der alle Auflösungsformen des Heiligen umfasst, die für den modernen Zivilisationsprozess charakteristisch sind. Wenn aber Säkularisierung der Modus ist, in dem sich die Schwächung des Seins, und das ist kénosis Gottes, die den Kern der Heilsgeschichte darstellt, verwirklicht, dann kann sie nicht mehr als Phänomen der Preisgabe der Religion gesehen werden, sondern als, und sei es auch paradoxe, Verwirklichung ihrer tiefsten Berufung. Im Hinblick auf diese Berufung zur Schwächung und zur Säkularisierung wird eine kohärent metaphysische Philosophie bestrebt sein müssen, auch die verschiedenen Phänomene der Rückkehr der Religion in unserer Kultur zu verstehen und zu kritisieren, woraus aber zwangsläufig folgt, daß sie auch sich selbst aufs Spiel setzt.“[2]

Gefährdung, einer ekklesialen Häresie zu erliegen, in der die Kirche gänzlich mit dem Evangelium Jesu Christi gleichgesetzt und restlos mit ihm identifiziert wird.

Sich selbst aufs Spiel zu setzen ist der Auftrag eines christlichen Glaubens, in dem ein Gott bezeugt wird, der sich selbst in der Menschwerdung ausgesetzt hat. Eine solche Haltung ist aber gerade solchen Menschen fremd, die sich voller Elan und Engagement für das Leben christlicher Gemeinden und der Verkündigung des Evangeliums einsetzen. Ihnen gemeinsam ist, der Gefährdung einer ekklesialen Häresie zu erliegen, in der die Kirche gänzlich mit dem Evangelium Jesu Christi gleichgesetzt und restlos mit ihm identifiziert wird. Unter diesen Vorzeichen können Säkularisierungsprozesse in der Regel nur als Kränkung erfahren werden. Dass der Einsatz für die Kirche im Ernstfall sogar der Verkündigung des Evangeliums im Weg zu stehen vermag, gehört zu den Paradoxien des Christentums. Sie lösen sich da auf, wo sich die Preisgabe der eigenen kirchlichen Identität zugunsten des Evangeliums konkretisiert: „Bedeutsam ist vielmehr, dass das Christentum sogar da und vielleicht vor allem da gegenwärtig ist, wo es nicht mehr zu erkennen ist.“[3] Nicht mehr erkennbar zu sein, sich selbst und das Eigene um des Evangeliums willen aufs Spiel zu setzen, erscheint vielen unerträglich. Das ist menschlich und lässt die Euphorie um die Rede Kermanis in der Paulskirche plausibel erscheinen, verschafft er doch dem Christentum die ersehnte Aufmerksamkeit und geht einher mit einer enormen Würdigung kirchlicher Tradition und kultureller Größe. Das drückt sich insbesondere in Kermanis Beschäftigung mit christlicher Kultur aus, das er als „Ungläubiges Staunen“[4] über das Christentum charakterisiert. Vielfach gefeiert liegt in diesem Interesse doch zugleich eine positiv-dekonstruktive Wirkung Kermanis: Als deutscher Muslim nimmt er der Kirche mit ihrem kulturellen Reichtum ein großes Stück ihrer eigenen Verkündigungspraxis ab. Er vollzieht den Verlust an kirchlicher Definitionsmacht über die eigenen Themen im Zentrum kirchlicher Identität, ihrer kulturellen Tradition und Verkündigung und wird darin zum Symbol einer Übertragung des Eigenen in fremde Hände. Die Übernahme der Traditionsbearbeitung und die Verkündigungspraxis durch das fremde Gegenüber wird dabei zum Inbegriff einer kenotischen Schwächung als zentrales Element einer positiven Säkularisierung. Diese positive Säkularisierung wird an der literarischen Praxis Kermanis wie an nur wenigen anderen Orten erkennbar. Dafür gebührt ihm Dank und Anerkennung, nicht für seine Gebetszumutung und noch weniger für seine unbewusste Förderung von Säkularisierungsressentiments.

Vgl. zu diesem Beitrag: Michael Schüßler, Ein riskantes Gebet, auf feinschwarz.net

Anmerkungen:

[1]    Haslinger, Herbert: Pastoraltheologie, Paderborn 2015, 155.

[2]    Vattimo, Gianni: Jenseits des Christentums. Gibt es eine Welt ohne Gott?, München-Wien 2004, 38/39.

[3]    Nancy, Jean-Luc: Dekonstruktion des Christentums, Zürich-Berlin 2008, 55.

[4]    Kermani, Navid: Ungläubiges Staunen. Über das Christentum, München 2015.

Beitragsbild: „Navid Kermani Frankfurter Buchmesse 2015“ von Lesekreis – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC-BY-SA 4.0 über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Navid_Kermani_Frankfurter_Buchmesse_2015.JPG#/media/File:Navid_Kermani_Frankfurter_Buchmesse_2015.JPG

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