… das wünschen Caspar, Melchior und Balthasar

Eva Maria Daganato wirft einen rassismuskritischen Blick auf liebgewonnene Traditionen an Dreikönig. Denn was gut gemeint ist, sollte auch gut gemacht sein.

„Gott segne euch alle, das ganze Jahr, wünschen Caspar, Melchior und Balthasar.“ Viele Jahre über war ich Teil der weltweit größten Solidaritätsaktion von Kindern für Kinder: Die Sternsinger. Als Kind lernte ich einen Spruch und ein Lied auswendig, um dann an mehreren Tagen kurz vor dem 6. Januar von Haus zu Haus zu gehen, Segen zu bringen und Spenden zu sammeln, als Jugendliche begleitete ich die Kinder bei den Hausbesuchen und schrieb mit gesegneter Kreide den Segen auf die Türrahmen.

Rassismuskritischer Blick auf liebgewonnene Traditionen

Mit dabei war immer meine Schwester. Sie freute sich schon Tage vorher, dass sie wieder der Schwarze[1] König sein darf. Morgens herrschte im Gemeindehaus immer große Aufregung, jedes Kind suchte sich ein Kostüm aus und natürlich möchte jedes den schönsten Umhang tragen. Meine Mutter achtete immer darauf, dass meine Schwester ihr Gesicht nochmals eincremte, bevor ihr die schwarze Farbe aufgetragen wurde, andernfalls konnte diese nur schwer wieder abgewaschen werden. Ich habe mir damals nichts dabei gedacht, dass meine Schwester schwarz geschminkt wird. So wie ich mich als König verkleidete gehörte eben die schwarze Farbe zur Verkleidung und zur Rolle meiner Schwester, sie stellte den Schwarzen König dar. In meiner kindlichen Vorstellung war es ganz klar, dass es eben einen Schwarzen König gab, der dem Stern nach Bethlehem folgte, um dort dem Jesuskind zu huldigen. So kannte ich es schließlich auch aus jeder Krippe.

Vor dir neigt die Erde sich…

„Als aber Jesus zu Bethlehem in Judäa geboren war, in den Tagen des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise vom Morgenland nach Jerusalem, die sprachen: Wo ist der König der Juden, der geboren worden ist? Denn wir haben seinen Stern im Morgenland gesehen und sind gekommen, ihm zu huldigen.“[2]

In den vier Evangelien ist es einzig das Matthäus-Evangelium, das von den Weisen, den Sterndeutern, wie es in der Einheitsübersetzung heißt, berichtet. Wie aus Weisen, Sterndeuter oder Magier, die Drei Könige wurden ist ein anderes Thema. In Westeuropa bürgerte sich im 6. Jahrhundert die Namen Caspar, Melchior und Balthasar ein. Im 14. Jahrhundert verbreitete sich die Ansicht, dass die Drei Könige die damals bekannten Erdteile Europa, Asien und Afrika vertraten. Der König, der Afrika repräsentierte, wurde zukünftig schwarz dargestellt. Durch die Huldigung der Drei Könige verneigt sich somit der damals bekannte Erdkreis vor dem Jesuskind.

Die Krippe des Ulmer Münsters hat im vergangenen Jahr für Schlagzeilen gesorgt. Grund dafür ist, dass die Drei Könige in dieser Weihnachtszeit nicht Teil der Krippe sein werden. „Die Holzfigur des Melchior ist etwa mit seinen dicken Lippen und der unförmigen Statur aus heutiger Sicht eindeutig als rassistisch anzusehen“[3], erklärte der evangelische Dekan Ernst-Wilhelm Gohl. Daher hat sich die Gemeinde dafür entschieden, die Figuren nicht mehr aufzustellen.

Konstruktion des „Anderen“

Vor allem im Vergleich mit den beiden weißen Königen wird dies sehr deutlich: Sie tragen schöne Gewänder, Kronen und haben eine stattliche Figur. Der Schwarze König ist jedoch klein, unförmig, barfuß und hat tierische Gesichtszüge. Er weicht extrem von der Darstellung der weißen Königsfiguren ab, er sieht „anders“ aus. Rassismus hat damit begonnen eine Norm zu erschaffen; dabei spielt die Konstruktion des „Anderen“ eine große Rolle. Die weißen Königsfiguren vermitteln den Anschein als gäbe es eine königliche Norm, von der der Schwarze König abweicht. Entscheidend ist vor allem die Wirkung. Diese ist ausschlaggebend dafür, ob etwas rassistisch ist oder nicht.[4]

Die Figuren der Drei Könige waren nicht die einzigen problematischen in der Krippe. Ein kleiner schwarzer Junge hält die Schleppe eines der weißen Königsfiguren. Dies bringt den rassistischen Gedanken, dass Schwarze Menschen Weißen unterlegen sind und diesen dienen müssten, unmittelbar auf den Punkt.

Phasen im Umgang mit eigenem Rassismus

Spontan lässt sich argumentieren, dass eben nicht alle Menschen, auch nicht alle Könige, weltweit gleich aussehen. Dadurch wird Rassismus negiert, diese Abwehr wird als erste Phase im Umgang mit dem eigenen Rassismus angesehen. Diese Figuren sind rassistisch. Dem ist erst mal nichts hinzuzufügen, auch wenn man das nicht hören möchte und auch wenn darauf ein Mechanismus von Abwehr, Verteidigung, Rechtfertigung, Scham und Schuld folgt, ist es für einen besseren Umgang mit Rassismus entscheidend, die Dinge beim Namen zu nennen.[5] Stereotype, grotesk überzeichnete, rassistische Figuren, die sich möglicherweise noch in vielen Weihnachtskrippen finden lassen, gehören, meiner Meinung nach, nicht in eine Krippe. Eine Krippe symbolisiert und verbreitet die frohe Botschaft von Liebe, rassistische Abbildungen hingegen eine Botschaft von Unterdrückung.

Die Sternsinger

Die Darstellung der Heiligen Drei Könige dienten als Vorbild der Sternsinger*innen. Daher wurde ein Kind der Gruppe schwarz geschminkt. Obwohl dies der Ursprung ist und dieser Brauch somit nichts mit dem rassistischen Blackfacing[6] zu tun hat gibt es keinen Grund länger an diesem Brauch festzuhalten. Das Kindermissionswerk ‚Die Sternsinger‘ empfiehlt, die Kinder nicht zu schminken. Die Heiligen Drei Könige symbolisieren, dass Gott für alle Menschen Mensch geworden ist und diese Botschaft können die Kinder am besten vermitteln, wenn sie ihre Hausbesuche so begehen, wie sie sind.

Schwarz bedeutet nicht Afrikaner*in

Vor allem aber lässt sich von der Hautfarbe nicht auf die Herkunft schließen.„Eine rassismuskritische Auseinandersetzung lebt vom Perspektivwechsel. Je mehr Perspektiven wir kennenlernen, desto besser. Rassismus lebt und ernährt sich selbst dadurch, dass eine dominante Perspektive immer und immer wieder reproduziert und tradiert wird.“[7]

Betrachten wir die Tradition aus der Sicht eines Schwarzen, in Deutschland geborenen Kindes: „Eltern von Schwarzen Kindern müssen ihre Kinder schon früh für Rassismus sensibilisieren.“[8] Wie fühlt es sich wohl für ein Schwarzes Kind an, dass sich andere Kinder schwarz schminken, dass es selbst den Kontinent Afrika symbolisieren soll? Wie ist es wohl für Geschwisterkinder? Können zwei Schwarze Sternsinger*innen in einer Gruppe sein und die gleichen Erfahrungen wie ich und meine Schwester machen? Wird es einen Streit darum geben, in welcher Gruppe das Schwarze Kind mitläuft? Können Eltern von Schwarzen Kindern diese unbesorgt an der Sternsingeraktion teilnehmen lassen? Können sie darauf vertrauen, dass die Begleiter*innen sensibel für möglichen Rassismus sind? Denn „die Erkenntnis, das eigene Kind nicht vor Rassismuserfahrungen schützen zu können, ist sehr schmerzhaft.“[9]

Rassimuskritischer Blick

Figuren und jegliche Abbildung und Darstellung, die voller Klischees, Vorurteile und Rassismus stecken, müssen entfernt und ersetzt werden. Keineswegs geht es darum schwarze Figuren weiß anzumalen. Wer dies behauptet, hat das wirkliche Problem noch nicht erkannt. Vielfalt sollte gelebt, aber nicht diffamiert werden. Rassistisch dargestellte Figuren zu entfernen darf lediglich ein erster Schritt sein, auf den viele weitere Taten folgen müssen. Denn Rassismus ist größer und tiefer in unserer Gesellschaft verankert als wir zunächst sehen. „Rassismus ist als System in allen Bereichen unserer Gesellschaft wirksam. Und richtig ist, dass wir ihn durch die rassistische Sozialisierung oft unbewusst reproduzieren.“[10] Ein sensibler, aufmerksamer und rassismuskritischer Blick sollte geschult werden, so lässt sich Alltagsrassismus erkennen. Denn der erste, entscheidende Schritt ist es Rassismus zu erkennen und anzuerkennen.

Vielleicht wäre ein Museum der geeignete Ort für die Figuren und der Anlass sich mit der deutschen (Post-) Kolonialgeschichte und Rassismus auseinanderzusetzen. Das Humboldt Forum in Berlin würde dafür genügend Platz bieten, wenn zunächst einmal die Kunstgegenstände den eigentlichen Besitzer*innen zurückgegeben würden. Wenn nun die Figuren im Keller, frei nach dem Motto: aus den Augen, aus dem Sinn, verschwinden, ist damit nichts erreicht worden. Viel eher muss darüber gesprochen werden und daran gearbeitet werden, dass wir nicht in einer Gesellschaft leben, in der Alltagsrassismus zur Normalität gehört.

Auf dem Weg zu einer rassismuskritischen Pastoral

Antirassistische Workshops in Kirchengemeinden, Kindertageseinrichtungen, Schulen oder Universitäten können zur Aufklärung und Sensibilisierung beitragen. Es mag vielleicht nicht einfach sein, liebgewonnene Traditionen und Bräuche rassismuskritisch zu betrachten und daraufhin zu verändern. Doch nur so können wir etwas dazu beitragen, dass sich unsere Gesellschaft von Rassismus und Ungerechtigkeiten befreit.

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Eva Maria Daganato ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung für Praktische Theologie (kath.) an der Universität Tübingen.

Bild: Johannes Riquartz

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[1] Hierbei handelt es sich nicht um das Adjektiv „schwarz“, der Begriff Schwarz bezieht sich nicht auf die Farbe, er ist eine politische Selbstbezeichnung und bezieht sich auf Rassismuserfahrungen als Gemeinsamkeit.

Vgl.: Ogette, Tupoka; exit Racism. Rassismuskritisch denken lernen, Münster 2017, S.77.

(Im Folgenden: Ogette, exit Racism.)

[2] Mt. 2,1-5, Elberfelder Bibel.

[3] Wegen schwarzer Melchior-Figur: Ulmer Münster verbannt Heilige Drei Könige aus Krippe,

https://www.focus.de/wissen/gemeinde-hat-keine-lust-auf-rassismus-debatte-wegen-schwarzer-melchior-figur-ulmer-kirche-verbannt-die-heiligen-drei-koenige-aus-krippe_id_12515827.html, aufgerufen am 20.12.2020.

[4] Vgl.: Ogette, exit Racism S. 59.

[5] Vgl.: Ogette, exit Racism, S. 27-29.

[6] Behrendt, Barbara, Was ist „Blackfacing”?, https://www.deutschlandfunk.de/endlich-mal-erklaert-was-ist-blackfacing.691.de.html?dram:article_id=479393, abgerufen am 02.01.2021.

[7] Ogette, exit Racism, S. 97.

[8] Ogette, exit Racism, S. 63.

[9] Ogette, exit racism, S. 63.

[10] Ogette, exit racism, S.61

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